Das Eigenheim als Lebenstraum

Von Noam Dvir, February 25, 2010
Fünf führende israelische Architekten diskutieren über eine zentrale Frage: Welche Zukunft haben Einfamilienhäuser und Villen in Israel?
«SPEZIELLE HÄUSER FÜR SPEZIELLE LEUTE» Die Architekten Rami Gill, Pitsou Kedem, Daniela Plesner, Arnon Nir und Lior Tsionov

Die Finanzkrise hat das Verhalten und die Wünsche der Kunden grundlegend verändert. Als Erstes verlangte die Architektin Daniela Plesner von uns, den Namen ihrer Klienten und den exakten Standort der Villa, die sie in deren Auftrag entworfen hat, nicht zu nennen. «Sagen Sie einfach ‹ein Moschaw in der Sharon-Region›, das wirkt immer.» Zusammen mit ihr brachen die vier anderen am Tisch sitzenden Architekten in lautes Lachen aus. «Alle Villen befinden sich in einem Moschaw in der Sharon-Region», sagte Architekt Pitsou Kedem, «doch wo genau liegt dieser Moschaw? Sogar wenn sich die Villa in den Judäischen Bergen befindet, hängt man an dieser Formel und steckt sie in einen Moschaw in der Sharon-Region.» Und wieder allgemeines Gelächter.

Von den fünf in diesem Artikel begutachteten Bauten wollen die Besitzer von zwei weiteren Villen die gleiche Anonymität. Die Häuser liegen zwar nicht im Moschaw X in der Sharon-Region, dafür aber in einer nicht weniger vage umrissenen «Wohngegend von Tel Aviv». Der Wunsch der Architekten, die Privatsphäre ihrer Kunden zu schützen, ist zwar verständlich, doch das Fehlen aller identifizierenden Details und die Fotos auf Hochglanzpapier aus den Magazinen nabeln die Häuser von jedem lokalen Zusammenhang ab und schaffen ein Gefühl der Unnahbarkeit. Vielleicht geschieht dies mit Absicht.

Das Eigenheim mag immer noch der israelische Traum sein, doch eine Knappheit an verfügbarem Boden, wachsendes Umweltbewusstsein und die hohen Wasserkosten – ein Todesurteil für Gärten – sorgen dafür, dass dieser Traum nicht mehr dasselbe ist wie früher. Zu einer Zeit, da Wohlhabenden eine gleich prestigeträchtige Alternative offeriert wird – Luxushochhäuser – und Menschen in aller Welt von dem «Tod der Vororte» sprechen, wird das Investieren beachtlicher Mittel in den Bau von Eigenheimen immer mehr in Frage gestellt. Der Nationale Rat für Planung und Bau in Israel hat seine kritische Ansicht zum Thema bereits klar gemacht.

Die Rolle des Architekten

Weder repräsentieren die fünf Architekten, die an der Diskussion teilnahmen, den Durchschnitt der israelischen Architektur, noch repräsentieren ihre Klienten den Durchschnittsisraeli. Die Architekten entwerfen, wie Rami Gill es formuliert, «spezielle Häuser für spezielle Leute». In der Regel handelt es sich um Menschen, die nicht oft in ihren Häusern anzutreffen sind, um wohlhabende Paare mit jüngeren Kindern, oder um Rentner, die sich einen Wohnsitz mit allen Annehmlichkeiten errichten lassen.

Neben Gill, dem eigentlichen Veteranen der Gruppe, gehören zur Gesprächsrunde: Pitsou Kedem, ein Architekt der Spitzenklasse, der auf Villen und Wohnungen für die Reichen spezialisiert ist, Daniela Plesner, deren Firma schon viele Preise für Projekte im öffentlichen Sektor gewonnen hat, die aber auch im Privatbereich arbeitet, Arnon Nir, ein junger Architekt, der fast nur Privathäuser entwirft, und Lior Tsionov, das jüngste Mitglied der Gruppe, der oft Häuser in eleganten Wohngegenden von Israel entwirft.

Die Studie soll der Frage auf den Grund gehen, ob und wie sich der private Häuserbau in den letzten Jahren finanziell, kulturell und architektonisch verändert hat und welche Fantasievorstellungen die Villen dieser Tage reflektieren. Die Diskussion wurde mit der Frage nach der Rolle des Architekten bei der Planung des Hauses eröffnet. Dabei geht es in erster Linie darum, in welchem Ausmass der Architekt versuchen soll, sich den Geschmacksrichtungen und den Forderungen des Klienten anzupassen. «Viele Kunden wollen mit dem Bau ihres Hauses eine Fantasie verwirklichen, und das ist gefährlich», so Kedem. «Ein Heim widerspiegelt in erster Linie etwas Persönliches und Intimes, doch zu guter Letzt unterscheidet man zwischen Architekten, die ihren klaren Fingerabdruck auf einem Projekt hinterlassen, und Architekten, die sich eher als Pipeline, als Katalysator betrachten. Unsere Rolle ist es, so denke ich, die passende Sprache und Ästhetik aufrechtzuerhalten.»

Hier misch sich Rami Gill ein: «Unsere Rolle besteht in der Schaffung einer Reihe von Bildern. Unlängst unterbreitete mir jemand das Fantasieprojekt eines Hauses im Stil der Häuser im Tel Aviver Quartier Neve Zedek. Wie kann man ihm erklären, dass nicht der Stil das wichtige Element ist? Durch Überzeugung musst du den Kunden auf eine Reise nehmen, die von dem, was er gewöhnt ist, zu etwas ganz Anderem führt.» Plesner dagegen sieht keine Notwendigkeit, ihren Klienten architektonische Bildung zu vermitteln. «Am Schluss kommt es doch darauf an, ob die Kunden gerne in ihren Häusern leben, und nicht darauf, ob es uns gelingt, den Bau in irgendeinem Magazin zu publizieren. Nach meinem Dafürhalten sollte die Regel darin bestehen, eine Synthese zu schaffen zwischen den Wünschen des Kunden einerseits und dem Haus, dessen Geist, der Umgebung und dem Klima andererseits.»

Bei privaten Bauprojekten sind die formale und die stilistische Ausdrucksweise seit jeher einer der hitzigsten Punkte für Divergenzen. Obwohl die Villen, von denen hier die Rede ist, einen fast modernistischen, zeitgenössischen Geschmack
darstellen, sind sie ganz bestimmt nicht repräsentativ für das Geschehen in den typischen Villenvierteln Israels, nicht einmal in Kfar Shmarijahu oder Savijon. «Prestigeträchtig» wird oft verwechselt mit «luxuriös» oder «monumental». Infolge des Fehlens einer mässigenden Hand dominieren Ungeheuerlichkeiten aus Zement und Stein heute die Wohnlandschaften.

Chaotischer Stil-Mix

Die Evolution dieses problematischen Baugeschmacks muss hauptsächlich dem Konzept des «Bau dir dein eigenes Heim» zugeschrieben werden. Das mit der Ermutigung durch die Likud-Regierung erfolgte Aufkommen dieses Stils in den späten siebziger Jahren führte zu einer Welle privater Wohnquartiere, die finanziell im Bereich der Mittelklasse lagen. Anfänglich war die Motivation, starke demografische Gruppen in den Entwicklungsstädten und an der Peripherie zu belassen. So gesehen war das Unternehmen ein voller Erfolg. Gemäss einer vom Wohnbauministerium 1982 erstellten Studie hatte eine Mehrheit der Einwohner der neuen Viertel zuvor in billigen Wohnungen in Entwicklungsstädten gelebt. Mit ihrem Umzug haben sie aus ihrer Warte den erfolgreichen Schritt zu Verwirklichung ihres Traums vom Eigenheim mit Garten gemacht.

In jener Periode blühte der luxuriöse Lebensstil. Das Eigenheim wurde zum Indikator für den finanziellen Erfolg, während die neuen Hausbesitzer ihre eigene Lebensqualität am sichtbaren Wohlhaben massen und nicht zwingenderweise an
der Bequemlichkeit ihrer Häuser. Mit dem Vorwand, das graue, vernachlässigte Image des sozialen Wohnungsbaus zu eliminieren, sprossen sozusagen über Nacht Einfamilienhäuser in ausländischem, kunterbuntem Stil in die Höhe. Sie hatten nichts mehr zu tun mit der lokalen Bauweise. Architekten waren nicht kritisch genug angesichts der wilden Fantasien ihrer Kunden, sodass diese pseudo-italienischen Villen in «toskanischem» Stil entstehen konnten. Leider gelang es diesem architektonischen Stil auch, die Villenviertel in Ortschaften und Moschawim zu beeinflussen. Was in den äussersten Vorstädten begonnen hatte, wurde zur allgemeinen Norm. «Für mich gibt es nicht schlimmeres», so Gill, «als den Versuch, die Toskana nach Nord-Tel-Aviv zu bringen. Seiner Meinung nach präsentiert sich das architektonische Mittelmass in Israel wie folgt: «Die Schlagzeile bildet das Bild vom Mehl und der Thora (basierend auf der Weisheit, wonach es ohne Mehl – materiellen Besitztum – keine Thora – geistige Erfüllung – geben wird, Anm. d. Red.).» Und weiter sagt Gill: «90 Prozent der Häuser, die wir hier sehen, sind ‹Mehl-Häuser›. Die Mehrheit der Architekten begnügt sich mit diesem Mehl und arbeitet für Kunden, denen nichts gelegen ist an geistiger Erfüllung.» Plesner ergänzt: «All diese Do-it-yourself-Häuser und die Erweiterungsbauten in den Moschawim haben die Einfamilienhäuser erschwinglich für jedermann gemacht. Sie haben eine erschreckende Wirklichkeit geschaffen. Wer im Land herumfährt, der soll heute am besten die Augen schliessen.» Lior Tsionov ist nicht einverstanden: «Ich habe Mühe, mir vorzustellen, wie du mit geschlossenen Augen durch die Strassen fährst. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich um ein kulturelles und nicht um ein ästhetisches Thema. Architekten haben eine Mission, und die Frage lautet, on man durch den privaten Häuserbau die Probleme der Architektur berühren kann. Kann die Villa einen Mehrwert generieren?»

Tsionov überbindet zumindest einen Teil der Verantwortung den Kunden, die mit «Magazin-Wünschen» zu den Architekten kommen würden. Häufige Auslandsreisen von Leuten aus der Mittel- und Oberklasse, verbunden mit leichtem Zugang zu Designideen in Zeitschriften oder im Internet, hätten wesentliche Geschmacksveränderungen mit sich gebracht.

Einfluss der Finanzkrise

Arnon Nir sagt: «Zweifelsohne werden wir und unsere Klienten von dem beeinflusst, was sich in der Welt zuträgt. Bereits können wir, so denke ich, eine Abkehr von diesem Country-Baustil feststellen. Eine sich immer klarer abzeichnende kritische Masse lehnt all diese Provence- und Toskana-Nachäfferei ab. Den Menschen ist es allmählich peinlich, dass ihr Haus wie eine Kopie des Nachbarhauses aussieht. Ich habe das Gefühl, die Leute suchen zusehends intellektuelle Lösungen.» Für Nir ist ein Einfamilienhaus mit Garten nicht unbedingt eine Fantasie im schlechten Sinne. «Ich bin in einem Moschaw geboren worden und habe mein ganzes Leben dort verbracht. Für mich haben das Hinausgehen auf den Rasen, das Betrachten eines Baumes, das Anfassen der Erde etwas Wesentliches an sich.» Für Tsionov geht es hier auch um die Familie: «Die meisten Leute, die zu uns kommen, sind Familien, die einen Ort suchen, an dem sie ihre Kinder angenehm grossziehen können.»

Nicht alle Mitglieder der Diskussionsrunde sind aber einverstanden mit der Erkenntnis, dass die Villa das Mass aller Dinge bei der Verwirklichung des Traums vom Eigenheim ist. Die wachsende Beliebtheit von luxuriösen Wohntürmen hat eine neue Alternative geschaffen. Zu dieser Wohnform gehören der Portier ebenso wie der Fitnessraum und rascher Zugang zu Cafés, Theater und Kinos. «Ich bin nicht sicher», so Kedem, «ob heute ein so grosser Unterschied besteht zwischen dem ebenerdigen Eigenheim und einer Wohnung im 30. Stock eines Hochhauses. Eine Zeitschrift, die über eine von mir entworfene Penthouse-Wohnung schrieb, nannte sie ‹eine Villa im Himmel›. Die Wahl für eine Luxuswohnung oder ein Eigenheim hat mit dem Individuum selber zu tun, mit seinen Wünschen, der persönlichen Lebensplanung.»

Interessant und aufschlussreich für das Denken der obersten Gesellschaftsschichten sind die Wünsche, welche die Kunden ihren Architekten vor dem Hintergrund der Finanzkrise vorbringen. Pitsou Kedem: «Meine Kunden wollen, dass wir ihnen das Gefühl vermitteln, sie seien in den Ferien. Dabei ist das Budget nie ein Problem. Im Gegenteil scheint ein Überschussbudget vorhanden zu sein, ein ‹unmoralisches Budget›, wie ich es zu nennen pflege. Das schafft mitunter auch Probleme, denn der Kunde sagt sich, warum soll er bei der Planung auf etwas verzichten, wenn er sich doch alles leisten kann.» Die Leute, die zu Rami Gill kommen, besitzen meistens schon ein Haus und haben sich einen grossen Teil ihrer Wünsche erfüllt. «Ich stosse heute auf viel weniger unrealistische Vorstellungen als in den siebziger Jahren.» Die Finanzkrise habe das Verhalten und die Wünsche seiner Kunden grundlegend verändert. «In den achtziger Jahren hatte jedes Schlafzimmer auch ein Bad und wurde zu einer Mini-Suite mit einem angehängten Garderobenzimmer. Das Heim wurde zu einer Sammlung von Suiten und jeder Bewohner schloss sich sozusagen in seinem Zimmer ein. Heute reicht den meisten Klienten ein Badezimmer pro Stockwerk, und ein Fernseher für jedes Zimmer ist auch keine Notwendigkeit mehr. Man versucht stattdessen, den Familienraum wieder zu beleben. Einige meiner Kunden sind auch dazu übergegangen, Gärten auszutrocknen, in die sie Hunderttausende von Dollar investiert haben. Angesichts der in Israel drastisch steigenden Wasserpreise sind die Unterhaltskosten eines Gartens schlicht nicht mehr zu verantworten.»

Die Standarddimensionen einer für Israel typischen Villa der Spitzenklasse bleiben auch 2009 grossspurig. Wohnflächen von 300 bis 500 Quadratmeter sind eher die Regel als die Ausnahme. Trotz der Finanzkrise leiden die Architekten des Panels weder unter Auftragsannullierungen noch unter einem Mangel an künftigen Bestellungen. Das könnte bedeuten, dass Villen eben immer noch erstrebenswerte Ziele der Israeli darstellen. Bodenparzellen in Moschawim wechseln immer noch für Millionen von Schekel die Hand, und im Nobelort Zahala stehen für eine zum Verkauf angebotene Parzelle immer noch Dutzende von Interessenten Schlange. Die Blase ist noch nicht geplatzt.

Den Architekten dienen Villen als wichtige Experimentierlabors für Ideen und Materialien. Das galt schon in den zwanziger Jahren für Le Corbusier und Oscar Niemeyer und das gilt auch heute noch. Ein einziges Haus kann auch heute noch den Charakter eines ganzen Quartiers beeinflussen. Kedem: «Unsere Aufgabe besteht darin, ein hervorragendes Haus zu bauen. Der Nachbar wird es sehen und wird auch ein solches haben wollen. Der Prozess verläuft nur sehr langsam, doch er verändert die Dinge.»