Das jüdische Dilemma
Von Robert Brym
Die historische Transformation nach der Oktoberrevolution liess die Juden anfänglich zu einer privilegierten Minderheit werden. Gegenüber den illiteraten Bauern, die 1917 die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stellten, waren sie relativ urban und gebildet. Und im Gegensatz zu den alten Bildungseliten war ein grosser Teil der Juden dem neuen Regime ergeben, das viele Mitglieder der zaristischen Oberschicht verfolgte, vertrieb oder ermordete. Die Juden erhofften sich von den Bolschewiki dagegen die Erlösung von Pogromen und Ausgrenzung. Die neuen Machthaber betrachteten Gleichheit als ihr höchstes Ziel und die Juden als eine traditionell benachteiligte Minorität, die nun besondere Vorteile verdient hatten. Aus all diesen Gründen machten Juden rasch Karriere in der neuen, sowjetischen Hierarchie.
Bis 1926 hatte sich das soziale Gefüge der jüdischen Gemeinde bereits erheblich verändert. 1897 waren 31 Prozent der jüdischen Arbeitskräfte im Handel tätig, aber fast durchweg nur in wirtschaftlich marginalen Rollen. 29 Jahre später war dieser Anteil auf 12 Prozent geschrumpft. Dagegen hatte sich der Anteil von jüdischen Arbeitskräften in der Landwirtschaft vervierfacht und die der Angestellten verdoppelt. Zwischen 1926 und 1935 verdreifachte sich die Zahl der jüdischen Industriearbeiter. Generell waren Juden jedoch an Berufen interessiert, die ein hohes Bildungsniveau voraussetzten. 1970 waren sie die mit grossem Abstand am besten ausgebildete Bevölkerungsgruppe der Sowjetunion. In diesem Jahr hatte fast ein Viertel der Juden eine Universität besucht. Für die Gesamtbevölkerung lag dieser Anteil bei sechs Prozent, bei den zweitplatzierten Georgiern bei 15,5 Prozent. Zu dieser Zeit stellten die Juden nur ein Prozent der sowjetischen Bevölkerung, aber zwei Prozent der Universitätsstudenten, neun Prozent aller Wissenschaftler und 14 Prozent aller Akademiker mit Professorentitel. In absoluten Zahlen stellten nur die 130 Millionen Russen mehr Professoren als die etwa fünf Millionen Juden. Moskau war damals auch die geistige Hauptstadt der UdSSR. Hier waren 14 Prozent aller Wissenschaftler und 17 Prozent der Professoren jüdisch. Zu diesem Zeitpunkt waren weniger als zehn Prozent der sowjetischen Juden als Handwerker tätig.
Diese Zahlen machen die dramatische Transformation der Juden in der Sowjetunion innert zweier Generationen anschaulich. Sie waren von einer armen, verfolgten Minderheit, die meist aus wirtschaftlich unbedeutenden Handwerkern und Händlern in der Ukraine und Weissrussland bestanden hatte, zu der am besten ausgebildeten und am stärksten urbanisierten ethnischen Gruppe geworden, die weitgehend in das russische Herzland der UdSSR abgewandert war. Die Tatsache, dass sie – trotz ihrer Konzentration im zaristischen «Ansiedlungsrayon» – kein eigenes Gebiet kontrolliert hatten, war zunächst ein sozioökonomischer Vorteil der Juden: Als leicht bewegliche Gruppe konnten sie rasch vom Regime mobilisiert werden, um die Modernisierung eines Staates voranzutreiben, dem es anfänglich erheblich an intellektuellem Kapital mangelte. Der Preis für diese so vorher nie da gewesene soziale Mobilität war jedoch die nahezu vollständige Zerstörung der jüdischen Kultur. Lenin hatte 1913 geschrieben, jeder Unterstützer der Idee einer eigenständigen jüdischen Kultur sei ein Feind des Proletariats. Dies stand nach 1917 der staatlichen Unterstützung kultureller Formen nicht im Wege, die (gemäss der bolschewistischen Doktrin) zwar eine «jüdisch-nationale» Anmutung, aber einen sozialistischen Gehalt hatten.
Daher wurden politische und kulturelle Ausdrucksformen jüdischer Herkunft, die das Regime unterstützten, vom Sowjetstaat nicht nur toleriert, sondern gefördert: Jiddische Zeitungen, öffentliche Schulen, proletarisches Theater, Literatur und Kunst, «jüdische Sektionen» der Kommunistischen Partei, jüdische Räte und so weiter. All diese Institutionen dienten der Durchsetzung prokommunistischer Tendenzen in der jüdischen Gemeinschaft – und der Ausmerzung von «Jüdischkeit» und Zionismus. So wurden während der zwanziger Jahre Tausende jüdischer Schulen und Gotteshäuser geschlossen, während der Staat die jüdisch-proletarische Kultur unterstützte.
Stalins antijüdischen Kampagnen
Um 1930 hatte Stalin eine Politik der Vereinheitlichung aufgenommen, die sämtliche kulturellen und politischen Ausdrucksformen für den «Aufbau des Sozialismus in einem Lande» einspannen sollte. Seine Kampagnen gegen verschiedene Abweichler von der Parteilinie und die daraus folgenden Säuberungen liessen keine ethnisch-nationale Gemeinschaft unberührt. Die Juden waren jedoch besonders stark betroffen, gerade weil sie so eine prominente Rolle im Leben der Partei spielten. Zudem wurden die meisten staatlichen jüdischen Institutionen bis 1938 geschlossen. Dies bedeutete das Ende der kurzen Blüte einer jüdisch-proletarischen Kultur.
Allerdings erlebte die jüdische Kultur in der Sowjetunion vor dem deutschen Einmarsch 1941 noch einmal eine kurze Renaissance. Unter dem Molotow-Ribbentrop-Abkommen annektierte die UdSSR die baltischen Staaten sowie Teile Polens und Rumäniens, die einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil aufwiesen. Damit lebten 1940 über fünf Millionen Juden in der Sowjetunion, von denen 60 Prozent bislang von der Homogenisierung ihrer Kultur durch das kommunistische Regime verschont geblieben waren. Doch nur die Hälfte aller sowjetischen Juden überlebte das Morden der Nazis. Bedingt durch den Antisemitismus der weissrussischen und ukrainischen Bauern zogen die überlebenden Juden nach dem Krieg rasch in die Städte ihrer Sowjetrepubliken und ins russische Kernland. Dort nahm der Assimilierungsprozess seinen Gang.
Stalin lancierte zwischen 1946 und 1953 eine Serie abscheulicher Kampagnen gegen die Juden. Diese wurden jedoch nie direkt genannt, sondern durch leicht verständliche Codeworte wie «entwurzelte Kosmopoliten», «bürgerliche Nationalisten» oder «Verschwörer gegen Stalin» identifiziert. Nun wurden die verbliebenen Fragmente organisierten jüdischen Lebens vernichtet und seine führenden kulturellen Figuren erschossen oder zu dem langsameren Tod, einer Inhaftierung in abgelegenen Haftlagern, verurteilt. Auch der dreijährige, 1961 von Chruschtschow begonnene Kreuzzug gegen «Wirtschaftskriminelle» trug starke und unverkennbare antisemitische Züge. Danach führte das Breschnew-Regime eine energische Kampagne gegen den «internationalen Zionismus», nachdem Israel den arabischen Verbündeten der Sowjets im Sechstagekrieg von 1967 eine schmähliche Niederlage zugefügt hatte.
Wann immer dies dem Regime als nützlich erschien, nahm der offizielle Antisemitismus an Intensität zu. Aber dahinter lässt sich als bleibendes Motiv die Tatsache ausmachen, dass die sowjetische Nationalitätenpolitik schlicht keinen Platz für die Juden finden konnte. Das Regime betrieb die proportionale Repräsentation der diversen Ethnien in Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Staatsführung kam daher allmählich zu der Überzeugung, dass es der inneren Stabilität des Sowjetreiches dienlich sein würde, jüdische Kader durch Mitglieder anderer Nationalitäten zu ersetzen, um so deren Loyalität zu sichern und separatistische Tendenzen zu entmutigen. Diese Entwicklung begann bereits in den dreissiger Jahren, als das Ausbildungsniveau anderer ethnischer Gruppen zugenommen hatte. Stalin begann ein Fortbildungsprogramm von Arbeitern «von der Werkbank» für höhere Positionen, die bis dahin in starkem Masse von Juden besetzt worden waren.
Chruschtschow stellte dann stolz fest, die Sowjets hätten «neue Kader geschaffen», und erklärte: «Wenn die Juden jetzt die Spitzenpositionen in unseren Republiken besetzen wollen, wird das selbstverständlich das Missfallen der eingesessenen Bevölkerungen auslösen.» Aber erst in den Jahren 1967 bis 1971 begannen sich viele Juden tatsächlich zu fragen, ob ihre Kinder noch eine Zukunft in der UdSSR hatten. Zahlreiche Memoiren und systematische Studien aus dieser Epoche zeigen, dass die Ausbildungs- und Berufschancen der Juden nun empfindlich eingeschränkt wurden. Hier sei nur ein Beispiel für die Wirkungsweise ethnischer Quoten erwähnt: 1979 bewarben sich 47 nicht jüdische und 40 jüdische Studenten um einen Platz im Seminar für Mechanik und Mathematik der Universität Moskau. Die Nichtjuden hatten 26 der staatlichen «Mathematik-Olympiaden» gewonnen, die Juden dagegen 48. Dennoch wurden nur sechs Juden gegenüber 40 Angehörigen anderer Ethnien aufgenommen. Dieses Schema hat sich vor allem in Schulen und Forschungsinstituten endlos wiederholt und wurde allmählich zum Anstoss für viele Juden, an eine damals illegale Emigration zu denken. Sie hatten ihre Existenz in der Sowjetunion auf die Möglichkeit gegründet, berufliche Spitzenleistungen erbringen zu können. Als diese verschwanden, verlor ihr Leben als Sowjetbürger seine Grundlage.
Die strukturelle Sonderstellung der Juden in der sowjetischen Nationalitätenpolitik gab der Emigrationsbewegung ihr wesentlichstes Motiv. Doch daneben spielten Anstösse von aussen eine Rolle. Die USA und andere westliche Staaten setzten alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel – bis hin zu Handelssanktionen – ein, um dem Regime Auswanderungsgenehmigungen für Juden abzuringen. Der israelische Sieg im Sechstagekrieg liess ein Gefühl von Stolz und Ungehorsam sowie zionistischen Aktivismus unter sowjetischen Juden wachsen. Das Regime reagierte mit einer bösartigen «anti-zionistischen» Kampagne, die gleichzeitig die Auswanderung einiger Juden rechtfertigen und das Übergreifen der Emigrationsbewegung auf andere Ethnien verhindern sollte. Dies überzeugte immer mehr Juden davon, dass sie in dieser Gesellschaft keinen Platz mehr hatten und keine Hoffnung auf politische und kulturelle Reformen bestand.
Ein Fremder im eigenen Land
Die Emigrationsbewegung setzte 1966 mit ersten, zaghaften Versuchen ein und nahm 1971 Fahrt auf. Bis 1977 waren die meisten Auswanderer von zionistischen oder religiösen Motiven bewegt. Die Mehrzahl stammte aus den peripheren Gebieten der UdSSR, in denen sich die Assimilation weniger durchgesetzt hatte, vor allem aus dem Baltikum, aus Moldawien, dem Westen Weissrusslands und der Ukraine (dort war die Sowjetherrschaft erst nach 1945 wirklich eingezogen) sowie aus Georgien. Um 1977 trat jedoch eine Trendwende ein. Nun wanderte die Mehrheit der sowjetischen Juden nicht mehr nach Israel, sondern in die USA und andere westliche Nationen aus. Dies sprach für einen Wandel weg von ideologischen hin zu pragmatischen Motiven: Sie suchten politische und kulturelle Freiheit, wollten den Belastungen jüdischer Existenz in der Sowjetunion entkommen, wieder mit emigrierten Verwandten zusammenfinden oder die Zukunft ihrer Kinder sichern. Ab den späten achtziger Jahren kamen die Flucht vor politischer Instabilität und wirtschaftlichem Kollaps als Motive dazu. Bis dahin hatte die Auswanderungsbewegung auf das russische Kernland und den Osten Weissrusslands und der Ukraine, also die seit 1917 weitgehend assimilierten Juden übergegriffen, die vom sowjetischen Erziehungswesen und der russischen Kultur geprägt worden waren.
Allerdings lehnte die «schweigende Mehrheit» dieser relativ assimilierten Juden eine Emigration ab. Sie versuchten sich so gut als irgend möglich mit den enormen Problemen in der Breschnew-Ära und der zunehmenden Ungewissheit über die Zukunft der UdSSR unter Gorbatschow zu arrangieren. Viele von ihnen waren schlicht über ihre Identität und ihre Lage verwirrt. Dafür spricht eine zeitgenössische Aussage:
«Wer bin ich jetzt? Was sagt mir mein Gefühl über mich selbst? Leider empfinde ich mich nicht als jüdisch. Ich bin mir meiner eindeutigen genetischen Bande zum Judentum bewusst. Ich nehme an, dass sich dies in meiner Mentalität, meiner Denkweise und in meinem Verhalten bemerkbar macht. Aber diese mit anderen geteilten Eigenschaften verhelfen mir ebenso wenig zu einer jüdischen Identität wie gewisse Äusserlichkeiten – offensichtlich fehlen uns stärkere, existenzielle Bande wie gemeinsame Sprache, Kultur, Geschichte, Tradition … Ich bin ebenso an die Farbe, den Geruch, die Geräusche der russischen Landschaft gewöhnt wie an die russische Sprache und die Rhythmen der russischen Dichtung. Alles andere kommt mir fremd vor. Und dennoch: Nein, ich bin kein Russe. Ich bin heute ein Fremder in diesem Land.»
Die für die Juden der späten Sowjetunion charakteristische Randstellung, ihre eigene Unsicherheit über ihre kulturelle und geografische Zugehörigkeit im west-östlichen Spannungsverhältnis liess sie zu Spielbällen der Politik werden. Während des Kalten Krieges wurden sie im amerikanisch-sowjetischen Tauziehen instrumentalisiert. In den ersten, von tiefen wirtschaftlichen Problemen geprägten Jahren nach dem Ende der UdSSR gerieten sie ins Visier von Antisemiten, die sie als heimtückische und mächtige Verschwörer gegen das einst so mächtige rote Imperium darstellten. Derweil neigten israelische Offizielle dazu, die Zahl und die Motive der Emigranten zu übertreiben und zu verdrehen.
Viele Juden in Israel und im Westen sehen in der ehemaligen Sowjetunion ein gewaltiges Potenzial für eine Wiederbelebung der jüdischen Kultur und engagieren sich dafür mit grossem persönlichen Einsatz. So existieren heute im Ausland verschiedene Gruppen mit divergierenden Interessen, die ihre Ansicht zur Lage der in der Russischen Union verbliebenen Juden propagieren. Ich plädiere jedoch dafür, diese Juden selbst zu Wort kommen zu lassen. ●
Robert J. Brym ist Professor für Soziologie und lehrt am Centre for Russian and East European Studies an der University of Toronto. Der vorliegende Text ist seiner wegweisenden Studie «The Jews of Moscow, Kiev and Minsk: Identity, Antisemitism, Emigration» entnommen (World Wide Web edition 2008).
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In Zahlen
Moskaus jüdische Gemeinde
> 1912 lebten 15 353 Juden in Moskau. Bis 1926 war ihre Zahl auf 131 000 gestiegen, das machte 6,5 Prozent der Einwohner Moskaus aus. 90 Prozent von ihnen waren unter 50 Jahre alt. 1939 lebte etwa eine Viertelmillion Juden in Moskau. Sie stellten nach den Russen die zweitgrösste Ethnie und sechs Prozent der Bewohner. In St. Petersburg/Leningrad war die jüdische Gemeinde von 35 000 und 1,8 Prozent der Bewohner (1910) auf 84 603 und 5,2 Prozent (1926), dann auf 201 542 und 6,3 Prozent (1939) gestiegen. In Charkov und Kiew lagen diese Zahlen 1939 bei 130 250 und 15,6 Prozent beziehungsweise bei 224 236 und 26,5 Prozent. Damals lebten 87 Prozent der sowjetischen Juden in Städten.
Quelle: Yuri Slezkine: Das jüdische Jahrhundert (Vandenhoeck & Ruprecht, 2007).