Das Natürliche in würdiger Einfachheit

von Katarina Holländer, October 9, 2008
Monet, Renoir, Cézanne, Gaugin - von all diesen Künstlern haben wir unmittelbar ein Bild vor dem inneren Auge, wenn ihr Name fällt. Das Werk von Camille Pissarro (1830-1903), dem «Vater des Impressionismus», bleibt in seiner Breite im deutschsprachigen Raum immer noch zu entdecken. Letzte Gelegenheit: In der Staatsgalerie Stuttgart ist die erste deutsche Retrospektive seines Werkes noch kurz zu sehen.
«Der Gärtner», Oel auf Leinwand, 1899. - Fotos PD «La Bonne», Oel auf Leinwand, 1867.

Das Neue war damals noch nicht jenes umhätschelte Kind, das es heute ist. Ein Künstler, der sich heutzutage nicht mit etwas Neuem präsentieren kann, hat es schwer. Als der Impressionismus aufkam, war das noch ganz anders. Die französische Kunstwelt wurde von den «Salons» beherrscht beziehungsweise von der Jury zu diesen Grossanlässen, in denen sich die Maler dem Bürgertum und der Kritik präsentierten. Nicht aufgenommen zu werden hiess so viel wie nicht existieren. Denn die Salonmalerei prägte den Geschmack der Leute so weit, dass ihnen eine Abweichung von der Malweise, den Hunderte heute vergessener Maler praktizierten, nichts als lächerlich vorkam. Regeln, die uns zum Teil heute wiederum den Kopf schütteln lassen, beherrschten damals die Malerei. Eine Malweise, die sich nicht an die Gepflogenheiten der Akademien hielt, wurde als kunstlos angesehen und heftig abgelehnt.

Der breiten Wahrnehmung entrückt

Christoph Becker, kürzlich zum neuen Direktor am Zürcher Kunsthaus gewählt, hat noch als Verantwortlicher für das 19. Jahrhundert in der Staatsgalerie Stuttgart die Ausstellung konzipiert. Auf die Frage, was ihn am Werk Pissarros interessiert, antwortet er in einem Sonderdruck der «Stuttgarter Nachrichten», das Werk dieses Künstlers sei der breiteren Wahrnehmung etwas entrückt. Das habe auch damit zu tun, das Pissarro Jude war und seine Werke in Deutschland fast 20 Jahre lang aus den Museen verschwunden waren.
Der Maler wurde am 10. Juli 1830 auf der dänischen Antilleninsel Charlotte Amalie geboren. Seine Vorfahren hatten Portugal verlassen müssen und waren nach Frankreich ausgewandert. Die Bedingungen blieben für die Familie jedoch schwierig, und so entschloss sich Pissarros Vater Frédéric, aus Bordeaux auf die «paradiesischen», wirtschaftlich aufstrebenden Inseln zu ziehen, die eine Besserung versprachen. In St. Thomas, der Hauptstadt der Insel, gab es eine wachsende jüdische Gemeinde, 1796 war die erste Synagoge errichtet worden, und auf der Insel, die sich zu einem Zentrum des Sklavenhandels und der karibischen Zuckerindustrie entwickelt hatte, fand er tatsächlich ein angenehmeres Leben. Frédéric entschloss sich nach dem Tod seines Onkels, seine um sieben Jahre ältere, schwangere Witwe, Rachel Petit, zu heiraten - zur grossen Bestürzung nicht nur der Familie Petit, sondern auch der Gemeinde. Die Gemeindeältesten widersetzten sich der Heirat. Obwohl sie nicht blutsverwandt waren, erlaubten weder jüdische noch christliche Gesetze eine solche Ehe. Der Rabbi von Kopenhagen wurde angefragt, doch er hielt die Verbindung für verboten. Pissarro selber fragte den Londoner Rabbi mit gleichem Resultat um Rat. Aber was er sich vorgenommen hatte, setzte er gegen alle Widerstände durch. Von den religiösen Gelehrten enttäuscht, wandte er sich an die höchste weltliche Instanz, an den König von Dänemark persönlich, welcher, die Komplexität des Falls nicht durchschauend, die Heirat bewilligte. 1826 heirateten die beiden. Es sollte acht Jahre dauern, bis auch die Gemeindeältesten diese Ehe anerkannten. Der Sohn Jacob-Abraham-Camille wurde 1830 aus ihrer Sicht noch illegal geboren.
Die Eigenschaft, das, wovon er überzeugt war, auch gegen herrschende Konventionen durchzusetzen, zeichnete auch Camille aus. Mit 12 Jahren wurde er nach Frankreich geschickt, um nach einer guten Ausbildung im Handelskontor seines Vater arbeiten zu können. Doch Camille interessierte sich nur für das Zeichnen und wurde Maler. Als später seine Familie auch nach Frankreich zog, verliebte Camille sich in ihr französisches Dienstmädchen, Julie Vellay, die als sehr offen und eher bäuerisch beschrieben wird, und die vor allem nicht jüdisch war. Seine Eltern erlaubten ihm nun ihrerseits nicht, Julie zu heiraten. Erst nach elfjährigem Zusammenleben gab die Mutter ihre Einwilligung zur Hochzeit. (Als Camille Pissarros eigener Sohn Lucien später in London eine Jüdin heiraten wollte, deren Vater sich heftig gegen ihn aussprach, weil er kein Jude sei, reiste der Maler hin und vermochte es mit seiner milden und gescheiten Art, den Vater versöhnlich zu stimmen.)
In seiner Malerei ging es Pissarro nicht viel anders. Zwar wurde 1859 eines seiner Bilder erstmals zum Salon zugelassen, doch immer mehr gerieten die jungen Maler wie Monet oder Cézanne - beide hatte er an der Pariser Académie Suisse kennen gelernt - ins Abseits des offiziellen Kulturbetriebs, weil sie nicht nach den Regeln der Akademien zu malen bestrebt waren, sondern den möglichst unvoreingenommenen Zugang zum (vor allem) landschaftlichen Motiv suchten. Die Gruppe junger Maler, die später unter dem Namen «Impressionisten» Weltruhm erlangen wird, wurde verbannt und verhöhnt. Einer der wenigen Kritiker, die da eine Ausnahme machten, war der Schriftsteller Emile Zola, der Pissarros Landschaften für «unfehlbar wahr» hielt, zu einer Zeit, da die meisten ihn noch für einen ungeschulten Irren zu halten bereit waren. Der Salon ignorierte die sich wandelnde Zeit und neue Strömungen so lange, bis seine ablehnende Haltung immer fragwürdiger wurde. 1863 war es der Herrscher selber, der einen (einmaligen) «Salon des Refusés» bewilligte, an dem unter anderem Manets «Déjeuner sur l\'herbe», Cézanne, Whistler und auch Pissarro zu sehen waren.
Von 1874 bis 1886 haben die Impressionisten eigene Ausstellungen veranstaltet, um sich vom Geschmacksdiktat unabhängiger zu machen. Durand-Ruel, einer der wenigen Händler, die sich trauten, auf die Impressionisten zu setzen, schrieb 1878: «Noch niemals hatte es jemand gewagt, die einfache Form in der Natur, das Ländliche, die Erscheinung des Ackers so systematisch widerzugeben. Die Besucher glaubten, etwas Unwürdiges darin zu sehen. Ihrer Ansicht nach sollte sich die Kunst über das gewöhnliche Leben erheben, in den höchsten Regionen schweben, und Pissarro, der mit seinen Augen das Land sah, wie es wirklich war, machte auf sie den Eindruck eines vollkommenen Bauern.» In der Gruppe gab es aber immer wieder Auseinandersetzungen um künstlerische, politische und ausstellungspolitische Fragen. Die meisten waren nicht, wie Pissarro, der sozialistische und anarchistische Ideen vertrat, an Politik interessiert. Er war tief antiautoritär eingestellt und gegen die mystifizierenden Strömungen in der Kunst. Die Unmittelbarkeit der «sensation», der Empfindung vor dem Motiv, war für ihn von unabdingbarer Wichtigkeit. Denn es sei nicht dasselbe, zu erfinden oder zu imitieren.

Eigenwilliger experimenteller Weg

Pissarro war der einzige, der an allen acht Impressionisten-Ausstellungen mitgemacht hat. Finanziell waren sie praktisch nicht erfolgreich. Pissarro sollte fast ein ganzes Leben lang zusammen mit Frau und acht Kindern am Hungertuch nagen. Seiner tiefen Überzeugung, dass sich die neue experimentierende, individualistische Malerei durchsetzen würde, weil sie zeitgemässer war, schien das keinen Abbruch zu tun. Als gelte es nur, durchzuhalten und gewissenhaft in der Arbeit fortzufahren, setzte er seine Experimente mit der Darstellung der Lichtwirkungen, -brechungen und -reflexe weiter und zögerte als reifer Maler auch nicht, sich mehrere Jahre lang mit dem Divisionismus auseinanderzusetzen, den jüngere Maler entwickelt hatten. Obwohl er die pointilistische Technik ihrer Steifheit wegen schliesslich für sich verwarf, hatte er doch das Neue zunächst einmal aufgenommen und erforscht. Auch in seinen späten Bildern wandte er sich den neuen Strassenzügen von Paris zu, von deren Atmosphäre er angeregt wurde und die er einzufangen suchte.
Allmählich konnte Camille Pissarro mit ansehen, wie die aufgehellte Palette der Pleinair-Maler uneingestanden auch in den Salon Eingang fand und wie die impressionistische Malerei gegen Ende seines Lebens anerkannt und gewürdigt wurde. An der Weltausstellung von 1900 war sie repräsentativ vertreten und wurde gut aufgenommen. Dass rund ein Jahrhundert später die Impressionisten die Publikumslieblinge Nummer eins sein würde, das wird er nach all dem Hohn jedoch schwerlich geahnt haben können.