Das Land der Retortenbabys

Von Daniel Zuber, November 12, 2010
Nirgends ist die Zeugung im Reagenzglas derart verbreitet wie in Israel. Während im Westen eine lebhafte Diskussion über ethische und medizinische Fragen im Gange ist, bleibt in Israel ein gesellschaftlicher Diskurs über Sinn und Unsinn der Methode weitgehend aus.
NOBELPREIS Der Brite Robert Edwards wurde für die Entwicklung der Methode der In-vitro-Fertilisation ausgezeichnet

Im Jahr 1978 erblickte die Britin Lou­ise Brown als erstes im Reagenzglas gezeugtes Baby das Licht der Welt. Mittlerweile wurden auf demselben Wege über vier Millionen Kinder gezeugt und allein in der Schweiz werden täglich fünf Retortenbabys geboren. In-vitro-Fertilisation (IVF) heisst die Methode, bei welcher Eizellen ausserhalb des Körpers befruchtet und der Frau dann in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Kürzlich ist der Brite Robert Edwards für die Entwicklung dieser revolutionären Reproduktionsmethode mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichnet worden. Dass es sich bei der IVF um einen Meilenstein in der Medizingeschichte handelt, ist unumstritten. Dass die Methode ein Segen für Tausende Paare mit unerfülltem Kinderwunsch darstellt, ebenso. Dennoch wirft die IVF auch heute zahlreiche ethische und medizinische Fragen auf, welche offenbar auch kulturell unterschiedlich wahrgenommen werden.

Ein religiöses Tabu

Wie weit darf man in den menschlichen Reproduktionszyklus eingreifen? Gilt ein Embryo bereits als menschliches Wesen? Was darf man mit einem Embryo alles tun? Wer hat denn überhaupt das Recht, sich fortzupflanzen? Gerade in Europa empören sich verschiedene Parteien auch heute über die Reproduktion im Reagenzglas. Tanja Krones, leitende Ärztin und Geschäftsführerin des Klinischen Ethikkomitees am Universitätsspital Zürich, führte dies in der Radiosendung «Kontext» vom 6. Oktober neben kulturellen und sozialen Traditionen auch auf religiöse Vorstellungen zurück. Der Embryo würde in katholischer Auslegung als eigene Entität gesehen, während ein Embryo etwa im jüdischen Glauben als Teil der Mutter betrachtet werde. So würden ethische Einwände gegen die IVF vor allem in westlichen Ländern, welche stark vom Christentum und im Speziellen von der katholischen Tradition des Christentums geprägt seien, vorgebracht – mit Ausnahmen. Das Thema werde sowohl in asiatischen und islamischen Gebieten als auch in Israel weniger kontrovers diskutiert. Tatsächlich hat der Vatikan die Vergabe des Nobelpreises an Robert Edwards scharf verurteilt. «Ich halte die Wahl von Edwards für vollkommen deplatziert und die Gründe dafür sind zahlreich», liess der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Ignacio Carrasco de Paula, nach dem Bekanntwerden des diesjährigen Nobelpreis-Gewinners verlauten. «Ohne Edwards gäbe es keinen Eizellen-Markt; ohne Edwards gäbe es keine Kühlschränke voller Embryonen.» Bereits im Jahr 1987 erklärte der Papst die Arbeit von Edwards für «unmoralisch».

Künstliche Befruchtung in Israel

In Israel gibt es wenig solcher Einwände. Es ist das einzige Land, in welchem die IVF unabhängig von familiärer Situation, sexueller Orientierung, Ausbildung, finanzieller Situation und mentaler Verfassung auch für ein zweites Kind staatlich gefördert und subventioniert wird. Die Zahl der Behandlungen pro Kopf ist dementsprechend die höchste der Welt und auch für Frauen bis 44 Jahre, oder wenn eine gespendete Eizelle verwendet wird gar bis zum fortgeschrittenen Mutterschaftsalter von 51 Jahren, zugänglich.
Demografische Überlegungen, eine sehr stark familienorientierte Kultur und die erwähnte Betrachtungsweise des Embryos im Judentum sind einige der Hauptgründe für diese Tatsache. Seit der Staatsgründung 1948 wurde dem Wachsen der jüdischen Bevölkerung ein sehr hoher Stellenwert beigemessen. Bereits 1949 führte der damalige Premierminister David Ben Gurion eine Belohnung für Frauen ein, welche zehn Kinder zur Welt brachten. Dieses Belohnungssystem wurde allerdings bald wieder verworfen, da mehr arabische als jüdische Familien davon profitieren konnten.

Faszination für künstliches Leben

Die Holocaust-Erfahrung und die Angst vor der wachsenden arabischen Bevölkerung weckten stets den Ruf nach ständiger Vermehrung der jüdischen Israeli. Und tatsächlich scheint der verhältnismässige Anteil jüdischer Israeli im Lande abzunehmen. Laut einer Mitte Februar veröffentlichten Studie des israelischen Zentralbüros für Statistik wird in etwa 20 Jahren jeder vierte Israeli arabisch (muslimisch oder christlich) sein. Grund dafür sei die hohe Geburtenrate bei arabi­­­­­­­­­s­c­h­­en Israeli, welche bei durchschnittlich 4,8 Kindern pro Frau liegt. Neben demografischen Ängsten führt Tanja Krones gegenüber tachles einen weiteren interessanten Grund für die hohe IVF-Rate in Israel aus: Eine positive Einstellung gegenüber der modernen Technik. Diese werde im Judentum und auch im Islam nicht als Bedrohung empfunden wie etwa in der katholischen Kirche, wo Technik als Gegensatz zu Natur und Schöpfung angesehen werde, sondern als nützliche Errungenschaft.
Diese Haltung zeige sich auch in einer generellen Faszination für künstliche Erschaffung. Krones stellt weiter eine eher negative Einstellung in der israelischen Gesellschaft gegenüber Behinderten fest. Die IVF in Kombination mit der Präimplantationsdiagnostik (PID), bietet hier die Möglichkeit einer gewissen Reduzierung des Risikos einer Behinderung. Unter PID versteht man die Untersuchung eines in vitro erzeugten Embryos auf genetische Defekte, bevor dieser Embryo in die Gebärmutter transferiert wird. Defekte, die man dabei entdeckt, können zur Zeit nicht korrigiert werden, aber Embryonen, die Träger dieser Defekte sind, werden vor der Einpflanzung in die Gebärmutter eliminiert.

Widersprüche

Alternative Methoden zur Erfüllung eines Kinderwunsches wie etwa eine Spermienspende bei Unfruchtbarkeit des Mannes oder eine Adoption werden vom Staat nicht im gleichen Ausmass gefördert wie die IVF und teilweise gar erschwert, wie Daphna Birenbaum-Carmeli vom Department of Nursing der University of Haifa feststellt. Birenbaum-Carmeli führt dies auf ein «genbasiertes» Konzept jüdischer Identität zurück, welches staatlich institutionalisiert und von den Israeli weitgehend internalisiert wurde. Es geht also um das Beharren auf dem Konzept einer «natürlichen Familie» als gesellschaftlichem Ideal. Gesundheitliche Risiken für Frau und Kind, die psychische Belastung und Verfassung der Frau, die hohen Kosten sowie ethische Einwände gegen die Methode bleiben dabei aussen vor. Für ihren Kinderwunsch nehmen viele Frauen Schäden an ihrem eigenen Körper billigend in Kauf. Tanja Krones gibt auch zu bedenken, dass gerade der enorme gesellschaftliche Druck, Kinder haben zu müssen, sich negativ auf die Fruchtbarkeit ausüben kann. «Fällt der Druck Weg, dann klappt es oft auf natürlichem Weg.» Man solle diesen Nachwuchswahn hinterfragen und gerade die Frauen müssten vor dieser Gesellschaft stückweit auch geschützt werden.