Das Gold in der Thora

Von Emanuel Cohn, December 9, 2011
Die zentrale Bedeutung des Goldes in der Thora.

Gold kommt in der Thora erstmals im Garten Eden vor. Diese faszinierende Tatsache hebt nicht nur die Wichtigkeit hervor, welche dieses Metall in der Wahrnehmung der Thora und des Menschen einnimmt, sondern drückt auch eine symbolische Botschaft aus: Gold hat etwas Besonderes an sich, etwas Glänzendes, Kostbares, Mystisches, das den Menschen in seinen Bann zieht und auf ihn den Eindruck macht als käme es aus einer «anderen Welt». «Und das Gold jenes Landes ist gut» (1. B. M., 2:12), sagt der Vers. Eine interessante Parallele zur Aussage «Und Gott sah, dass es gut war», die zum Abschluss der Schöpfungstage geschrieben steht. Ist dies vielleicht ein Ausdruck der Vollkommenheit und Erhabenheit dieses Edelmetalls? Oder sollte man diesen Vers nicht eher als Warnfinger interpretieren, im Sinne von: Ja, in jenem Land, jenem himmlischen Paradies auf Erden, dort war das Gold «gut», aber im hiesigen Land, in der Geschichte des Menschen auf Erden, wird das Gold nicht gut sein, sondern nur Habgier, Streit und Eifersucht hervorrufen und die tiefen Kammern des menschlichen Herzens zur Anhäufung von Macht und materiellem Scheinreichtum, zu Plünderungen und Eroberungszügen sowie zu Götzendienst verleiten.

Die menschliche Gier

In der Tat kann sich das Gold eines beeindruckenden Siegeszuges in der menschlichen Gesellschaft erfreuen. In vielen Kulturen ist es bis heute ein Inbegriff von Schönheit, Macht und Reichtum, ein Statussymbol, und als solches begehrt. Dies war und ist bei den Israeliten nicht anders. So lesen wir in der zweiten Bibelstelle, in welcher von Gold die Rede ist, vom Erzvater Abraham, der von Ägypten in das Gelobte Land «schwerreich an Vieh, Silber und Gold» (13:2) zurückkehrt. Der Reichtum, den sich Abraham erarbeitet hat, kommt noch einmal zur Geltung, als er seinen Knecht Elieser nach Aram schickt, um dort eine passende Frau für seinen Sohn Itzchak zu finden. Als Elieser, dort angekommen, die junge Riwka am Brunnen kennen lernt, schenkt er ihr «einen goldenen Nasenring, eine Halbmünze an Gewicht, und zwei Spangen für ihre Arme, zehn Goldstücke an Gewicht» (24:22). Die Rolle des Goldbesitzes als Statussymbol kommt bei der Reaktion Labans, Riwkas Bruder, besonders stark zum Ausdruck, als er beim Anblick seiner Schwester gleich nach draussen zum Brunnen rennt, um den hohen Besucher aus Kanaan zu empfangen (24:29). Der bekannte Bibelexeget Raschi erklärt dazu in ironisch-kritischem Ton: «Warum lief er und wozu lief er? Als er den Nasenring sah, dachte er: ‹Das ist ein reicher Mann!› und er richtete seine Augen auf das Vermögen.» Hier kommt die beinahe magische Anziehungskraft des Goldes und dessen Erweckung der menschlichen Gier zur Sprache, die im Laufe der Geschichte auch zu Kriegen führte. Raschi betont aber in seinem spöttischen Sarkasmus, dass selbstverständlich nicht einer unserer Vorväter – oder deren Diener, die in ihrem Hause grossgezogen wurden – dieser Gier nach Gold ausgeliefert waren, sondern «der Andere», der betrügerische, mit den Werten der Thora nicht vertraute Aramäer Laban.
Die nächste Stelle in der Thora, bei welcher von Gold die Rede ist, ist die Ernennung Josefs zum Vizekönig Ägyptens: «Pharao streifte seinen Siegelring von seiner Hand und gab ihn an die Hand Josefs, er kleidete ihn in Byssusgewänder und legte die goldene Kette um seinen Hals, er liess ihn fahren in seinem Zweitgefährt (…) und er setzte ihn über das ganze Land Ägypten ein» (41:42–43). Die goldene Kette versinnbildlicht demnach gemäss altägyptischem Verständnis nicht nur Reichtum, sondern auch einen hohen sozialen Führungsstatus, der den Pharaonen und ihren unmittelbaren Gehilfen vorbehalten war. Dies unterstreicht auch die Tatsache, dass von «der», also einer bestimmten «goldenen Kette» die Rede ist, während beispielsweise bei den «Byssusgewändern» kein bestimmter Artikel verwendet wird. Ein Goldschmuck als traditionell anerkannter Ausdruck von Autorität.
Einige Jahre später, unmittelbar vor dem Auszug aus Ägypten, ist – wie schon beim Stammvater Abraham – wiederum davon die Rede, wie Israeliten aus Ägypten viel Gold auf ihre Reise ins Gelobte Land mitnehmen: «Und die Kinder Israels handelten gemäss dem Worte Mosches, und sie forderten von den Ägyptern silberne und goldene Geräte sowie Kleider» (2. B. M., 12:35). Dass Ägypten erneut in Zusammenhang mit Gold erwähnt wird, ist kein Zufall, beuteten doch die Ägypter in der Antike beträchtliche Goldvorkommen in Oberägypten und Nubien aus. Faszinierend ist jedoch, den Kommentar Raschis zu diesem Vers zu analysieren: «Die Gewänder waren den Israeliten wertvoller als Silber und Gold, denn das Spätere im Vers ist immer wertvoller als das Ersterwähnte.» Hier sehen wir die Sicht eines mittelalterlichen jüdischen Gelehrten, der die scheinbare Erbeutungslust der Israeliten in Ägypten zu relativieren versucht, obwohl die Forderung nach Gold nach über 200-jähriger Knechtschaft eigentlich durchaus legitim erscheint. Es mag sein, dass Raschi im kreuzritterlichen Ambiente Westeuropas keine antisemitischen Stereotypen wie jene des «geldgierigen Juden» nähren wollte. Jedenfalls möchte Raschi auf der erzieherischen Ebene für alle Generationen klarstellen, dass das Gold als begehrtes Luxusobjekt bei unseren Vorfahren nicht an oberster Stelle der Prioritätenliste stand, sondern vielmehr ein einfaches und bescheidenes Grundbedürfnis: Kleider.

Offenbarung am Berg Sinai

Nach dem Auszug aus Ägypten erlebten die Israeliten die Offenbarung Gottes am Berg Sinai. Gleich nach den Zehn Geboten, in welchen auch vom Verbot des Götzendienstes die Rede ist, erfolgte eine spezifische Warnung: «Götter von Gold sollt ihr euch nicht machen» (20:20). Dies lässt sich wie eine Vorahnung lesen, übertraten die Israeliten doch nach kurzer Zeit genau dieses Verbot bei der Kreierung des Goldenen Kalbes. Wie kam das Goldene Kalb zustande? «Als das Volk sah, dass Mosche zögerte, vom Berge herabzusteigen, sammelte es sich um Aharon und sprach zu ihm: ‹Auf! Mache uns Götter, die uns vorangehen! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mosche, der uns aus Ägypten geführt hat, widerfahren ist.› Aharon sprach zu ihnen: ‹Nehmt die goldenen Ohrringe ab, die an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter sind, und bringt sie zu mir!› Da nahmen sich alle im Volk die goldenen Ohrringe ab, welche an ihren Ohren waren, und brachten sie zu Aharon. Und er nahm sie von ihren Händen (…) und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sprachen sie: ‹Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten geführt haben!›» (32:1–4). Es ist bemerkenswert, dass das Goldene Kalb aus den Ohrringen abtrünniger Israeliten gegossen wurde, und dies noch auf Geheiss Aharons! Diese seltsame Begebenheit lässt sich vielleicht auch durch die Rolle des Goldes in den Köpfen der Protagonisten dieser Geschichte erklären: Aharon benutzte bewusst das Gold der Ohrringe, um allen klarzumachen, woher die Kalbsskulptur, die aus diesem Gold hervorgehen sollte, stammt – nämlich aus einem unwichtigen materiellen Schmuckstück, das gerade erst an den Ohren der Israeliten hing. Gemäss Raschi wollte Aharon überhaupt nur Zeit gewinnen, da er davon ausging, dass die Frauen sich ihren Schmuck nicht einfach so nehmen lassen würden und Mosche eh bald zurückkehren würde. Das Volk jedoch ignorierte die materielle Herkunft des Goldenen Kalbes. Es liess sich von der glänzenden Schönheit dieses Edelmetalls blenden und von der mächtigen, überwältigenden Skulptur aus Gold in den Bann ziehen. Zur Anbetung dieses goldenen Götzens war es für das konfuse, labile und in seinem Glauben erschütterte Volk dann nicht mehr weit. Aharon unterschätzte die Kraft des Goldes masslos. Er sah im Goldenen Kalb eine Verschmelzung lächerlicher Ohrringe. Aber das Volk sah darin «die Götter Israels». Diesbezüglich lohnt es sich, die Erklärung des Talmud zu diesen Geschehnissen zu untersuchen: «Folgendes sprach Mosche vor dem Heiligen, gepriesen sei er: ‹Herr der Welt! Das viele Silber und Gold, das Du Israel in Überfluss gegeben hast, hat es dazu veranlasst, dass sie das Kalb machten!› (…) Ein Gleichnis: Einst hatte jemand einen Sohn, den er gebadet, gesalbt, gespeist und getränkt hat; dann hängte er ihm einen Beutel Geld an den Hals und setzte ihn an die Tür eines Freudenhauses. Was anderes sollte dieser Sohn tun, als sündigen?!» (Berachot 32 a). Nach dieser Interpretation war also an der Sünde des Goldenen Kalbes niemand anders als Gott selber schuld! Hätte Gott sein erwähltes Volk nicht so verwöhnt, hätte er es bei dem Auszug aus Ägypten nicht sich mit Gold und materiellem Reichtum eindecken lassen, so wäre es auch nicht zum Goldenen Kalb gekommen! Das glänzende Gold hat das Volk so verblendet, dass es schliesslich nicht nur Mosche, sondern auch Gott nicht mehr sehen konnte. Eine mutige Anschuldigung des Talmud, der hier seiner Linie, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, auf eindrückliche Weise treu bleibt.
Gemäss Raschis biblischer Auffassung, nach welcher die Thora nicht streng chronologisch gelesen werden muss, erteilte Gott das Gebot, ihm einen Tempel auf Erden zu bauen (Kap. 25 bis 31), als Reaktion auf den Zwischenfall um das Goldene Kalb (Kap. 32). Gott erkannte sozusagen, dass die Israeliten einen physischeren Zugang zu ihm brauchten. Wie die blinde Anbetung einer vor den Augen des Volkes gegossenen Goldskulptur aufgezeigt hatte war die Mehrheit des Volkes mit einer abstrakten Gottesidee überfordert – was auf dem Hintergrund der von Götzen nur so wimmelnden Antike auch einleuchten mag. So sind die Gebote über den Bau einer physischen Wohnung Gottes auf Erden mit all ihrem Zubehör als heiliges, aber nicht minder heilendes Resultat der abtrünnigen Episode um das Goldene Kalb zu verstehen. Als ob die Thora die Israeliten lehren wollte: Gold ist ein neutrales Element, das sowohl zum Schlechten (siehe Kalb) als auch zum Guten – zum Beispiel in der Form eines Gott geweihten Tempels und ritueller Gegenstände – verwendet werden kann. Die Materialien für den Bau des Stiftszeltes sollten dabei ausdrücklich vom Volk kommen (25:2), was die erzieherische Note dieses Gebots vor Augen führt. Die Spendierfreudigkeit der Israeliten war denn auch entsprechend hoch: «Es kamen die Männer samt den Frauen, alle, die willigen Herzens waren, und sie brachten Nasenringe, Ohrringe, Fingerringe, Armbänder und allerlei goldene Geräte; und alle, die ein Weihgeschenk aus Gold Gott geweiht hatten» (35:22). Wenige Tage zuvor noch hatten sie die goldenen Ohrringe für die Kreation eines Götzen gespendet, jetzt aber sollte die genau gleiche Handlung einem guten, göttlichen Zweck dienen, nämlich der Errichtung einer Wohnstätte für den Allmächtigen auf Erden. Die Parallele zur Sünde des Goldenen Kalbes und die Idee der Sühne, die dem Bau des Stiftszeltes zugrunde liegt, könnten nicht klarer sein.

Das Göttliche entfalten

In der Spendenabrechnung gegen Ende des Buches Exodus erfährt man von der sagenhaften Menge Gold, die für diese heilige Aufgabe gesammelt wurde: «Alles Gold, das verarbeitet wurde in diesem ganzen Werke des Heiligtums und das zur Weihgabe gegeben wurde, betrug 29 Kikar und 730 Schekel, nach dem Schekel des Heiligtums» (38:24). Die Israeliten hatten also umgerechnet ca. 1230 Kilogramm Gold gespendet! So nimmt das glänzende Edelmetall im Stiftszelt – und später im Tempel – einen zentralen Platz ein: Im Allerheiligsten war die Bundeslade aus goldüberzogenem Akazienholz, während ihr Deckel sowie die beiden darauf herausragenden Cherubim aus reinem Gold bestanden. Im vorderen Teil des Heiligtums waren der Tisch, auf welchem die Schaubrote lagen, sowie der Altar des Räucherwerks ebenso aus Akazienholz, welches mit Gold überzogen war. Der dritte Gegenstand, der in diesem Teil des Stiftszeltes stand, war jedoch aus reinem, purem Gold: die Menora, der siebenarmige Leuchter. Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) erkennt darin eine tiefgreifende Symbolik: «Erwägen wir zugleich, dass [der Leuchter] das einzige Gerät war, das ganz aus Metall und zwar aus Gold bestand, so bietet er sofort das Eigentümliche dar, dass er seinem Stoffe nach eben das Feste, Beharrliche, Unveränderliche, seiner Form nach aber die Entfaltung und Entwicklung, zusammen somit das Entfalten und Entwickeln des Festen, Beharrlichen, sich ewig Gleichbleibenden repräsentiert. (…) Fest, unveränderlich und ewig ist aber im Menschen nichts als das ihm innewohnende Göttliche, das im Erkennen des Wahren und im Wollen des Guten uns zum Bewusstsein kommt.» Gemäss Hirsch ist «das Licht im Heiligtume als symbolische Repräsentation des Geistes zu verstehen». Dementsprechend ist die Menora aus reinem Gold, aus einem stabilen, beharrlichen Metall, so wie die Seele, der göttliche Funken im Menschen, unveränderlich und ewig ist. Aber diese Seele soll «im Gottesheiligtum, durch den Geist des göttlichen Gesetzes, zur Blüte und Entfaltung kommen». Der goldene Leuchter versinnbildlicht also die Aufgabe des Menschen in seinem Leben, das Göttliche in sich wahrzunehmen und zu entfalten.
Gold ist also nicht nur jene «gefährliche» Materie, die im Menschen Habgier wecken, ihn blenden und von Gott ablenken kann, sondern auch ein positives Mittel, das dem Menschen auf physischer und symbolischer Ebene helfen kann, sich seiner geistigen Berufung in diesem Leben bewusst zu werden und sich Gott anzunähern. Und vielleicht lässt sich durch diese Annäherung das Gold in seine ursprüngliche «Heimat» zurückführen, in jenen paradiesischen Ort, wo das Gold daheim ist. Denn «das Gold jenes Landes ist gut.»    ●


Emanuel Cohn hat ein MA in jüdischer Philosophie und lebt als Publizist in Jerusalem.