Das Leben des Benjamin Melendez
Vor 40 Jahren stand New York kurz vor dem Bankrott. Viele Teile der Stadt waren so verwahrlost, dass man denken konnte, ein Krieg sei gerade zu Ende gegangen. In der Bronx gab es über 100 Strassengangs mit 11 000 Anhängern, die den Stadtteil unsicher machten. An jeder Ecke lauerte Gewalt. Doch dann kam es 1971 überraschend zum Waffenstillstand. Und der Frieden in der Bronx hatte einen Namen: Benjamin Melendez.
Melendez war damals einer der Anführer der Ghetto Brothers, einer der berüchtigsten Gangs der South Bronx. Auf einem Rundgang durch sein altes Wohnviertel erinnert sich der heute 58-Jährige noch genau an die Zeit. «Damals regierte an jeder Strassenecke eine andere Gang. Die Gangs regierten wie Könige in der Bronx. Sie nahmen das Gesetz in die eigene Hand, und niemand konnte sie stoppen.» Die 1967 gegründeten Ghetto Brothers kontrollierten nicht nur die South Bronx und Teile Harlems, sondern hatten auch über die Stadtgrenzen hinaus Einfluss.
Melendez war gerade mal 14 Jahre alt, als er mit seinen älteren Brüdern Victor und Robert die Ghetto Brothers gründete. «Die Gang-Kultur war tief verwurzelt. Wohin man auch schaute, überall herrschte Gewalt. Wenn man aus dem Haus ging, hatte man immer das Gefühl, vielleicht werde ich heute umgebracht.» Als am 2. Dezember 1971 der 25-jährige Ghetto Brother Cornell «Black Benjy» Benjamin ermordet wurde, befürchteten alle, dass in der South Bronx Krieg ausbrechen würde. «Die Nachricht von Black Benjys Tod verbreitete sich wie ein Fegefeuer», erinnert sich Melendez. «Alle warteten darauf, dass ich den Befehl zum Angriff gebe, doch ich sagte meinen Leuten: Jetzt ist nicht die Zeit für Rache, nein, es ist die Zeit, Frieden zu schliessen.» Sechs Tage später wurde eine Friedenskonferenz einberufen. Die zwölf einflussreichsten Gangs aus der Bronx und Harlem kamen zusammen, und unter dem Beifall von Sozialarbeitern, Lehrern, Polizisten und Pressevertretern wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet. Der Waffenstillstand hatte auch Signalwirkung für andere Städte, die bald dem Vorbild New Yorks folgten.
Melendez wurde über Nacht zur Legende. Die Anfangsszene des amerikanischen Kultfilms «The Warriors», der vor einigen Jahren von Rockstar Games zu einem Computerspiel verarbeitet wurde, basiert auf diesem Treffen. «Ich muss zugeben, dass die Konferenz eine Show für die Medien war», gesteht Melendez heute, fast 40 Jahre nach dem Waffenstillstandsabkommen, schmunzelnd. «Die eigentlichen Verhandlungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, aber dafür mit viel Alkohol, Drogen und Mädchen.» Es fällt einem schwer, sich den sympathischen Familienvater als gefährlichen Gang-Anführer vorzustellen. Sein Jogginganzug versteckt die Narben, die er sich vor Jahrzehnten in verschiedenen Strassenkämpfen zugezogen hat. Sein Schnurrbart zeigt graue Spuren und unterhalb seiner Baseballmütze zeigen sich die Ansätze einer Glatze.
Wie in der «West Side Story»
Benjamin Melendez wurde 1952 in San Juan, Puerto Rico, geboren. Kurz nach seiner Geburt zog seine Familie nach New York, wo man sich bessere Lebensbedingungen erhoffte. Doch die Hoffnung bewahrheitete sich nur bedingt. Die Melendez-Familie war arm, und hinzu kamen viele Integrationsprobleme, angefangen mit der Sprache, der weitaus offeneren Kultur bis hin zum Klima. «Wir kannten nur Sommer. Meine Eltern wuchsen in der Karibik auf, aber New Yorker Winter sind bitterkalt mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt.»
Als Benjamin elf war, zog die Familie in die Bronx. In einem mehrheitlich schwarzen Umfeld wurden Benjamin und seine sieben Geschwister als «die Weissen» angesehen und diskriminiert. «Meine Eltern wurden in Puerto Rico geboren, aber meine Grosseltern kamen aus Spanien. Wir sahen uns immer als Spanier an, nicht als Latinos oder Puertorikaner. In der Bronx wurden wir plötzlich zu Weissen.» Als Reaktion auf die Diskriminierung gründeten die Melendez-Brüder die Ghetto Brothers, die sich zunächst Barbarians nannten. Obwohl viele der Mitglieder Latinos waren, hatte die Gang auch einige afroamerikanische Anhänger wie etwa Black Benjy. Als ihr Vater, Juan Melendez, von den Ghetto Brothers erfuhr, war er schockiert. Er machte seinem noch minderjährigen Sohn Benjamin Vorwürfe, konnte ihn aber nicht daran hindern, weiterhin der Gang anzugehören. «Unser Leben war wie in der ‹West Side Story›», lacht Melendez. «Jeder gehörte einer Gang an. Aber ich versprach meinem Vater, sauber zu bleiben.» Die meisten Gangs hatten mit Drogen zu tun. Die Ghetto Brothers, so versichert Melendez, jedoch nie. «Ich war weder Dealer noch Konsument.»
Vor allem nach dem Tod von Black Benjy lag der Fokus der Ghetto Brothers auf sozialem Engagement: Mittagessen wurde an Arme verteilt, verlassene Gebäude wurden gereinigt und man sorgte dafür, dass die Gegend relativ sauber blieb. «Ich war der Sprecher der Ghetto Brothers», erklärt Melendez. «Ich war es, der zu den Drogendealern und Nutten ging und sie bat, doch an eine andere Strassenecke zu gehen, da hier Familien leben. Ich war immer freundlich und zeigte den gehörigen Respekt, so dass man mich auch respektierte.»
Energie in Musik umwandeln
Der Waffenstillstand öffnete für viele Gang-Mitglieder neue Horizonte. Blieb man zuvor in seinem Viertel, um nicht in mögliche Kämpfe verwickelt zu werden, konnten sie nun in andere Gegenden gehen. Schlägereien und Messerstechereien wurden durch sogenannte «battles» ersetzt, Kämpfe, die auf der Tanzfläche ausgetragen werden. Breakdance und Hip-Hop entstanden aus der nun relativ friedlichen Gang-Kultur. Kevin Donovan, der als Vertreter der Black Spade Gang an der Friedenskonferenz teilnahm, wurde später unter dem Namen Afrika Bambaataa einer der Pioniere der Hip-Hop-Musik. Auch Melendez und seine Brüder widmeten sich nun mehr der Musik. «Wir machten Latin Rock, noch bevor Carlos Santana damit berühmt wurde», erklärt er. Unter den Namen Ghetto Brothers veröffentlichten sie 1972 das Album «Power/Fuerza».
Puertorikanischer Nationalismus wurde auch ein zunehmend verbindendes Element der Ghetto Brothers, vergleichbar mit dem schwarzen Ethnozentrismus der Black-Panther-Bewegung. Benjamin Melendez nutzte das Medieninteresse an seiner Person, um sich gegen «nordamerikanischen Kolonialismus» in Puerto Rico auszusprechen. Der Gründer der Sozialistischen Partei Puerto Ricos, Juan Mari Brás, der zeitlebens einer der prominentesten Advokaten der Unabhängigkeit Puerto Ricos war, wurde damals auf Benjamin Melendez aufmerksam und lud ihn zu einem Gespräch in die Vereinten Nationen ein. «Es waren schon verrückte Zeiten», kommentiert Melendez heute das damalige Interesse an seiner Person.
Bereits kurz vor Black Benjys Tod wurde Rita Fecher, eine Lehrerin von Melendez’ Schwester Judy, auf die Ghetto Brothers aufmerksam. «Es waren intelligente, gut artikulierte und vor allem motivierte Jugendliche, die für Ordnung in der chaotischen Nachbarschaft sorgten», erklärte sie damals ihre Motivation, die Gang-Mitglieder mit ihrer Super-8-Kamera zu dokumentieren. Während der Interviews kam es zu einer interessanten Wendung. Melendez begann, Fecher über das Judentum auszufragen. «Ich glaube, zuerst dachte sie wohl, ich sei ein Antisemit», lacht Melendez über die damaligen Gespräche. Viele Gangs trugen Hakenkreuze auf ihren Jacken. Ein Symbol für Gewaltbereitschaft. Nicht jedoch die Ghetto Brothers. Benjamin Melendez verbot dies, ohne eine Erklärung dafür abzugeben. 1989 kontaktierte Fecher Melendez und andere Gang-Anführer, die sie bereits in den siebziger Jahren interviewt hatte, um sich erneut mit ihnen zu treffen. Der Film «Flyin’ Cut Sleeves», der die Gangkultur der siebziger Jahre und ihre Anführer 20 Jahre später dokumentiert, wurde 1993 beendet und letztes Jahr als DVD in den USA erneut herausgebracht.
In den 1989 gedrehten Interviews spricht Benjamin Melendez offen über das, was er 20 Jahre zuvor nicht preisgeben wollte: seine jüdische Identität.
«Ich hatte damals schon eine Ahnung, aber erst als ich anfing, mit Fecher zu sprechen, wurde mir klar, das wir Juden sind.» Fecher, die selber jüdisch ist, konnte Benjamin Riten erklären, die er aus seiner Familie kannte, die er jedoch nicht einordnen konnte.
«Jeden Freitag versammelte unser Vater mich und meine Geschwister und las uns aus der Bibel vor. Aber immer nur aus dem alten Testament», erinnert sich Melendez. Nach dem gemeinsamen Bibelstudium zog sich der Vater zum stummen Gebet zurück. «Mein Vater nahm immer ein Bettlaken und wickelte sich damit ein. Ich hatte damals keine Ahnung, was das bedeuten sollte.» Wenn er die Eltern nach ihren Ritualen befragte, bekam er immer dieselbe Antwort: «Mein Vater sagte: Deine Mutter hat eine seltsame Religion. Meine Mutter sagte: Dein Vater hat eine seltsame Religion. Und das war es. Ende der Diskussion.»
Der Weg zum Judentum
Melendez’ Weg zum offen gelebten Judentum dauerte jedoch noch mehrere Jahre. 1973 heiratete er seine langjährige Freundin May Lin Jung, eine Chinesin. Ihre gemeinsame Tochter wurde noch im selben Jahr geboren. Benjamins Eltern waren alles andere als begeistert über die Heirat. «Das wird nicht gut gehen. Sie ist anders als wir, sagten sie nur. Sie versteht unsere Traditionen nicht.» Jung bat Melendez, die Gang endgültig zu verlassen. «Ich will einen Ehemann, keine Legende, sagte sie zu mir.» Trotz des Waffenstillstands war sie sehr um die Sicherheit ihres Mannes besorgt. Benjamin Melendez trat 1975 offiziell als Vorsitzender der Ghetto Brothers zurück. Doch es wurde kein friedlicher Ausstieg aus dem Gangleben. Einige der Gangmitglieder drohten, Jung etwas anzutun, sodass Melendez mit seiner Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion seine alte Gegend verliess und sich in Highbridge, einige Kilometer westlich von der Bronx, niederliess und ein neues Leben begann.
Teil dieses neuen Lebens war auch die Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Wurzeln. Melendez studierte Bücher über das Judentum in der New York Public Library, wo er sicher sein konnte, dass keiner von seinen ehemaligen Gangkollegen ihn sehen konnte. Als Melendez 1976 in die South Bronx zurückkehrte, um seine Mutter zu besuchen, traf er einen alten Juden auf dem Weg zum Gottesdienst. «Ich war ganz erstaunt, als er mir erzählte, dass das mit Graffiti besprühte Gebäude auf der Intervale Avenue eine aktive Synagoge ist.» Das Intervale Jewish Center, das sich nur etwa 200 Meter von dem Ort befand, an dem fünf Jahre zuvor sein Freund Black Benjy ermordet wurde, war damals die letzte Synagoge der South Bronx. Der offizielle Name Beit Knesset Anshei Minsk D’Bronx steht noch heute über dem mittlerweile verlassenen Gebäude. Das Zentrum wurde 1922 von russischen Immigranten aus Minsk gegründet.
Melendez stellte sich Rabbiner Moishe Sacks als «spanischer Jude» vor und fragte, ob er zum Gottesdienst kommen könnte. Aus diesem ersten
Zusammentreffen sollte eine langjährige Freundschaft entstehen. Melendez wollte lernen, was es bedeutet, ein Jude zu sein, und Rabbiner Sacks wurde zu seinem Mentor. «Rabbi Sacks akzeptierte mich sofort als Juden. Ich musste mich nicht erklären», erinnert sich Melendez noch heute dankbar. «Er half mir, meinen Weg zurück zum Judentum zu finden.» Bei ihrem ersten Zusammentreffen zeigte Rabbiner Sacks ihm, wie man sich einen Talit anzieht. Melendez erkannte sofort, dass dies dasselbe Ritual war, das sein Vater jeden Freitag mit einem Bettlaken vollzogen hatte.
Schon bald wurde Melendez ein regelmässiger Besucher des Intervale Jewish Center, und Rabbiner Sacks war ein geduldiger Lehrer, der Melendez das hebräische Alphabet, die Gebete und Rituale beibrachte.
Doch Melendez hielt die Synagogenbesuche vor seiner Frau geheim. Diese vermutete, er würde sich heimlich mit seiner alten Gang treffen. Die Ehe ging kurz nach der Geburt des zweiten Kindes 1976 in die Brüche. Sie verliess ihn mit den beiden Kindern Richtung Tennessee. Die beiden wurden 1980 offiziell geschieden. Melendez zog zurück in die South Bronx – und somit in die Nähe des Intervale Jewish Center. «Die Gemeinde bestand damals nur aus alten Leuten und mir. Oft hatten wir nicht einmal genügend Männer für einen Minjan, so dass Rabbiner Sacks mich bat, zwei Thorarollen herauszuholen, die als neunter und zehnter Mann dienten», erinnert sich Melendez schmunzelnd.
Das Überleben dieser Synagoge wurde von vielen als ein Wunder angesehen. Der Filmemacher Jack Kugelmass widmete der Gemeinde 1979 die Dokumentation «The Miracle of Intervale Avenue», in der Melendez ebenfalls zu sehen ist. In der Dokumentation sagt Melendez: «Die Farben, die ich damals trug (eine Reverenz an die identitätsstiftenden Gang-Farben, Anm. d. Red.) repräsentierten Wut und Frustration. Die Kippa, die ich heute trage, repräsentiert den Frieden, den ich gefunden habe.» Benjamins Vater Juan war 1975 gestorben und erlebte die Rückkehr seines Sohnes zum Judentum nicht mehr. Seine Mutter, die 1997 verstarb, jedoch schon. Seine Geschwister folgten seinem Beispiel nicht.
Rabbi Sacks hatte ihm damals gesagt, er solle Geduld mit seiner Familie haben. Sein Weg zum Judentum sei ein persönlicher Weg, und sie müssten ihren eigenen Weg gehen, wenn sie dazu bereit wären. «Meine Familie leidet unter dem spanischen Inquisitionstrauma, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Aber ich bin dankbar, dass auch einige der Traditionen weitergegeben wurden, die es mir erlaubten, meinen Weg zum Judentum zu finden.» Neben dem Judentum wurde Musik erneut zu Melendez’ Leidenschaft. Auf einer Probe mit seiner neuen Band «Street the Beat» lernte er Wanda Rivera kennen. Die beiden heirateten 1981. Wie durch «göttliche Fügung» sollte sich herausstellen, dass auch Wanda aus einer Familie von Kryptojuden stammt.
Als Rabbiner Sacks 1995 starb, verfiel die Synagoge auf der Intervale Avenue. Die wenigen übriggebliebenen Gemeindemitglieder zogen in andere Gegenden, und die wenigen Spenden, die die Gemeinde erhielt, reichten nicht aus, um das Gebäude instandzuhalten. 2003 wurde das Intervale Jewish Center endgültig geschlossen. Heute steht es verwahrlost in der South Bronx. Nach der Schliessung stand Benjamin Melendez wieder alleine da. «Ich fühle mich wie Josef, verlassen von der jüdischen Gemeinde», erklärt Melendez mit einer biblischen Referenz seine Enttäuschung. Einen formellen Übertritt zum Judentum lehnt er wie andere Kryptojuden ab. «Ich bin, wer ich bin. Und als Juden sind wir alle Teil einer grossen Familie.»
Melendez lebt heute mit Wanda und den gemeinsamen Kindern in ärmlichen Verhältnissen in Spanish Harlem. Der Held von einst ist heute in Vergessenheit geraten. Doch trotz allem hält er an seinem Judentum fest. Er ist im Judentum zu Hause und sein Judentum wird zu Hause gefeiert. Ohne Synagoge oder jüdische Gemeinschaft. Jeden Freitag liest Melendez seinen Kindern, wie schon sein Vater, aus der Bibel vor, doch im Unterschied zu seinem Vater ist er stolz auf seine jüdischen Wurzeln.