Das Reden von «Menschenrassen»

von Nico Rubeli-Guthauser, October 9, 2008
Ausgelöst durch die Neuauflage des Buches «Rätsel des Judentums» und eine Zusammenstellung von Zitaten aus dem Werk Rudolf Steiners entstand eine Debatte bezüglich der Haltung der Anthroposophen zum Judentum. Letzte Woche luden die Anthroposophische Gesellschaft - Zweig am Goetheanum und Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft zu einer öffentlichen Veranstaltung mit prominenten Diskussionsteilnehmern zur Verständigung von Judentum und Anthroposophie.
Goetheanum: Anthroposophie muss die Position gegenüber dem Judentum aufarbeiten. - Foto KY

Anthroposophen tun sich im Umgang mit Antisemitismus schwer. Eine einschlägige Monografie zum Thema veröffentlichte 1931 der Steiner-Schüler Ludwig Thieben unter dem Titel «Rätsel des Judentums». Thieben konvertierte vom Judentum zum Christentum, um sich dann der Anthroposophie zuzuwenden. Sein Buch kam wenige Jahre nach der Neuauflage (1991) in nicht-anthroposophische Hände. Zum Erstaunen des Verlegers entbrannte eine Diskussion nicht nur über die antijüdischen Theorien und antisemitischen Klischees in Thiebens Buch, sondern auch über die Verschärfung dieser Thesen durch das Vorwort des Verlegers: wohlgemerkt 1991. Die Thesen des Verlegers gipfeln im schrecklichen Gedanken, dass das Leiden und die Morde in der Schoa uns die Augen öffnen sollen für die «Grosstaten» Christi, von denen Herzl geträumt habe (eine Fremdbestimmung Herzls), «so könnte der beste, sich fortentwickelnde Teil des Judentums sein, der dem Deutschtum in Zukunft bei der Verwirklichung seiner wahren Aufgaben beisteht».

Erster Schritt zum Dialog

Für einigen Gesprächsstoff war also gesorgt am Themenabend «Antijudaismus in der Anthroposophie?» (Referat Professor Ekkehard Stegemann, Uni Basel, Antisemitismusexperte und Neutestamentler) und von «Individualismus in der Anthroposophie!» (Referat Dr. Andreas Heertsch, Leiter des Goetheanum-Zweigs und Arzt) im Goetheanum. Der rhetorisch ausgearbeitete Vortrag von Ekkehard Stegemann machte das Angebot, dass Antisemitismus eine gesellschaftliche Krankheit sei, von der sich jede Tradition im Sinne einer Selbstaufklärung zu befreien habe. Er zeigte nicht nur differenziert Fazetten antijüdischer Denkstrukturen und antisemitischer Klischees bei Rudolf Steiner auf, er gewichtete auch den Willen Steiners, nicht Antisemit sein zu wollen und auch Antisemiten kritisiert zu haben. Er diagnostiziert in aller Klarheit den «negativen Mythos über Juden in der Anthroposophie» in der «seit Steiner nachweisbaren Auffassung, dass jüdische Existenz zu verschwinden habe». Die antisemitische Wirkungsgeschichte Steiners bei Schülern der Anthroposophie, wie Ludwig Thieben und Karl König dürfe nicht mit Steiner in-eins gesetzt werden, sondern müsste von Anthroposophen aufgearbeitet und kritisiert werden. Er wies auch auf erste hilfreiche Statements in dieser Richtung durch die AAG hin. Andreas Heertsch ging in einer gehobenen Dialogkultur auf das Thema ein. Er gab Defizite in bezug auf Kenntnisse des Judentums zu und war auch gewillt, sich für Kritik zu öffnen. Wichtig war seine erste These: «Mit dem Holocaust hat Völkervernichtung ihre barbarischste Ausprägung erlangt. Wer nach dem Holocaust fordert, erwartet, hofft oder diskutiert, dass das jüdische Volk - aus welchen Gründen auch immer - sich auflösen, assimilieren oder sonst wie verschwinden solle, ist nicht nur taktlos, sondern leistet vorsätzlich oder fahrlässig dem Antisemitismus Vorschub.» Theoretisch bleibt die Frage, die Andreas Heertsch als Schlusswort aufnahm: Er möchte sich von Antisemitismus distanzieren und ist auch bereit, anthroposophische Worte kritisch zu durchleuchten. Aber er möchte Geschichte weiterhin evolutiv und teleologisch anschauen, d. h. Geschichte als eine Entwicklung des Geistes zum Besseren mit Sinn und Ziel anschauen. Er möchte weiter den Völkern und Kulturen Aufgaben zuweisen. Dass der einzige Anthroposoph, der sich an diesem Abend überhaupt der Kritik etwas öffnete, trotzdem nachfragen wollte und musste, warum Juden leiden und was denn ihre andere Aufgabe sei, ist die tiefe Beunruhigung, die gestern geblieben ist. Professor Ernst-Ludwig Ehrlich und Peter Liatowitsch nahmen die Aufgabe wahr, menschliche Brücken zu bauen und jede Gesprächsbereitschaft weiter wachsen zu lassen. Auch die Beunruhigung, ja die Regression in den alten Mythos, Juden auf ihr «Leiden-Müssen» zu befragen, wurde in aller Freundlichkeit geäussert und konnte zumindest von Heertsch ohne Wenn und Aber aufgenommen werden. Eher kraus muteten die Voten von David Schweizer an, der sich als bekennender Jude und bekennender Anthroposoph vorstellte. Mit der Flut von Zitaten verteidigte er Steiner und auf seine defensive Haltung angesprochen, verteidigte er seine Defensive. Zum wichtigsten Zitat von 1924 - einem Jahr vor Steiners Tod - versuchte Hertsch sich, zugleich etwas abwehrend und dennoch affirmativ zu verhalten: «Hat das jüdische Volk seine Mission in der Menschheitsentwicklung erfüllt?» Und er wies mehrfach daraufhin, dass Nationalismus schrecklichstes Grauen - wie die Schoa oder ethnische Säuberungen im Balkan - hervorbringe. Die Rolle der Juden droht wieder zwischen Opfer und Täter zu oszillieren.
Ständerat Plattner sprach die Vertreter der Anthroposophie auf Errungenschaften ihrer Tradition an und wies auf die nationale Aufarbeitung des Antisemitismus in der Schweiz hin, um inständig zu bitten, sich zu den kritischen Fragen nicht nur defensiv, sondern auch inhaltlich zu verhalten, nämlich antisemitische Texte nicht wegzudiskutieren, sondern zu überwinden. Atlantis und die Lehre von «Menschenrassen» finden wir in Schulheften von Waldorfschülern. Z. B. im Unterrichtsfach Weltgeschichte der 5. Klasse der Rudolf Steiner Schule Birseck bei Dornach: «Zwischen Europa und Amerika, wo sich heute ein grosses Meer befindet, gab es einmal einen Erdteil, Atlantis genannt. Die Erde war damals weicher, die Luft aber dichter und von Nebel durchzogen. Eine wuchernde Pflanzenwelt bedeckte den Boden. In langen Zeiträumen entstanden verschiedene Menschenrassen, deren Nachkommen heute in den schwarzen, roten, gelben und weissen Völkern anzutreffen sind. Damals hatten die Menschen noch einen weichen, bildsamen Leib…» Die Lehre von «Menschenrassen» ist menschenverachtend; und sie wird noch heute unseren Kindern gelehrt!

Verzicht auf Polemik

Dank dem Patronat von Ständerat Gian-Reto Plattner und der Geste von Professor Ekkehard Stegeman, Ernst-Ludwig Ehrlich und Peter Liatowitsch, die auf jedes Wort der Polemik verzichtet haben, hat nun der Goetheanum-Zweig der Anthroposophie die Chance zu wählen: entweder haben die Vertreter der Anthroposophie die Kraft, sich der barbarischen Unterseite ihrer Kultur zu stellen und sich selbstkritisch vom Antisemitismus in anthroposophischen Texten und Vorstellungen zu trennen, die Anthroposophie verweigert sich den Werten unserer demokratischen Kultur und muss in aller Offenheit als Tradition mit Hang zu «Rassenlehre» und «Antisemitismus» beobachtet und notfalls rechtlich in die Schranken der Menschenrechte gewiesen werden. Freiheit des Geistes darf nie als Feigenblatt für Diskriminierungen benutzt werden. Denn: Diskriminierungen bedeuten in jedem Fall Gewalt.

Der Autor ist Evang.-ref. Pfarrer, Projekt- und Studienleiter der Christlich-Jüdischen Projekte (CJP), Inhaber von in-tego Nico Rubeli, Vertrauliche Beratung für MitarbeiterInnen in Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen und wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel.