Das Restaurant bleibt

Von Gisela Blau, July 1, 2011
An der öffentlichen Gemeindeversammlung der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich wurden die ordentlichen Geschäfte im Nu erledigt. Engagiert diskutiert wurde vor allem über das Restaurant und die Steuern.
RESTAURANT OLIVE GARDEN Attraktive Verpflegungsmöglichkeit im ICZ-Gemeindezentrum

Zukunftsweisend  für die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) sei der Ausgang der vielen Zusatztraktanden zur ordentlichen Gemeindeversammlung, sagte einleitend Co-Präsident André Bollag und zitierte aus den Sprüchen der Väter: «Jeder Streit, der für einen höheren Zweck geführt wird, hat Bestand.» Im letzten Wochenabschnitt «Korach» sei allerdings aufgezeigt worden, welcher Streit keinen Bestand habe, nämlich Streit, der lediglich den eigenen Interessen und der eigenen Ehre dienen soll. Bei allem, was der Vorstand heute präsentiere, gehe es um ein höheres Ziel, nämlich um die Interessen der ICZ als Solidargemeinschaft, versicherte Bollag.
Nach solchen Worten, die bereits die Ernsthaftigkeit einiger Themen einläuteten, forderte Bollag Rabbiner Marcel Yair Ebel auf, Rabbiner Arik Speaker zu verabschieden, der mit seiner Familie nach Israel zurückkehrt. Speaker habe es «mit seiner offenen, aufmerksamen und tiefen Art» verstanden, sich bei Jung und Alt eine Beliebtheit zu schaffen, die ihresgleichen suche. Zu Rabbiner Speakers Ehren war bereits vor der Gemeindeversammlung ein eleganter Apéro aufgetischt worden, des Zwecks und der neuen Räume überaus würdig.

Rabbiner Speaker bald virtuell präsent

Rabbiner Ebel rühmte, die Zusammenarbeit im Rabbinat sei ausgezeichnet gewesen. Er habe, obwohl an Jahren älter, viel von «Raw Arik» lernen können. Auch sei es ihm möglich gewesen, mit gutem Gewissen wegzufahren, ohne Angst haben zu müssen, dass Speaker in seiner Abwesenheit das Tafelsilber verkaufen würde. Rabbiner Speaker bedankte sich in seinem guten Deutsch bei der Gemeinde für deren Wärme und deren Potenzial. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass er nach Israel zurückkehren werde, obwohl ihm und seiner Familie in der ICZ wirklich gar nichts gefehlt habe. Rabbiner Speaker wird den Fans seiner beliebten Schiurim virtuell erhalten bleiben.

Am Friedhof «alles ruhig»

Drei Kommissionspräsidenten berichteten über ihre Arbeit. Ron Wildmann, der neue Vorsteher der Schulkommission, dankte seinem Vorgänger Alain Gut und erzählte über Kindergarten, Ganon, Mittagstisch, Hort, Religions- sowie Bar- und Bat-Mizwa-Unterricht nur Gutes. Demnächst werde für Kinder israelischer Familien ein – kostenpflichtiges – zweisprachiges Zusatzangebot geschaffen. Patrick Nordmann berichtete vom neuen Kinder-Synagogenchor. Anmeldungen für Kinder zwischen sechs und zehn Jahren seien sehr willkommen.
Eduard Benjamin erklärte, ausser einer Waschmaschine verfüge der Friedhof jetzt auch über eine gespendete Bügelmaschine. Und er erntete einen verdienten Lacher, als er mit den trockenen Worten schloss, im Übrigen sei bei ihnen alles ruhig. In die Schulkommission wurde die Schulpsychologin Silvia Levy und in die Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission (GRPK) der Wirtschaftsjurist Guido Urbach gewählt.
Die übrigen ordentlichen Geschäfte wurden im Nu erledigt. Auch die Jahresrechnung von Quästor Eli Eyal wurde ohne eine Frage aus dem Publikum einstimmig abgesegnet. Eyal berichtete von Rückstellungen im Betrag von 350 000 Franken. Der Gewinn von 5000 Franken wurde wunschgemäss dem Gemeindevermögen zugeschlagen. Die Schlussabrechnung für den Umbau kündigte der Quästor für später an, sobald die letzten Rechnungen eingetroffen seien.

Engagierte Diskussionen

Die folgenden Traktanden lieferten zwar Stoff für engagierte Voten, aber der Vorstand hatte zum Schluss die besseren Argumente. Mit einer einzigen Variante, die von Ralph Dessauer als Kompromissvorschlag eingebracht und angenommen wurde: Der Vorstand muss für die Beurteilung der Notwendigkeit einer Aufstockung der Hypothek um zwei Millionen Franken die Schlussaabrechnung des Umbaus abwarten.
Ein Steuer-Cap für höhere Einkommen auf 25 000 Franken jährlich bot Anlass für Kontroversen. André Bollag erklärte, die ICZ sei die einzige Gemeinde in der Schweiz ohne dieses Steuerdach, und dieses würde vorläufig nur sieben Mitglieder betreffen. Der Vorstand befürchte ansonst Abwanderungen. Es gebe Beitritts-Gespräche mit Juden in der Schweiz, die noch keiner Gemeinde angehören und für die das Cap interessant wäre. Bei einer Senkung der höchsten Einnahmen sei die ICZ vermehrt auf Spenden angewiesen, heutzutage ein wichtiger Faktor. Nach achtenswerten Einwänden («unsolidarisch mit niedrigeren Einkommen», «Druck von aussen», «Steuerermässigung für alle, flankiert von Einsparungen») akzeptierte die Gemeindeversammlung (GV) das Steuerdach, allerdings mit den Auflagen der GRPK, der Vorstand müsse an einer der beiden nächsten Gemeindeversammlungen Vorschläge für eine Anpassung auch bei niedrigeren Einkommen vorlegen. Darüber wird sich nun eine Ad-hoc-Kommission beugen.
Edgar Abraham erntete Applaus, als er ankündigte, er wolle den verlangten Bericht über die «Neue Struktur» nicht vortragen. Dieser stehe in gedruckter Form und demnächst auch für die registirerten Mitglieder auf der neuen ICZ-Homepage zur Verfügung. Nochmals zahlreiche Wortmeldungen brachte das Traktandum neun, die Motion zur Rückweisung des Entscheids für ein Restaurant der letzten GV vom April. Mit einem so klugen wie beherzten Votum rettete Shella Kertész das Restaurant; die Motion wurde abgelehnt. Sie sagte, der Vorstand wehre sich gegen den Stillstand. Für mehrere hundert Steuerzahler, die weniger als 100 oder bis 500 Franken Steuern bezahlen, wäre die vorgeschlagene Zusatzsteuer von 150 Franken nicht tragbar. Ein Defizit könne nur mit der beschlossenen Restaurantversion dank einem Catering in Grenzen gehalten werden. Schon jetzt gebe es an den zahlreichen Anlässen im neuen Gemeindehaus Fremd-Catering in sechsstelliger Höhe, aber diese Beträge sollten lieber in die Kasse der ICZ fliessen. Zum Schluss akzeptierten die mehr als 200 Anwesenden offensichtlich, dass das schöne Haus der grössten Gemeinde eine angemessene Verpflegungsmöglichkeit unter eigener Aufsicht benötigt.