«Das schönste Geburtstagsgeschenk»

Von Valerie Wendenburg, June 11, 2009
Als erste Gemeinde der Schweiz gedenkt Birsfelden der 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen verstorbenen Anne Frank: Am vergangenen Sonntag wurde der Anne Frank-Platz feierlich eingeweiht.
EIN BESINNLICHER MOMENT Buddy Elias gedenkt am neu eingeweihten Schild seiner Cousine Anne Frank

Mit ihrem von 1942 bis 1944 verfassten Tagebuch gab die damals jugendliche Anne Frank den sechs Millionen Opfern nationalsozialistischer Gewalt ein Gesicht, sie machte das Schicksal der Verfolgten greifbar und ist noch heute eine Symbolfigur für diese Zeit. Nach ihrem tragischen Tod im Jahr 1945 veröffentlichte ihr Vater Otto Frank, der als einziges Familienmitglied den Holocaust überlebt hat, die persönlichen Aufzeichnungen seiner Tochter: Das «Tagebuch der Anne Frank» wurde in insgesamt 55 Sprachen übersetzt und bewegt noch heute Leserinnen und Leser aus aller Welt. Am heutigen Freitag, 12. Juni, wäre Anne Frank, die mit knapp 16 Jahren an Typhus starb, 80 Jahre alt geworden – dies ist einer der Gründe für die Gemeinde Birsfelden, ihrer in besonderer Weise zu gedenken. Die Gemeinde in Baselland hat einen besonderen Bezug zur Familie Frank, da Otto Frank von 1953 bis zu seinem Tod im Jahr 1980 in Birsfelden, nahe des nun seiner Tochter geweihten Platzes, lebte.

«Geburtstagsgeschenk für Anne»

Der in Basel lebende Cousin von Anne Frank, Buddy Elias, blickt auf gemeinsame Kindheitserlebnisse zurück. Er ist zudem seit 1996 Präsident des von Otto Frank gegründeten Anne Frank-Fonds. Elias bemühte sich schon seit längerer Zeit um eine Ehrung seiner Cousine in Basel, der Stadt, in der Anne auch zu Besuch war und die sie sehr mochte. In ihrem Tagebuch hielt sie fest, dass sie noch in ihrem Versteck davon träumte, wieder in die Schweiz reisen zu können. Alle bisherigen Bemühungen von Buddy Elias blieben dennoch erfolglos, einst erhielt er sogar eine Absage, die sich darauf berief, dass der Holocaust schliesslich nicht in der Schweiz stattgefunden habe. Umso bewegter und glücklicher ist er nun darüber, dass am Sonntag der Anne Frank-Platz in Birsfelden eingeweiht werden konnte: ein «wunderschönes Geburtstagsgeschenk für Anne», wie er gegenüber tachles sichtlich berührt betont. An der Feier nahmen neben dem Ehepaar Buddy und Gerti Elias auch Verantwortliche der Gemeinde Birsfelden, Christoph Eymann, Regierungsrat und Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Basel-Stadt, Guy Rueff, Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel, Daniel A. Rothschild, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, sowie Mitglieder des Anne Frank-Fonds teil.
Bevor das Schild des neuen Platzes enthüllt wurde, erinnerten mehrere Redner an die Geschichte der Anne Frank sowie an die Verantwortung, die auch die heutige Generation hat – denn der Platz soll nicht nur an die historischen Ereignisse erinnern, sondern auch an das Gewissen der Menschen appellieren, da es nach wie vor Vertreibung und Ausgrenzung gibt.

Die Erinnerung am Leben erhalten

Claudio Botti, Gemeindepräsident von Birsfelden, hiess die zahlreichen Besucher in
einer Rede willkommen. Er betonte, dass es ihm ein Anliegen sei, das Gedenken fortzuführen und auch den Kindern und Jugendlichen, die in Birsfelden leben, vor Augen zu führen, was damals geschehen ist. Die Jugend nahm denn auch lebhaft an der Veranstaltung teil, indem sie diese mit ihren musikalischen Aufführungen bereicherte. Auch Ursula Roth Somlo von der Kulturkommission machte in ihrer Ansprache ihre Freude deutlich, wie sehr sie sich freut, dass die Gemeinde Birsfelden nun einen Weg und einen Platz gefunden habe, um an die Familie Frank und insbesondere Anne zu erinnern. Von jüdischer Seite war Daniel A. Rothschild als Redner eingeladen, der sich bei der Gemeinde Birsfelden bedankte und auf ein Zitat von Anne Frank verwies, die einst in ihr Tagebuch geschrieben hat: «Ich möchte auch nach meinem Tod weiterleben.» Für Rothschild ist Anne Frank mehr ein «ganz normales Mädchen» als eine Ikone, das allerdings durch seine Aufzeichnungen deutlich gemacht hat, «wie schwer jedes einzelne Schicksal zählt». Was Anne Frank ausgezeichnet habe, sei ihre kämpferische Natur, sie habe Hoffnung gehabt und so ihre persönliche Geschichte weitergeben können – eine Geschichte, die auch heute an das Unrecht erinnern sollte, das täglich auf der Welt geschieht.

Ein Lichtblick in heutiger Zeit

Im Anschluss an die Ansprachen enthüllten Botti und Elias gemeinsam das neue Strassenschild, das auf dem kleinen Platz zwischen Eichenstrasse und Ahornstrasse steht und auf dem folgende Worte zu lesen sind: «Anne Frank, Symbolfigur aller unschuldig Verfolgten, geboren 1929, umgekommen 1945 in Bergen-Belsen.» Elias hielt vor dem Schild eine Rede; er sprach der Gemeinde Birsfelden seinen Dank aus und sagte: «Birsfelden tickt anders!». Anne Frank, die die Schweiz sehr geliebt habe, werde auf diesem Wege endlich auch hierzulande geehrt. Überhaupt sei dieses Strassenschild «das schönste», das er kenne, so Elias. Er zitierte seine Cousine, die noch in Zeiten der Hoffnungslosigkeit an das Gute im Menschen glaubte und stets darauf hoffte, dass sich alles zum Besseren wenden würde. Elias bezeichnete den Anne Frank-Platz als «Lichtblick in heutiger Zeit» und er zeigte sich davon überzeugt, dass nicht nur Anne Frank mit diesem Platz geehrt werde, sondern auch Birsfelden. Auf besonderen Wunsch von Elias trat anschliessend der Didgeridoomusiker Pete Kaupp auf, der auf bewegende Weise «für Anne» spielte. Am Anschluss an diesen offiziellen Teil offerierte der Gemeinderat Birsfelden allen Besuchern einen Apéro und lud die geladenen Gäste zu einem festlichen Mittagessen im Hotel Alfa ein.
Nachdem in der Vergangenheit mehrere seiner Versuche gescheitert waren, Anne Frank in der Schweiz einen Gedenkort zu schaffen, wurde dieses Anliegen für Buddy Elias in Birsfelden recht schnell Wirklichkeit. Elias wandte sich an den früheren Gemeindepräsidenten Peter Meschberger, den er persönlich kannte. Meschberger leitete die Idee an den Gemeinderat weiter, der sich sofort interessiert zeigte und einen Weg suchte, den Wunsch zu realisieren. Der heutige Anne Frank-Platz schien optimal: Bis anhin unbenannt, liegt er nur unweit des ehemaligen Hauses von Otto Frank.

Ein Tagebuch aus dem Versteck

Der Nachlass von Anne Frank und ihrer Familie wird vom Anne Frank-Fonds verwaltet. Die Geschichte der Familie Frank steht stellvertretend für Tausende von jüdischen Familien, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verfolgt wurden. Anne wanderte ein Jahr nach der Machtergreifung Adolf Hilters 1933 mit ihren Eltern und ihrer Schwester von Frankfurt a. M. nach Holland aus. Nachdem die Wehrmacht in die Niederlande einmarschiert war, versteckte sich die ganze Familie von 1942 an in einem Hinterhaus in Amsterdam – die Holländerin Miep Gies, die sich um die Familie kümmerte und sie zu retten versuchte, beging dieses Jahr ihren 100. Geburtstag (vgl. tachles 7/09). In der Zeit im Versteck schrieb Anne ihr Tagebuch, der letzte Eintrag stammt vom 1. August 1944 – drei Tage, bevor das Versteck verraten und die Familie deportiert wurde. In diesem Monat finden in Deutschland an mehreren Orten, so auch in der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Gedenkanlässe an das Mädchen statt, dessen Aufzeichnungen noch heute ein lebendiges Dokument Zeitgeschichte sind und das die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgegeben zu haben scheint.