Das Jerusalem der Sephardim

Von Gundula Madeleine Tegtmeyer, April 27, 2009
Von den Ende des 15. Jahrhunderts aus ihrer spanischen Heimat vertriebenen Juden fanden Tausende im Osmanischen Reich Zuflucht – die meisten von ihnen in der mazedonischen Hafenstadt Saloniki. Vier Jahrhunderte lang war es ihre Stadt. Sie nannten sie «Madre de Israel» – die «Mutter Israels».
THESSALONIKI Die Einwanderer verhalfen der Stadt einst zur kulturellen und wirtschaftlichen Blüte

Die Vorgeschichte ist weitgehend bekannt: Im Jahre 1154 bringen die aus dem Maghreb stammenden Almohaden (arabisch: «al muwahidun», die «Bekenner der Einheit Gottes») das maurische Spanien unter ihre Kontrolle und stellen Juden sowie Christen vor die Wahl:  Entweder sie konvertieren zum Islam oder sie müssen emigrieren. Um den 2. Januar 1492 kapituliert der letzte arabische Herrscher Muhammad XII. vor den Heeren Ferdinands II. und Isabellas I. Zunächst feiern die Juden den König von Kastilien als Befreier. Die gute Atmosphäre zwischen Juden und Christen ändert sich mit der Kirchenreform von Cluny, die die Macht des Papstes stärkt. Juden werden zu Feinden der Christenheit erklärt. Sie können von nun an nur noch unter dem Schutz ihres Landesherren existieren. In Spanien entsteht der Typ des «Schutzjuden» – ein Grundmuster des jüdischen Lebens im mittelalterlichen Europa. Noch im selben Jahr ergeht in Spanien am 31. März das königliche Edikt an die Juden, sich entweder zu taufen oder das Land – ohne Hab und Gut – binnen der nächsten drei Monate zu verlassen. 50 000 entscheiden sich für die Scheintaufe, fünf Mal so viele ziehen die Verbannung vor. Die Vertriebenen nennen sich «Sephardim» von «Sepharad», wie Spanien auf Hebräisch heisst. Und dann beginnt die Odyssee.

Neuanfang in Thessaloniki

Die meisten Flüchtlinge zieht es in den östlichen Mittelmeerraum. 20 000 von ihnen folgen dem Ruf von Sultan Bayezid II., den wahrscheinlich der Oberrabbiner von Konstantinopel, Elija Kapsali, dazu bewogen hat, die Juden einzuladen, sich im Osmanischen Reich niederzulassen. Tausende zieht es nach Thessaloniki, das zu diesem Zeitpunkt noch den türkischen Namen Saloniki trägt. Die heruntergekommene Hafenstadt ist ein nahezu entvölkerter Ort von nur noch 3000 Einwohnern, der sich nur mühsam von der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1430 erholt. Die jüdischen Flüchtlinge beginnen nicht nur in ihren traditionell angestammten Berufen wie Kaufleute und Bankiers zu arbeiten. In ihrer neuen Heimat findet man die Neuankömmlinge auch in anderen Berufen und in allen gesellschaftlichen Schichten. Vom Hafen- und Fabrikarbeiter über den Handwerker bis zum Arzt und Rabbiner. Diese Berufsvielfalt ist einzigartig in der jüdischen Geschichte. Die Juden von Thessaloniki bilden unter den Türken, Griechen, Albanern und Bulgaren bis ins 20. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit – ein weiterer Sonderfall in der jüdischen Diaspora. Sie bilden das wirtschaftliche Rückgrat und verhelfen der maroden Stadt am Thermaischen Golf zu neuer wirtschaftlicher und kultureller Blüte. Im «Jerusalem des Balkans» bewahren die jüdischen Einwanderer über Jahrhunderte ihr spanisches kulturelles Erbe. In Thessaloniki assimilieren sich sowohl die griechischsprachigen Juden, die Romanioten, die schon zu Zeiten des Apostels Paulus hier ansässig waren, die eingewanderten, Jiddisch sprechenden aschkenasischen Juden aus Osteuropa sowie die grösste Bevölkerungsgruppe unter den Minderheiten in der Stadt, die Griechen. Das Ladino, das «Judenspanisch», wird mit hebräischen und türkischen Wörtern angereichert und schafft es in der Stadt zur «Lingua franca» und zur gemeinsamen Sprache aller Juden im Osmanischen Reich.
David Ben Gurion, der spätere erste Ministerpräsident Israels, studierte an den Universitäten von Konstantinopel und Saloniki Jura. Für den überzeugten Zionisten war Saloniki der eindrucksvolle Beweis dafür, das ein jüdischer Staat lebensfähig wäre. Die Juden von Saloniki hatten über Jahrhunderte bewiesen, das sie ein Gemeinwesen erfolgreich leiten können. Das prosperierende Wirtschaftsleben wird über Jahrhunderte von der jüdischen Bevölkerungsmehrheit dominiert.
Der Niedergang der sephardischen Gemeinde von Saloniki ist ein schleichender Prozess, der bereits im Jahre 1913 beginnt, als die Stadt infolge zweier Balkankriege an den griechischen Nationalstaat fällt. Die Juden werden nun zur Minderheit.
Am 24. Juli 1923 wird im Schloss von Ouchy der Vertrag von Lausanne geschlossen. Die Türkei, die Siegerin im türkisch-griechischen Krieg von 1922, kann die Bestimmungen des nach dem Ersten Weltkrieg abgeschlossenen Vertrags von Sèvres nach ihren Vorstellungen revidieren lassen. Der Vertrag von Sèvres vom 10. August 1920, zwischen der Entente und dem Osmanischen Reich geschlossen, gehört zu den Pariser  Vorortverträgen, die den Ersten Weltkrieg beendeten. Die Türkei erhält Armenien, Ostthrakien (der europäische Teil der heutigen Türkei) sowie Smyrna, eine damals noch griechische Stadt in Kleinasien, heute Izmir genannt. Griechenland erhält Westthrakien. Die US-Administration unter Präsident Wilson bemüht sich um einen «gerechten Frieden» auf der Basis klar definierter Nationalgrenzen. Der Vertrag von Lausanne ist ein bedeutender Zwischenschritt der am 30. Januar 1923 vereinbarten Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Die in Kleinasien ansässigen türkischen Staatsangehörigen griechisch-orthodoxen Glaubens (etwa 1,25 Millionen) werden nach Griechenland ausgewiesen, die in dem nun Griechenland zugefallenen Teil Makedoniens beheimateten griechischen Staatsbürger muslimischen Glaubens (zirka eine halbe Million Menschen) müssen in die Türkei auswandern. Von dem Bevölkerungsaustausch ausgenommen ist allein die Bevölkerung Istanbuls. Im Zuge der Hellenisierung werden besonders viele sogenannte Pontos-Griechen in Saloniki angesiedelt. Die Pontos-Griechen oder Pontier sind die Nachfahren jener Griechen, die im Altertum die südlichen Küsten des Schwarzen Meeres besiedelten, die Landschaft Pontus.

Verblasster Glanz

Berühmtester Sohn der Stadt ist Mustafa Kemal, auch Atatürk, «Vater der Türken», genannt, Gründer der türkischen Republik. Der Führer der Nationalisten lehnt im Gegensatz zum osmanischen Sultan Mehmed VI., der seinen Thron und somit das letzte existierende Kalifat retten will, die Vereinbarungen ab. Die Bewegung unter Mustafa Kemal nimmt den Vertrag von Sèvres zum Anlass, sich zur rechtmässigen Regierung zu erklären, und ersetzt das Kalifat in Istanbul durch eine Republik mit Regierungssitz in Ankara.
Seine Zugehörigkeit zur säkularisierten Schicht lässt immer wieder Gerüchte aufkommen, Atatürk sei ein Dönme, ein Konvertit und somit ein Kryptojude, gewesen und bei den Kemalisten handle es sich um eine Verschwörung, die sich aus einem Motiv der Rache speise, weil Sultan Abdülhamid II. Theodor Herzl Palästina verweigert habe.
Die Dönme sind die Mitglieder einer kabbalistischen Sekte, die von Berechja, einem Anhänger Sabbatai Zvis, 1683 in Saloniki gegründet wurde. Als der selbsternannte Messias vor die Wahl gestellt wird, entweder zum Islam zu konvertieren oder getötet zu werden, erklären seine Anhänger seinen Übertritt zum Islam damit, dass die Seele des Messias bis zum Grunde der Sünde hinabsteigen müsse, um die Funken göttlichen Lichts zu erlösen, die dort gefangen seien. Im Zuge des Bevölkerungsaustausches zwischen Griechenland und der Türkei werden die Dönme wegen ihres muslimischen Glaubens zu den Türken gerechnet und müssen Saloniki verlassen.
Die griechischen Flüchtlinge sind zumeist mittellos und stellen in den dreissiger Jahren bereits die Hälfte der Bevölkerung. Armut, Krankheiten und Hoffnungslosigkeit prägen den Alltag und die Atmosphäre in Thessaloniki und entladen sich 1931 in antijüdischen Ausschreitungen. In dem wachsenden antisemitischen Klima steigt die Zahl der jüdischen Auswanderer kontinuierlich und der Glanz vergangener Tage verblasst.
Am 9. April 1941 erreichen die ersten deutschen Truppen die mazedonische Hauptstadt. Am 15. März 1943 fährt der erste Zug zu den Todeslagern von Auschwitz und Birkenau. Der brutalste der Nazioffiziere ist Alois Brunner, die rechte Hand von Adolf Eichmann. Brunner ist während des Nazi-Terrors für die Ermordung von etwa 120 000 Menschen verantwortlich. Mit dabei ist Dieter Wisliceny. Von 50 000 Juden in Thessaloniki am Vorabend des Zweiten Weltkrieges überleben kaum 2000. Nach der Befreiung Griechenlands werden Brunner und Wisliceny, die Hauptverantwortlichen für die Tragödie der griechischen Juden, in Deutschland festgenommen und zum Tode verurteilt. Brunner gelingt es – unter der Protektion des damaligen Chefs des Bundesnachrichtendienstes Reinhard Gehlen – mehrere Jahre unterzutauchen, bevor er 1964 nach Syrien ausreist, wo er seitdem leben soll. Das Verhältnis der Stadt Saloniki  zu ihrer jüdischen Vergangenheit und Mitbewohnern ist seit Langem gestört, spätestens seit den Gräueltaten des Nazi-Regimes. Im Gegensatz zur griechischen Hauptstadt, wo die Juden auf Solidarität und Hilfe zählen konnten, hat sich die Stadt Saloniki der Deportation ihrer jüdischen Bürger nicht widersetzt. Die Aristoteles-Universität steht heute auf dem Gelände des einstigen jüdischen Friedhofes, der von den Deutschen zerstört wurde und von den Griechen bei ihrem nationalistisch orientierten, christlich-orthodox geprägten Wiederaufbau der Gesellschaft buchstäblich als Steinbruch benutzt wurde. Geraubt wird nicht nur das jüdische Friedhofsgelände. Noch bevor der Kriegsverwaltungsrat Max Merten – hauptverantwortlich für die Ghettoisierung und Enteignung der Juden in der deutschen Besatzungszone «Saloniki-Ägäis» – es der Stadtverwaltung überlässt, sind christliche Plünderer am Werk, um unter anderem jahrhundertealte marmorne Grabsteine als Baumaterial zu stehlen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts registrierte die jüdische Gemeinde 60 grössere und kleinere Synagogen, vor dem Ersten Weltkrieg sind es noch 40. Ein reges Gemeindeleben findet in verschiedenen Kulturzentren statt. Die Altersheime sowie Kranken- und Waisenhäuser kümmern sich um die Hilfsbedürftigen und Kranken. Heute zeugen von der einst grossen Pracht jüdischen Lebens gerade mal noch drei Synagogen, in denen sehr sporadisch Gottesdienste abgehalten werden, und das meist nur zu den hohen Feiertagen.
Thessaloniki beging am 28. Januar den alljährlichen Holocaust-Gedenktag. Politiker und Vertreter der jüdischen Gemeinde pilgerten zu diesem Anlass gemeinsam zu einem kleinen Friedhof in einem Vorort der Stadt, zur Gedenkstätte für die Opfer der Schoah.
Das Interesse am Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger während des Nazi-Terrors sowie an der grossen jüdischen Vergangenheit  in ihrer Stadt – dem einst weltweit bedeutendsten Zentrum des sephardischen Judentums – ist unter den Bewohnern gering. Mehr ist nicht geblieben vom einstigen «Jerusalem des Balkans».    ●

Gundula Madeleine Tegtmeyer ist Journalistin und Orientexpertin.