Das schwierige Ringen um die Legitimität
Von A. B. Yehoshua.
Sechzig gilt nicht als besonders symbolträchtige oder feierliche Anzahl von Jahren wie zum Beispiel die 50, die wir als Jubeljahr oder Jubiläum bezeichnen, oder das Jahrhundert. Selbst ein Jahrzehnt gilt als denkwürdiger denn 60. Und doch finden zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel in der jüdischen wie in der nicht jüdischen Welt Veranstaltungen zur Feier dieses Ereignisses statt. Was ist der Grund dafür? Mir scheint manchmal, weil Israel der junge Staat eines alten Volkes ist, wird er als junges Kind und älterer Erwachsener zugleich behandelt. Zur Stärkung seiner komplexen Persönlichkeit lässt man ihm zu seinen Geburtstagen viel Aufmerksamkeit zukommen, damit der Jubilar sich selbstsicherer und trotz seiner Probleme von anderen geliebt fühlt. Und die besondere Aufmerksamkeit, die man dem israelischen Staat zum 60. Geburtstag schenkt, ist tatsächlich wichtig.
Vor zehn Jahren, beim 50. Staatsjubiläum 1998, nachdem 1993 die Oslo-Abkommen zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde unterzeichnet worden waren und ein bedeutender Durchbruch für die Legitimität der nationalen Existenz beider Völker im gemeinsamen Heimatland auf der Basis einer Gebietsteilung erreicht war, dachte man in aller Welt, dieser uralte Konflikt, der schon Ende des 19. Jahrhunderts begonnen und so viele Kriege ausgelöst hatte, gehe endlich seiner Lösung entgegen. Obwohl damals vor zehn Jahren, bei den Feiern zum 50-jährigen Bestehen des Staates Israel, noch viele Probleme ungelöst blieben, blickte man im Allgemeinen positiv in die Zukunft.
Doch leider ist im letzten Jahrzehnt in vielen Bereichen eine schmerzliche Regression eingetreten, und Regressionserscheinungen sind besonders niederschlagend. Ein Mensch oder ein Volk kann lange Zeit schwierige Umstände ertragen, in dem Gefühl, die Zukunft werde rosiger werden und die Konflikte gingen ihrer Lösung entgegen. Befindet sich der Betreffende aber in einem Genesungsprozess und nun wirft ihn eine Regression zurück, kann die Verzweiflung überhand nehmen. Und diesen Schmerz erlebten und erleben wir in den letzten zehn Jahren.
Der gefährdete Staat
Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 kämpfte der junge jüdische Staat schlicht und einfach ums Überleben, und seine Vernichtung lag durchaus im Bereich des Möglichen. Auch im Sechstagekrieg von 1967 war die Existenz des Staates akut gefährdet, und doch meine ich, hätte damals kein Israeli den bestürzenden Ausspruch getan, den ich heute gelegentlich höre: «Der Staat Israel wird vielleicht nur eine Episode in der jüdischen Geschichte sein.»
Ehe ich nun tiefer in die Probleme eindringe, die in den letzten zehn Jahren aufgetreten sind und dieses neue Gefühl einer Malaise verursachen, und ehe ich im Weiteren einen Lösungsweg aufzeigen möchte, bei dem es auch auf euch Europäer ankommt, erlauben Sie mir daher einen Erklärungsversuch, warum der israelisch-arabische Konflikt in 120 Jahren so hartnäckig und dauerhaft geworden ist, und warum trotz wiederholter Bestrebungen, sowohl durch wohlwollende Vermittlung als auch durch Direktkontakte der Kontrahenten, immer noch keine Lösung in Sicht ist. Warum sind schwierigere und härtere Konflikte als der israelisch-arabische, wie zum Beispiel das Problem der Apartheid in Südafrika oder die deutsche Teilung oder die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion in Einzelstaaten, schliesslich zu einer annehmbaren und oftmals auch unblutigen Lösung gelangt, während der Konflikt bei uns in Nahost seit über 100 Jahren tagtäglich seine Opfer fordert? Warum will sich dieser Konflikt nicht lösen lassen, obwohl alle Welt und auch die beiden kämpfenden Parteien vermutlich wissen, wie die Lösung aussehen wird?
Ich meine, die dauerhaften Probleme dieses Konflikts beruhen zum Teil auf seiner Einzigartigkeit. Dieser Konflikt hat in der Menschengeschichte nicht seinesgleichen. Das heisst, ich wüsste kein historisches Beispiel für ein Volk, das nach 2000-jähriger Abwesenheit in das Territorium zurückkehrt, das es all die Jahre als seine vorbestimmte Heimat betrachtet hat. Was wir als «Rückkehr nach Zion» bezeichnen, ist ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten im damaligen Palästina nur ein bis anderthalb Prozent des jüdischen Volkes, das schon damals an die 18 Millionen Seelen zählte. Und heute, 100 Jahre später, hat die Zahl der Juden im Land Israel über 50 Prozent des jüdischen Volkes erreicht. Aber, und hier liegt der springende Punkt, wir müssen erkennen, dass dieses einmalige historische Ereignis nicht nur für die Juden einzigartig ist, sondern mehr noch für die Palästinenser und damit für die gesamte arabische Welt, die notgedrungen und gegen ihren Willen zum aktiven Mitspieler dieses einzigartigen Ereignisses der Menschheitsgeschichte geworden ist. Auch die Juden selbst haben im Verlauf ihrer Geschichte eine solche Rückkehr in ihre biblische Heimat ja nicht wirklich für möglich gehalten. Die Idee von der Rückkehr ins Heimatland blieb ein halb messianischer, religiöser Traum. Doch nun findet diese Rückkehr auf einmal statt, und die Juden staunen selbst noch darüber. Deshalb ist es kein Wunder, dass auch die Araber, und besonders die Palästinenser, existenziell und moralisch noch kaum in der Lage sind, mit dem Los, das sie überrumpelt hat, fertig zu werden.
Der absolute Sonderfall
Es gibt Konflikte zwischen Nachbarvölkern über Territorien, es gibt kolonialistische Eroberungen, bei denen europäische Mächte wie Frankreich, England, Belgien oder andere Staaten Territorien erobern, um deren Ressourcen auszubeuten und die Einwohner ökonomisch zu unterjochen. Es gibt auch Eroberungen im Stil von Nord- und Südamerika oder Australien, bei denen Menschen einzeln oder gruppenweise in ein fremdes Territorium auswandern, um durch Ansiedlung im unbekannten Land eine neue Identität aufzubauen. Und dann ringen sie mit den Ureinwohnern, sei es gewaltsam oder durch deren Assimilation an die neu geschaffene Identität.
Aber die Rückkehr der Juden ins Land Israel hat mit all diesen Beispielen nichts zu tun. Sie ist ein absoluter Sonderfall. Es handelt sich dabei nicht um Kolonialismus, der von einem europäischen Mutterland ausgeht, wie die Araber anfangs dachten. Die Juden hatten nirgends ein Mutterland, ja, galten als nationaler Fremdkörper in Europa, erlitten deshalb Vernichtung und Vertreibung. Die Juden kamen nicht in der Absicht, Palästinas Ressourcen auszubeuten und die Einwohner zu unterjochen, um die Gewinne dann ins Mutterland zu schaffen, wie Grossbritannien es in Indien und Frankreich in Südostasien taten. Andererseits kamen die Juden auch nicht ins Land Israel wie die amerikanischen oder australischen Siedler in ihr Neuland, um sich eine neue Identität aufzubauen und die Eingeborenen zu assimilieren. Der Zionismus wollte keine neue Identität aufbauen, sondern die alte Identität erneuern und vertiefen, wollte den partiellen Juden, der in seinem Diasporadomizil unter nicht jüdischer Herrschaft lebte und daher nicht ganz sein eigener Herr war, in einen ganzen Juden verwandeln, der im eigenen Land, unter eigener Herrschaft, Verantwortung für alle Bereiche des täglichen Lebens übernimmt.
Deshalb bestand von Anfang an keine Absicht, die Identität der einheimischen Araber anzutasten, um sie in die herkömmliche, aber erneuerte und ergänzte jüdische Identität einzuschmelzen. Die Juden kamen in ihre historische Heimat und liessen die Einheimischen praktisch wissen: Euer Land ist eigentlich unser Land. Eure Wohnorte haben früher mal uns gehört. Wir fügen den Namen eurer Städte und Dörfer die ursprünglichen Namen hinzu. Wir sind nicht hergekommen, um euch auszubeuten, zu erobern, zu vertreiben oder zu vereinnahmen, wir sind nur hergekommen, um eure Wirklichkeit durch unsere völlig andere historische Narrative zu ersetzen.
Verständlicherweise waren die Araber aufgebracht und entsetzt über diese einzigartige Invasion oder Rückkehr, und im Grunde weigern sie sich bis heute erbittert, sie als rechtmässig anzuerkennen, zumal sie – wie viele andere auf der Welt, einschliesslich eines Teils der Judenheit – die Juden jahrhundertelang nur als Angehörige einer anderen Religion und nicht als eigene Nation betrachtet hatten. Und einer Religionsgruppe steht natürlich kein eigener Staat zu. Da die Araber demnach kein historisches Parallelbeispiel besassen, aus dem sie hätten lernen können, wie sie mit diesem einzigartigen historischen Phänomen vor ihrer Haustür umgehen sollten, versuchten sie, den Zionismus als normalen Kolonialismus einzustufen, und dachten, man könne ihn auf dieselbe Weise bekämpfen, wie andere Völker sich des Kolonialismus erwehrten. Und daraus erklärt sich die anhaltende Schwäche ihres Kampfes.
Aus diesen Gründen ist das Existenzrecht des Staates Israel bis heute die Kernfrage des israelisch-arabischen Konflikts, meine ich. In keiner internationalen Auseinandersetzung hat die Legitimitätsfrage je derart prinzipielle Bedeutung erlangt. Selbst im grauenhaften Inferno des Zweiten Weltkriegs, in seinen schlimmsten und erbittertsten Momenten, hat kein Volk, auch nicht das jüdische, das Existenzrecht des deutschen Volkes verneint. Doch wir im Nahen Osten ringen immer noch um unsere blanke Legitimität. Das ist im Grunde die unerbittlichste Waffe, die Araber und Palästinenser gegen uns einsetzen. Und manchmal ist sie störender und schmerzhafter als Sprengsätze und Raketen, zumal die Frage nach dem Existenzrecht des Staates Israel mancherorts noch nicht mal mit einem echten territorialen, religiösen oder ideologischen Konflikt zusammenhängt. Iran hat niemals einen territorialen oder militärischen Konflikt mit Israel gehabt. Die beiden Staaten liegen geografisch weit auseinander, und in den ersten Jahren des Staates Israel unterhielten sie sogar gute Beziehungen. Doch nun steht Iran schon fast 30 Jahre an der Spitze derer, die Israel das schlichte Existenzrecht absprechen und es zu vernichten drohen, und bestärkt damit auch andere, dem israelischen Staat weiterhin die Legitimierung vorzuenthalten, darunter berühmte Intellektuelle, die sich in feinerer und aufgeklärterer Form, aber in der Sache ähnlich äussern.
Nicht gegen die Welt ankämpfen
Sogar als der ägyptische Präsident Anwar Sadat Ende 1977 in Jerusalem eintraf, um einen Friedenspakt mit Israel zu schliessen, wollte er damit nicht die Legitimität des Judenstaates anerkennen, sondern sich nur mit den bestehenden Tatsachen arrangieren. Seine Friedensinitiative definierte er in praktischer Form: «Selbst wenn wir fähig wären, den Staat Israel zu vernichten, würde die Welt das nicht zulassen, und wir können unmöglich gegen die ganze Welt ankämpfen.»
So ringen wir denn 60 Jahre nach der Gründung des Staates in verschiedenen Runden immer noch um seine blosse Legitimität im Nahen Osten. Gewiss, auch in dieser Frage gibt es positive Entwicklungen, und wir stehen nicht mehr an demselben Nullpunkt wie vor 60 Jahren. Aber es bleibt noch viel harte Arbeit zu leisten.
Die Legitimation für die Gründung des Staates Israel verlieh die Familie der Völker in der berühmten Uno-Abstimmung vom 29. November 1947, als im beginnenden Kalten Krieg zwischen den beiden grossen Blöcken die kommunistischen und die demokratischen oder westlichen Staaten übereinkamen, das Land Israel oder Palästina in zwei getrennte Staaten – einen jüdischen und einen palästinensischen – aufzuteilen. Diese Entscheidung entsprang nicht nur dem moralischen Bedürfnis, den Juden nach den Gräueln der Schoah wieder aufzuhelfen, sondern auch dem Umstand, dass die Völker Europas nach dem Zweiten Weltkrieg fürchteten, die antisemitische Vergiftung könnte ihnen selbst gefährlich werden. Der Antisemitismus ist nämlich nicht nur ein Problem der Juden, sondern auch ein Problem der Völker, in deren Mitte sie leben. Das pathologische Wechselverhältnis zwischen Nichtjuden und Juden kann dem Opfer und seinem Mörder Unheil bringen. Liest man Biografien über Hitler und erkennt, wie zutiefst wahnhaft ihn der Judenhass beschäftigte und wie weit seine krankhaften Vorstellungen von den Juden sein Handeln beeinträchtigten und irreleiteten, bis es letzten Endes Unheil und Zerstörung über seine eigenen Volksgenossen brachte, versteht man, dass die europäischen Völker mit ihrem damaligen Bestreben, die Juden bei der Normalisierung ihrer Lage zu unterstützen, nicht nur den Juden, sondern auch sich selbst helfen wollten. Und nun stellen wir fest, dass die pathologischen Wechselbeziehungen mit den Juden keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg aufgehört haben, sondern vielmehr bis heute in anderen Weltregionen wie Iran weitergeistern und wie immer nicht nur die Juden, sondern auch ihre Hasser gefährden.Israel ist eine Tatsache
Allerdings hatten die Völker, die für die Uno-Resolution stimmten, Palästinenser und Araber nicht um ihre Einwilligung in die Landzuteilung für den jüdischen Staat gebeten – die übrigens grösstenteils aus Ödland und Wüstengebieten bestand. Aber quasi indirekt sagte man ihnen, auch ihr arabischen Palästinenser habt Anteil an den Weltproblemen, und daher ist das Problem der Juden auch euer Problem. Wir verlangen zwar von euch, auf einen Teil eures Landes zu verzichten, um die Lösung mitzutragen, aber dafür garantieren wir eure Souveränität in dem Teil eures Heimatlandes, das in euren Händen verbleibt, und werden euch durch Hilfeleistungen nach besten Kräften für den entstandenen Verlust zu entschädigen suchen. Dieses Schuldgefühl der Welt gegenüber den Palästinensern halte ich im Grund für ein moralisches und positives Empfinden, obwohl es häufig nicht konstruktiv in den richtigen Bahnen eingesetzt wurde. Statt die Palästinenser wirksam darin zu unterstützen, einerseits ihren Staat zu gründen und ihn wirtschaftlich und existenziell abzusichern und andererseits Israel daran zu hindern, das dafür vorgesehene Gebiet anzukratzen, hat die grosszügige humanitäre Hilfe anstelle von stabiler Eigenständigkeit und Souveränität nur chronische Abhängigkeit befördert.
Aber die ursprüngliche, sture Weigerung, Israels Legitimität anzuerkennen, hat trotz allem positive Veränderungen und Entwicklungen erfahren, nicht nur im Stil von: Israel ist eine Tatsache, deshalb bleibt keine andere Wahl, als sich mit seiner Existenz abzufinden, sondern auch in der Erkenntnis, dass Judentum nicht nur eine religiöse, sondern vor allem eine nationale Identität ist. Die Juden haben ihren Weg in der Geschichte als Volk Israel begonnen, noch ehe sie die Thora Israels am Sinai empfingen. Israel ist der ursprüngliche Name des jüdischen Volkes, und er steht für Nationalität oder Volkstum, während die jüdische Religion ein zwar bedeutsamer, aber doch freiwilliger Bestandteil der nationalen Identität ist, wie der Katholizismus für die nationale Identität der Franzosen oder der Protestantismus für die nationale Identität der Niederländer oder der Islam für Ägypter und Türken. Die jüdische Religion ist keine notwendige Voraussetzung der jüdischen nationalen Identität, sondern lediglich ein wichtiger kultureller Bestandteil davon.Obwohl die israelische Nationalität als Tatsache nicht nur ausserhalb, sondern auch unter den meisten Völkern des Nahen Ostens zunehmend anerkannt wird, bleiben zwei gefährliche Hindernisse, die das Fortschreiten des Friedensprozesses und der Aussöhnung in Nahost bedrohen: Zum einen geht man im Nahen Osten und gelegentlich auch in verschiedenen anderen Kreisen dazu über, nicht mehr die Legitimität Israels, sondern die Legitimität des Zionismus abzulehnen, und zum anderen herrscht unter Palästinensern, Arabern und sogar nicht wenigen Europäern die steigende Tendenz, die Gründung eines einzigen binationalen, israelisch-palästinensischen Staates der ursprünglichen Zweistaatenlösung im Nahen Osten vorzuziehen.
In Nahost wie sonst wo hat man sich, wo Israel unter Feuer gerät, auf den Begriff Zionismus eingeschossen. Die Hamas-Sprecher in Gaza reden nicht von Israeli, sondern von Zionisten, und den gefangenen israelischen Soldaten, der in ihrer Gewalt ist, bezeichnen sie als zionistischen Soldaten. Auch der Hizbollah-Führer, Scheich Nasrallah, spricht von uns nicht als Israeli und nicht als Juden, sondern als Zionisten. Und so tun es die Führer Irans und andere. Sprüche von der «Entzionisierung» des Staates Israel hört man in Intellektuellenzirkeln an Universitäten in aller Welt und sogar in links stehenden jüdischen Kreisen. Auch in Israel gibt es einige, allerdings wenige, die sich Postzionisten oder Azionisten nennen. Da nach der Schoah alles Gerede über Vernichtungsaktionen oder Angriffe gegen Juden heikel ist und der Antisemitismus als strafbar gilt, ersetzt man die Kritik an Juden und manchmal auch an Israeli durch Kritik und Anwürfe gegen den Zionismus, als sei er der Kern allen Übels. Das heisst, wenn die Israeli keine Zionisten mehr wären, würden sie Legitimierung oder wenigstens leidliche Behandlung seitens der Araber gewinnen.
Zionistische Bewegung
Da der Begriff Zionismus oder Zionist über die Jahre im allgemeinen Bewusstsein wie auch im Bewusstsein vieler Juden zu einem nebulösen und häufig missverstandenen Begriff geworden ist, gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit, ihm die Definition zu geben, die ich für objektiv halte.
Die zionistische Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Ziel, einen jüdischen Staat im Land Israel zu gründen, der jedem Juden, der dort heimisch werden wollte, offenstehen sollte. Das ist der Zionismus und nichts weiter. Der Zionismus ist keine Ideologie, sondern eine Plattform für viele unterschiedliche und häufig sogar widerstreitende Ideologien.
Im jüdischen Volk gibt es, wie in jedem anderen Volk, zahlreiche Ideologien, Realitätseinschätzungen und Ansichten über den Staatszweck und die nationalen Ziele. Jeder Jude, der sich dem Zionismus anschloss, hatte seine eigenen Träume – über die Grösse des Staatsgebiets, das sozioökonomische Regierungssystem, die kulturelle Ausrichtung und Schwerpunktsetzung und natürlich auch bezüglich der arabischen Minderheit im Land. All diese Pläne, Träume, Ansichten und folgerichtig auch die Politik, die diese oder jene Israeli im Lauf ihrer staatlichen Existenz verfolgten, haben nichts mit Zionismus zu tun. Sie ähneln den politischen, ökonomischen und kulturellen Debatten, die jede Nation der Welt führt. Der Zionismus erschöpfte sich in dem Willen, einen souveränen jüdischen Staat zu errichten, und seit es diesen Staat gibt, ist jeder Befürworter des Grundsatzes, dass dieser Staat jedem Juden, der sein Bürger werden möchte, offensteht, ein Zionist, und jeder, der diesen Grundsatz ablehnt, kein Zionist. Und trotzdem kann er ein loyaler Bürger des Staates Israel bleiben.
Einziger praktischer Ausdruck des Zionismus heutzutage ist das Rückkehrrecht. Und das ist kein rassistisches, sondern ein moralisches Recht, denn als die Vereinten Nationen für die Gründung des israelischen Staates votierten, dachten sie ja nicht nur an die 600 000 Israeli, die seinerzeit dort lebten, sondern beabsichtigten, dass dieser Staat das Problem der Juden in aller Welt lösen helfen und jeden Juden aufnehmen sollte, der das Diasporadasein aufgeben und in einem unabhängigen jüdischen Staat leben wollte. Deswegen ist das zionistische Rückkehrgesetz eigentlich die moralische Voraussetzung des ganzen internationalen Strebens, das zur Gründung des Staates Israel führte. Und parallel dazu lässt sich sagen: Sobald der Staat Palästina neben dem Staat Israel entsteht, wird es dort ein entsprechendes palästinensisches Rückkehrgesetz geben, das es jedem palästinensischen Flüchtling erlaubt, in seinen Staat zurückzukehren. Und wie dies künftig ein gerechtes Gesetz für die Palästinenser sein wird, so richtig ist es auch für den jüdischen Staat.
Dies und nichts anderes ist der Zionismus. Und das Wichtigste an dieser Definition ist der Schlusspunkt. Wer Israel wegen seines Handelns und seiner Politik kritisieren möchte – und es gibt durchaus was zu kritisieren –, möge das mit den Begriffen und Instrumenten tun, mit denen er jeden anderen Staat der Welt kritisiert, ohne dass er hier den Zionismus bemühen müsste. Heftige Ablehnung des Zionismus ist demnach häufig als Ablehnung der Existenz des israelischen Staates zu verstehen und nicht als Ablehnung dieser oder jener politischen Massnahme der israelischen Regierung. Nachdem nun der Begriff des Zionismus geklärt ist, wird es einfacher sein, die wahren Motive seiner Gegner offenzulegen.
Kein Patentrezept
Das zweite Hindernis für die Fortsetzung des Friedensprozesses ist eine Idee, die letzthin unter Palästinensern und auch ausserhalb des Nahen Ostens Anhänger findet und zur Gründung eines binationalen, palästinensisch-israelischen Staates aufruft. Auf dem Papier sieht diese Lösung bestechend probat aus, aber in Wirklichkeit ist sie ein Patentrezept für die Abschaffung des Staates Israel und die Verewigung des Konflikts.
Da Israel/Palästina die gemeinsame Heimat der beiden Völker ist – und da die beiden Völker sich miteinander verstrickt und verflochten haben, sowohl angesichts der arabischen Minderheit in Israel, die rund 20 Prozent der Landesbevölkerung ausmacht, als auch wegen der jüdischen Siedlungen, die im Westjordanland verstreut liegen –, argumentieren die Anhänger der binationalen Staatsidee, man sollte, statt Trennzäune zu errichten, lieber alle unter dem Dach eines binationalen Staates vereinen.
Hierin verbirgt sich die gefährliche Illusion, es liessen sich tatsächlich friedlich und harmonisch in einem Staat zwei Völker vereinen, die sich in Sprache, Religion, Kultur und Geschichte erheblich unterscheiden, zwei Völker, zwischen denen wirtschaftlich gesehen ein Abgrund klafft, zwei Völker, die jeweils einer eigenen Aussenwelt verbunden sind, die Palästinenser der arabischen Welt und die israelischen Juden der jüdischen Welt, und dazu noch zwei Völker, die 100 Jahre lang in einem zähen und blutigen Konflikt gelebt haben. In Europa sehen wir doch gegensätzliche Entwicklungen. Völker, die einander in Religion, Kultur und Geschichte nahestehen, Völker, die Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, in Frieden miteinander gelebt haben, trennen sich heute in separate Staaten, wie Tschechen und Slowaken oder die Völker Jugoslawiens und der ehemaligen Sowjetunion, ganz zu schweigen von den Völkern Südamerikas, die sich in vielen religiösen, sprachlichen und ethnischen Komponenten ähnlich sind und doch hartnäckig ihren eigenen staatlichen Rahmen wahren. Wie sollen Palästinenser und Israeli wohl einen gemeinsamen Staat gründen, ohne dass daraus im Handumdrehen entweder ein Apartheidregime oder ein Staat im Dauerstreit entsteht, ein Staat, in dessen Parlament je zur Hälfte israelische und palästinensische Abgeordnete sässen und jede Entscheidung nach eigenen nationalen statt inhaltlichen Erwägungen fällen würden.
Palästinenser wie Israeli haben als zwei unterschiedliche Nationen Anrecht auf je einen Staat für sich. Eine klare Grenze muss zwischen den beiden Völkern bestehen, eine Grenze mit Übergängen, wie jeder Staat sie hat. In Israel lebt eine arabisch-palästinensische Minderheit, deren Angehörige Staatsbürger und Partner sind, wenn auch noch viel zu tun bleibt, um ihnen volle sozioökonomische Gleichstellung zu verschaffen. Gut möglich, dass es im palästinensischen Staat auch eine kleine jüdische Minderheit geben wird, jenen harten Kern von Siedlern, die sich nur unter grössten Schwierigkeiten umsiedeln liessen und denen die Palästinenser das Verbleiben gestatten und die palästinensische Staatsbürgerschaft verleihen könnten.
Die Grenzmauer zwischen Israel und Palästina, die auf der international anerkannten Grenze von 1967 errichtet würde, wäre die richtige Grenzbefestigung, nicht aber die problematische Mauer, die bisher auf palästinensischem Gebiet hochgezogen wurde. Eine solche Mauer an der richtigen Stelle hätte keine Ähnlichkeit mit der Berliner Mauer, die das Territorium ein und desselben Volkes durchtrennen sollte, sondern wäre eine echte Grenze mit offiziellen Übergängen, die zwischen zwei Völkern trennt, wie Grenzen in aller Welt es tun. Es ist die einzige Lösung für ein friedliches Leben im Nahen Osten, die Lösung, die die Familie der Völker anstrebte, als sie vor 60 Jahren die Errichtung des Staates Israel beschloss.
Die Rolle Deutschlands
Gestatten Sie mir jetzt noch ein paar Sätze, die Sie als Europäer im Allgemeinen und als Deutsche im Besonderen ansprechen. Gewiss, die Geschichte hat uns gelehrt, dass der Antisemitismus keine europäische oder deutsche, sondern eine allgemeinmenschliche Krankheit ist. Eklatante antisemitische Erscheinungen gab es schon in der Antike, und heutzutage sehen wir schlimme antisemitische Auftritte fern von Europa. Trotzdem hat die Krankheit ihren extremsten Ausbruch in Europa und besonders hier in Deutschland erlebt. Deshalb, meine ich, verpflichtet Sie Ihre furchtbare Geschichte, die Sie zu meiner Freude weiterhin studieren und erforschen, in besonderer Weise, Juden und Palästinenser bei der Suche nach einem friedlichen Modus vivendi zu unterstützen. Diese Hilfe sollte sich nicht in Geldzuwendungen und Konferenzen erschöpfen, sondern auch klare politische Formen annehmen. Deutschland als stärkstes und reichstes Land Europas könnte aktiv die Führung übernehmen und das vereinte Europa mit den gemässigten Ländern der Arabischen Liga zusammenbringen, um das Friedensabkommen zwischen den beiden Völkern durch echte Sicherheits- und Wirtschaftsgarantien abzusichern.
In der Frühzeit des Zionismus sagte der grosse jüdische Religionshistoriker und Philosoph Gershom Scholem, der hier in Berlin geboren wurde: Jetzt treten die Juden den schweren Rückweg in die Geschichte an. Das heisst, die Juden, die ihre Identität in der Diaspora auf mythologische Erinnerung und Zeit gestützt hatten, kehren jetzt zu den wahrhaft historischen Bestandteilen ihrer Identität zurück, die an ein bestimmtes, abgegrenztes Territorium und an das detaillierte chronologische Bewusstsein ihrer Geschichte und der Geschichte der sie umgebenden Völker anknüpfen. Daher ist es den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Identität mehr auf Mythen denn auf klarem Geschichtsbewusstsein aufbaut, beim besten Willen nicht gelungen, die Probleme des Nahen Ostens richtig einzuschätzen, und deshalb haben sie es auch trotz aller Anstrengungen nicht fertig gebracht, den Frieden in Nahost voranzutreiben.
Ihr Europäer als wahrhaft historische Völker seid besser dafür gerüstet, den zionistischen Prozess der Rückkehr in die Geschichte und die Schaffung der richtigen Landesgrenzen in Nahost zu unterstützen. Das ist vielleicht der Auftrag des heutigen Deutschland, und es wäre auch sein grosses Privileg, Europa als Hauptpartner in den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern hineinzuführen.