Das Herz lacht nicht ganz mit

November 9, 2009
Geboren 1920 im heutigen Mainzer Stadtteil Gonsenheim, führt der New Yorker Anwalt Fritz Weinschenk den Leser durch die Welt, in der er aufgewachsen ist. Wie viele deutsche Juden verstand sich Weinschenks Familie als «urdeutsch». Heute steht der Anwalt dem «neuen Deutschland» positiv gegenüber – aber wenn er «Mainz bleibt Mainz» im Fernsehen sieht, kann er doch nicht aus ganzem Herzen mitlachen.
ANDERE WELT Fritz Weinschenk in Coney Island

Von Fritz Weinschenk

Das Dorf Gonsenheim liegt ungefähr acht bis zehn Kilometer westlich von Mainz. Damals, nach dem Ersten Weltkrieg, war es noch ein kleines Bauerndorf, umgeben von Schrebergärten und Feldern, bewässert durch einen Bach, den Gonsbach. Vom Mainzer Hauptbahnhof war mein Zuhause in Gonsenheim links ab über die Bahnbrücke (mit Aussicht auf die Bahnhofshalle) und dann entlang der Landstrasse am neuen jüdischen Friedhof vorbei zu erreichen. Hier erhebt sich eine Anhöhe, auf der heute die Mainzer Uni steht, damals pflegten die Mainzer dort ihre Sommergärtchen. Nach etwa zwei bis drei Kilometern ging es dann bergab in das Gonsbachtal und zu den ersten Gehöften des Dorfes, weiter die Hauptstrasse entlang bis zur katholischen Kirche, sodann rechts ab, vorbei an der Metzgerei, der Sattlerei, der Schreinerwerkstatt, dem neuen Lebensmittelladen und dem Gasthaus bis zum Kirmesplatz, wo bei Kirmes das Karussell mit seinen holzgeschnitzten, auf und ab gehenden Pferdchen seine mir heute noch in den Ohren liegenden Orgeltöne von sich gab. Sodann ging es wieder aufwärts zu der Stelle, wo sich die Heidesheimer Strasse und die Finther Landstrasse kreuzten.

Dort fing das Villenviertel der sogenannten «besseren Leute» an. Schon vor dem Ersten Weltkrieg liessen sich dort gut situierte Mainzer Kaufleute, pensionierte Beamte sowie Akademiker nieder und bauten sich schöne Villen mit grossen Gärten. Manche fuhren täglich zu ihrer Arbeit nach Mainz – die ersten Pendler. Durch das Villenviertel ging die Landstrasse durch den Gonsenheimer Wald wieder hügelan bis zum Tor des fürstlichen Schlosses Waldhausen mit seiner majestätischen Auffahrt. Dort spaltete sich die Landstrasse: Links ab ging es nach Finthen, dem nächsten Dorf auf dem Wege nach Trier und der französischen Grenze. Rechts ging es bergab nach dem Ort Budenheim, direkt am Rheinufer, wo man in einer Badeanstalt im – damals noch sauberen – Rhein schwimmen konnte.

Zum Zeitpunkt meiner Geburt im Jahre 1920 in der Villa meiner Eltern vergrösserte man das Strassenbahnnetz von Mainz mit einer Linie durch Gonsenheim mit Endstation Finthen. Die moderne Strassenbahn, im Volksmund «die Elektrisch», mit Stromabnehmer von hochgespannten Drähten, fuhr fahrplanmässig am Rande unseres Gartengeländes auf der Finther Landstrasse vorbei. Das Gebimmel, begleitet von gelegentlichen Blitzen der Drähte und dem melodischen Gesang der Motoren, imponierte mir damals als Vierjährigern so, dass ich beschloss, Strassenbahnschaffner zu werden.

Schiefertafel und Mittagsbrot

Die Haltestelle der Strassenbahn in Gonsenheim lag dicht am Kirmesplatz. Dort stand ein kleiner Kiosk, der den «Mainzer Anzeiger», die «Frankfurter Zeitung», Kaugummi und anderes verkaufte. War die Endstation Gonsenheim erreicht, so musste der Schaffner mit einer Hakenstange die unterirdische Weiche umstellen, und die Strassenbahn ging in einem Kreis wieder Richtung Mainz zurück. Entlang an der Volksschule, der Turnhalle des Gonsenheimer Sportvereins, dem Ortskino, der Apotheke und der Praxis des Ortsarztes, vorbei an der kleinen protestantischen Kapelle im Barockstil, sodann dem «Grossen Sand», einer kilometerlangen sandigen Fläche ohne Bewuchs, zu Urzeiten Teil des Rheins, vorbei an den von der französischen Besatzung gebauten Flugzeughallen, den Stahlwerken Gastell – Hersteller von Eisenbahnwagen, später Panzern –, dem Industriegebiet in Mainz-Mombach, dann schon unter und entlang der Bahnstrecke Mainz-Bingen bis zum Hauptbahnhof inmitten der Stadt.

Die Volksschule Gonsenheim musste mit Kindern der französischen Besatzer geteilt werden. Unsere Lehrer waren – für damalige Verhältnisse – aufgeklärte, vernünftige Leute, die uns in Ordnung hielten. Dabei wurden Unterschiede gemacht: Die «Bauernlümmel» aus dem Dorf wurden unbarmherzig übers Knie gelegt und verdroschen, aber die Kinder der «besseren Leute» wurden davor verschont. Ich bekam nur einmal eins über die ausgestreckte Hand mit dem Rohrstock. Jeden Tag ging ich mit meinem Ranzen mit Schiefertafel, Griffel und Mittagsbrot in einer Blechbüchse von unserem Haus bis zur Schule, durch den Gonsenheimer Park, vorbei am Kriegerdenkmal, wo die Namen der Gonsenheimer eingemeisselt waren, die für Napoleon in Russland gefallen waren. Es war in Hessen, dem Gonsenheim nach den napoleonischen Kriegen zufiel, und im Rheinland nämlich so, dass bis etwa zum Kaiserreich die Erstgeborenen den Bauernhof – der sowieso nur eine Familie ernähren konnte – erbten und die jüngeren Söhne von den hessischen Fürsten gegen bare Münze als Soldaten an fremde Machthaber verschachert wurden: an Napoleon oder die Engländer, die die Hessen gegen die Freiheitskämpfer der amerikanischen Revolution einsetzten.

Gonsenheim war streng katholisch. Beim Umzug der «Heiligen Mutter» auf einem blumengeschmückten Leiterwagen wurden die Strassen mit Binsenbesen sauber gekehrt und gewaschen, Blumen wurden gestreut, die Feuerwehrkapelle blies Märsche, der Priester ging weihrauchschwenkend voran, und alles fiel in die Knie, aber ich nicht – ich tat nur so, als ob.

Nicht als «anders» auffallen

Wir waren zwei jüdische Familien in Gonsenheim. In der Schule musste man die Religion angeben. Ich scheute mich davor, «jüdisch» zu sagen. Nicht weil ich mich vor Antisemiten fürchtete – das kam später –, aber ich wollte einfach nicht als «anders» auffallen. Daher murmelte ich etwas wie «freireligiös», und die Lehrer, die, so glaube ich jetzt, Verständnis hatten, gingen darüber hinweg. Ansonsten wusste ich weder von Judentum noch von Antisemitismus etwas. Meine Eltern, Freidenker und so urdeutsch wie alle anderen, erzogen meinen jüngeren Bruder und mich als deutsche Kinder. Zu Weihnachten gab es einen Christbaum, der Sankt Nikolaus kam und fragte, ob ich brav gewesen war, und das vom Dienstmädchen dargestellte Christkind hatte ein weisses Kleid und Flügel. Mein Vater, Kriegsteilnehmer, der die Feldzüge in Russland, Polen, Rumänien und Litauen mitgemacht hatte, wurde nach dem Frieden von Brest-Litowsk mit seiner Einheit einfach acht Tage lang auf offenen Güterwagen an die Westfront transportiert und machte dort zu guter Letzt die Kämpfe bei Reims und den Rückzug mit. Er hatte seine Uniform noch im Schrank. Ich holte sie heraus und paradierte als kleiner Knirps in viel zu grosser Uniform und Mütze im Garten, bis meine Mutter mich dabei erwischte und entsetzt rief: «Du Lausbub, wenn das die Franzose‘ sehe.» Das Haus neben uns war nämlich von französischen Fliegeroffizieren requiriert, deren Frauen sie morgens – zum Entsetzen meiner Mutter («Stell dir das vor, im Nachthemd!») – winkend vom Balkon verabschiedeten. 1919 hatten Vater Hugo und sein Bruder Max zwei Schwestern «aus gutem jüdischem Hause» geheiratet, und meine Mutter zog in das damals «weitab» gelegene, einsame Haus in der Heidesheimerstrasse. Ein Jahr später kam ich.

Die ersten zwölf Jahre meines Lebens verliefen in geborgener, ziemlich sonniger Normalität. Ich wusste nichts von Inflation, Hungersnot, Strassenkämpfen, Besatzung und Regierungskrisen. Aber das schöne Leben ging schlagartig zu Ende. Schon ohne Judenboykott, als Resultat der Wirtschaftskrise und der Abneigung meines Vaters gegen den Kaufmannsberuf – er verfasste lieber Sonetten und spielte Cello – ging die Weingrosshandlung talabwärts. Meine Tante, die Schwester meiner Mutter und Frau des Max, heiratete nach dessen Tod 1925 einen Christen, Prokurist in einer Warenhauskette. Es kam zu einem riesigen Krach mit meinem Vater, als die Tante, aufgestachelt durch ihren neuen Mann, die Auszahlung ihres Erbanteils an der Firma verlangte. Zwischen ihr und meinem Vater bestand sowieso kein gutes Verhältnis; sie nannte ihn «der Verbrecher» und er nannte sie «die Intrigantin». Meine Mutter hing dazwischen. Eines Tages – ich mag etwa zehn gewesen sein– verliess sie meinen Vater und ging zu ihrem Bruder in Mainz. Ich erinnere mich noch genau, wie mein Vater, meinen inzwischen auf die Welt gekommenen Bruder und mich an der Hand, meiner Mutter bis zur Strassenbahnhaltestelle nachlief. Nach zwei Tagen kam sie jedoch wieder zurück.

Weg ins Exil

Anscheinend erwirkte die Tante ein Schuldurteil gegen meinen Vater, den Mann ihrer Schwester, denn der Gerichtsvollzieher kam, die vom Ortsschreiner handgefertigten, prachtvollen Möbel wurden gepfändet, und das Haus wurde an eine Gonsenheimer Familie verkauft, deren Söhne schon damals in SA-Braunhemden herumliefen. Wir zogen nach Mainz in die Rheinallee und ich kam in das humanistische Gymnasium, heute das Rhabanus-Maurus-Gymnasium an der Kaiserstrasse, gegenüber der Christuskirche. 1933 war ich in der Quarta, als Jubel über der Stadt ausbrach: Hitler wurde Reichskanzler. Es wurde geflaggt: ein Meer von Hakenkreuzfahnen, jedoch auch schwarz-weiss-roten Fahnen derer, die noch nicht von der Nazihysterie mitgerissen waren. SA-Kolonnen marschierten unablässig in den Strassen und unser Französischlehrer, Herr Studienrat Strobel, kam in der Uniform eines SA-Sturmführers in die Klasse. Der alte Direktor, der mich eingeschrieben hatte, verschwand, und mit Herrn Strobel als Direktor zog ein «neuer Geist» ein. Ich merkte noch nichts von meinen Mitschülern, jedoch gab es zwei besonders ekelhafte Nazis, HJ-Führer, die mich wissen liessen, dass ich ein «dreckiger Jud» sei. Im Herbst 1934 mussten die acht jüdischen Schüler vor Strobel antreten und wurden in ziemlich schnarrendem Ton informiert, dass der weitere Besuch von Juden am Gymnasium untersagt worden sei. Der Sohn des Rabbiners, Hans Levy, damals kurz vor dem Abitur, trat vor und fragte: «Gilt das auch für die, deren Väter das Eiserne Kreuz tragen?» «Das gilt für alle», erwiderte Strobel.

Ich ging noch ein Jahr lang in die Hilfsschule, die in der Hauptsynagoge in der Hindenburgstrasse eingerichtet worden war. Dann kam am 28. Mai 1935 die Stunde, wo meine Mutter, mein Bruder und ich Mainz verliessen, meine Mutter für immer (mein Vater war schon seit einem Jahr in New York). Wer konnte ahnen – als wir den Güterbahnhof hinter uns liessen –, dass von dort aus die verbleibenden Mainzer Juden, die Freunde und Bekannten meiner Eltern, nach den Todeslagern im Osten und in den sicheren Tod verfrachtet wurden.

Was aus meinen christlichen Freunden in Gonsenheim und Mainz geworden ist, ist mir nur teilweise bekannt. Jedenfalls weiss ich, dass Sepp Gerster, mein bester Freund in Gonsenheim, den ich wegen seiner Eisenbahn, seinem Fahrrad und seinem Motorboot bewunderte und beneidete, in einem Panzer in Russland umkam. Hans Walter Hamm, Sohn des Holzhändlers August Hamm, einem der engsten Freunde meines Vaters, kam in der Normandie – wo ich auf amerikanischer Seite kämpfte – ums Leben.

Nach dem Krieg war ich oft im erneut französisch besetzten Mainz, zuerst als US-Besatzungsangehöriger, sodann beruflich. Ich erwarb sogar den deutschen Grad des Juris Doctor an der juristischen Fakultät der Mainzer Uni. Meine Einstellung zu Mainz – und den Deutschen – ist eine schwierige Angelegenheit. Obwohl ich die junge deutsche Generation sehr schätze – die überwiegende Mehrheit sind offene, demokratisch eingestellte, intelligente und nette Weltbürger geworden –, habe ich im Hinterkopf immer noch das dumpfe Gefühl von Riga, Auschwitz und Maidanek, das die Vorfahren, dabei auch Mainzer, angerichtet haben. Man denke an Werner Best, zeitweise wohnhaft um die Ecke von uns in Gonsenheim in der Kappellenstrasse, der, als ich mich freiwillig zur amerikanischen Armee meldete, Chefsyndikus der SS wurde. In dieser Hinsicht teile ich wohl die Einstellung vieler jüdischer Emigranten, von denen einige überhaupt nichts mehr von Deutschland wissen wollen, viele jedoch dem neuen Deutschland – und nicht dem alten – nach 60 Jahren positiv gegenüberstehen. Wenn ich allerdings die Sendungen aus der Mainzer Fastnacht sehe: «Mainz wie es singt und lacht», so kann ich nicht aus ganzem Herzen mitlachen. 

Fritz Weinschenk ist in New York als Anwalt und im jüdischen Leben aktiv. Er dient unter anderem der Jewish Claims Conference als juristischer Berater. Weinschenk war als Präsident der Emigranten-Organisation New World Club jahrelang Herausgeber des aufbau. Er hat zudem an den Verfahren der alten Bundesrepublik gegen NS-Verbrecher mitgewirkt und zu dieser Problematik auch publiziert.