Das Zielband winkt Ariel Sharon

October 9, 2008

Politik ist keine exakte Wissenschaft. Dass sie oft Unerwartetes bringt, heisst nicht, dass das Unerwartete immer überrascht. Noch vor nicht langer Zeit hätten nur wenige Israelis in «Arik» Sharon einen ernsthaften Anwärter auf das Amt des Regierungschefs gesehen. Seit ein, zwei Monaten jedoch ist damit zu rechnen, dass das Unerwartete am Dienstag nächster Woche eintritt, es sei denn, dass eine echte Überraschung es auf der Zielgeraden noch einholt. Bei aller gebührenden Vorsicht mit Wahlprognosen liegt diese Möglichkeit in beträchtlicher Ferne.
Was zu der Entwicklung führte, ist bekannt. Sei nochmals an zwei der Faktoren erinnert: Baraks vielleicht «ehrenhaft motivierter», zugleich aber ungenügend durchdachter und völlig unvorbereiteter Rücktritt ohne jegliche Beratung oder Absprache mit seiner Partei zu einer Zeit, als sich seine Popularität dem Nullpunkt näherte; auf der Gegenseite der zumindest zeitweilige Verzicht Netanyahus auf eine allen Meinungsumfragen nach erfolgversprechende Kandidatur, so lange nicht - gleichzeitig mit der des Regierungschefs - vorgezogene Parlamentswahlen abgehalten würden. Da sich in der Knesset keine Mehrheit für die Auflösung des Hauses und Neuwahlen fand, ebnete sich der Weg für den Likud-Vorsitzenden als vereinbarter Kandidat der rechten Opposition.
In seiner Wahlkampagne widmete sich Sharon zunächst weit mehr der Imagepflege als sachlichen Themen. Auf dem kleinen Bildschirm sah ihn der Bürger als zärtlichen Grossvater, als lächelnden älteren Herrn, der enge Beziehungen zu allen Kreisen der Bevölkerung hat, und - soweit er sich programmatisch über Allgemeinheiten hinaus äusserte - als massvollen «Mittelwegler», dessen Ansichten jedermann eigentlich teilen könnte. Anfangs kam er nur selten aus dem Schritt, wie etwa, als er Kritik am Libanon-Krieg von 1982 mit der Erklärung abtat, dass dieser einer der «berechtigsten» der Kriege Israels gewesen sei.
Die Zurückhaltung war kein Beweis eines Umdenkens. Sharon fühlte sich siegessicher und glaubte, sachliche oder programmatische Auseinandersetzungen mit ihrem stets vorhandenen Fallenpotenzial umgehen zu können. Er weiss sehr wohl, dass er zahlreiche Stimmen weniger aus «ideologischen» Gründen, als aus Enttäuschung von dem jetzigen Amtsinhaber erhalten wird (nicht nur, vielleicht nicht einmal vornehmlich, wegen dessen Friedenspolitik); ähnliche Überlegungen der Bürger trugen auch zu den Siegen Netanyahus (1996) und Baraks selbst (1999) erheblich bei.
Bis zum 6. Februar gilt Sharons primäres Interesse natürlich dem Wahlsieg, aber das Bild hat sich letztens etwas verändert, wenngleich ihm die Umfragen weiterhin grossen Vorsprung einräumen. Er ist mehrfach ins Stolpern geraten - durch eigenes Tun oder Nichttun, durch Ungereimtheiten (das mysteriöse Treffen seiner Emissäre mit einem Beauftragten Arafats in Wien) und militante Erklärungen aus dem Rechtsaussenflügel seiner Wählerkoalition, die Ängste und Fragen auslösen, die er nicht ignorieren kann. Zum Teil ist auch deshalb das Auftreten Baraks aktiver und offensiver geworden, und was als ein längst entschiedenes Rennen galt, wurde doch noch ein Kampf; dennoch wäre es, wie gesagt, eine riesige Überraschung, wenn Sharon auf der Strecke bliebe. Daran würde auch ein theoretisch noch immer möglicher - aber praktisch wohl ausgeschlossener - Verzicht Baraks zugunsten von Peres nichts ändern.
Die umstrittenen Taba-Verhandlungen führten zu keinem Durchbruch. Die Abschlusserklärung betont die gute Atmosphäre und spricht optimistisch von einer Fortsetzung nach der Wahl - wie sie auch endet -, sagt aber wenig, was ihren Ausgang beeinflussen wird bzw. was Sharon zum Nachteil gereicht. Anderes ist für ihn störender: der militante Rechtsaussen-Radikalismus von Lieberman oder Zeevi, wie auch die Hasstiraden seines (Shas) Partners Rav Ovadia Josef, versetzen Bürger in Schrecken; die Stationen seiner eigenen Karriere werden genauer unter die Lupe genommen; im arabischen Sektor mehren sich Stimmen, die eine «positive» Wahlbeteiligung befürworten - d.h. weder Boykott noch ungültige Zettel. Doch mehr als störend wird dies und manches andere kaum sein.
Wenn alles wie erwartet ausgeht und Sharon nächste Woche gewählt ist, wird er neue Schwerpunkte setzen. Er wird in erster Linie bemüht sein, die Welt zu überzeugen, dass der Ruf, den er vielerorts hat, unberechtigt ist und dass Israel unter ihm dem Frieden nicht weniger verpflichtet ist als unter seinem Vorgänger. Den USA, der EU, Russland und - vor allem - natürlich den arabischen Staaten wird er die Botschaft eindringlich zu vermitteln suchen. In Washington könnte er damit heute eher ankommen als in Clintons Tagen.
Ebenso wird Sharon versuchen, den Eindruck der Mässigung bei der kollektiven und individuellen Zusammensetzung seiner Regierung zu bestärken und vielleicht auch die Koalitionsparteien anhalten, dies in ihren Personalvorschlägen für Ministerposten und andere hohe Ämter zu berücksichtigen. Mit einiger Sicherheit ist auch aus diesem Grunde zu erwarten, dass er der Aveda, und/oder Barak persönlich, ein Angebot der Beteiligung an der Regierung macht; wie die Angesprochenen darauf reagieren, wird unter anderem von dem Ausmass seines Sieges abhängen.Wie aller Welt, wird auch vielen Bürgern Israels die Umstellung auf einen Rosch-Memschala Ariel Sharon nicht leicht fallen, aber da ihm ein demokratischer Vorgang den Auftrag gab, begleiten ihn auch ihre Wünsche. Mögen sie sich bewahrheiten. Die Fragezeichen sind Legion, doch am Friedensziel teilen sich die Geister nicht.

Der Autor war Botschafter Israels in Bern und Bonn.