Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg

Igal Avidan, April 29, 2011
Eine deutsch-jüdische Geschichte.
ANLEITUNG FÜR EINE ENTDECKUNGSTOUR Gudrun Blankenburgs Buch zum Bayerischen Viertel in Berlin

Der jüdische Berliner Georg Haberland hatte eine Vorliebe für Bayern. Im Dorf Schöneberg bei Berlin erwarb der Bauherr um 1900 unbebaute Ländereien, legte Strassen fest, lieferte Häusergrundrisse und Fassadenentwürfe mit falschem Fachwerk und repräsentativen Türmchen. Seine gutbetuchten Kunden kauften gern moderne, komfortable Wohnungen in Gebäuden mit Fahrstuhl, Vorgärten und Zentralheizung in einer ruhigen Gegend unweit der Hauptstadt. Als Bauherr durfte Haberland auch die neu angelegten Strassen selbst benennen. So entstand das Bayerische Viertel, das heute im Zentrum Berlins liegt.
1906 wurde dort auf Magistratsbeschluss die Haberlandstrasse eingeweiht, zum 70. Geburtstag von Georgs Vater Salomon, dem Gründer der Baugesellschaft. Georg starb 1933. Die Arisierung seines Unternehmens blieb ihm erspart, die Umbenennung der Haberland-strasse durch die Nazis ebenso wie die Ermordung seines Bruders im KZ Mauthausen und die Zerstörung des Elternhauses durch die Alliierten. Erst 1996 wurde ein Teil der früheren Haberlandstrasse zurück-benannt.

Drei Geschichten erzählt Gudrun Blankenburg in ihrem ­schmalen und mit zahlreichen Fotos liebevoll gestalteten Buch, das zu einer eigenen Entdeckungstour animiert. Sie schildert die Entstehung des Bayerischen Viertels und einige seiner berühmten Bewohner. Der Anteil der Juden hier war doppelt so hoch als sonst in Berlin. Albert Einstein, dessen Bild das Cover schmückt, lebte hier bis kurz vor Hitlers Machtergreifung. Hier heiratete er seine zweite Frau Elsa und erhielt 1922 die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises für Physik. In seinem Haus verkehrten Charlie Chaplin, Max Planck, Franz Kafka und der Schachweltmeister Emanuel Lasker, dessen Bruder die Dichterin Else Lasker-Schüler heiratete. Sie wiederum war eng befreundet mit dem Schriftsteller und Arzt Gottfried Benn, der ebenfalls hier lebte. In einem winzigen Zimmer begann Billy Wilder seine Filmkarriere. Zur gleichen Zeit leitete Kurt Weill den Chor der Synagoge in der Münchner Strasse und Marcel Reich-Ranicki besuchte das lokale Realgymnasium.
Antisemitische Polizeiverordnungen und Bilder der Zerstörung durch die Bombardierung des Bayerischen Viertels folgen. Im dritten Teil erfährt man von der ausgeprägten Gedenkkultur hier, zum Beispiel durch die Löcknitz-Grundschule. Auf dem Schulhof, wo einmal die grosse Synagoge stand, errichteten die Schüler eine Denksteinmauer mit 800 Namen, die jährlich wächst.

Das einzigartige Denkmal «Orte des Erinnerns» der Künstler Renata Stih und Frieder Schnock weist auf 80 Tafeln im Bayerischen Viertel, die an den Masten der Strassenlaternen befestigt sind, auf antisemitische Massnahmen hin. Und überall im Viertel stösst man auf Stolpersteine, die an die vielen Opfer der Nazis erinnern, aber auch an die Anteilnahme der jetzigen Bewohner.

Gudrun Blankenburg: Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg: Leben in einem Geschichtsbuch. Bässler Verlag, Berlin 2010.