Das Buch des Volkes für das Volk des Buches
Sammeln bedeutet Leidenschaft und Engagement. Wer ernsthaft sammelt und nicht nur einkauft, muss zudem über erstklassige Kenntnisse seiner bevorzugten Bereiche verfügen. Die nötigen finanziellen Mittel sind dabei keine unwesentliche Voraussetzung, aber sie müssen sinnvoll eingesetzt werden. Notwendig sind für David Jeselsohn und seine Frau Jemima auch ein Netzwerk seriöser Händler, renommierter Auktionshäuser, Restauratoren und hoch spezialisierter Buchbinder. Beide sammeln seit 40 Jahren vieles: Münzen, Artefakte wie beschriftete Tonscherben (Ostraka), Öllampen, Tintenfässchen. Und Bücher. Das gemeinsame Kriterium für alle jeselsohnschen Sammlungen ist die Verbindung zum östlichen Mittelmeerraum, zur jüdischen Geschichte, zu Israel, zur Bibel.
Ein Herzstück der Judaica-Sammlungen sind die unendlich zahlreichen kostbaren Bücher, Drucke und Handschriften. Wie in einer gut sortierten Bibliothek stehen und liegen Hunderte Exemplare, die erst dank den Erläuterungen des Sammlers ihre Geheimnisse offenbaren – ihr ehrwürdiges Alter und oft ihre Einzigartigkeit, ihre Entstehungsgeschichte, ihre Wanderungen und ihre über Jahrhunderte bewahrte Schönheit. Kein Wunder ist es bei dieser Vielfalt und Qualität, dass zahlreiche Schriften, auch Teile von anderen Sammler-Objekten der Jeselsohns, ausgeliehen sind, an das Metropolitan Museum of Art in New York oder das Israel Museum in Jerusalem. David Jeselsohn ist als Präsident der Schweizer Freunde des Israel-Museums in Jerusalem darauf bedacht, dessen unschätzbare Exponate zu mehren, auch durch Leihgaben aus seinen eigenen Beständen.
Vom Lesen zum Sammeln
David Jeselsohn erzählt, wie er vom Lesen zum Sammeln gelangt ist: «Ich vertiefte mich in die Geschichte des Landes Israel. Schon als Kind hatte ich sehr gerne und sehr viel gelesen.» Er spricht und liest Hebräisch, aber auch die anderen althergebrachten Sprachen der Region sind ihm nicht ganz fremd. Zum Sammeln gelangte er jedoch nicht durch einen bewussten Vorsatz, sondern eher durch Anfängerpech. Alles begann mit einem Chanukka-Geschenk: «Ich wollte meiner Frau eine besondere Freude machen und kaufte ihr in Jerusalem zwei antike Öllämpchen.» Sie war sehr glücklich damit. Aber ihren Mann befielen hinterher Zweifel, und er wollte wissen, ob die schönen Stücke auch wirklich echt waren. «Leg sie in Wasser», sagte man ihm. «Bleiben sie ganz, sind sie echt.» Die Lämpchen zerfielen jedoch in Stücke. David Jeselsohn absolvierte nun ein Zweitstudium in Archäologie. Jede Woche besuchte er die Altstadt von Jerusalem, wanderte durch das Israel-Museum. Er begann, antike Münzen, aus dem Land Israel oder mit jüdischen Sujets verziert, zu sammeln, eine Passion bis heute. Auch seine Kollektionen beschrifteter Tonscherben und – diesmal garantiert echter – Öllämpchen scheuen weltweit keine Vergleiche.
Zufälle und Glücksfälle
1978 kehrten die Jeselsohns in die Schweiz zurück, nachdem sie zwölf Jahre in Israel gelebt hatten, und hier vertiefte sich die Leidenschaft für antike Bücher. Einen Grundstock hatte durch Zufall bereits der Vater von David Jeselsohn gelegt. In den dreissiger Jahren war er aus Deutschland nach Israel ausgewandert, und in einem Antiquariat an der Shenkin-Strasse in Tel Aviv fand er eine grosse, schwere Bibel, die ein anderer Flüchtling aus Geldmangel hatte verkaufen müssen. Es war zufällig die erste hebräische Bibel, die in der Schweiz gedruckt worden war, 1534 in Basel. Kommentiert hatte sie der Gelehrte Sebastian Münster. Einige Seiten waren sauber herausgeschnitten, weil einem jüdischen Besitzer Münsters theologische Kommentare nicht gefielen. Später fand David Jeselsohn ein zweites Exemplar, aus dem die fehlenden Seiten fotokopiert und in das erste Buch seiner Sammlung eingefügt werden konnten.
Jeselsohn erzählt voll Engagement und profundem Wissen die Geschichten einiger besonders herausragender Exemplare seiner reichen Sammlung. Oft gemahnen diese Anekdoten an Detektivarbeit. Ein Beispiel ist sein Goldglas: Aus dem heiligen Land vertriebene Juden in Rom beerdigten ihre Toten, wie Anhänger aller anderen Bekenntnisse auch, in Katakomben. Die Öffnungen der Grabhöhlen wurden mit Marmorplatten verschlossen und die Korridore verputzt. In den nassen Putz wurden doppelte Glasschalen mit Goldschnitt dazwischen eingelassen. Die Juden wählten als ihr Symbol die Menora. Um die 20 Stück aus dem vierten Jahrhundert n. d. Z. haben überlebt. Zwei wurden in den sechziger Jahren in Wien angeboten, und Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek, Gründer des Israel-Museums, bat den New Yorker Philanthropen Jakob Michael um die Mittel, die er für den Ankauf benötigte.
Nach Jahren stellte sich heraus, dass die Goldgläser, einst im Besitz von Kardinal Borgia, von den Nazis in der bedeutenden Glassammlung einer polnischen Gräfin in Warschau konfisziert worden waren. Das Israel-Museum sicherte den Erben zu, ihnen die beiden Gläser mit jüdischen Motiven abzukaufen. «Wie konnten wir Raubkunst behalten?», betont David Jeselsohn. Doch die Spenden reichten nur für das eine Glas. «Das andere gefiel mir allerdings viel besser, denn es hatte mit Büchern zu tun», lächelt David Jeselsohn. «Ich hatte eine Kopie bereits im Museumsshop in Jerusalem gekauft.» Zentrales Motiv ist eine der ersten Darstellungen eines Thora-Schreins, doch die Rollen stehen nicht, wie wir es gewohnt sind, sondern lagern horizontal wie in einem Regal. Kurz entschlossen kaufte Jeselsohn mit seiner Frau Jemima das so wertvolle wie wunderschöne Goldglas – und überliess es als Langzeit-Leihgabe dem Israel-Museum. Zu Hause blieb ihm die ebenfalls sehr schöne Kopie. Zudem ziert es sein Ex Libris.
Jahrhundertelang verschwunden
Ein anderer Höhepunkt der Jeselsohn-Sammlung ist das Nürnberg-Machsor. Es ist das schwerste und grösste Machsor (Gebetbuch für das ganze Jahr) oder Siddur (wöchentliches Gebetbuch) der Welt, 50 Zentimenter hoch, 35 Zentimeter breit, 500 Seiten stark und 26 Kilo schwer. Es wurde 1331 von mehreren Gelehrten auf Schafrücken geschrieben. Wahrscheinlich 1349, bei der Vertreibung der Juden aus Nürnberg, wurde das Werk von der Obrigkeit konfisziert und für 500 Jahre in der Stadtbibliothek versenkt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden – der Legende nach von Soldaten Napoleons – elf Seiten herausgeschnitten.
Als der bedeutende Sammler und Warenhaus-König Salman Schocken, der seine Bibliothek vor den Nazis nach Jerusalem hatte retten können, nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland Restitution verlangte, bekam er ausser Geld als Realwert das Nürnberg-Machsor und lagerte es unzugänglich in seinem vom Architekten Mendelssohn erbauten Bibliotheksgebäude gegenüber dem Amtssitz des Ministerpräsidenten in Jerusalem. Es gelang Schocken, vier der fehlenden elf Seiten zu finden. Doch wie so oft war es die dritte Generation seiner Familie, welche die Bibliothek verkaufen musste oder wollte. «Mit viel Überzeugungskraft gelang es mir, das wunderbar geschriebene Nürnberg-Machsor zu kaufen», freut sich Jeselsohn. «Es ist ein Highlight unserer Sammlung.» Er fand noch ein fünftes der fehlenden Blätter, das bei ihm gehütet wird. Das Machsor dagegen ist im Israel-Museum ausgestellt.
Sammler und Herausgeber
Die Jeselsohn-Sammlung umfasst nicht nur Handschriften, sondern auch die ersten Buchdrucke («Inkunabeln») aus dem 15. und 16. Jahrhundert, teilweise wunderbar verziert, oft wie neu, was Zeugnis ablegt, dass die vorherigen Besitzer wohl nie wirklich hineinschauten. «Die Juden gehörten zu den ersten, die den Nutzen des Buchdrucks erkannten», erklärt Jeselsohn. «Das Setzen einer hebräischen Bibel mit den Vokal-Punkten war allerdings überaus mühselig.» Er besitzt den ersten je gedruckten hebräischen Bibeltext, bei dem der Drucker nach ein paar Kapiteln die Interpunktion schlicht aufgab. Es gibt bei ihm auch erste hebräisch gedruckte Bände aus Italien, Spanien, Portugal, der Türkei – und der Schweiz. So umfasst die Sammlung das erste mit hebräischen Buchstaben – allerdings in der damaligen deutschen Sprache! – in Zürich gedruckte Buch aus dem Jahr 1546 und die erste «Taschenausgabe» der Bibel aus dem Jahr 1517, aus Venedig. Auch nicht jüdische Erstdrucke fehlen nicht, vor allem nicht solche der Bibel. So nennt er eine Seite des ersten mit beweglichen Lettern gedruckten Buches sein eigen, der grossen Bibel von Gutenberg (1454/55), mehrere bebilderte und kolorierte Bibeln des 15. Jahrhunderts sowie auch die von Froschauer 1531 in Zürich gedruckte Zwingli-Bibel und die Luther-Bibel von 1546/47.
Die Jeselsohns begnügen sich nicht mit dem Sammeln, sie sind auch Herausgeber, beispielsweise aller nicht biblischen Qumran-Schriften. Mit Qumran ist David Jeselsohn ohnehin eng verbunden. Er besitzt Tintenfässchen ähnlich wie die aus Qumran, auch sie garantiert echt. Und ihm gehört der weltberühmt gewordene «Jeselsohn-Stein» aus dem ersten Jahrhundert v. d. Z., auf dem nach Ansicht von Fachleuten die «Gabriel-Weissagung» eines Messias vor Jesus niedergeschrieben ist. Der Stein stammt möglicherweise aus der gleichen Gegend. «Auch ein mit Tinte beschrifteter Stein ist ein Buch», sagt David Jeselsohn.