Das Flackern der jüdischen Praxis

Von Emanuel Cohn, December 16, 2011
Die heutige Religionspraxis von Chanukka ist historisch gewachsen und von äusseren Einflüssen geprägt. Ein Blick auf den Usus des Lichterzündens.
CHANUKKALICHT Die jüdische Praxis ist dynamisch, stets in Bewegung

Es gibt neben Pessach wohl keinen anderen jüdischen Feiertag, der von gesellschaftlichen und geografischen Veränderungen dermassen beeinflusst worden ist wie Chanukka. Es ist besonders spannend zu beobachten, wie historische Einflüsse gerade in der Religionspraxis von Chanukka ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen haben. Diesbezüglich wollen wir den weitverbreiteten Usus des Lichterzündens untersuchen: Im babylonischen Talmud sind die Chanukkageschichte sowie sämtliche halachischen Diskussionen zu diesem Feiertag im Traktat Schabbat zusammengefasst. Dort heisst es: «Die Rabbanan lehrten: Es ist Gebot, das Chanukkalicht draussen vor die Tür hinzustellen; wer in einem Obergeschoss wohnt, stelle sie an das Fenster, das zur Strasse liegt» (21b). Der Grund liegt auf der Hand und dient als Leitmotiv des Chanukkafestes überhaupt: «pirsumei nissa», die Verkündung das Chanukkawunders. Die besagte Talmudstelle erwähnt jedoch ein weiteres Szenario: «Zur Zeit der Gefahr stelle man sie auf den Tisch, und dies genügt.» Raschi erklärt dazu, dass es unter persischer Herrschaft – wahrscheinlich im 3. Jahrhundert – ein Verbot gab, an gewissen persischen Feiertagen Feuer ausserhalb des Gotteshauses zu entzünden. Deshalb hätten die Juden die Chanukkalichter im Innern ihrer Wohnung gezündet, wo sie kein Schlechtgesinnter von aussen wahrnehmen konnte. Nun scheint sich jedoch das Entzünden der Chanukkalichter daheim bei vielen jüdischen Familien auch nach jenem Verdikt eingebürgert und bis in unsere Tage erhalten zu haben. In der Tat sind schon in den Schriften der
Geonim (Babylonien, 7.–11. Jahrhundert) weitere Gründe für das Lichterzünden in der guten Stube aufzufinden, wie etwa Diebe, die die Chanukkaleuchter draussen stehlen könnten. Rabbiner Jechiel Michel Epstein (1829–1908), ein wichtiger halachischer Dezisor aus Litauen, rechtfertigt in seinem Hauptwerk «Aruch haschulchan» die Aufrechterhaltung des Brauchs – der gemäss Talmud ja nur bei Gefahr Gültigkeit hatte –, in der Wohnung und nicht draussen zu zünden: «Da in all unseren Ländern die Chanukkatage kalte Tage des Regens, des Schnees und starker Winde sind und man die Chanukkalichter nicht draussen hinstellen kann, zünden wir alle daheim. Es sei denn, man legt den Chanukkaleuchter in eine Glasvitrine – diese Last wollten die Weisen jedoch nicht aufbürden. Zudem würden die Nichtjuden nicht jederorts ein Zünden auf der Strasse erlauben» (671:25).

Äussere Einflüsse

Rabbiner Epstein gibt also meteorologische (Regen, Schnee, Wind), ökonomische (zu teure Glasvitrinen) und gesellschaftliche (Spannung mit Nichtjuden) Gründe für das Zünden daheim an. Nun mögen diese Konditionen in unserer Zeit nicht mehr dieselbe Brisanz oder Relevanz haben. Glasvitrinen sind wohl erschwinglicher als anno dazumal, und selbst die jährlichen Zündungsveranstaltungen der Lubavitcher Chassidim weltweit scheinen glücklicherweise keine Pogrome zur Folge zu haben – auch wenn man mit diesen bombastischen Zeremonien in der nicht jüdischen Öffentlichkeit nicht einverstanden sein muss. Nichtsdestotrotz stellen wir fest, dass sich nicht nur die halachischen Ortsbestimmungen der Chanukkalichter im Laufe der Zeit aufgrund äusserer Einflüsse stetig verändert haben, sondern auch die Motive hierzu. Ein besonderer talmudischer Usus aus Zeiten der Bedrohung hat sich in Friedenszeiten festgesetzt und im Laufe der Geschichte andere, neue Gründe erhalten. Die meisten dieser Gründe sind nun aber mittlerweile – besonders in Israel – entfallen, was die Rückkehr zur ursprünglichen talmudischen Richtlinie ermöglicht.

Flexibilität im modernen Zeitalter

Es leuchtet ein, dass das zeitliche Gebot des Zündens der Chanukkalichter eng mit dem örtlichen verbunden ist. Der zeitliche Rahmen des Lichterzündens wird im Talmud folgendermassen festgelegt: «Das Gebot hält an von Sonnenuntergang bis zur Zeit, wo der Verkehr auf der Strasse aufhört» (21b). Diese Zeitspanne ist logischerweise mit dem anfangs erwähnten Prinzip von «pirsumey nissa», der Verkündung des Chanukkawunders, verbunden. Man zünde und stelle die Lichter «draussen vor die Tür» oder «an das Fenster, das zur Strasse liegt», damit es möglichst viele Menschen sehen und so an das Chanukkawunder erinnert werden. Da hier vom vorelektrischen Zeitalter die Rede ist, kann man davon ausgehen, dass es nicht mehr lange nach Sonnenuntergang noch Verkehr oder Passanten auf der Strasse gab. Wie verhält es sich nun aber nach dem Dekret, nach welchem sich der Usus, die Lichter in der Wohnung zu zünden, eingenistet hat? Jakob ben Ascher (1283–1340), eine zentrale halachische Autorität des Mittelalters, schreibt dazu in seinem Hauptwerk «Arbaa turim»: «Wir, die die Lichter, welche nur für die Hausbewohner erkennbar sind, daheim zünden, müssen es mit dem Zeitrahmen, den die Talmudgelehrten angeordnet haben, nicht mehr so genau nehmen…  Und doch ist es richtig, zu zünden, solange die Hausbewohner noch wach sind» (Orach Chaim 672). Die Zeitspanne dieses halachischen Gebotes hat sich also aufgrund der neuen Konstellation deutlich verändert. Wenn das Chanukkalicht nicht mehr für die «Öffentlichkeit», sondern für die Familie im Haus bestimmt ist, dann ist man auch nicht mehr an die «öffentlichen Zeiten» gebunden, sondern an die subjektiven und individuellen Schlafzeiten der Hausbewohner – und diese fanden statt, lange nachdem der Verkehr auf der Strasse erlahmt. Aber auch hier hat sich die Konstellation erneut verändert, diesmal aufgrund der elektrischen Revolution: Heute kann es besonders in Grossstädten Strassen geben, in welchen es auch bis in die tiefe Nacht
hinein Verkehr hat. Demzufolge hat der ursprüngliche talmudische Zeitrahmen, wonach das Gebot des Lichterzündens «bis zur Zeit, wo der Verkehr auf der Strasse aufhört» gilt, im modernen Zeitalter neue Flexibilität gewonnen. Die Verkündung des Chanukkawunders ist somit auch zu später Stunde nicht mehr ausschliesslich an die Bewohner des Hauses gebunden, sondern kann auch spät nachts auf die Menschen auf der Strasse einwirken – wie es im Ursprung gedacht war.

Stets in Bewegung

Diese Überlegungen zeigen uns auf eindrückliche Weise die Dynamik jüdischer Praxis auf. Die hellenistische Bedrohung für die Israeliten, welcher wir an Chanukka gedenken, war geistiger Natur. Das Hauptgebot an Chanukka ist das Lichterzünden. Eine Flamme ist nie ruhig, sie ist stets in Bewegung, sie flackert: so wie jüdisches Denken und Leben, das aufgrund seiner immerwährenden Suche nach Bedeutung und seiner sich stets erneuernden Relevanz von den Zeiten des Talmuds bis heute an Faszination nichts eingebüsst hat.