Das vermeintliche Alibi «Juden»
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sprach gegenüber der JR von «einer infamen Geschichte, die ich aufs Schärfste verurteile. Ich erwarte eine Entschuldigung oder personelle Konsequenzen». Spiegel forderte den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) auf, in dieser Angelegenheit reinen Tisch zu machen. Witgensteins Erfindung offenbare «eine ganz neue Dimension», sagte Spigel.
Pragmatiker Biedenkopf
Auch nachdem die Wahrheit ans Licht gekommen war, blieb Wittgenstein bei seiner Version, dass die Millionen von jüdischen Emigranten stamme, «vielleicht auch seinen Freunden in Tel Aviv.» Diese wollten sich angeblich «ihrer Stadt Frankfurt, der Bundesrepublik oder dem Prinzen selbst erkenntlich zeigen». Wittgenstein ist der Stifsohn Richard Mertons, früherer Inhaber der von den Nazis arisierten Metallgesellschaft. 1939 floh er nach London, 1950 kehrte er nach Frankfurt zurück. Wittgenstein stiftete der Universität Tel Aviv vor drei Jahren einen Lehrstuhl. Auch der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) hat sich bei der jüdischen Bevölkerung für das Verhalten der hessischen CDU in der Spendenaffäre entschuldigt. Der «Leipziger Volkszeitung» sagte er, es sei «fast unerträglich», dass der frühere hessische CDU-Schatzmeister Wittgenstein vorgegeben habe, die getarnten Einnahmen seines Landesverbandes seien Vermächtnisse jüdischer Emigranten gewesen. «Ich bedauere sehr, dass sich noch niemand bei der jüdischen Bevölkerung entschuldigt hat. Ich tue es jedenfalls hiermit», sagte Biedenkopf. Spiegels Stellvertreter und CDU-Mitglied Michel Friedmann forderte am Montag den Rücktritt des ehemaligen hessischen CDU-Vorsitzenden und Bundesinnenministers Manfred Kanther sowie harte Sanktionen gegen Wittgenstein. Einige Stunden später erklärte Kanther, er lege sein Bundestagsmandat nieder. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Salomon Korn, sagte, Wittgenstein wiederbelebte das Vorurteil vom «jüdischen Kapital». Korn kritisierte auch die Äusserung um «jüdisches Vermächtnis» und sagte: «Das heisst, diejenigen, die es spenden, tun es nicht auf Grund materieller Interessen wie der Waffenhändler Schreiber, sondern weil sie angeblich geistig mit dieser Partei auf einer Linie liegen.»
Laut Korn hoffte man durch diese Legende, das «niemand drin herumstochern wird, sonst könnte man sich dem Antisemitismus-Vorwurf aussetzen». Auch Korn kritisierte am Montag, dass sich bis zu diesem Zeitpunkt keine Nichtjuden geäussert hätten. «Juden werden nichtals deutsch betrachtet», so Korn. Spiegels Stellvertreterin Charlotte Knobloch wollte gegen Wittgensteins Behauptungen gerichtlich vorgehen, die sie als «eine Unverschämtheit» bezeichnete. Die Diffamierungen hätten «viel dazu beigetragen, einen neuen Antisemitismus in die Wege zu leiten». Der Leiter des Mosses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam bezeichnete Wittgensteins Versuch, sich durch «Spiele der jüdischen Karte vor Nachfragen zu schützen» als «zynisch».
«Krankes Hirn»
Die israelische Zeitung «Haaretz» brachte die Geschichte auf der Titelseite und zitierte Spiegels Stellvertreter Michel Friedman mit der Äusserung, dass nur ein «krankes Hirn» sich eine derartige Lügenversion ausdenken könne. Die Zeitung «Maariv» schrieb über Wittgenstein, er sei kein Antisemit. Sein Adoptivvater Merton sei Jude gewesen und gezwungen, Deutschland während der Nazi-Zeit zu verlassen. Aber der durchschnittliche Deutsche sei jetzt als Folge von Wittgensteins Worten überzeugt, dass Juden, und darunter vielleicht sogar der verstorbene Ignatz Bubis, Schwarzgeld ins Ausland geschleust hätten, schrieb die Zeitung weiter (vgl. Editorial).