Das grösste Kaufhaus der Welt
Wer die Kleinstadt Talbotton im US-Staat Georgia besucht, wird dort nicht ein, sondern gleich zwei Denkmale zu Ehren einer deutsch-jüdischen Familie finden, die sich 1854 in dem Örtchen niederliess, aber keine zehn Jahre dort blieb. Das eine feiert die Ankunft von Lazarus Straus, «Ladenbesitzer und gelehrter Mann, der sich umgehend aktiv mit dem Fortschritt in Talbotton identifizierte». Das andere Denkmal nennt den Laden von Straus in Talbotton den ersten Schritt zum Einzelhandelsimperium, dessen Kronjuwel Macy’s wurde, und rühmt die Verdienste der Söhne von Lazarus: «Isidor als Kaufmann, Nathan als Pionier im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Oscar als einen der frühen Karrierediplomaten».
Diese Kombination aus Geschäfts- und Bürgersinn findet sich in der Geschichte von vielen der grossen, deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilien in den USA, bei den Goldsmiths in Memphis ebenso wie bei den Filenes in Boston, den Kaufmanns in Pittsburgh oder den Rosenwalds in Chicago, um nur einige zu nennen. Stets traf der Familienpatriarch nach der gescheiterten Revolution von 1848 aus Deutschland ein und begann als fliegender Händler, ehe er sich als Ladenbesitzer niederliess und in den Kaufhäusern die Zukunft erkannte. Diese Department Stores boten neben Textilien ein breites, in getrennten Abteilungen übersichtlich geordnetes Angebot, versammelten also mehrere Läden unter einem Dach. Stellte sich Erfolg ein, so wurden diese Einwanderer aus Deutschland aktiv in allen Facetten des Lebens ihrer neuen Heimatstädte. Aber der Straus-Klan liess alle anderen Familien an Reichtum, Ehrgeiz sowie an kulturellem und gesellschaftlichem Einfluss weit hinter sich – und dies über mehrere Generationen. Sie machten Macy’s zu einer unverzichtbaren New Yorker Institution. Das Kaufhaus richtet daher auch heute noch, lange nach dem Ausscheiden der Familie als Besitzer, die Feierlichkeiten an zwei grossen amerikanischen Feiertagen aus: die Parade zu Thanksgiving Ende November und das Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli.
Mit Geschirr begonnen
Lazarus Straus stammte von einer gut etablierten Familie im rheinlandpfälzischen Otterberg ab. Sein Grossvater hatte die Armeen Napoleons mit Pferdefutter beliefert und gehörte einem Rat jüdischer Bürger an, den die Franzosen 1806 einberufen hatten. 40 Jahre später war Lazarus ein angesehener Grundbesitzer und Geschäftsmann in Otterberg. Wie die meisten Juden unterstützte er die Revolution von 1848 auch aus wirtschaftlichem Interesse. Nach deren Scheitern brach der 43-jährige Lazarus in jenes Land auf, dass für ihn die Ziele der Freiheitsbewegung verkörperte: die USA. Nachdem er 1852 in Georgia eingetroffen war, war er zunächst zwei Jahre lang als Hausierer für eine jüdische Firma tätig, ehe er die Mittel für den Schritt in die Selbstständigkeit zusammengespart hatte. Neben der Gründung des Ladens in Talbotton konnte Lazarus auch seine Frau sowie die drei Söhne und die Tochter nachkommen lassen. Die Kinder halfen beim Kerzenmachen. Der Laden blieb bis 21.30 Uhr geöffnet und wurde bald um ein gemütliches Wohnhaus, Räucherkammer, Kutsche sowie den damaligen Südstaaten entsprechend um Unterkünfte für Sklaven erweitert.
Obwohl Lazarus während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861–1865) auf Seiten des Südens stand und sein ältester Sohn Isidor als Blockadebrecher ins Ausland ging, sah sich die Familie durch den wirtschaftlichen Niedergang nach Kriegsende zum Umzug in den Norden gezwungen. Nachdem sie 1866 in New York eingetroffen waren, beglich der inzwischen 57-jährige Lazarus zunächst einmal die Aussenstände bei seinen Lieferanten im Norden. Da er damit eine Ausnahme unter den notleidenden Händlern aus dem Süden darstellte, fand er problemlos Kredit für ein neues Unternehmen: L. Straus and Sons, Grosshandel für Geschirr, Porzellan und Glaswaren.
Nun traten die zwei ältesten Straus-Söhne in den Vordergrund (Oscar, der jüngste, ging noch zur Schule). Isidor erwies sich als erstklassiger Manager und Nathan als geborenes Verkaufstalent und kreativer Kopf. So war es Nathan, der beschloss, Verkaufsraum anzumieten: Bei Macy’s Department Store. R. H. Macy, der Besitzer, war ein Pionier dieses neuen Verkaufsmodells. Als Nathan Straus im Jahr 1874 an ihn herantrat, hatte sich Macy’s Geschäft an der Ecke 6th Avenue/14th Street in Manhattan bereits von einem traditionellen Textilhandel mit einem Angebot an Spitzen, Stickereien, Bändern und Federn zu einem der grössten Kaufhäuser der Stadt entwickelt, dass unter anderem Kleidung von der Stange, Spielzeug und Puppen, aber auch Handtaschen und Uhren anbot.
Von seiner Persönlichkeit und seinem familiären Hintergrund her unterschied sich R. H. Macy grundlegend von den Männern der Straus-Familie. Er war ein risikofreudiger Abenteurer, ein an Fehlschlägen gereifter, aber nicht gescheiterter Mann. 1822 als Sohn einer seefahrenden Quaker-Familie auf Nantucket geboren, stammte er von Thomas Macy ab, dem ersten Siedler auf dieser von Indianern bewohnten Insel vor der Küste von Massachusetts. Mit 15 ging Rowland Hussey Macy auf einem Walfänger zur See und brachte vier Jahre im Südpazifik zu, ehe das Schiff mit Walöl und Fischbein beladen wieder nach Neuengland zurückkehrte. Die Reise weckte die Abenteuerlust des jungen Mannes. Danach suchte er sein Glück im kalifornischen Goldrausch und bei der Bodenspekulation in Wisconsin. Gleichzeitig experimentierte Macy jedoch mit verschiedenen Einzelhandelsmodellen. Doch bis er 1858 als 36-Jähriger nach New York kam, scheiterten seine ehrgeizigen Pläne komplett. Erst in der Metropole ging die Saat seiner auf Grundsätze der Quaker über den ehrlichen Handel zurückgehenden Geschäftsphilosophie endlich auf. Macy bestand darauf, seine Transaktion in Bargeld abzuwickeln und legte einzelne Preise fest (bis anhin war Feilschen Teil jedes Handels gewesen). Zudem investierte er stark in Werbung. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt verstand Macy überdies den Wert eines einprägsamen Logos. Der in allen seinen Anzeigen sichtbare fünfeckige Stern wird bis heute mit Macy’s identifiziert. Aber nur die wenigsten wissen, dass dieses Markenzeichen auf eine Tätowierung zurückgeht, die sich der Gründer in seinen Jahren auf den Weltmeeren zugelegt hatte.
Leidenschaftliche Philanthropen
Macy nahm Nathans Plan enthusiastisch auf. So mieteten L. Straus and Sons Raum und stellten den Verkäufern von Macy’s Ware zur Verfügung. Innert weniger Jahre entwickelte sich die Straus-Abteilung für Porzellan, Glaswaren und Silber zur profitabelsten des Kaufhauses. Zwölf Jahre nach dem Tod von R. H. Macy 1877 erwarben der 42-jährige Isidor und der 39-jährige Nathan 45 Prozent des Hauses. Bis 1896 waren die Brüder Alleineigner. Als Lazarus, der Patriarch und ehemalige Hausierer, zwei Jahre später verstarb, hatte er noch miterleben können, wie seine Familie das zukünftige «grösste Warenhaus der Welt» übernommen hatte.
Geführt von Isidor und profitierend von Nathans Gespür für Trends, entwickelte sich Macy’s prächtig. Und Hand in Hand mit ihrem wachsenden Reichtum erwarb die Straus-Familie gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Nathan betätigte sich als Philanthrop und förderte Projekte, die seinem impulsiven und leidenschaftlichen Temperament entsprachen. Während des Kohlenstreiks im harten Winter 1892/1893 sorgte er auf einem der Docks in Manhattan für die Verteilung von Kohle und Nahrung an jeden, der fünf Cents bezahlen konnte. Die Kohle hatte er dem Millionär J. P. Morgan zu günstigen Konditionen abgeredet. Ein längerfristigeres Projekt war Nathans persönliche Kampagne für die obligatorische Pasteurisierung von Milch. 1892 eröffnete er auf eigene Kosten Depots für pasteurisierte Milch. Bis 1920 wuchs deren Zahl auf landesweit fast 300 an. Zudem trat er ebenso spontan wie pragmatisch für Gerechtigkeit ein. Als ihm ein antisemitisches Hotel in Lakewood, New Jersey, eine Reservierung verweigerte, liess er gleich nebenan ein Hotel mit dem Schild «Nur für Juden» bauen und lud den damaligen US-Präsidenten Grover Cleveland zu einem Besuch ein. Später wurde Nathan Zionist und gab den Grossteil seiner Mittel nach Palästina.
Isidor hielt den Laden zusammen. Aber daneben diente er Präsident Cleveland als Wirtschaftsberater und vertrat New York von 1894 bis 1895 im Kongress in Washington. Schockiert von der grossen Zahl armer Juden, die vor den Pogromen in Russland in die USA flohen, hatte er sich bereits 1889 an der Gründung der Educational Alliance beteiligt, die den Neueinwanderern bei der Integration in die amerikanische Gesellschaft half. Doch die grössten Verdienste um das Gemeinwohl erwarb sich Oscar Solomon Straus, der jüngste der Brüder. Nathan und Isidor stellten sicher, dass ihm die ihnen einst verwehrten Chancen offenstanden und ermöglichten ihm den Besuch der Columbia University und ein Jus-Studium. Dies wurde zur Grundlage einer glänzenden Karriere im öffentlichen Dienst unter vier Präsidenten. Oscar ging zweimal auf diplomatische Missionen in die Türkei und wurde 1906 das erste jüdische Kabinettsmitglied (vom Kriegsminister der Konföderierten Staaten, Judah Benjamin, abgesehen), als ihn Theodore Roosevelt zum Minister für Handel und Arbeit ernannte. Als Philanthrop betätigte er sich sowohl in New York – er gründete die American Jewish Historical Society – als auch weltweit: Oscar leistete wesentliche Hilfe für russische und armenische Flüchtlinge.
Während Isidor und Nathan das Risiko eingegangen waren, Macy’s zu erwerben, sicherte die folgende Generation das Fortbestehen des Hauses, als Isidors Söhne Jesse und Percy den Sitz von Macy’s 1902 an den Herald Square verlegten. Der Umzug an die Ecke 6th Avenue/34th Street löste seinerzeit breite Skepsis aus, befand sich die traditionelle Einkaufsmeile damals doch elf Strassenzüge weiter südlich unterhalb der 23rd Street. Doch der neunstöckige, moderne Neubau und die gute Verkehrslage des Hauses zogen umgehend eine zahlreiche Kundschaft an. Und nach nicht allzu langer Zeit liessen sich die grossen Konkurrenten Saks und Gimbels buchstäblich nebenan nieder.
Zur Jahrhundertwende erschienen zahlreiche Elemente im Macy’s-Neubau revolutionär. Das Gebäude wurde von dem damals grössten Kraftwerk in Privatbesitz betrieben und verfügte über neuartige Ventilations- und Reinigungssysteme. Ein gigantisches, mit Luftdruck betriebenes Röhrensystem erlaubte die Bewegung von Geld und Quittungen innerhalb des Gebäudes. Um den Kunden das gewaltige Gebäude besser zu erschliessen, standen 33 hydraulische Fahrstühle und vier damals ebenfalls neue Rolltreppen zur Verfügung. Ein Restaurant bot Erfrischungen für bis zu 2500 Gäste an. Käufer kamen an den Herald Square, um Gebrauchsgüter wie Möbel, Kleidung, Nahrung und Getränke, Werkzeug oder Drogerieartikel zu erwerben. Zudem bot Macy’s Luxusgüter wie Juwelen, Süssigkeiten, Kosmetika, Sportausrüstungen, Raucherbedarf, Gemälde, Bücher und Musikinstrumente an. Im ersten Jahr nach der Neueröffnung nahm das Kaufhaus zehn Millionen Dollar ein.
Auf dem Olymp des Erfolges
Einen schweren Rückschlag erlitt die Familie im Jahr 1912, als Isidor und seine Frau Ida nach einer dreimonatigen Auslandsreise mit der Jungfernfahrt der Titanic in die USA zurückkehren wollten. Nach dem Zusammenprall des Schiffes mit einem Eisberg wurde der 67-jährige Isidor dazu aufgefordert, sich seiner Gattin in einem der Rettungsboote für Frauen und Kinder anzuschliessen. Er weigerte sich jedoch, das Schiff vor den anderen Männern zu verlassen. Daraufhin entschloss sich auch seine Frau, an Bord zu bleiben: Sie habe 40 Jahre mit ihrem Mann verbracht und werde ihn jetzt nicht im Stich lassen. Beide kamen auf der Titanic ums Leben. Drei Jahre später widmete ihnen die Stadt New York unweit ihres Wohnsitzes am Broadway und der 106th Street den Straus Park.
Nathan zog sich Ende 1913 aus dem Geschäft zurück und überliess die Leitung Jesse und Percy, den Erben Isidors, sowie ihrem jüngeren Bruder Herbert. Das Trio unternahm eine Serie von Erweiterungen, darunter einen 20-stöckigen Neubau westlich des Gebäudes am Herald Square. Macy’s wurde dadurch zum höchsten und grössten Kaufhaus der Welt. Mit der Bedeutung des Unternehmens nahm auch der Status der Familie zu. Straus-Familienmitglieder heirateten in andere erfolgreiche deutsch-jüdische Familien in New York ein und verbanden sich mit Guggenheims, Sachs’, Sulzbergers, Lehmans, Kuhns und Abrahams. Derweil entwickelte sich auch die traditionelle Verbindung zwischen der Straus-Familie und den führenden Politikern Amerikas in der Beziehung von Percy Straus zu Franklin Delano Roosevelt fort. Der damalige Gouverneur von New York bat Percy im Jahr 1931 nach Beginn der Grossen Depression, die Leitung der Temporary Emergency Relief Administration zu übernehmen, die der Arbeitslosenhilfe diente. Nachdem Roosevelt im folgenden Jahr zum Präsidenten gewählt worden war, ernannte er Jesse Straus zu seinem Botschafter in Frankreich.
Einige Jahre nach seiner Postierung in Paris erklommen Jesse und seine Frau den gesellschaftlichen Olymp, als sie gemeinsam mit acht anderen Amerikanern anlässlich der silbernen Hochzeit von König George V. und Königin Mary am britischen Hof eingeführt wurden. Dabei wurde Irma Nathan Straus in einem blau-silbernen Kleid mit Schleppe von Mainbocher und mit einem Fächer aus Straussenfedern fotografiert. Im Gegensatz zu Isidor, Nathan und Oscar waren die Mitglieder der folgenden Generationen weniger an der offenen Unterstützung jüdischer Zwecke interessiert. So wurde Jesse etwa dafür kritisiert, dass er seine diplomatische Position nach der Machtergreifung der Nazis nicht benutzt hat, um sich für die Juden in Deutschland einzusetzen.
Macy’s wurde 1922 an der Börse eingeführt und nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die Straus-Familie weniger als die Hälfte der Aktien. Obwohl Jesses ältester Sohn Jack L. Straus nach dem Tod seines Vaters 1936 der Familientradition folgend die Firmenleitung übernahm, teilte er sich das Management mit anderen Führungskräften und hatte deutlich weniger Einfluss auf das Unternehmen als seine Vorgänger. Heute ist Macy’s, Inc. ein Konglomerat, dem auch die ehemals selbstständigen Kaufhäuser Bloomingdale’s in New York, Abraham & Straus in Brooklyn (ehemals ebenfalls im Besitz der Familie Straus), Filene’s in Boston sowie Lazurus & Co. in Columbus, Ohio, gehören.
Im öffentlichen Bewussstein Amerikas bleibt das traditionsreiche Kaufhaus jedoch untrennbar mit dem 1947 gedrehten Film «Miracle on 34th Street» verbunden, dessen Schauplatz Macy’s ist. Die Handlung dreht sich um die zwei Spektakel, für die Macy’s so bekannt ist – die 1924 lancierte Parade zu Thanksgiving und der Weihnachtsmann im Kaufhaus selbst, dem bereits Generationen von Kindern ihre Geschenkwünsche zuflüsterten. Macy’s übernahm die Geschichte als Teil der eigenen Legende. Alljährlich sind Figuren aus «Miracle on 34th Street» Teil der Weihnachtsdekoration in den Schaufenstern des Hauses.
Das wirkliche «Wunder» ist jedoch die Geschichte von Lazarus Straus und seinen Söhnen. Sie müssen erkannt haben, dass sie in Amerika erstmals in ihrer Familiengeschichte in einer Gesellschaft lebten, die Juden ihren Mitbürgern gleichstellte – ein Land, in dem ein abenteuerlustiger Quaker und ein jüdischer Grosshändler zusammenspannen und gemeinsam den Grundstein für das «grösste Kaufhaus der Welt» legen konnten. ●
Monica Strauss ist langjährige Mitarbeiterin des aufbau in New York und hat jüngst den Blog www.refugeetales.com lanciert, der den Spuren ihrer österreichisch-jüdischen Vorfahren nachgeht.