«Das Judentum definiert sich heute anders»
tachles: Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 (NFP 58) «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» sind Sie unter dem Titel «Religionswandel und gesellschaftspolitische Orientierungen der Juden in der Schweiz» für den jüdischen Teil zuständig. Worum geht es thematisch genau?
Daniel Gerson: Thema ist die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in den letzten 40 Jahren, und zwar auf organisierter wie auf individueller Ebene. Es umfasst Polarisierungstendenzen und Pluralisierungen auf Gemeindeebene und Veränderungen des jüdischen Selbstverständnisses bei einzelnen Frauen und Männern.
Individualisierung und Frauenemanzipation sind ja nicht nur jüdische Themen, sie dürften aber für die Gemeinden doch eine gewisse Modernisierung bewirkt haben.
Die verstärkte Individualisierung seit den sechziger Jahren ist vor allem deshalb für die jüdische Gemeinschaft ein einschneidender Vorgang, dass diese Entwicklung die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft zur Mehrheitsgesellschaft im privaten Bereich stark aufgeweicht hat. Dadurch stieg auch die Zahl der «Mischehen» auf über 50 Prozent. Zugleich ist jedoch zu beobachten, dass immer mehr dieser interreligiösen Familien gerade für ihre Kinder eine Zugehörigkeit zum Judentum anstreben. Für manche Frauen – aber auch Männer – sind zudem egalitäre Gottesdienste als Zeichen eines veränderten Rollenverständnisses notwendig.
Generiert die Individualisierung auch einen Pluralismus, eine Änderung der jüdischen Identität?
Ja, das Judentum definiert sich heute nicht mehr so stark über die Gemeindezugehörigkeit und die Religionspraxis, sondern mehr über verschiedene Faktoren wie Geschichte, Kultur und Herkunft.
Die Studie zeigt demnach auch die Facetten auf, die neben den Gemeinden stattfinden?
Ja, genau. Man kann feststellen, dass die Zahl der in den Volkszählungen registrierten Juden in der Schweiz kontinuierlich abnimmt. 1970 waren es noch 21000, heute sind es 18000. Zugleich kann man aber sehen, dass ausserhalb der etablierten Gemeinden zahlreiche Gemeinschaften entstehen, die Judentum auch in religiösen Formen pflegen. Es wirkt zunächst widersprüchlich: Eine faktisch schrumpfende Gruppe versucht gegenwärtig vielfältige neue Formen zu finden, die veränderten Bedürfnissen gerecht werden sollen.
Wie gross schätzen Sie die Zahl jener, die sich nicht als jüdisch registrieren lassen?
Auf wenige Tausend, aber diese Menge ist sehr schwer zu bestimmen. Wenn man jene dazu nimmt, die sich aufgrund nur eines jüdischen Elternteils nicht als jüdisch registrieren liessen, sind es wohl noch einige mehr. Doch sind diese Menschen für das Leben der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz nur dann von Bedeutung, wenn sie sich in irgendeiner Form mit ihrem Judentum auseinandersetzen. Eine jüdische Herkunft allein ist noch kein Beitrag für die jüdische Gemeinschaft.
Nach welchem Ansatz definieren Sie als Wissenschaftler die jüdische Zugehörigkeit?
Für uns sind all jene Leute von Interesse, in deren Biografie das Judentum eine Rolle spielt. Wir gehen also nicht ausschliesslich nach der halachischen Definition.
In die letzten 40 Jahre fallen Ereignisse, die die Gesellschaft stark verändert haben, wie etwa die Existenz des jungen Staates Israel, der Sechstagekrieg, die Holocaust-Debatte, die «Chabadisierung» etc. Fangen Sie auch solche Einflüsse auf?
Ja, denn wenn der Sechstagekrieg gesellschaftlich noch zu einer Art Verbrüderung mit den bedrohten aber schliesslich siegreichen Juden führte, ist heute der Nahostkonflikt eher zu einer Belastung der Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden geworden, weil die israelische Politik auch heftige antisemitische Kontroversen auslöst. Die Holocaust-Debatte machte vielen Schweizer Juden und Jüdinnen bewusst, dass ihre Perspektive auf das historische Geschehen von zahlreichen Nichtjuden nicht geteilt wird. Die sogenannte «Chabadisierung» ist derzeit ein wichtiges, sehr manifestes Phänomen, das wir in unsere Forschung einbeziehen. Chabad entwickelt eine Art Parallelstruktur zu den etablierten Gemeinden. Die längerfristigen Auswirkungen dieser Entwicklung sind noch schwer abzuschätzen. Gerade auch sogenannte «Randjuden», die bis anhin im organisierten Judentum keinen Platz für sich gefunden haben, wenden sich sehr häufig Chabad zu, weil dort das Judentum attraktiv und leicht zugänglich angeboten wird. Chabad verlangt keine formelle Mitgliedschaft und deshalb auch keine Gemeindesteuern. Sie stellen eine amerikanisierte Form des Ostjudentums dar, das mit Mitteln professioneller, moderner Kommunikation sowie mit viel Spiritualität und Emotionen die Leute anspricht. Letztlich aber wird von jedem Juden doch eine orthodoxe Lebensführung eingefordert, die für viele Menschen wohl allzu einschneidende Änderungen ihrer Lebensweise bedeutet. Es bleibt deshalb abzuwarten, wie nachhaltig Chabad das Schweizer Judentum prägen wird.
Was würden Sie anhand des bereits vorhandenen Materials als Charakteristikum für die Entwicklung des Schweizer Judentums bezeichnen?
Generell finden religiöse Entwicklungen langsam und vorsichtig statt. Es gibt keine radikalen Schritte in den Gemeinden. Die wichtigste Neuerung war die Entstehung der liberalen Gemeinden in den siebziger Jahren in Genf und Zürich. Doch ist selbst das liberale Judentum in der Schweiz eher konservativ und weiterhin eine Minorität innerhalb der jüdischen Minderheit. In Schweden dagegen, dessen jüdische Gemeinschaft ähnlich gross ist, können sich seit einigen Jahren auch Kinder, die lediglich einen jüdischen Vater haben, in den Gemeinden registrieren lassen. Solche radikalen Schritte sind für die Schweiz nicht auszumachen. Die Spielräume der Halacha werden von den meisten Rabbinern sehr vorsichtig ausgelotet. Die traditionellen Vorstellungen sind in den meisten Einheitsgemeinden noch recht präsent, und man öffnet sich sehr behutsam – beispielsweise in Basel, wo der Jugendtreffpunkt seit kurzem explizit auch nicht jüdische Partnerinnen und Partner einlädt. Eine Neuerung, die vor 20 oder 30 Jahren kaum denkbar gewesen wäre.
Vor 60 Jahren gab es noch eine starke jüdische Mitte, aber keine Liberalen. Heute gibt es Liberale, dafür ist die Orthodoxie viel extremer geworden. Unter welcheWandlungskomponenten stellen Sie dies?
Es sind tatsächlich Polarisierungen feststellbar. Das Wegbrechen der Mitte ist vorab in den grossen Gemeinden wie Zürich und Basel sehr deutlich geworden. Das bewahrend-bürgerliche Judentum ist in der Schweiz im Schwinden begriffen und dürfte künftig nicht mehr die tragende Gruppe in den grossen Einheitsgemeinden bilden.
Geht der Wegfall der Mitte mit einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung in der Schweiz einher oder ist er spezifisch in den jüdischen Gemeinden zu beobachten?
Er ist insofern typisch für das Schweizer Judentum, als die traditionelle Einheitsgemeinde bis in die siebziger Jahre überlebt hat, weil die schweizerisch-jüdischen Strukturen von den direkten Auswirkungen des Holocaust verschont blieben. Erst seit den sechziger Jahren kommt es auf Grund der erwähnten gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstärkten Polarisierungs- und Pluralisierungstendenzen. Früher hatte der einzelne Rabbiner eine viel grössere Autonomie, und lokale Traditionen und Bedürfnisse hatten grosses Gewicht. Dabei spielt auf Seiten der Orthodoxie auch die zunehmende Fixierung auf das israelische Oberrabbinat eine wichtige Rolle für einen «Rechtsruck». Spannungen innerhalb der Orthodoxie – beispielsweise innerhalb der IRG in Zürich – führen dazu, dass sich einzelne Gruppen wie Tiferet Israel eine neue Heimat suchen. Aber auch bei ihnen liegt das Problem – wie bei den Liberalen – in der kritischen Masse, sprich der begrenzten Anzahl Leute und der zur Verfügung stehenden Mittel. Die Frage, wohin sich die relativ grossen Einheitsgemeinden bewegen, ist ebenfalls noch offen. Möglicherweise dürfte es eine Annäherung an eine Form der amerikanischen Modern Orthodoxy geben.
Ihre Studie wird wohl viele Informationen liefern, die die Gemeinden schon seit Jahrzehnten gebraucht hätten, um sich wappnen zu können. Die Frage ist, ob die Gemeinden der Mitte sich radikal ändern müssen, wenn sie noch Mitglieder haben wollen.
Radikale Änderungen sind kaum zu erwarten. Doch gibt es für die meisten Gemeinden keine sinnvolle Alternative als eine gesellschaftliche Akzeptanz und Integration der interreligiösen Familien, die den Kontakt zum Judentum suchen. Hier ist auch bereits Bewegung wahrnehmbar, etwa in Bezug auf die Aufnahme der Kinder jüdischer Väter in den Religionsunterricht oder bei der Öffnung der Friedhöfe für nicht jüdische Partner. Aus orthodoxer Sicht sind solche Punkte heikler als für das liberale Judentum. Doch müssen wir uns bewusst sein, dass, trotz der liberalen Gemeinden, sich zunehmend viele Juden und Jüdinnen ausserhalb des organisierten religiösen Judentums bewegen werden.
Sie sprechen von einer Öffnung der Einheitsgemeinden, während in deren Rabbinaten doch eine zunehmende Radikalisierung der Orthodoxie festzustellen ist. Führt das zum Bruch zwischen Gemeindeleben und Rabbinat, bei dem man ja von einer gewissen Internationalität abhängig ist?
Ein gewisser Bruch ist in manchen Gemeinden bereits feststellbar. Inwiefern sich dieser verbreitert, ist von der diplomatischen Fähigkeit des Rabbiners abhängig, mit den verschiedenen Strömungen innerhalb der Gemeinde umzugehen. Die nicht orthodoxe «schweigende» Mehrheit hat dann eine Chance, die Gemeinde mitzuprägen, wenn sie sich aktiv in die Gemeindepolitik einschaltet.
Ganz allgemein kehrt die Religion in die Gesellschaft zurück. Welche Ansätze sehen Sie in der Schweiz als Nationalstaat im Umgang mit Religionen, die ja nicht gänzlich vom Staat getrennt sind?
Die vollständige Trennung von Kirche und Staat gibt es in der Schweiz, im Gegensatz zu Frankreich, tatsächlich nicht. Das Geld für das NFP 58 wurde natürlich nicht im Hinblick auf das Judentum gesprochen, sondern im Hinblick auf religiöse Gruppen, die neu in der Schweiz vorhanden sind, wobei das primäre Interesse dem Islam gilt. Interessant dabei ist, wie gewisse Debatten sich gleichen – man erinnere sich im Zusammenhang mit der aktuellen Moscheendebatte an die Synagogendebatte im 19. Jahrhundert oder daran, wie früher mit dem Begriff «Überfremdung» vor einer «Verjudung» der schweizerischen Gesellschaft gewarnt wurde, während rechtspopulistische Parteien heute propagieren, dass die ganze Schweiz demnächst der Islamisierung zum Opfer falle. Für die Mehrheitsgesellschaft der Protestanten und Katholiken ist ähnlich wie beim Judentum eine Krise der etablierten Kirchgemeinden feststellbar, während sich viele Menschen in neuen und informellen religiösen und spirituellen Gruppierungen treffen.
Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Integrationskultur der Schweiz nicht allzu rühmlich. Wie sehen Sie dies im Speziellen in Bezug auf fremde Religionen?
Dank dem Föderalismus und der Vielsprachigkeit ist in der Schweiz eine gewisse Multikulturalität per se angelegt. Hier sind dominante «Monopole» wie jene des Katholizismus in Italien oder der lutheranischen Tradition in Norddeutschland weniger stark ausgeprägt. Eigentlich hat es die Schweiz bisher recht gut geschafft, Minderheiten zu integrieren. Dies auch Dank der bis anhin sehr geringen Arbeitslosigkeit. Die berufliche Integration hat sicherlich bis heute wesentlich zur vergleichsweise erfolgreichen Eingliederung von Migranten beigetragen.
Anpassung von wem an wen?
Diese Frage ist natürlich vor allem in Bezug auf den Islam relevant. Derzeit gibt es in der Schweiz etwa fünf Prozent Muslime, und dieser Anteil dürfte noch etwas zunehmen: Der Islam ist hierzulande im Begriff, sich zu integrieren. Auch der Moscheenbau ist ein Teil der Integration. Die Integration der Muslime wird sicherlich nicht ohne weitere Auseinandersetzungen vonstatten gehen. Doch die historische Erfahrung zeigt, dass Minderheiten, wenn man ihnen eine faire Chance zur Eingliederung gibt, sich innert weniger Generationen einen Platz innerhalb des Gesamtgefüges der Gesellschaft zu schaffen vermögen.
Die Studie, die im Jahre 2010 abgeschlossen sein soll, geht ja insofern von einem soziohistorischen Ansatz aus, als keine neuen Daten erhoben werden können. Wo liegen die Chancen und Grenzen dieser Methode?
Eine wichtige Quelle für mich sind die Unterlagen des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, aber auch die jüdische Presse sowie Gespräche mit Frauen und Männern, die sich für das Judentum engagieren, finden Eingang. Das Letztere ist für meine Arbeit ebenfalls sehr wichtig, denn es bietet Einblicke in jüngste Entwicklungen, die häufig noch nicht gut dokumentiert sind. Zudem arbeite ich mit einem interdisziplinären Team zusammen: Sabina Bossert, eine angehende Historikerin, befragt Schweizer Juden in Israel zu ihrer Erfahrung mit der Religion vor und nach der Alija; Madeleine Dreyfus als Psychologin und Sozialwissenschaftlerin untersucht die Bedeutung des Judentums in interreligiösen Beziehungen; Leonardo Leupin arbeitet soziologisch und untersucht das Schulwesen der jüdischen Gemeinden; die Historikerin und Judaistin Valérie Rhein forscht zur Rolle der Frau im Judentum und die angehende Kulturanthropologin Isabel Schlerkmann beschäftigt sich mit dem «Jewish Space» in der Schweiz. Wir sind von unserer professionellen und persönlichen Prägung her ein breit angelegtes Team. Dies führt zu sehr anregenden und kritischen Diskussionen betreffend unsere Forschung in den gemeinsamen Arbeitssitzungen.
Das Nationale Forschungsprogramm 58 (www.nfp58.ch) wird ausser vom Schweizerischen Nationalfonds auch von der René-und-Susanne-Braginsky-Stiftung sowie der Stiftung Jüdische Zeitgeschichte an der ETH Zürich gefördert und ist dem Institut für Jüdische Studien der Universität Basel angegliedert. Kooperationen bestehen mit dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich sowie dem Institute for Jewish Policy Research in London.