Das grosse Comeback
Von Sebastian Bräuer
Für Sean Egan brach am 15. September 2008 eine Welt zusammen. «Das ist das absolute Ende der Wall Street, wie wir sie kennen», sagte der Gründer der Rating-Agentur Egan-Jones wenige Stunden nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. «Es ist das Ende einer Ära.» Die dramatischen Ereignisse in den Tagen danach schienen seine Aussage zu bestätigen: Der weltgrösste Versicherer AIG musste gerettet werden. Die Kreditmärkte kamen zum Erliegen. Die stolzen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley gaben freiwillig ihren Sonderstatus auf. Unglaubliche Ereignisse im Stundentakt. Am 28. September titelte auch die «New York Times»: «Wall Street, Ruhe in Frieden.» Es war nicht der einzige Abgesang auf die Welt der exotischen Finanzinstrumente, der Hinterzimmer-Milliardendeals und der Boni-Exzesse. Die Beobachter waren sich sicher: Eine neue Bescheidenheit würde einziehen.
Vorbei und vergessen. Während in Washington immer noch debattiert wird, welche Lehren aus der Krise zu ziehen sind, ist die Wall Street wieder zur Normalität zurückgekehrt. Längst feiert die Szene wieder ausgelassen im «Four Seasons» und im «Bobby Van’s Steakhouse». Es galt nur kurz als Schande, ein Banker zu sein.
Kaum einer verkörpert den Stolz der Wall Street besser als Jamie Dimon, Chef der Grossbank JP Morgan Chase. Seinem Institut gelingen regelmässig Milliardengewinne, es ist ohne einen einzigen Quartalsverlust durch die Krise gekommen. Vor kurzem legte Dimon im Ballsaal des New Yorker Luxushotels Marriott Marquis einen seiner fulminanten Auftritte hin. «Wir sind der Motor der Wirtschaft», schmetterte er vor Hunderten Zuhörern im Dämmerlicht der Kronleuchter in den Saal. Mit dem allgemeinen Schimpfen müsse endlich einmal Schluss sein, forderte Dimon. «Wir sind zur Stabilität zurückgekehrt.» Er ist gerade dabei, das Broker-Geschäft auszubauen. «Wenn Sie wirklich, wirklich gut sind, rufen Sie JP Morgan an. Wir freuen uns, Sie einzustellen.» Investmentbanker sind gefragt wie selten.
Von der Krise profitiert
Wer verstehen will, wie es so schnell so weit kommen konnte, muss ein Jahr zurückblicken. Anfang 2009 war die Weltwirtschaft in die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg abgestürzt. Die Regierung von Barack Obama, gerade frisch im Amt, dachte laut über harte Massnahmen für den Bankensektor nach. Sogar von Verstaatlichungen der grössten Häuser war die Rede. Doch während so viel über sie geredet wurde, kehrten die Banken still und leise zu ihren alten Geschäftspraktiken zurück.
Im Eigenhandel waren die Bedingungen für hohe Gewinne günstig wie selten: Wegen der historisch niedrigen Leitzinsen, mit der die Notenbank auf die Krise reagierte, konnten sich die Banken ihr Geld fast zum Nulltarif besorgen. Gleichzeitig waren die Zinsabstände zwischen lang- und kurzfristigen Anleihen ungewöhnlich gross – noch eine Folge der Krise. Das Ergebnis: Goldman Sachs fuhr im Handel mit festverzinslichen Anlagen, Währungen und Rohstoffen von Januar bis März einen Umsatz von 6,6 Milliarden Dollar ein. Dazu kamen zwei Milliarden im Handel mit Aktien. Rivale JP Morgan überraschte dafür mit einem Gewinn von 8,3 Milliarden Dollar im Investmentbanking. Firmenchef Dimon profitierte massiv davon, dass mehrere Konkurrenten durch die Krise verschwunden waren.
Und noch etwas kehrte schon im ersten Quartal 2009 zurück: Der Handel mit Derivaten, jenen komplexen Finanzinstrumenten, die gerade erst Lehman Brothers und AIG zum Verhängnis geworden waren. Der Finanzsektor feierte in dem intransparenten Sektor, über dessen Regulierung heftig und weitgehend folgenlos debattiert wurde, einen Gewinn von 9,8 Milliarden Dollar.
Die Ereignisse hatten Sogwirkung. Von den Erfolgen einzelner Institute angestachelt, zog die Konkurrenz im zweiten Jahresviertel nach. Im Juni gewährte eine führende Investmentbankerin von Barclays Capital einen seltenen Einblick in das neue, alte Denken der Finanzjongleure. Sie berichtete davon, dass Überstunden und Sonderschichten am Wochenende wieder normal seien. «Es fühlt sich wieder an wie ‹business as usual›», sagte sie. Sie schwärmte von einem Anstieg des Handelsvolumens, von zahlreichen Verhandlungen zur Übernahme von Unternehmen, von Erfolgen im Kreditgeschäft. «Es gibt viel Enthusiasmus bei Barclays Capital.» Die Bankerin arbeitet im 30. Stock des Gebäudes am Times Square, das bis zur Insolvenz Lehman Brothers gehörte. Es wurde von der britischen Bank übernommen, die gleich auch grosse Teile des Top-Personals behielt. Die Barclays-Bankerin, die freigiebig über Gegenwart und Zukunft plauderte, hatte ebenfalls bei Lehman gearbeitet – aber über die dramatische Zeit vor der Pleite, über die kolossalen Fehlentscheidungen und die Missachtung der Warnsignale, wollte sie während des Interviews kein Wort verlieren. Das Schweigen ist aussagekräftiger, als es jede Antwort auf entsprechende Fragen sein könnte: Der Beinahekollaps des Finanzsystems wird an der Wall Street wie ein Betriebsunfall behandelt, den man totschweigt, um keine schlafenden Hunde zu wecken. «Bei der Aufarbeitung der Krisenursachen ist die Wall Street äusserst schwach», sagt Joseph Mason, Finanzprofessor an der Drexel University.
«Ungute Anreize»
Stattdessen kehren die Abteilungen zu ihrer gewohnten Tätigkeit zurück, mit grosser Kreativität neue Ertragsquellen zu suchen. Ein Beispiel: Seit einiger Zeit werden Lebensversicherungen gebündelt und weiterverkauft. Thomas Ajamie, einer der prominentesten Wertpapier-Anwälte in den USA, fällt ein zwiespältiges Urteil über das Aufkommen neuer Finanzinstrumente. «Es gibt ein Comeback des Verbriefungsmarktes, was erstmal nicht schlecht ist», sagt er. Regionalbanken oder Autohändler fernab der Wall Street können ihre Kredite über Verbriefungen refinanzieren – das Geschäft mit den Papieren hilft also, die Realwirtschaft in Schwung zu bringen. Doch auf die Verbriefung von Lebensversicherungen reagiert der Branchenexperte mit einem Kopfschütteln. «Das ist moralisch bedenklich. Letztlich profitieren die Investoren davon, wenn die Besitzer der Lebensversicherungen früh sterben. Das schafft äusserst ungute Anreize.»
Einige Dinge haben sich geändert. Selten war die öffentliche Aufregung um Boni so gross wie im Jahr eins nach der Krise. Die Debatte über den Zusammenhang von Bankergehältern und Gier hatte mehrere Folgen: Erfolgreiche Banken wie Goldman Sachs beschlossen nach massivem Druck, die Sondervergütung für die 30 wichtigsten Mitarbeiter am Jahresende vollständig in Firmenaktien auszuzahlen, die über einen bestimmten Zeitraum gehalten werden müssen. Dadurch soll der Anreiz steigen, langfristiger zu denken. Andere Institute erhöhten jedoch im vergangenen Jahr schlicht die Grundgehälter, um sich der Debatte zu entziehen. Vier von fünf Finanzinstituten stellten ihr Vergütungssystem entsprechend um, ergab Anfang Januar eine Umfrage des Beratungsunternehmens Mercer unter 61 Banken und Versicherungen. Ob das die Anreize senkt, kurzfristig hohe Risiken einzugehen, bleibt abzuwarten.
Ein Krisenbeschleuniger war die Zockerei mit Kreditausfallversicherungen (CDS), die kein Regulierer auch nur annähernd übersehen konnte. Zwischenzeitlich hatte der Markt ein Volumen von 62 Billionen Dollar. Die Hoffnungen, dass es nicht noch einmal so weit kommt, ruhen unter anderem auf den Schultern des ehemaligen Rennfahrers Jeffrey Sprecher. Er ist der Chef der Derivatebörse Intercontinental Exchange (ICE) in Atlanta. Die Börse hat ein Clearinghaus für die in Verruf geratenen Papiere geschaffen, das inzwischen von vielen Marktteilnehmern akzeptiert wird. Der Handel über Clearinghäuser erhöht die Transparenz. Bei einem Mittagessen in «Bobby Van’s Steakhouse» erzählt Sprecher, dass es sein Ziel sei, die Spekulanten zu bändigen, die viel mit Rennfahrern zu tun hätten: «Sie stellen ihren Überlebensinstinkt ab, um erfolgreich zu sein.» Er sei sich sicher, dass das CDS-Volumen wieder zunehmen werde. Auf diesen Fall ist er nun eingestellt, genau wie andere Börsen, die langsam nachziehen. Auf einen anderen jedoch nicht: «Im Finanzsektor werden weiterhin neue Produkte entstehen, das ist unvermeidbar. Das ist das Dilemma der Regulierer: Sie sind immer fünf bis sechs Jahre zurück.» ●
Sebastian Bräuer arbeitet als Wall-Street-Reporter für das Wirtschaftsmagazin «Capital», «Financial Times Deutschland» und die «NZZ am Sonntag».