«Das Schneeballprinzip wird gestoppt»
Interview mit Manuel Battegay
TACHLES: Soll mal sich gegen die saisonale Influenza impfen zu lassen?
MANUEL BATTEGAY: Ja, vor allem Menschen, die bei einer Grippe ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben, etwa ältere Menschen, Betagte oder chronisch Kranke.
Wann sollte man sich impfen lassen?
Ende Oktober, Anfang November. Es ist wichtig, zwei bis drei Wochen vor Beginn einer Grippewelle geimpft zu sein. In den letzten Jahren kamen die Hauptwellen zwar erst im Januar oder Februar, aber im Voraus wissen wir dies nie genau.
Nach 2009 sind viele verunsichert und auch die Experten scheinen sich nicht einig zu sein. Was soll man als Laie glauben?
Ein Grippevirus mutiert von Jahr zu Jahr stärker oder schwächer. Letztes Jahr haben wir ein neues, stark verändertes Virus erlebt. Diese Grippe betraf überproportional häufig jüngere Menschen, deren Abwehr noch nicht über Jahre aufgebaut worden war. Die Verunsicherung bestand darin, dass auch Experten nicht im Voraus sagen konnten, wie sehr sich diese Grippe ausbreiten und wie stark sie werden würde. Letztlich hat sich diese Grippe analog den Schätzungen der Experten zwar sehr stark ausgebreitet, aber sie verlief deutlich milder als erwartet. Dadurch schwand das letzte Vertrauen in die Prognosen.
Aber gilt dennoch: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig geimpft?
Richtig. Die Impfung setzt sich immer aus drei verschiedenen Impfviren zusammen und deckt Grippeviren ab, die wir für die Grippesaison als relevant betrachten. Meistens war der Impfstoff in den letzten Jahren richtig zusammengesetzt. Die Impfung reduziert die Schwere der Erkrankung und somit die Sterblichkeit um etwa 50 Prozent.
Dies ist eine eindeutige Aussage zur Impfung gegen Influenza. Gilt dies auch für alle anderen Impfmöglichkeiten?
Generelle Aussagen sind schwierig. Aber: Je besser der Impfschutz und je kleiner die Nebenwirkungen, desto sinnvoller ist es, sich impfen zu lassen. Man sollte bedenken, dass die Bevölkerung immer älter wird und Familien weniger Kinder haben als noch vor 100 Jahren. Letzteres heisst, dass viele Krankheiten, vor denen sich einst die Menschen früh einen Schutz durch Ansteckung erworben haben, heute nicht mehr in genügendem Ausmass vorhanden sind, damit wir uns im richtigen Lebensalter anstecken. Der Verlauf von Kinderkrankheiten im höheren Alter ist aber schwerer. Impfungen ersetzen also teilweise die natürliche Ansteckungsart. Masern etwa, die man als Kind nicht durchlebt und gegen die man nicht geimpft wurde, erzeugen bei Erwachsenen gehäuft schwere Lungen- oder sogar Hirnentzündungen. Bei der Grippeimpfung ist ein Vorteil, dass trotz Impfung die natürliche Abwehr, wenn wir mit dem Virus in Kontakt kommen, stimuliert wird.
Gibt es nationale Unterschiede bezüglich der Impfbereitschaft?
Ja. Bei der neuen Grippe, der Schweine-grippe letztes Jahr, war hier tatsächlich ein gewisser Alarmismus vorhanden. Es war aber gut, sich impfen zu lassen, denn neben dem milderen natürlichen Verlauf führten Massnahmen wie die Impfung bei dieser Pandemie weltweit zu weniger Todesopfern als Grippewellen früherer Jahre.
War es denn eine Pandemie?
Ja, punkto Verbreitung sicher, die Grippewelle war weltweit verbreitet.
Kann jemand, der geimpft ist, andere trotzdem anstecken?
Bei einer gut 50-prozentigen Impfrate kann das Grippevirus fast keine neuen Individuen anstecken – das Schneeballprinzip wird gestoppt. Eine geimpfte Person schützt nicht nur sich selbst, sondern reduziert die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit auf andere zu übertragen.
Wie ordnen Sie als Infektiologe die – medial sehr präsente – Grippe gegenüber anderen, oft schlimmeren Infektionskrankheiten ein?
Die Grippe ist als Krankheit häufig relativ harmlos, kann aber gerade bei älteren Menschen zu schweren Komplikationen führen. Patienten müssen dann intensiv betreut und teilweise künstlich beatmet werden. Besorgniserregend ist die Grippe, weil Viren sich so verändern könnten, dass die schlimmst mögliche Kombination daraus resultiert, nämlich, dass viele Menschen infiziert werden, der Impfstoff nicht gut wirkt und das Virus selbst sehr aggressiv ist. Das kam vor: Die Hongkong-Grippe und die Russische Grippe von 1968, respektive 1977 haben zwischen 500 000 und einer Million Tote weltweit gefordert.
Wie weit denken Sie punkto Grippe als Infektiologe voraus?
Wir machen diese Arbeit nicht selbst. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sammelt in Hunderten von Laboratorien Daten über Viren und analysiert, ob es darunter neue oder lediglich leicht veränderte alte gibt. Auf dieser Basis werden die Voraussagen, fast wie bei Wetterkarten, lange zuvor gemacht. Sechs Monate im Voraus muss die WHO den Impfstoffherstellern bekanntgeben, welche drei Viren in den Impfstoff integriert werden sollen, damit diese Zeit haben, ihn bis Oktober zu produzieren.
Wie sicher sind diese Voraussagen?
In den letzten zehn Jahren hat sich die WHO gerade einmal geirrt. Sie hat diese enorm schwierige Aufgabe hervorragend gelöst, und der Einbezug von drei Viren minimiert die Möglichkeit, völlig falsch zu liegen. Bei dem einen Irrtum hatte die Impfung jedoch mindestens eine Teilwirkung.
Wenn 500 Leute in einem Saal zusammen sind – wie viele davon sind statistisch betrachtet mit dem Grippevirus infiziert?
Die Zahl ist recht gering, da das Virus spätestens nach einem Tag eine manifeste Krankheit hervorruft. Wer aber an einer starken Infektion der oberen Luftwege leidet und etwa stark hustet, sollte grössere Ansammlungen und den Kontakt zu Kleinkindern oder Schwerkranken meiden. Früher, als es noch keine Antibiotika gab, war das selbstverständlich. Man sollte sich noch heute so verhalten und beispielsweise auch keine Hände schütteln. Denn nicht alles ist mit Antibiotika behandelbar – wie eben beispielsweise die Grippe. Die Einhaltung der Hygienevorschriften ist extrem wichtig.
Wie lange ist bei Grippe die Inkubationszeit, während der die Krankheit unbemerkt weitergegeben kann?
Man ist ab einem Tag, bevor man selbst krank wird, für etwa eine Woche ansteckend. Impfung, sich beim Husten oder Niesen von anderen abzuwenden und das gründliche Händewaschen können die Ausbreitung deutlich bremsen.
Sie sind im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft der Freunde des Weizmann Institute of Science und Mitinitiant der Lectures durch schweizerische und israelische Professoren zu wissenschaftlichen, populär aufbearbeiteten Themen. Dieses Jahr geht es am 11. November auch um die Grippe. Was sind Ihre Erfahrungen mit diesen immer gut besuchten Veranstaltungen?
Die Lectures sind durch verschiedene Aspekte attraktiv, etwa weil die Referenten – jeweils aus dem Weizmann Institute und der Schweiz – Freude haben, ihr komplexes Fachgebiet für einmal nicht vor Spezialisten darzustellen. Sie strengen sich sehr an, die Lectures spannend zu gestalten; auf der anderen Seite ist das Publikum auch wirklich interessiert. Dazu kommt im Hinblick auf den Austausch Schweiz-Israel der anschliessende soziale Anlass. Die Weizmann Lectures sind eine ideale Kombination und thematisch sehr breit gefächert, wie die Forschung am Institut, das zu den besten weltweit gehört.
Die Forschungszusammenarbeit zwischen Instituten in der Schweiz und Israel ist ja sehr eng.
Ja, und das ist sehr erfreulich. Hier kommt wohl der sehr positive schweizerische Pragmatismus zum Tragen. An hiesigen Universitäten wird auf den Inhalt geschaut und das Politische aussen vor gelassen wird. Bei den Weizmann Lectures ist dies auch ein Verdienst René Braginskys und des jetzigen Präsidenten Eric Strupp, die immer wissenschaftliche Förderung und Zusammenarbeit und nicht Politik zum Thema machen. Den Schweizer Universitäten gebührt ein Kompliment, dass politische Überlegungen stets sehr besonnen angestellt werden, im Gegensatz beispielsweise zu England.
Sind die Schweizer Universitäten international gesehen hier eine grosse Ausnahme? Oder werden vereinzelte Boykotte überbewertet?
Ich bin Mitglied in mehreren europäischen Gremien, und in einem davon war darüber zu entscheiden, ob die entsprechende israelische Gesellschaft aufgenommen werden sollte. Die Diskussion wurde sehr wohlwollend geführt, das Wort Boykott kam nie vor. Im Gegenteil: Der Hinweis, dass israelische Kollegen teilweise isoliert sind, erfolgte zusammen mit der Äusserung, dass man sie viel besser integrieren sollte – auch wenn die eine oder andere leicht kritische Bemerkung fiel. Das nahm aber nie problematische Ausmasse an. Der Boykott einzelner Länder stört mich persönlich sehr. Glücklicherweise sind es zurzeit nur vereinzelte Länder, die hier immer wieder deplazierte Diskussionen führen. In den Gremien, in denen ich einsitze, gilt es das Positive der Zusammenarbeit hervorzuheben.