Das Phänomen Yossi Vardi
Da ist die Sache mit den leeren Milchkartons. Sie sagt einiges darüber aus, wie Yossi Vardi tickt. 15 Packungen stapeln sich neben Zeitschriften und Disketten auf dem Ledersofa neben seinem Schreibtisch. Für jedes Kilo, das Vardi abnimmt, gibt ihm seine Frau einen Milchkarton, damit er sich eine Vorstellung von der verlorenen Masse machen kann. Wenn er an seinem Laptop arbeitet, stopft er sich dann manchmal die Packungen ins Hemd und in die Hose und freut sich über die Erleichterung. Das sei dann sehr motivierend, aber es klappe eben nur zeitweise, sagt er grinsend mit Blick auf sein immer noch beträchtliches Volumen. Sein Verlangen nach Essen überwältige ihn immer wieder.
Dass Vardi in solchen Momenten seinem Instinkt folgt, auch wenn er danach wieder mit der Diät von vorne anfangen muss, ordnet ihn der Gruppe der «Bauchmenschen» zu. Vardi gilt als Vater der israelischen Hightechindustrie und legendärer Internetguru, er entwickelte eine Software, mit der heute Millionen Menschen im Internet chatten. Aber er interessiert sich nicht für Businesspläne oder Powerpoint-Präsentationen, wenn ihn junge Unternehmer um Gelder ansuchen. «Sie müssen sehr kreativ und nette Menschen sein, dann investiere ich in sie», sagt Vardi. Bei seiner Suche nach Talenten verlässt er sich aufs Gespür. Derzeit ist er in 39 Firmen involviert, finanziell und als Berater. Den Rest seiner Zeit reist er um den Erdball und trifft sich mit anderen Vordenkern aus der digitalen Welt, die in der Regel höchstens halb so alt sind wie er.
Mit 65 bekämpft er den berufsbedingten Jetlag nicht mehr. Wenn er etwa ins Silicon Valley fliegt, funktioniert er einfach nach Tel Aviver Uhr weiter, geht also um vier Uhr nachmittags schlafen, nach israelischer Zeit ein Uhr nachts, steht dann kurz vor Mitternacht wieder auf und beantwortet die mehreren hundert E-Mails, die täglich bei ihm eingehen. Eine Sekretärin hat er nicht, weil es ihm zu zeitaufwändig wäre, sie dauernd auf dem Laufenden zu halten. Die kleine Telefonanlage in seinem Büro bedient er selbst. Es liegt im Untergeschoss seiner Villa in Afeka, einem Viertel nahe der Tel Aviver Universität. Wenn ein Anruf für seine Frau kommt, ruft er ein schallendes «Talma» nach oben und nimmt das nächste Gespräch in der Warteschleife entgegen. Sein Terminkalender ist ein DIN-A4-Blatt mit lauter kleinen, vollgekritzelten Kästchen. Die wichtigsten Daten hat er ohnehin im Kopf. Eine One-Man-Show, die nicht ganz zufällig gerade in Israel produziert wird.
Das ist Yossi Vardi. Die Software ICQ hat ihn weltweit berühmt gemacht. Und ziemlich reich. 1996 unterstützte er seinen Sohn Arik und drei seiner Freunde mit ein paar hunderttausend Dollar und übernahm selber den Vorsitz ihrer neuen Firma Mirabilis, die bald darauf ICQ («I seek you» – «Ich suche dich») erfinden sollte. Das Computerprogramm, mit dem es sich per Tastatur tratschen lässt, entwickelte sich zu einer der erstaunlichsten Erfolgsstorys des Internets. Rund 400 Millionen Benutzer luden es bisher herunter. Ein Geniestreich, der auch Vardi erst im Nachhinein so richtig klar wurde.
Dabei mutet die Idee, die ICQ zugrunde liegt, eher simpel an: Instant Messaging, eine Mischung aus elektronischer Post und Telefongespräch. Die meist jugendlichen Nutzer können auf diesem Weg Dateien austauschen, Internettelefonate führen oder Chatrooms einrichten. Das Programm birgt wie ein Virus die eigene Vervielfältigung in sich: Anwender können E-Mail-Adressen von Freunden eingeben, die ICQ noch nicht nutzen, und diese bekommen dann automatisch eine elektronische Aufforderung, die Software doch herunterzuladen. Zwei Jahre nach der Gründung ging Mirabilis für 400 Millionen Dollar an den weltgrössten Onlinedienst AOL. Was er damals verkaufte, sagt Vardi heute, war der ökonomische Wert eines gesellschaftlichen Phänomens.
Fast schon eine «religiöse Dimension»
Mittlerweile ist längst ein Kult daraus geworden. In Thailand und Brasilien feiert man Vardi als Helden, sobald er dort als der Mann hinter ICQ erkannt wird. Seine Erklärung: «Die Leute lieben das Programm als Liefermechanismus für etwas sehr Wichtiges in ihrem Leben.» Bei so vielen Nutzern handle es sich aus seiner Sicht schon um eine «religiöse Dimension». Drei virale Produkte seien bisher in der Geschichte in Umlauf gesetzt worden, sagt Vardi. Vor 2700 Jahren die Bibel, vor 2000 Jahren Jesus und vor zehn Jahren ICQ. «Wenn Sie bei Google diese Stichwörter eingeben, taucht ICQ 240 Millionen Mal auf, die Bibel 100 Millionen Mal und Jesus 140 Millionen Mal.» Das spricht für Selbstbewusstsein.
Vardi hat viel Zeit damit verbracht zu verstehen, warum ICQ derart populär ist. Hat jede Menge Bücher über bewegende Lebenserfahrungen, Architektur, Theater oder auch Kochen durchforstet. Schliesslich kam er zur Schlussfolgerung, dass sich der Erfolg im Internet ähnlich wie ein grosser Film durch eine künstlerische Hand erklären lässt, die es schafft, die Menschen tief in ihrem Herzen zu berühren. «Wo konnte man vor 1000 Jahren grossartige Kunst sehen? Richtig, in den Kirchen, die die grössten Maler und Komponisten engagierten. Sie boten den Massen eine wertvolle Medienerfahrung.» Heute sei das Internet der Kurator solcher Erlebnisse.
Seit dem Erfolg von ICQ hat sich Vardis Drang, junge Talente zu fördern, noch verstärkt. Er trifft sich mit ihnen auch noch zu Gesprächen um zwei Uhr nachts, organisiert Foren und Brainstormings. Mit dem deutschen Verleger Hubert Burda ist Vardi seit drei Jahren gemeinsam Schirmherr des Burda-Kongresses Digital Lifestyle Design in München. Für Burda ist dabei «immer wieder erstaunlich, wie weit vorn Yossi Vardi in der Entwicklung des Internets ist. Er ist noch immer ein junger Wilder, ein kreativer Vordenker». Für die internationale Internetszene sei er ein Doyen, sagt Burda, «und gleichzeitig ist er ein ganz besonderer Mensch». Einmal pro Jahr lädt er auch «250 originelle, ungewöhnlich kreative junge Leute» – aus Israel und dem Ausland – zu einem dreitägigen Workshop ein, um sie auf ihrem Weg zu ermutigen. Es gibt kein Programm, nur grosse Tafeln als Wunschzettel. Bis morgens um fünf geht es dann um digitale Kunst, digitale Musik, digitale Spiele, um Vorträge über die Kultur des Internets oder um ferngesteuerte Hubschrauber.
«Vardi ist nicht nur extrem neugierig und verfügt über unglaublich viel Wissen, sondern er vermag es auch auf eine – meist witzige – Weise weiterzugeben, dass man seine Botschaften nicht vergisst», sagt sein langjähriger Freund Dov Lautmann, der Gründer von Delta-Textilien, einem anderen israelischen Imperium.
Der Kontakt zur jungen Generation ist für Vardi essentiell. Seine Altersklasse gehöre einer aussterbenden Art an, sagt er. «Denn wir haben von unseren Eltern gelernt und lernen auch von unseren Kindern, die bereits in die digitale Welt hineingeboren wurden. Das Internet ist für sie ein Werkzeug so wie für uns Hammer oder Schere.»
Als sein Sohn Arik, der später Mirabilis gründete, das Gymnasium abbrach, war Vater Vardi, Jahrgang 1942, tief schockiert. Er selbst gehört der alten Schule an, wie sein Lebenslauf klarmacht: eine umsorgte Kindheit mit vielen Büchern, Radiotechniker während seiner Armeezeit, Ingenieurstudium, Doktortitel vom prestigeträchtigen Technion in Haifa, mit 27 Jahren Direktor des Entwicklungs- und später auch Energieministeriums, Gründer von Low- und Hightechfirmen.
Dass Israel ein besonders fertiler Boden gerade für Hightech ist, führt Vardi auf die «hiesige Mischung aus Unternehmergeist und Kreativität» zurück und auf eine Kultur, die Scheitern nicht verurteilt, sondern vielmehr zum Anlass für einen Neustart nimmt. Denn es gehöre zum riskanten Hightechgeschäft, dass nicht alle Start-ups erfolgreich seien. «Hier versagt man und versucht es wieder. Darauf ist man nicht stolz, aber es ist eben auch nichts, wofür man sich besonders schämen müsste.» Yossi Vardi vergleicht das mit unermüdlichen Bergsteigversuchen. «Wenn man es nicht schafft, den Gipfel zu erklimmen, geht man ins Basislager zurück, sammelt sich erneut und beginnt von neuem.» Zur besonderen israelischen Mischung aber gehöre auch der Ehrgeiz der jüdischen Mutter: «Nach all dem, was ich für dich getan habe, ist doch ein Nobelpreis nicht zu viel verlangt.» Und wenn nicht sie, dann sei es eben die Ehefrau oder die Schwiegermutter, die antreibe.
Klar sei Unternehmergeist heute auch in Korea, China oder Indien stark ausgeprägt, aber was Israel in dieser Hinsicht so besonders mache, sei die Tatsache, «dass wir am Anfang der Nahrungskette stehen. Da geht es darum, aus dem Nichts etwas zu schaffen, eine Idee zu erträumen und dann loszuziehen und sie in die Tat umzusetzen, dazu braucht man viel Fantasie und hohe Risikobereitschaft.»
Nicht nur Erfolgsstorys
Das sind Fähigkeiten, die in Israel die Armee fördert. Die Suche nach Begabungen beginnt in der Regel schon in der Schule. Wer früh Talent zeigt, wird da bereits als potentielles Mitglied für die Computerbrigaden oder andere technologische Spezialeinheiten identifiziert, in denen unter Traumbedingungen geforscht wird. Aus diesem Reservoir schöpft häufig auch Vardi, wenn er sich für die Investition in eine Neugründung entscheidet. Israels Hightecherfolg rühre von «all den jungen Leuten, die sich was trauen und bereit sind, hart für eine Sache zu arbeiten, eben von jenem Pionierdasein, das Israel im letzten Jahrhundert geprägt hat». Aus Vardis Sicht gibt es kaum einen Unterschied zwischen dem Aufbau eines Staates und dem eines profitablen Unternehmens oder zwischen der Verteidigung des eigenen Territoriums und dem Vertreten des eigenen Standpunktes bei Geschäftsverhandlungen.
Wenn Vardi von seiner Heimat spricht, klingt er plötzlich sehr patriotisch. Der Erfolgstyp, der selbst an israelische Kollegen englische E-Mails schreibt, wie es in diesem Milieu eben so üblich ist, und der bei seiner Arbeit längst in einer Welt ohne Grenzen und Nationen lebt, hat nie ernsthaft erwogen, woanders zu leben. Auch nicht im Silicon Valley, wo es viele Israeli aus beruflichen Gründen im Laufe der Jahre hingezogen hat.
Und als israelischer Staatsbürger macht er sich Sorgen um die Zukunft seines Landes und vor allem um die dort wachsende Wohlstandskluft. So sehr, dass er bei der Verleihung des Industriepreises 2007 gegen die Interessen seiner Branche anredete. Nachdem ihm die Knessetsprecherin den Preis im September überreicht hatte, forderte er die Regierung explizit zu einem Prioritätenwechsel auf, nämlich zu mehr Unterstützung der traditionellen Industriezweige. Auch wenn die stark wachsende Hightechindustrie ausländische Investoren anziehe, sagte Vardi, «ändert das nichts daran, dass wir nur sieben Prozent der Bevölkerung versorgen, aber 93 Prozent der Aufmerksamkeit auf uns ziehen».
Vardi plädiert statt einer Hightechstrategie für eine eher klassische Entwicklung der Wirtschaft: über den Ausbau der Infrastruktur, über bessere Ausbildungen und die Schaffung von vielen Arbeitsplätzen. Nur so lasse sich ein Auseinanderdriften in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft verhindern. Im statistischen Vergleich befindet sich das Land in einer einzigartigen Position, rechnet Vardi vor. Während die Industriestaaten hohe Pro-Kopf-Einkommen verzeichnen und niedrige Geburtenraten, haben Entwicklungsländer ein geringes Pro-Kopf-Einkommen und hohe Geburtenraten. Israel aber befinde sich ausserhalb der Grafik. Mit einer relativ hohen Geburtenrate von 2,9 Kindern und einem relativ hohen Pro-Kopf-Einkommen. «In Wirklichkeit aber sind wir zwei Länder: ein Hightechland mit wenigen Kindern und sehr hohen Einkommen und ein armes, überbevölkertes Land mit geringen Einkommen.» Das sei weder richtig noch zukunftsweisend.
Was nicht heisse, dass es nicht auch in der Hightechindustrie Verlierer gebe. Nicht alle Neugründungen entwickelten sich bisher erfolgreich, auch nicht, wenn Vardi sie mit vollem Einsatz unterstützt hat. Seinen Leuten legt er dann soziale Schadensbegrenzung nahe. «Das Wichtigste ist, eine Firma so zu schliessen, dass den jungen Mitarbeitern so wenig Narben wie möglich zurückbleiben.» Nicht alles habe ein Happy End, sagt Vardi. Bisher gilt das auch für seine Diät-Anstrengungen. Da gibt es bisweilen ebenfalls Rückschläge. Eigentlich müsste der Internetpionier seiner Frau längst wieder acht Milchpackungen zurückgeben.