Das Streben nach einer gerechten Gesellschaft
Das hebräische Wort Zedaka, für Wohltätigkeit, wird irrtümlicherweise oft mit dem Begriff Almosen übersetzt. Dieser Ausdruck kommt laut dem Duden-Herkunftswörterbuch vom griechischen eleemosyne, was so viel wie Mitleid oder Erbarmen bedeutet. Der Begriff Zedaka wurzelt jedoch im hebräischen Begriff Zedek, Gerechtigkeit, und ruht somit auf einer konzeptionell grundverschiedenen Basis: Gemäss dem Judentum ist Wohltätigkeit nicht nur im Sinne einer barmherzigen Gabe zu verstehen, sondern allem voran in der Absicht, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dieses Grundmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch die jüdische Lehre, in welcher Zedaka eines der zentralsten Themen ist.
Hauptmerkmal des jüdischen Menschen
Der jüdische Gelehrte und Religionsphilosoph Maimonides, der im 12. Jahrhundert in Spanien, Marokko und Ägypten gelebt hat, sieht im Gebot der Zedaka, welches er in seinem Gesetzeskodex Mischne Thora erklärt und zusammenfasst, gar das Hauptmerkmal eines jüdischen Menschen: «Wir sind verpflichtet, das Gebot der Zedaka mit höchster Seriosität auszuführen, mehr als alle anderen Gebote, ist doch die Zedaka ein Merkmal eines gerechten Nachkommens von unserem Vorvater Awraham, wie es heisst: ‹Denn Ich habe ihn ausersehen, dass er es hinterlasse seinen Söhnen, Wohltätigkeit zu üben› (1.B.M. 18:19). Und die Lehre der Wahrheit wird durch die Zedaka errichtet, wie es heisst: ‹Durch Gerechtigkeit wirst du aufgerichtet› (Jesaia 54:14). Und Israel wird nur durch die Zedaka erlöst werden, wie es heisst: ‹Zion wird durch Recht erlöst, und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit› (Jesaia 1:27)» (Rambam, Mischne Thora, H. Matnot Anijim 10:1).
Ein grosser Teil der biblischen Gebote, die die Landwirtschaft im heiligen Land betreffen, sehen verschiedene Abgaben der Ernte an Mittellose vor. Zusätzlich sind die Israeliten verpflichtet, zu verhindern, dass Bedürftige als Sklaven verkauft werden, und falls dies eingetreten ist, ist man aufgefordert, diese von der Sklaverei loszukaufen. Auch verbietet die Thora vehement, von einem Armen Zinsen zu nehmen oder für eine Anleihe ein ständiges Pfand zu fordern, welches für den Schuldner unabdinglich ist. Die Hauptquelle des Zedaka-Gebotes in Bezug auf die Verpflichtung, einem Bedürftigen materiell beizustehen, lässt sich im Buche Dewarim finden. Dort heisst es: «Wenn unter dir ein Bedürftiger lebt (...), so verhärte nicht dein Herz und verschliesse nicht deine Hand vor deinem bedürftigen Bruder. Du sollst ihm deine Hand öffnen und ihm gegen Pfand leihen, was der Not, die ihn bedrückt, abhilft» (5.B.M. 15:7-8). Wie ist letztere Aufforderung auf der praktischen Ebene zu verstehen? Maimonides sagt dazu: «Was immer dem Armen fehlt, ist man verpflichtet, ihm zu geben. Hat er kein Kleid, bedecke man ihn. Hat er keine Hausgeräte, so kaufe man sie ihm. Hat er keine Frau, vermittle man ihm eine. Gleicherweise vermittle man einen Mann einer Frau.» Es ist zu bezweifeln, ob letztere Anweisung im 21. Jahrhundert von unserer Single-reichen Gesellschaft nach dem Wunsche Maimonides’ wahrgenommen, geschweige denn befolgt wird. Trotzdem aber zeigt er
damit auf, dass sich die Aufgabe der Zedaka nach jüdischem Recht nicht ausschliesslich auf ein gleichsam «materielles Löcherstopfen» beschränkt, sondern sich auch mit gesellschaftlicher und existenzieller Armut – wie der Einsamkeit des Menschen – befassen soll.
Der Begriff der gerechten Wohltätigkeit wird sehr weit gespannt, und Maimonides geht gar noch weiter: «Sogar wenn ein Armer es gewöhnt war, auf einem Pferd zu reiten und einen Knecht vor sich herrennen zu lassen, und nun hat er seinen Besitz verloren, so gebe man ihm ein Pferd und einen Knecht. Du bist verpflichtet, deines bedürftigen Bruders Mangel zu vervollständigen, nicht aber, ihn reich zu machen» (Rambam, ibid., 7:3). Im Talmud wird gar von dem Weisen Hillel erzählt, «dass er einem Armen aus vornehmer Herkunft ein Pferd zum Reiten stellte und einen Sklaven, um vor ihm herzulaufen; einst fand er keinen Sklaven zum Herlaufen, da lief er selber drei Meilen vor ihm her» (Ketubot 67b). Diese bemerkenswerten Quellen rücken das jüdische Zedaka-Gebot nicht nur deutlich von einer auf Mitleid basierenden Almosen-Doktrin weg, sie zeigen auch die psychologische Tiefe, welche diesem Rechtssystem innewohnt. Einen Menschen, der an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt war, nun aber plötzlich seinen gesamten Besitz verloren hat, lediglich mit Grundbedürfnissen wie Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf auszustatten, wäre nicht genug. Es ist nämlich nicht minder wichtig, ihm seine Ehre zurückzugeben. Eine Existenz in Würde ist eine grundlegende Bedingung, damit sich Menschen als respektierte Mitglieder einer Gesellschaft zählen dürfen. Kewod ha-Adam, die Ehre eines jeden Menschen, steht im Zentrum des jüdischen Zedaka-Gebotes, nicht die materielle Deckung der Grundbedürfnisse, die selbstverständlich ist.
Die Art und Weise des Gebens
Aus diesem Grund ist es nach jüdischem Recht nicht nur wichtig, dass man Wohltätigkeit ausübt, sondern wie man sie ausübt. Schon der Bibelvers zielt in diese Richtung: «Du sollst dem Bedürftigen etwas geben, und wenn du ihm etwas gibst, soll auch dein Herz nicht böse darüber sein» (3.B.M. 15:10). In diesem Sinne erstellt Maimonides acht Stufen der Zedaka, wobei die höchste Stufe die wünschenswerteste Form der Wohltätigkeitsausübung und die unterste die unschönste Erfüllung des Zedaka-Gebotes darstellt: «Die höchste Stufe von Zedaka ist, einem verarmenden Bruder unter die Arme zu greifen, ihm eine Geldsumme oder eine Anleihe zu geben, ihm eine geschäftliche Zusammenarbeit oder eine Arbeit anzubieten, um seine Hände zu stärken, damit er nicht betteln gehen muss.» Maimonides‘ Propagierung der Hilfe zur Selbsthilfe als edelste Form der Wohltätigkeit widerspiegelt die Stimme der Thora selbst: «Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann» (3.B.M. 25:35). Die unterste Stufe der Zedaka ist derweil, «einen Bedürftigen mit einem traurigen, unfreundlichen Gesicht zu unterstützen» (Rambam, ibid. 10:7-14). Interessanterweise steht derjenige, der dem Armen wenig gibt, dafür aber mit einem freundlichen Blick, eine Stufe über der letzten Kategorie. Diese menschliche Feinfühligkeit Maimonides’ ist bemerkenswert und betont erneut: In der Wohltätigkeit ist das Wie manchmal wichtiger als das Was.
In Anbetracht der Zentralität des Zedaka-Gebotes im Judentum überrascht es nicht, dass im Laufe der Geschichte jede jüdische Gemeinde sich der Fürsorge um lokale Bedürftige in organisierter Weise angenommen hat. Dieses beeindruckende Phänomen führte schon im zwölften Jahrhundert Maimonides dazu, eine zeitlich unbegrenzte Behauptung aufzustellen: «Noch nie haben wir von einer jüdischen Gemeinschaft gehört oder gesehen, welche keine Zedaka-Kasse hat» (Rambam, ibid., 9:3). Diese Zedaka-Kassen kümmerten sich verständlicherweise in erster Linie um lokale Unbemittelte, wie es bis heute bei der Fürsorge-Abteilung in jüdischen Gemeinden weltweit der Fall ist. Im Jahre 1901 kam jedoch ein neues «Zedaka-Kässchen» hinzu, bekannt als die Blaue Büchse. Am 5. Zionistenkongress in Basel wurde durch Theodor Herzl der Jüdische Nationalfonds
gegründet, um den Landkauf in Palästina sowie die Bebauung und Besiedlung des «altneuen» Landes zu ermöglichen. Kurioserweise war die erste Blaue Büchse nichts anderes als der Hut Theodor Herzls, der diesen sofort nach der Abstimmung zur Gründung des Fonds am 29.12.1901 im Saal herumgehen liess. Die Blaue Büchse erlangte im Kreis europäischer Juden alsbald unermessliche Popularität, und in vielen jüdischen Haushalten war es bald Usus, jeden Freitag vor Schabbatbeginn die Blaue Büchse mit einer Geldmünze zu beehren. Die tiefe emotionale Verbundenheit der jeweiligen Spender mit dem Wiederaufbau der historisch-jüdischen Heimat, die durch diesen Zedaka-Behälter wachgerufen wurde, äussert sich auch in der bewegenden Tatsache, dass selbst im Warschauer Ghetto blaue Büchsen gefunden wurden. Zedaka als Hoffnungsspender und als weiteres Indiz dafür, dass sie dem Gebenden manchmal mehr gibt als dem Empfänger.
Wem spenden?
Das Phänomen der Blauen Büchse hat sich im Laufe der Jahre erweitert: Viele Juden aus der ganzen Welt unterstützen gemeinnützige Projekte in Israel, mit welchen sich die Spender identifizieren. Auch der jüdische Staat selbst hat sich in Sachen Wohltätigkeit entwickelt und mehrere Gesetze zur Stärkung gemeinnütziger Institutionen verabschiedet. Die Verteilung der Gelder widerspiegelt dabei Grundsätze, die im Jüdischen Recht erwähnt werden, wie Transparenz, verantwortungsvolle und vertrauenswürdige Spendenverteilungskomitees sowie genaue Überprüfung der Spendeempfänger. Wie sieht es mit dem Individuum aus? Wie anfangs erwähnt ist das jüdische Konzept von Zedaka nicht mit Philanthropie zu vergleichen, die voluntären Charakter hat. Vielmehr ist Zedaka ein religiöses Gebot, das jede und jeden, auch die Armen selbst, verpflichtet.
Nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, soll jeder jüdische Mensch zehn Prozent seines Einkommens an wohltätige Zwecke spenden. Wo sollen dabei heute Prioritäten gesetzt werden? Traditionellerweise spendeten Juden, und nicht nur die grossen Philanthropen, sehr viel für gemeinnützige Zwecke. In jüdischen Kreisen in den USA wird gar die Tatsache beklagt, dass die grosse Mehrheit jüdischer Spendengelder an nicht spezifisch jüdische Empfänger geht. Demgegenüber stelle man folgende talmudische Richtinie, welche versucht, Zedaka-Kriterien festzulegen: «Bei jüdischen und nicht jüdischen Armen haben jüdische Vorrang; bei Armen, die verwandt sind und bei Armen der Stadt haben Verwandte Vorrang; bei Armen deiner Stadt und Armen einer anderen Stadt haben die Arme deiner Stadt Vorrang» (Baba Mezia 71a). Nun mag es Stimmen geben, die diese Kriterien als diskriminierend empfinden. Dem muss aber nicht so sein, kommt hier doch ganz im Gegenteil eine Anschauung zum Vorschein, welche die Verantwortung in der Gesellschaft zentrifugal wahrnimmt und die wichtige Aufgabe der Zedaka dementsprechend einstuft. Heute hat es unzählige Möglichkeiten, Wohltätigkeit auszuüben. Per Knopfdruck im Internet kann man in die entferntesten Ecken der Welt spenden. Das ist schön und gut, soll aber nicht auf Kosten des Bedürftigen in unserer unmittelbaren Umgebung geschehen. Wie sagte doch der Bibelvers: «(...) damit er neben dir leben kann». ●
Emanuel Cohn ist Publizist und lebt in Jerusalem.