Das Bekenntnis zu «Nostra Aetate»
Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust leitete die Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil – einer Reihe von Zusammenkünften von Bischöfen und anderen religiösen Würdenträgern – ab 1962 grundlegende Reformen ein, die das christlich-jüdische Verhältnis neu definierten, den ökumenischen Dialog befürworteten und Liturgie-Reformen vorantrieben. Innerhalb dieses Konzils wurde im Oktober 1965 auch die Erklärung «Nostra Aetate» («In unserer Zeit») verabschiedet, die das Verhältnis der Kirche zu den nicht christlichen Religionen in einer «fast totalen Kehrtwendung» – so umschrieb es später Kardinal Karl Lehmann – neu fasste. So sprach die Erklärung die Juden vom Vorwurf des Jesusmordes frei, insofern als es hiess, «obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen». Dieser Vorwurf – für Jesu Tod verantwortlich zu sein – war oft der Grund und die Rechtfertigung für jahrhundertelange, auch durch die Kirche induzierte Judenverfolgung, Inquisition und Pogrome gewesen. Auch dürfe «man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern». Schliesslich heisst es: «Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.»
Toleranz gegenüber Juden
Das Zweite Vatikanische Konzil wurde von Papst Johannes XXIII. einberufen, einem fortschrittlichen Primas, der die Kirche politisch und theologisch modernisieren wollte. Er gilt als einer der bedeutendsten Päpste des vergangenen Jahrhunderts, als Kämpfer für den Frieden und Freund der Juden. Er rettete zahlreichen Juden das Leben, indem er ihnen Papiere ausstellen liess, mit denen sie während des Zweiten Weltkrieges aus dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Ungarn ausreisen konnten. Johannes XXIII. starb 1963, bevor das Konzil abschliessend zusammentrat, sodass die Bemühungen des Vatikans um ein neues Verhältnis den Juden gegenüber nicht so weit vorankam, wie es der Pontifex vermutlich gewollt hatte. Ohnehin gab es innerhalb der Kirche Schachzüge gegen die Reformen, einige Kardinäle versuchten die Pläne zu durchkreuzen. Diese Widerstände wurden auch als Unwillen der Katholiken, die historisch bedingten antisemitischen Ungerechtigkeiten zu beseitigen, verstanden.
Mit der Erklärung «Nostra Aetate», die die Juden vom Vorwurf des Christusmordes freisprach, begann eine Zeit deutlich grösserer Toleranz und Akzeptanz gegenüber den Juden. Die Kirche änderte Liturgie und Lehre und bemühte sich, dem Antisemitismus auch in den eigenen Reihen ein Ende zu bereiten. Alles in allem ein erheblicher Fortschritt, zumal die Haltung der katholischen Kirche während des Dritten Reiches bekanntlich eine sehr problematische war: Der Vatikan war frühzeitig über die Ereignisse in Deutschland informiert, unterstrich zuletzt der Historiker Peter Godman in seinem 2004 erschienenen Buch «Der Vatikan und Hitler», für das er erst vor wenigen Jahren zugänglich gemachte Archivmaterialien hatte mitberücksichtigen können. Edith Stein etwa, Philosophin und Nonne jüdischer Herkunft, hatte sich bereits 1934 an den Papst gewandt, um von einer «äussersten Notlage» zu berichten, in der ihre «einzige Hoffnung auf Erden dem Heiligen Stuhl» galt. Doch ihr Appell schien ungehört zu verhallen. So sehr Juden wie Christen auch darauf hofften, dass die Kirche ihre Stimme erhebe – der Vatikan blieb stumm. Obgleich wurde hinter den Mauern des Kirchenstaates um das Für und Wider gerungen: Sollte sich die Kirche um des eigenen Überlebens willen mit dem Nazi-Staat arrangieren – oder Rassismus und Nationalismus als Irrlehre brandmarken? Intrigen, Macht- und Interessenkämpfe im inneren Zirkel des Vatikans, so Godman, verhinderten letztlich, dass der Papst mit einer Enzyklika deutlich Stellung bezog. Die Ordensfrau Stein wurde Jahrzehnte später, 1987, selig-, 1998 durch Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Während die katholische Kirche diese Heiligsprechung als Zeichen der Versöhnung mit dem Judentum gewertet wissen will, verstehen Kritiker diesen Schritt als Vereinnahmung jüdischen Leidens und als Massnahme, die vom Versagen der katholischen Kirche unter Papst Pius XI. ablenken solle. Vor diesem historischen Hintergrund, einschliesslich des Fehlverhaltens der katholischen Kirche während des Dritten Reiches, empfanden viele Christen und Nichtchristen die Erklärung «Nostra Aetate» nur als Etappenziel. Ohnehin hat das Zweite im Gegensatz zum 1870 beendeten Ersten Vatikanum keine dogmatischen Definitionen vorweggenommen. So stehen sich zwei Denkschulen gegenüber: Traditionalisten und Neuerer. Ob es Rom nun gelingt, langfristig und verbindlich klarzustellen, wie das von Papst Johannes XXIII. initiierte Konzil korrekt zu lesen sei, ist vor allem für das Verhältnis zu den Juden seit den Vorfällen um Bischof Williamson von noch grösserer Bedeutung als zuvor.
Irritationen im christlich-jüdischen Dialog
Zweifellos wurde seinerzeit mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein Meilenstein im interreligiösen Dialog bewegt. Zu Jahresbeginn schien dieser Fels ein Stück zurückzurollen. Solidarität mit den Juden, Anerkennung der Schoah-Verbrechen und die Versöhnung werden von vielen Juden als Lippenbekenntnis erlebt, wenn der Papst Mitglieder und Gruppen rehabilitiert, die die Erklärung «Nostra Aetate» ablehnen. Im Februar 2008 veröffentlichte der Papst eine Fürbitte für die Juden in der wieder aufgewerteten tridentinischen Karfreitagsl iturgie. Darin wird ausgedrückt, dass Juden nur durch Jesus Christus zum Heil gelangen könnten. Dies führte zu Irritationen im christlich-jüdischen Dialog, die sich durch Ereignisse zu Jahresbeginn 2009 dramatisch zuspitzten: Als die Leugnung der Gaskammern Ende Januar kurz vor der Entscheidung Benedikts XVI., die Exkommunikation gegen vier widerrechtlich geweihte Bischöfe, darunter Richard Williamson, aufzuheben, publik wurde, war der Schaden bereits irreparabel. Sogar die christdemokratische Bundeskanzlerin Angela Merkel im fernen Berlin fühlte sich bemüssigt, einzugreifen und den Papst an seine Pflicht zu erinnern, hier deutliche Worte zu finden. Zwar hat Richard Williamson, Bischof der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft, der die katholische Kirche und den Papst in eine schwere Krise gestürzt hatte, Ende Februar seine Bemerkungen auf Druck des Heiligen Vaters und des Pius-Generaloberers Bischof Bernard Fellay widerrufen. Allerdings halbherzig. Damit war der Schaden, den Williamson dem christlich-jüdischen Miteinander im Allgemeinen und dem Papst im Besonderen angerichtet hatte, aber nicht behoben. «Was Bischof Williamson an Entschuldigung vorbrachte, genügt bei Weitem nicht. Er muss sagen: Ich habe mich geirrt, ich habe Falsches gesagt», forderte etwa Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, in einem Interview. Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wies Williamsons Erklärung Medienberichten zufolge als «völlig verkorkst» zurück. In der Tat ist die Auseinandersetzung mit den Pius-Brüdern nicht nur ein theologisches, sondern auch ein weltlich-politisches Problem, sind die judenfeindlichen Aussagen von Bischof Williamson nur die Spitze des Eisberges. Die Pius-Bruderschaft sei ein hochpolitischer Bund, er «wettert gegen die Demokratie und Wirtschaft und will die Todesstrafe», so der Politikwissenschaftler Gerd Langguth in der Zeitung «Die Welt». Im Umgang mit der Gruppierung soll ein Riss in der katholischen Kirche vermieden werden, eine klare Linie gefunden werden. Die Öffnung zu den Ultrakonservativen hat, das zeigt sich bereits jetzt, der Kirche ungewollt zu mehr Liberalität verholfen – indem sie die liberalen Katholiken aufbrachte.
Gewachsenes Vertrauensverhältnis
Mittlerweile ist der Pegel der Entrüstung über den päpstlichen Gnadenakt gegenüber vier rebellischen Bischöfen der Pius-Bruderschaft gesunken, haben sich Kirchenvertreter und Rabbiner erfolgreich um einen neuen Schulterschluss bemüht, einschliesslich eines klaren Bekenntnisses zur «Nostra Aetate» als eine «abgrundtiefe Ablehnung des Antisemitismus, ganz gleich, wie er daherkommt, und ein dezidiertes Ja zu den jüdischen Wurzeln des Christentums. Mit ‹Nostra Aetate› haben wir uns in den jüdisch-christlichen Dialog begeben. Wie gesagt, das Ziel ist Respekt, Toleranz, sich gegenseitig bereichern, Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit», so P. Norbert Hofmann, der Sekretär der Kommission für die Beziehungen zum Judentum am päpstlichen Einheitsrat, Mitte Februar in einem «Radio Vatikan»-Interview. Auch Papst Benedikt XVI. fand deutliche Worte, indem er bei einem Treffen mit jüdischen Spitzenvertretern die Leugnung des Holocausts als untragbar und inakzeptabel bezeichnete und ankündigte, im Mai selbst nach Israel reisen zu wollen. Zugleich wiederholte Benedikt die Vergebungsbitte, die sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 an der Klagemauer in Jerusalem formuliert hatte. Anfang März fand in Hamburg am Zentrum der norddeutschen Diaspora die «Woche der Brüderlichkeit» statt. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler beschwor den Dialog. «Wir dürfen nicht zulassen, dass Enttäuschungen wegwischen, was im jüdisch-christlichen Dialog in Jahrzehnten erreicht worden ist», betonte Köhler bei der Eröffnungsfeier. Im Rahmen der mehrtägigen Veranstaltung wurden die kritischen Punkte im aktuellen Umgang der katholischen Kirche mit der Bruderschaft und speziell mit Williamson offen und ausführlich diskutiert, wie nach einem Treffen von Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Allgemeinen und Orthodoxen Rabbiner-Konferenz mitgeteilt wurde. Ergebnis: Die Auseinandersetzungen um die ultrakonservative Pius-Bruderschaft haben nach Ansicht von Kirchen und Rabbinern das gewachsene Vertrauensverhältnis von Christen und Juden zwar «belastet», aber «nicht nachhaltig gestört». Der theologische Austausch werde intensiv fortgeführt, hiess es in der Mitteilung weiter. Von jüdischer und evangelischer Seite sei dankbar registriert worden, dass alle Verantwortlichen in der katholischen Kirche an der bleibenden Bedeutung des Konzilsdokuments von 1965 als Basis für das Verhältnis zum Judentum und zu anderen Religionen festhielten. An ihrer Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil liessen die Bischöfe keinen Zweifel. Für das Verhältnis der Kirche zum Judentum bleibt die Erklärung «Nostra Aetate» nicht nur ein Meilenstein auf dem Weg zur Versöhnung – sondern auch Wegmarke für den weiteren Weg in die Zukunft. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.