Das demografische Schreckgespenst

Moshe Arens zur Lage in Israel, September 22, 2010

Einige der israelischen Befürworter der Zweistaatenlösung, die ständig von den demografischen Gefahren für Israel sprechen, dürften nach dem Durchblättern des jüngsten, vor Rosch Haschana erschienenen demografischen Berichts des statistischen Zentralbüros ein paar schlaflose Nächte verbracht haben. Wie Journalisten wie Yair Ettinger seit Jahren behaupten, ist das demografische Schreckgespenst eben nicht das, wofür es gehalten worden ist. Jetzt ist offi­ziell: Die demografische Entwicklung scheint sich vielmehr zugunsten der jüdischen Bevölkerung auszuwirken.
Man muss wirklich kein professioneller Demograf oder Statistiker sein, um einzusehen, dass Faktoren wie ein höherer Lebensstandard, eine bessere Bildung für Frauen und die steigende Zahl der in den Arbeitsprozess integrierten Frauen die demografischen Trends vergangener Jahre umkehren würden. Doch vorgefasste Meinungen von permanent hohen Geburtenraten unter Araberinnen, unterstützt von einer gekonnten Propaganda, haben israelische Bürger in Schrecken versetzt. Man beliess sie im Glauben, sie würden von einer Flut arabischer Babys überschwemmt, welche die jüdische Bevölkerung schon bald in eine Minderheit westlich des Jordans verwandeln würden. Das Heil lag folglich in der Zweistaatenlösung.

Natürlich ist dies nicht das einzige Argument für die Errichtung eines Palästinenserstaates westlich des Jordans. Es ist nicht einmal das am meisten überzeugende Argument. Zur Teilung des Gebiets westlich des Jordanflusses zwischen Juden und Arabern im Bestreben, den jahrzehntelangen Konflikt ein für alle Mal beizulegen, liesse sich viel sagen. Wie die Entscheidung König Salomons in biblischen Zeiten scheint diese Teilung auf den ersten Blick die gerechte Lösung zu sein. Man gebe jedem Menschen seinen Anteil an dem von ihm begehrten Land und lasse den Frieden in die Gegend einziehen. Was spielt es da für eine Rolle, dass diese Lösung sich nicht unbedingt deckt mit dem beliebten Slogan von «zwei Staaten für zwei Völker», sondern gemäss dem heutigen Stand der Dinge eher mit drei oder vier Staaten für zwei Völker − für die Palästinenser je ein Staat in Jordanien, im Gazastreifen und in der Westbank, und für die Juden ein Staat mit einer bedeutenden palästinensischen Minderheit in Israel.

Weshalb benutzen die Befürworter der Zweistaatenlösung auch das demografische Schreckgespenst und behaupten, diese Lösung sei ausschlaggebend für die fortdauernde Existenz Israels als jüdischer demokratischer Staat? In anderen, immer wieder wiederholten Worten: Die anhaltende israelische Kontrolle über Judäa und Samaria würde heissen, Israel würde entweder aufhören, ein jüdischer Staat zu sein oder schliesslich keine Demokratie mehr sein.

Die Antwort liegt auf der Hand: Man will jene Israeli, die sich schwer tun mit der Aufgabe des biblischen Herzstücks Israels, derart einschüchtern, damit sie diesen schmerzvollen Kompromiss akzeptieren. Indem vor lauter Sorge um den demokratischen Charakter des Staates Israel das demografische Schreckgespenst als Argument hervorgebracht wird, werden die Gefühle der arabischen Bürger Israels ignoriert. Gedacht wird: Je weniger Araber in Israel, umso besser. Eine weder demokratisch noch staatsbürgerlich korrekte Denkweise. Argumente wie diese können keine Musik in den Ohren der israelischen Araber sein.

Nachdem wir nun das demografische Schreckgespenst offiziell begraben können − wo spielt die Demokratie in der Debatte über Israels Zukunft dann noch eine Rolle? Die meisten Israeli sind entschlossen, den jüdischen Charakter des Staates sprachlich wie kulturell zu sichern, gleichzeitig aber auch die Sprache und Kultur seiner arabischen Bürger zu respektieren. Wir bestehen auf einer Fortsetzung der Mission, die der jüdische Staat sich gesetzt hat: Ein Zufluchtshafen für jene Juden in aller Welt zu sein, die auf einen solchen angewiesen sind. Das Geschehen des Holocaust darf sich nie wieder wiederholen. Aus diesem Grund benötigen wir eine substanzielle jüdische Mehrheit.

Wie gross soll diese Mehrheit sein? Mit dieser Frage muss man sich befassen. Reicht die gegenwärtige jüdische Mehrheit von 80 Prozent? Ist sie gerade recht, oder ist sie vielleicht schon zu hoch? Wäre eine Reduktion auf eine jüdische Mehrheit von 70 Prozent eine Katastrophe? Spielen ausschliesslich die demografischen Zahlen eine Rolle? Diese Fragen mögen schwierig und unkonventionell sei, doch wenn wir auf intelligente Weise über unsere Zukunft diskutieren wollen, müssen uns mit diesen Fragen beschäftigen − und zwar mit voller Rücksichtsnahme auf die Gefühle unserer arabischen Bürger. Jetzt, nachdem wir das Problem zumindest teilweise benannt haben, ist es höchste Zeit, die Debatte in Angriff zu nehmen.   

 

Moshe Arens, Likud-Mitglied, war früher Knessetabgeordneter und Verteidigungsminister.