«Das Ende einer Tragödie»

von Sabine Pfennig-Engel, October 9, 2008
Der liberale Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin ist fristlos entlassen worden. «Das hat mich überrascht», so der Rabbiner in einem Gespräch mit der JR. «Es gab Gerüchte, es ging darum, die Kommunikation zu verbessern, man redet miteinander, wenn man verschiedener Meinung ist.» Als «das Ende einer anderthalbjährigen Tragödie» bezeichnet der Gemeindevorsitzende Nachama die fristlose Kündigung. Die Repräsentantenversammlung hatte sich auf ihrer Sitzung am 16. Februar für die fristlose Kündigung ausgesprochen, die der Vorstand sodann vollzog. «Die Kündigung ist nicht endgültig, mir wurden keine Gründe mitgeteilt, mein Anwalt hat Widerspruch eingelegt», so der Rabbiner.
Rabbiner Rothschild: «Andere theologische Ausrichtung». - Foto Keystone

Mit inhaltlichen Begründungen hielt man sich gegenüber der JR zurück. So wollte die Stellvertretende Vorsitzende Norma Drimmer gar keine Stellungnahme gegenüber der JR abgeben und verwies auf die Repräsentantenversammlung. Deren Vorsitzender Hermann Simon sagte der JR: «Das ist Sache des Vorstandes, ich äussere mich nicht dazu und muss dies Ihnen auch nicht begründen.»

Definition Pluralismus

Der Vorsitzende Nachama riet dazu, die Zeitung zu lesen, in denen Gründe genannt worden seien. Hierbei wird dem Rabbiner vorgeworfen, über Sex in der Synagoge gesprochen und ein Kondom gezeigt zu haben. Ausserdem soll er beleidigende Witze über den Umgang mit der NS-Vergangenheit gemacht haben. «Das mit dem Kondom und diese Sache mit dem angeblichen Witz, das ist schon über ein Jahr her und hat vor keinem Arbeitsgericht Bestand. Ich bin vor fast zwei Jahren in diese Gemeinde gerufen worden, die sehr schwierig ist in der Ausrichtung der Synagogen. Der Rabbiner muss sich auf ganz unterschiedliche Gebete und Traditionen einstellen, deshalb braucht es einen pluralistischen Rabbiner.»
Walter Rothschild sei kein «Wessi» und kein «Ossi», «ich bin ein Ausi, ein Ausländer und bin nicht damit belastet, wer aus welchem Teil der Stadt kommt». Walter Rothschild studierte in Cambridge Theologie und wurde am Leo-Bacek-College in London zum Rabbiner ausgebildet und trat die Stelle in Berlin an, die drei Jahre nicht besetzt war. Mit seinen Kollegen, Rabbiner Ehrenberg und Teichtel, verstehe man sich gut, «es gab keine Konflikte, auch wenn wir andere theologische Ausrichtungen haben».

Neuwahlen gefordert

Noch am 8. Februar hatte man zusammen im Kultusausschuss empfohlen, einen Assistenten mit russischen Sprachkenntnissen zu suchen. Der JR liegen Schreiben von zwei Synagogenvorständen an den Gemeindevorsitz vor, in denen die fristlose Kündigung sehr bedauert und die positive Arbeit von Walter Rothschild hervorgehoben wird. «Das zeigt die Handlungsunfähigkeit des Vorstandes, in welcher Art und Weise hier vorgegangen wird», so Julius Schoeps, Historiker und Mitglied der Repräsentantenversammlung. «Man darf das Amt des Rabbiners nicht verletzen. Ich fordere Neuwahlen.» Walter Rothschild: «Ich werde vor das Schiedsgericht des Zentralrats der Juden gehen. Ich habe ein reines Gewissen.»