Das unaussprechliche Wort
Warum hat die Protestbewegung das Wort «Besetzung» mit einem Bann belegt? Weil die Benutzung dieses Wortes die Zahl der Demonstranten drastisch reduzieren würde. Es würde Unstimmigkeiten auslösen und die Bewegung spalten. Eine derartige Spaltungstendenz würde den Protest zu einer «politischen» Einheit machen und ihn seines breitflächigen Charakters berauben.
Wir müssen also Fragen zu den anderen Funktionen der Besetzung stellen, und zwar zu jenen, welche Begriffe wie «Sicherheitsbedürfnisse» und «ideologische Erfüllung» umreissen. Es macht den Anschein als ob das Nein ein Ja nach sich ziehen würde. In anderen Worten: Sobald es verboten ist, von «Besetzung» zu sprechen, um eine Aufsplitterung des Volkes in Fraktionen zu vermeiden und die Einheit der Protestbewegung zu untergraben, folgt daraus, dass die Rolle der Besetzung darin besteht, die Öffentlichkeit zu spalten und jede Möglichkeit zu eliminieren, gegen sie zu protestieren.
Die Besetzung ist das Instrument, welches Trennung und Spaltung zu wachsender Macht verhilft und politische Kraft bewahrt. Die automatische Art und Weise, auf welche sich die Öffentlichkeit in jenem Moment spaltet, in dem das Wort erwähnt wird, erlaubt den Spitzen beider Lager, ihre Macht auf relativ leichte Weise aufrechtzuerhalten. Sobald eine der Fraktionen imstande ist, eine Regierung zu bilden, vereint sie Sektoren mit engen parteipolitischen Interessen und beauftragt ihren Anführe, als Premierminister zu dienen. Die Besetzung gestattet es der Regierung, ihren Willen durchzusetzen. Jede Klage zu sozioökonomischen Angelegenheiten, die in einen Protest der Basis münden könnte (wie dies beim gegenwärtigen Protest der Fall ist), droht im Sande zu verlaufen, wenn sie mit dem unaussprechlichen Wort konfrontiert wird.
Die extrem polarisierten Gefühle, die in diesem Wort enthalten sind, machen aus der Besetzung ein unschätzbares Wahl-Aktivum. Die Benutzung des angebrachten ideologischen und biblischen Drum und Dran beschwört eine historisch-ideologische Stimmung herauf. Diese wiederum macht aus der Besetzung einen politischen Wert, den man auch dann nie wird einbüssen können, wenn der Verzicht auf ihn das Leben der unter der bestehenden Situation leidenden Menschen verbessern würde. Es wurde ein eingebauter Interessenkonflikt geschaffen zwischen dem Interesse der Regierung, die Situation zu perpetuieren, und den humanitären Argumenten, die für eine Änderung der Situation sprechen.
Es ist kein Zufall, dass die Umrisse des extremen Kapitalismus, eine wegen der Konkurrenz unter den Menschen auf der kontinuierlichen Zersplitterung der Gesellschaft basierende Politik, der Besetzung innewohnen. Wer im Jordantal und in der Westbank herumreist, kann die geografischen Manifestationen des Kapitalismus mit eigenen Augen verfolgen. Kantonisierung, die wachsende Zahl von Strassensperren und die bürokratische Kontrolle des Verkehrs sind Komponenten der Trennung, die auf eine Zementierung der Kontrolle durch die zentrale Behörde abzielen.
Auch der «freie Markt», eines der wichtigsten von der Protestbewegung behandelten Themen, ist gekoppelt an Trennung und Spaltung. Zum Chaos, das dem «Marktkonzept» innewohnt, kommt die ironische Benutzung des Wortes «frei» hinzu: Der Arbeiter ist gezwungen, zu jedem gegebenen Moment gegen seinen Kollegen anzutreten, wobei er weiss, dass der Sieg des einen gleichbedeutend ist mit der Niederlage des anderen. Kann der Begriff «frei» tatsächlich bei Grundsätzen benutzt werden, die den ständigen Wettbewerb und Überlebenskampf zwischen Individuen befürworten?
Während seiner ersten Kadenz benutzte Premier Netanyahu Phrasen, die seine Tendenz offenbarten, Teile der Bevölkerung zu spalten, um seine Autorität zu festigen («Linke haben vergessen, was es heisst, Juden zu sein», «sie haben Angst» und so weiter). Seither hat er eine wichtige machiavellistische Lektion hinzugelernt: Mach was du denkst, doch sage, was das Volk zu hören wünscht. Das hat seine gegenwärtige Kadenz noch viel destruktiver gestaltet. Anstatt Worte der Spaltung und Polarisierung in die Ohren der alternden Shas-Führer zu flüstern, widmet er sich mit Hilfe von Leuten wie den Abgeordneten David Rotem (Israel Beiteinu) und Zeev Elkin (Likud) Aktionen zur Spaltung der Bevölkerung.
Die derzeitigen Proteste entspringen den Gefühlen der Isolation, die auf der Aufsplitterung der israelischen Gesellschaft beruhen. Die Besetzung, das Symbol dieser Spaltung, wird in den Zeltstädten nicht erwähnt, weil dies den Protest auszuhöhlen drohte. Dieses anhaltende Paradox kündigt das Ende des Protestes an.
Alon Idan ist politischer Kolumnist.