Das Ende einer Epoche

May 2, 2011
Walter Laqueur zum Tod Osama bin Ladens

Osama bin Laden war der Gründer von Al Kaida, aber die operative Leitung des islamistischen Terrornetzwerkes lag seit Jahren in anderen Händen. Er hat die Terroristen inspiriert, geführt hat er sie nicht mehr. Er war auf der Flucht, Kontakt zur Aussenwelt konnte er nur über zuverlässige Kuriere halten. Und schliesslich haben ihn die Amerikaner auch gefunden, nachdem sie einem dieser Kuriere über Jahre gefolgt waren. Er hat sich nicht im Iran versteckt, wo er einige Familienmitglieder unterbringen konnte. Und er war nicht in einer Höhle in den paschtunischen Stammesgebieten im gebirgigen Nordwesten Pakistans, die Viele für unzugänglich halten. Stattdessen hielt sich bin Laden nahe der pakistanischen Hauptstadt in einem grossen Haus mit Garten auf, das vermutlich speziell für ihn gebaut worden ist.

Aber verlassen konnte bin Laden die Anlage nicht. Auch Telefon und Internet standen ihm nicht zur Verfügung – dies hätte ihn verraten. Der Sohn eines milliardenschweren Bauunternehmers aus dem Jemen hatte wiederholt grosses Glück, etwa als er Ende 2001 dem amerikanischen Zugriff in der Schlacht von Tora Bora entkam. In den letzten drei Jahren musste er besonders vorsichtig sein, viele seiner Unterführer waren speziell durch Drohnen-Angriffe getötet worden. Die Amerikaner hatten bin Ladens Versteck schon länger beobachtet, aber ganz sicher waren sie bis zuletzt nicht – schliesslich hatten sie ein Dutzend anderer Lokationen ebenfalls im Visier. Erst vor etwa einem halben Jahr haben sich die Hinweise auf bin Ladens Anwesenheit in Abbottabad so weit verdichtig, dass ein Zugriff möglich erschien. Dieser fand nun am 1. Mai nach langer, sorgfältiger Vorbereitung statt.

Wie bedeutsam ist sein Tod? Hier sind sich sämtliche Terror-Experten ausnahmsweise einig. Bin Ladens Tod hat enorme symblische Bedeutung und demonstriert, dass jeder Massenmörder irgendwann gefasst und eliminiert wird. Für die Amerikaner war es sehr frustrierend, dass er ihnen so lange entkommen konnte – und jetzt ist die Jagd vorüber.

Aber im Hinblick auf Terrorattacken stellt dies natürlich kein Ende dar. Al Kaida hat sich seit vielen Jahren zunehmend dezentralisiert. Heute liegt der eigentliche Kern des Netzwerkes im Jemen. Einer der dortigen Anführer ist der vorher in den USA lebende Prediger al Awlaki. Es ist durchaus denkbar, dass die Organisation nun weltweit Anschläge ausführt, um bin Ladens Tod zu rächen und zu zeigen, dass Al Kaida immer noch gefährlich ist. Einige Ultra-Radikale könnten ihre Anstrengungen verdoppeln, sich in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu bringen.

Bin Ladens Tod bedeutet nicht das Ende des Terrorismus, aber die Bedeutung dieser Form der politischen Gewalt wird in den kommenden Jahren abnehmen. Die derzeitige Umwälzung im Nahen Osten und der Sturz mehrerer Regime hat die Bedeutung des politischen Islam gestärkt. Aber nun stehen Auseinandersetzungen um die politische Macht in einzelnen Staaten zur Disposition und nicht mehr der Kampf gegen den Westen. Die Muslimbrüder werden mächtiger, aber sie sind nicht Al Kaida und bin Laden. Sie lehnen Gewalt nicht ab, aber heute setzen sie bei der Verfolgung ihrer Ziele vorwiegend auf friedliche Mittel. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist die Epoche von bin Laden vorbei – und das schon seit einiger Zeit. Das Zeitalter des «Krieges gegen den Terror» ist vorbei – jedenfalls in seiner uns vertrauten Version. Aber in vielen Teilen Nordafrikas, des Nahen Ostens und Pakistans drohen weiter Gefahren. Doch der Terrorismus wird die dominierende Stellung verlieren, die er seit 2001 innehat. Damit stellt bin Ladens Tod das Ende einer Epoche in unserer jüngsten Geschichte dar. Seine Rolle als Terroristenführer hat er einige Jahre lang überlebt.

1921 in Breslau geboren, hat der Historiker und Sicherheitsexperte Walte Laqueur 1977 mit «Terrorism» das erste und bis heute gültige Werk über das Phänomen des Terrorismus vorgelegt.