Das jüdische Umfeld des Dichters Georg Heym
Beeindruckend, was sich trotz zweier Weltkriege alles an Lebensspuren des promovierten Juristen aus Hirschberg erhalten hat. Seine dichterischen Anfänge und die später auf Gerichtsakten, Buchumschlägen und sogar Packmaterial notierten lyrischen Einfälle sind in der überaus informativen Ausstellung gleich gut dokumentiert wie all die persönlichen Kontakte zu Studienkollegen, Verlegern und Dichterfreunden. Aus biografischer Sicht besonders interessant sind die Exponate, die von Heyms intensiver Beziehung zur Berliner Freundin Hildegard Krohn herrühren. Die mit Rücksicht auf ihre kranke Mutter in Deutschland verbliebene Fabrikantentochter, die in einem KZ umkam, inspirierte den jungen Lyriker zu seinen wenigen Liebesgedichten, wovon das schönste, «An Hildegard K.», mit dem Vierzeiler beginnt: «Deine Wimpern, die langen, / Deiner Augen dunkele Wasser, / Lass mich tauchen darein, / Lass mich zur Tiefe gehn.» Diesem Gedicht entstammt die Zeile «Am Ufer des blauen Tages», die jetzt den Titel des Buches von Nina Schneider (Verlag Hans-Jürgen Böckel, D-21509 Gelinde, 2000) bildet, welches Georg Heyms Leben und Werk in Bildern und Selbstzeugnissen erschliesst.
Darin und in der Basler Ausstellung kommt erstmals deutlich zum Ausdruck, wie förderlich sich Heyms freundschaftliche Beziehungen zu jüdischen Kunsthistorikern, Literaten und Buchverlegern wie Wilhelm Simon Guttmann und Kurt Wolff, Kurt Hiller und Erwin Loewenson, Heinrich Eduard Jacob und zum «Neopathetischen Cabaret» in Berlin auswirkten. Er las dort zwischen Texten von Carl Einstein, André Gide, Jakob van Hoddis und Mynona (Samuel Friedlaender) ein letztes Mal in der Öffentlichkeit eigene Verse. Schon wenige Jahre nach seinem vorzeitigen Tod figurierte Heym, den Kurt Pinthus als «Seher des Grauens» bezeichnete, in dessen Lyrikanthologie «Menschheitsdämmerung», bevor Ernst Ludwig Kirchner eine Neuausgabe der nachgelassenen Gedichte «Umbra vitae» 1924 mit Holzschnitten versah und damit eine der grossartigsten Buchausgaben des deutschen Expressionismus vorlegte.
Das vor allem von jüdischen Dichtern und Literaturkritikern geprägte literarische Umfeld Georg Heyms deuten in der Ausstellung Porträts von Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Mynona, Herwarth Walden (Georg Lewin) und Alfred Wolfenstein an, die von Ludwig Meidner, MOPP (Max Oppenheimer), von Oskar Kokoschka und von anderen expressionistischen Malern geschaffen wurden. Reproduktionen von «Apokalyptischen Landschaften» Meidners zeugen vom Einfluss, den Heyms viel zitierte Vision «Der Krieg» wenige Jahre vor Beginn jenes Völkermordens auf den ebenfalls durch Waldens «Sturm»-Zeitschrift geförderten urbanen Maler ausübte. Die vielseitige Heym-Rezeption runden Vertonungenn von Theodor Adorno, Tilo Medek und Manfred Trojahn zusammen mit ausgewählter Fachliteratur ab.
Öffnungszeiten: Montag-Freitag 8.30-19.30 Uhr, Samstag 8.30-16.30 Uhr. Begleitbuch in der Ausstellung Fr. 30.-.