Das neue Gesicht des Hip-Hop
Die Veranstalter waren nervös. Der Club in New Yorks East Village war trotz des angekündigten Schnees gut gefüllt, doch die Hauptattraktion des Abends, der Sänger Yitzhak Jordan, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Y-Love, war noch nicht da. Alle Flughäfen an der amerikanischen Ostküste waren bereits geschlossen, weil einer der schlimmsten Schneestürme in der Geschichte Amerikas angekündigt war. Offiziell hiess es,
Y-Love sei mit dem Bus aus Philadelphia Richtung New York unterwegs. Im Publikum, das aus einer seltsamen Mischung aus farbigen und weissen Hip-Hop-Fans sowie aus orthodoxen Juden bestand, war man sich einig, dass er noch kommen würde. Als Y-Love kam, wenn auch später als erwartet, tobte die Menge. «Leute, ihr habt keine Ahnung, was ich alles durchmachen musste, um hier mit euch zu sein», sagte er seinen Fans.
Drogen, Armut und Gewalt
In einem gewissen Sinne trifft dieser Satz auch auf das Leben von Y-Love zu. Er wuchs in East Baltimore auf, einem Ort, der berüchtigt ist für Drogen, Armut und Gewalt. Yitzhak Jordans Kindheit und Jugend war von so vielen Schicksalsschlägen bestimmt, dass seine Lebensgeschichte wie eine moderne Version des Buchs Hiob klingt: so starben sein zumeist abwesender Vaters («Ich sah meinen Vater bestenfalls vier Mal pro Jahr») und auch seine Mutter sehr früh. Der Verlust von Menschen, die ihm nahestanden, schien ein trauriges Leitmotiv seines Lebens zu sein. Einige Freunde starben an einer Überdosis Heroin, andere landeten nach fehlgeschlagenen Raubüberfällen im Gefängnis.
Jordan redet nicht gern über seine Vergangenheit. Er verrät beispielsweise seinen Geburtsnamen nicht, den Namen Yitzhak nahm er erst nach seinem Übertritt zum Judentum an. «Eine Konversion ist wie eine neue Geburt», sagt er. Sein Entschluss, nach Brooklyn zu ziehen, entstand bereits während seines Studiums an der Johns-Hopkins-Universität, wo er einen ChabadRabbiner kennengelernt hatte. Jordan wusste, dass dieser aus Crown Heights im New Yorker Stadtteil Brooklyn kam, dem Zentrum der Chabad-Bewegung. Ohne einen definitiven Plan zu haben, nahm Jordans den Bus von Baltimore Richtung New York. «Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich jüdisch sein wollte, und Crown Heights war der Ort, an dem ich es werden konnte.»
Jordans Interesse am Judentum wurde bereits während seiner Kindheit durch seine Grossmutter Clara Lopez geprägt. Als ihr Vater, José Lopez, aus Puerto Rico nach Amerika zog, arbeitete er zunächst für eine jüdische Familie, mit deren Kindern Clara aufwuchs. Für die Freundschaft mit den Kindern und die Wärme, die sie in der jüdischen Familie erlebte, blieb Clara zeitlebens dankbar.
Rassistische Ressentiments
Jordan erinnert sich, dass er als Siebenjähriger an einem Seder teilnahm und dass das Familiengefühl, das er dort erlebte, ihn sehr beeindruckte; wahrscheinlich auch, da er dies von zu Hause her nicht kannte: «Ich wusste zwar nicht genau, was Juden sind, aber ich wusste schon als Kind, dass ich einer von ihnen sein wollte.»
An der Johns-Hopkins-Universität besuchte er Veranstaltungen des jüdischen Studentenverbands und wurde auch zu einem Schabbatabendessen eingeladen. In seiner Freizeit las er verschiedene Websites, um mehr über das Judentum zu lernen. «Ich fastete an Jom Kippur. Ich ass kein Brot während Pessach. Und meine Freunde fingen an, sich über mich lustig zu machen.» Als die Freunde Jordans fragten, weshalb er sich so verhalte, obgleich er nicht jüdisch sei, beschloss er, diese Tatsache zu ändern. Der Konversionsprozess dauerte 13 Monate, und ihm wurden einige Hürden in den Weg gelegt. Als Afroamerikaner musste er beispielsweise feststellen, dass es nicht so einfach war, eine Wohnung in einem orthodox-jüdischen Quartier zu mieten.
«Ich habe unglaublich viel Rassismus während meines Konversionsprozesses erlebt», erklärt der Musiker. «Wenn ich in einen Raum kam, hörten plötzlich alle auf zu reden. Während der Mittagspause in der Jeschiwa wollte niemand neben mir sitzen. Kinder zeigten mit dem Finger auf mich und fingen an zu lachen. Es war kein einfacher Weg.»
Ein ganz normales Familienleben
In der letzten Phase seines Konversionsprozesses musste Jordan bei einer ultraorthodoxen Familie leben. Dort lernte er fliessend Jiddisch sprechen. Das erste Mal in seinem Leben hatte er so etwas wie ein ganz normales Familienleben. In chassidischer Tradition wurde kurz nach Abschluss des Übertritts eine Hochzeit arrangiert. «Die Frau und ich trafen uns an einem neutralen Ort zum Gespräch, und vier Tage später standen wir
schon unter der Chupa. Ein grosser Fehler.» Die Ehe wurde nach ein paar Monaten annulliert. Das einzige, was die beiden Ehepartner gemein hatten, war ihre Hautfarbe. Die Mutter der Braut war eine afroamerikanische Konvertitin. So ganz farbenblind schien die chassidische Gemeinschaft doch nicht zu sein.
Eine ungewöhnliche Karriere
Ein Teil des Konversionsprozesses war es auch, ein Semester an einer Jeschiwa in Israel zu studieren. In Israel war Y-Love von Land und Leuten begeistert. Und sein Studienpartner, David Singer aus Long Island, war ein begeisterter Fan von Rap-Musik. «Als wir versuchten, Talmudverse auswendig zu lernen, fing David plötzlich an, zu beatboxen, er sang Vers für Vers als sei es Hip-Hop, und dann zeigte er mit dem Finger auf mich. Dann war ich an der Reihe.» Dies war der ungewöhnliche Beginn der Karriere als Rap-Musiker.
Nach dem Jahr in Israel trafen sich Singer und Jordan in New York wieder, wo sie in verschiedenen Clubs an Veranstaltungen teilnahmen, an denen sie für 15 Minuten auf der Bühne ihre Musik präsentieren konnten. Das Publikum war so begeistert von Jordans Mix aus englischem, hebräischem, jiddischem und aramäischem Sprechgesang, dass er schon bald eine eigene Fangemeinde hatte.
Jordan legte sich den Künstlernamen Y-Love zu und landete schon bald bei der Band Pey Dalid. Dort wurde auch Erez Safar, Gründer des Musiklabels Modular Moods Records, das sich heute Shemspeed nennt, auf ihn aufmerksam.
Judentum neu definieren
Doch als Safar Y-Love unter Vertrag nehmen wollte, war dieser zunächst skeptisch: «Safar sagte, ‹ich werde dich berühmt machen›, aber ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Weg gehen sollte.» Es dauerte ein paar Monate, bevor Safar den Musiker überzeugen konnte. Y-Love ist momentan einer der erfolgreichsten Musiker von Shemspeed. Die Single «Change» übertraf alle Erwartungen und Y-Loves erstes Soloalbum «This is Unity» wird im Mai erscheinen. Seine neue Single «Move On», eine Mischung aus Beats und schnellen Reimen, wird zurzeit in vielen New Yorker Clubs gespielt.
«Durch seine Popularität verändert Y-Love vorgefasste Ansichten darüber, wie Judentum aussehen und sich anhören soll», meint Saul Sudin von Identical Snowflake Productions. «Er repräsentiert amerikanisches Judentum im 21. Jahrhundert. Amerika ist ein Schmelztiegel von Nationen, und in diesem erinnert Y-Love daran, dass das Judentum immer eine Kultur war, die verschiedene Einflüsse aufgenommen hat.»
Sudin ist einer der Produzenten der zehnteiligen Dokumentationsreihe «Punk Jews», die Grenzgänger wie Y-Love vorstellt. «Wir erzählen die
Geschichten von Leuten, die jüdische Kultur und Religion auf sehr unkonventionelle Weise ausdrücken und somit Judentum neu definieren. Y-Love ist auf verschiedenen Ebenen genau das, was ‹Punk Jews› repräsentiert.»
http://shemspeed.bandcamp.com/album/move-on