Das kostbarste moralische Kapital
Die Schweiz war in den Jahren des real existierenden Nationalsozialismus alles andere als eine vor Wind und Wetter geschützte Alpenrepublik, die nicht wusste, was ausserhalb seiner Grenzen vor sich ging. Wenn es jedoch um die Hilfe für Juden ging, die sich in die neutrale Schweiz geflüchtet hatten, zeigte sich das Land offiziell als überaus abweisend. Doch es gab auch Ausnahmen: Paul Grüninger, Kommandant der Kantonspolizei St. Gallen, widersetzte sich der auf die deutsche Politik eingeschwenkten Schweizer Politik gegenüber Juden.
Grüninger hatte sich entschlossen, die Anweisungen aus Bern vorsätzlich zu missachten. Er hatte eine persönliche Grenze für sich gezogen und war Bern nicht mehr gefolgt, hatte Fluchthilfe über Beamtenpflicht gestellt. Wem die Flucht in den Kanton St. Gallen gelungen war, den liess er sich vorführen – und dann schickte er die Flüchtlinge nicht mehr zurück. Das war eine Gehorsamsverweigerung, eine Zuwiderhandlung gegen die judenfeindlichen eidgenössischen Erlasse. Der bis dahin brave Beamte, der politisch nie auffällig geworden war, leistete mit einem Mal offenen Widerstand gegen die hartherzigen kantonalen Behörden. Kurz: Paul Grüninger war ein Fluchthelfer, der wahrscheinlich Tausenden jüdischen Flüchtlingen das Leben rettete, indem er nicht wegsah oder wegsehen liess, dessen Gewissen es nicht zuliess, das Schicksal der Juden gleichgültig hinzunehmen. Es ist das Verdienst von Arno Lustiger, an den unbequemen Moralisten, diesen «stillen Helden» zu erinnern.
«Helden unserer Zeit»
Erst kurz vor seinem Tod im Februar 1972 ist der Flüchtlingsretter Paul Grüninger berühmt geworden. Von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem wurde er 1971 als «Gerechter unter den Völkern» ausgezeichnet. Indes war Grüninger nicht allein, wie wir aus Lustigers Buch erfahren. Schwarzbaum, Eis, Kühl und Silberschein gab es in der Schweiz auch, es gab Saly Mayer und den zionistischen Retter Nathan Schwalb. Bis Januar 2011 wurden sind weitere 45 Schweizer von Yad Vashem auf diese Weise geehrt worden.
Doch Lustiger hat seinen fokussierten Blick nicht allein auf die Schweizer, die Juden das Leben retteten, gerichtet, ihm geht es um das Ganze. Er schildert die oft lebensgefährlichen Rettungsbemühungen von Einzelpersonen, die es in ganz Europa in über 30 Ländern gab, in Deutschland ebenso wie in den mit dem Nazireich verbündeten, besetzten oder neutralen Staaten, überall dort, wo Juden an Leib und Leben bedroht waren. Indem er die europäische Dimension erfasst, ermöglicht Lustiger erstmals einen Einblick in die Hilfsleistungen und Rettungsversuche für Juden, die er in einem europäischen Kaleidoskop zu einem Gesamtbild zusammenfügt ohne beim jetzigen Forschungsstand den Anspruch geltend zu machen, den Rettungswiderstand in Europa vollständig abgebildet zu haben.
Lustiger nennt die selbstlosen Helfer «Helden unserer Zeit» und das «kostbarste moralische Kapital» das die europäischen Gesellschaften besitzen, weil sie die Ehre ihrer Mitbürger und der Menschheit während der barbarischsten Zeit bewahrt haben. Es waren zumeist einfache Menschen, die nie die Berühmtheit eines Oskar Schindler oder Raoul Wallenberg erreicht haben, gar nicht erreichen wollten, die allerdings über einen moralischen Kompass verfügten, der geeignet war, das ganze Universum zu retten.
Individuelle Hilfe
Mehr als 100 000 Menschen, so wird geschätzt, beteiligten sich europaweit an der Rettung von Juden. Von Yad Vashem wurden 23 000 Nichtjuden als «Gerechte unter den Völkern» geehrt. Angesichts dieser Zahlen konnte auch Lustiger nur eine annähernde Vollständigkeit erzielen, wobei seine Auswahl von mehreren subjektiven Faktoren beeinflusst ist: Seine Kriterien sind nicht so stringent wie die von Jerusalem. Er nahm ohne irgendeine Hierarchisierung auch Rettungstaten von Menschen auf, die bei der Auswahl von Yad Vashem keine Beachtung fanden. Jüdische Retter sind in Yad Vashem von jeglicher Ehrung ausgeschlossen, obwohl viele von ihnen ihrer Rettungsversuche wegen mit dem Leben bezahlten – Lustiger würdigt auch sie.
Die Hilfsmassnahmen der «Gerechten unter den Völkern» erfolgten meist individuell; gleichwohl gab es auch ganze Netzwerke. Die Einzelnen wurden von ihrem Gewissen und von humanitären Motiven, manchmal auch von religiöser Überzeugung geleitet, kamen aus allen sozialen Schichten. In verschiedenen Fällen halfen antifaschistische Untergrundgruppen verfolgten Juden, hauptsächlich durch das Ausfindigmachen von Verstecken. Gemeinsam war allen, dass sie Handlungsspielräume wahrnahmen, wo andere keine sahen. Einen besonders ungewöhnlichen Fall schildert Lustiger, der sich in dem holländischen Dorf Nieuwlande ereignete: In den Jahren 1942 und 1943 beschlossen die Einwohner des Dorfes, dass jeder Haushalt eine jüdische Familie oder zumindest einen Juden verstecken sollte. Angesichts des kollektiven Vorgehens war die Gefahr für das Dorf nur gering; man musste keine Denunziation befürchten, da alle Dorfbewohner gemeinsam handelten. Alle 117 Einwohner wurden als «Gerechte unter den Völkern» anerkannt.
Mutige Taten
Es ist ein längst überfälliges Buch über ein Thema, das von der allgemeinen wie jüdischen Geschichtsschreibung bislang wenig beachtet wurde. Und Lustiger ist insofern der ideale Autor, da er selbst – wie sein berühmter Cousin Aron Jean-Marie Lustiger, der spätere Primas der katholischen Kirche Frankreichs und Kardinal von Paris auch – sein Leben mehreren Rettungsaktionen verdankt. Anderen Angehörigen seiner Familie wurde dieses Glück, wenn man es denn so nennen darf, nicht zuteil. Er besitzt die notwendige persönliche Nähe des Holocaust-Überlebenden, zugleich auch die notwendige Distanz des Historikers. Von ihm stammt auch das Wort vom «Rettungswiderstand», mit dem er sein Buch betitelt hat. Dieser Begriff ist inzwischen von der deutschen Widerstandsforschung als Terminus technicus akzeptiert.
Aus der lustigerschen Lektüre, die ergiebig aus den von ihm zusammengetragenen Zeitzeugenberichten wie aus einschlägigem archivalischem Material schöpft, ist zu lernen, dass – notwendigerweise unter Anstrengungen und Opfern – Hilfe möglich war, und dass mehr hätte getan werden können, wenn mehr Menschen die Unterstützung ihrer bedrohten Mitmenschen als persönliche moralische Verpflichtung angesehen hätten. Dennoch: Keine Stadt ohne Gerechte. Allein in Berlin, so schätzt man, dürften mehrere tausend Menschen – zumeist Frauen – an Hilfeleistungen beteiligt gewesen sein. Sie alle praktizierten aktiven Anstand unter den extremen Bedingungen eines totalitären Umfelds und riskierten nicht selten ihr eigenes Leben. Juden zu retten, war auch Widerstand, Widerstand gegen die massenmörderische Macht der Nazis.
Diese mutigen Taten sind nach 1945 nicht angemessen gewürdigt, geschweige als Widerstandshandlung anerkannt worden – eine moralische Unterlassung. Die Judenhelfer haben von ihren Rettungsmassnahmen nie viel Aufhebens gemacht, das war für sie konstitutiv. Sie handelten allein nach ihrem «guten» Gewissen, besassen einen unbestechlichen Sinn für Gerechtigkeit, zogen keinen persönlichen Vorteil aus ihrer selbstverständlichen Hilfe, handelten häufig unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Den stillen, «unbesungenen» Helden wurde höchst selten ein Denkmal gesetzt. Das hat nunmehr Arno Lustiger mit seiner Studie getan. Er hat ihre Motive in den Kontext des politischen Verhaltens der Menschen gerückt, die es, aus welchen Gründen auch immer, an den einfachsten menschlichen Regungen haben mangeln lassen. Durch die humanitäre Dimension der Judenretter gewinnt dieses zeitgeschichtliche Verhalten an Kontur. «Die Gerechten unter den Völkern der Welt haben einen Platz in der kommenden Welt», so steht es im Talmud. So sei es.
Arno Lustiger: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit. Wallstein Verlag, Göttingen 2011.