Das österreichisch-jüdische Leben des Bruno Kreisky
Wien war gegen Ende des 19. Jahrhunderts ganz unzweifelhaft Zentrum eines «modernen» Antisemitismus europäischen Zuschnitts in seiner furchtbarsten Ausprägung. Das andere Wien hingegen, das waren Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Sigmund Freud und all die anderen. Wien war zugleich Gründungsort und Zentrum des politischen Zionismus, Wirkungsstätte Theodor Herzls. Jüdische Gelehrsamkeit stand krudem, beleidigendem Antisemitismus gegenüber. Einer der übelsten Antisemiten war der bekannteste Bürgermeister Wiens, und ein Jude wurde
60 Jahre später in der gleichen Stadt charismatischer Kanzler Österreichs – gibt es grössere Gegensätze? Dass dies in Hitlers Geburtsland mit
seiner gepflegten antisemitischen Geschichte und seiner hartnäckigen Waldheim-Vergangenheit möglich war, ist so bemerkenswert wie die Tatsache, «dass ausgerechnet ein Grossbürger mit viel Gout fürs Aristokratische die harten Austromarxisten der SPÖ zu braven Sozialdemokraten domestizierte». Die Rede ist von Bruno Kreisky.
Doch lässt sich Kreisky so ohne weiteres unter der Rubrik «Jude» subsumieren? Jetzt hat Wolfgang Petritsch, viele Jahre Sekretär von Bundeskanzler Kreisky, eine Biografie seines früheren Chefs vorgelegt, die dem Apostrophierten gerecht wird und rechtzeitig zu dessen 100. Geburtstag erscheint.
Nicht in die Wiege gelegt
Eine Karriere als Sozialist, der zu einem der «Väter der europäischen Sozialdemokratie» werden sollte, war dem in eine grossbürgerliche jüdische Wiener Familie hineingeborenen Bruno Kreisky nicht in die Wiege gelegt. Kreisky bezeichnete sich selbst im Rückblick als «Epigone des alten Österreich». Dies keineswegs aus nostalgischer Hinneigung zu der 700-jährigen Herrschaft der Habsburger, sondern aus dem Bedauern über den Untergang eines übernationalen staatlichen Gebildes. Dennoch blieb ihm der ganze Pomp der Doppelmonarchie nichts als düster.
Es ist beinahe eine Ironie der Geschichte, dass Kreisky seine letzte Universitätsprüfung ausgerechnet am 14. März 1938 machte, als die Nazis in Wien den «Anschluss« feierten. Einen Tag später war er bereits in «Schutzhaft». Ende September 1938 ging er ins Exil nach Schweden. 1949 kehrte Kreisky nach Österreich zurück. 1951 wurde er Kabinettsvizedirektor, im April 1953 Staatssekretär im Aussenamt und am 16. Juli 1959 wurde er als Aussenminister unter Bundeskanzler
Julius Raab vereidigt, eine Funktion, die er bis zum Frühjahr 1966 innehaben sollte. Vier Jahre später wurde er zum Bundeskanzler Österreichs gewählt und hatte dieses Amt bis 1983 inne.
Den österreichischen Wählern war Kreiskys Herkunft, als er sich 1970 als Kanzlerkandidat zur Wahl stellte, natürlich nicht unbekannt, dafür hatte schon sein konservativer Gegenkandidat gesorgt, der für sich mit dem Wahlkampfmotto «Ein echter Österreicher» warb. Die Wähler der Alpenrepublik hatten sich 1970 zwischen einem «echten» Österreicher und einem «anderen» Kandidaten, einem Juden, zu entscheiden. Doch die antisemitisch motivierte Wahlkampfstrategie, die auf Kreiskys Herkunft und Exil anspielte, verfing nicht. In einer für ihn typischen Klarstellung konterte Kreisky: «Für mich glaube ich in Anspruch nehmen zu dürfen, ebenfalls ein echter Österreicher zu sein.»
Unerbittliche Feindschaft
Kreiskys Kanzlerschaft stand von Beginn an unter keinem guten Stern: Simon Wiesenthal hatte herausgefunden, dass vier Regierungsmitglieder eine Nazivergangenheit hatten. Es war der Beginn einer unerbittlichen Feindschaft zwischen Kreisky und Wiesenthal, die nie enden sollte. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen hatte sich Kreisky einmal öffentlich zu der Bemerkung hinreissen lassen: «Ich warte nur darauf, dass Herr Wiesenthal nachweist, dass auch ich bei der SS gewesen bin.» Doch das war noch nicht genug, Kreisky legte nach: «Wiesenthal ist ein jüdischer Faschist.»
Kreisky und er, so hatte Wiesenthal einmal gesagt, seien «Blätter vom selben Baum». Aber von diesem «Baum» wollte Kreisky eben möglichst wenig wissen: Er sah sich in erster Linie als Österreicher, das Judentum war ihm eine vom Holocaust verursachte «Schicksalsgemeinschaft». Indes: Im privaten Kreis, so erfahren wir aus der Biografie, sprach Kreisky immer wieder von seiner jüdischen Herkunft und schien stolz darauf zu sein.
Kreiskys Verhältnis zum Judentum war alles andere als eindimensional. Das Wissen um Auschwitz war das Einzige, was ihn vorbehaltlos an seine jüdische Herkunft band. 25 engste Verwandte Kreiskys wurden in Konzentrationslagern ermordet. Ohne Auschwitz, so äusserte er sich einmal, würde ihn seine Beziehung zum Judentum zu keinem bestimmten Verhalten und zu keiner bestimmten Einstellung verpflichten.
Gegenüber dem in Galizien geborenen «Stetl-Juden» Wiesenthal zeigte Kreisky ein gerütteltes Mass an Arroganz des Assimilierten. Da hatten sich zwei herausragende – jüdische – Österreicher in einen Konflikt verkeilt, dessen eigentliche Wurzel tief in die Geschichte und Tragik des europäischen Judentums verweist. Die beiden blieben sich nichts schuldig und der beklemmende Eindruck bleibt: Politik schien zu einem bösen Streit zu degenerieren.
Ambivalentes Verhältnis zu Israel
Shimon Peres hat Kreisky einmal gefragt, warum dieser gegen Israel eingestellt sei, und Kreisky antwortete kryptisch: «Wäre ich nicht gegen euch, könnte ich euch nicht helfen!» Kreisky hatte zum Staat Israel ein ambivalentes Verhältnis, das bei ihm jedoch stets von einem «Möglichkeitssinn» unterlegt war. Es war die antizionistische Vision – wenn es die je gab, dann bei ihm –, die sich ein anderes Israel imaginierte: Ein Israel mit einem palästinensischen gleichberechtigten Staat an seiner Seite – beide demokratisch und nicht ethnisch determiniert.
Kreiskys Lieblingsbetätigungsfeld, abgesehen von innenpolitischen Auseinandersetzungen, blieb die Aussenpolitik. Vor allem die Nahost-Frage war zeit seines politischen Lebens das Gebiet, auf dem er seine grössten Erfolge feierte, für die er nicht selten aber auch heftig angefeindet wurde. Als er im März 1974 zur ersten «Fact Finding Mission» in den Nahen Osten aufbrach, erkannte er schon bald die Sprengwirkung des Palästinenserproblems und entwickelte Perspektiven, die ihm besonders bei seinen israelischen Parteifreunden heftige Kritik einbrachten. 1978 kam es zum aufsehenerregenden Treffen zwischen Kreisky, Willy Brandt, Shimon Peres und Anwar El Sadat in Wien, ein Jahr später zum Gipfel Brandt-Kreisky-Arafat.
Kreiskys pointierte Sprechweise, die sowohl der Hilfsarbeiter als auch der Universitätsprofessor verstanden, machte neben seinem geschickten Umgang mit den Medien einen nicht unerheblichen Teil seiner Faszination aus. Kreisky war ausgestattet mit einem speziellen Humor. Ob er nun einem Journalisten im Foyer nach dem Ministerrat vor laufender Kamera empfahl «Lernen’S Geschichte, Herr Redakteur», oder anlässlich des Kärntner Ortstafelsturms auf die Empfehlung der Polizei, den Versammlungsort durch eine Hintertür zu verlassen, meinte: «Ein Bundeskanzler dieser Republik geht nicht durch die Hintertür» – er bewies Stil und Charakter.
Hindernis für Assimilation
Mehrfach hat sich Kreisky als Agnostiker bezeichnet, wohl wissend, wo er herkam: Seine jüdische Herkunft, seine familiäre und seine politische Sozialisation im mitteleuropäischen Kosmos Wiens vor allem der dreissiger Jahre haben seine Vision einer «Heimat Österreich ohne Pathos» geformt. Eine präzise Nachzeichnung der Kreisky’schen Herkunft und dessen politische und weltanschauliche Findungen waren Petritsch wichtig zum Verständnis von Kreiskys späteren politischen Entscheidungen. Und deswegen lernen wir auch seine – nicht sonderlich ausgeprägte – jüdische Seite kennen, zum Beispiel dass sein Vetter Viktor ihn für den Zionismus ein-zunehmen versuchte. Vergeblich: Bruno lehnte eine nationaljüdische Bewegung schlankweg ab.
Auch sein Bruder, der 1938 nach Palästina geflohen war, versuchte Bruno für
eine Alija zu gewinnen. Der Kontakt zwischen den beiden Brüdern war abgebrochen, was sich später in der Presse in gehässigen Vorwürfen gegen den Kanzler niederschlug, dabei hatte Bruno Kreisky seinen Bruder über Jahrzehnte hinweg finanziell unterstützt. In seinen Memoiren erwähnte Kreisky mit keinem Wort, dass sein Grossvater ihn als Kind Hebräisch gelehrt hatte und er die Sprache lesen und schreiben konnte. Seine konfessionslosen Eltern liessen ihm hingegen keine jüdische Erziehung angedeihen. Wie seine Eltern verleugnete er das Judentum zwar nicht, sah es jedoch als Hindernis auf dem Weg der Assimilation in die bürgerlich-emanzipierte Gesellschaft. In den Matrikeln der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien findet sich jedenfalls der Eintrag, Bruno Kreisky sei am 13. Oktober 1931 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten.
Nichts wird seiner Person so gerecht wie die Worte, die sein politischer und persönlicher Langzeitfreund Willy Brandt bei der Beisetzung auf dem Wiener Zentralfriedhof am 7. August 1990 sprach: «Seine Welt war grösser als sein Land. Er hat sich um die Gemeinschaft und das Wohlergehen der Völker verdient gemacht.
Ruhe in Frieden, lieber, schwieriger und guter Freund!»
Wolfgang Petritsch: Bruno Kreisky. Die Biografie. Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg 2010.