Das andere Minjan im Container

von Gisela Blau, October 9, 2008
Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit stieg ein bisher unbekannter, neuer schweizerischer TV-Versuchssender namens «Tele 25» bereits 24 Stunden vor TV-3 in das Abenteuer «Big Brother» ein. Obwohl die wesentlichsten Voraussetzungen noch nicht erfüllt sind, starteten am letzten Schabbat-Ausgang 10 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger rechtzeitig ihre eigene Sendung, um bildhaft zu zeigen, dass auch die Juden bloss Schweizer sind, denen es ums Geld geht. Eine saritische Betrachtung eines ernstzunehmenden Themas.
«Big Brother» als Phänomen einer paradoxen Gesellschaft: Der Drang nach Freiheit endet in der absoluten Kontrolle. - Foto Keystone

Ungelöst bleibt das Problem, wie die Sendung heissen soll. «Groisser Brider» schien der Jury zu jiddisch und daher unverständlich für die Schweizer Jeckes. Mit Ausnahme der Super-Jeckes von Endingen und Lengnau leben sie im Schnitt seit mindestens drei Generationen im Lande sowie nach der Devise «Niemals auffallen, im Zweifelsfall Kopf einziehen». Deshalb sprechen sie ausschliesslich Schweizerdeutsch, auch wenn dies öfters nicht so tönt. Vor allem durfte nach dem Willen der Produktionsleitung mit «Groisser Brider» nicht der Anschein erweckt werden, die Ostjuden seien idiomatisch bevorzugt und gerade damit einmal mehr diskriminiert worden. Ausserdem wollten die Fernseh-Macher wenigstens in diesem unwichtigen Detail beweisen, dass die Frauen innerhalb der jüdischen Religion nicht derart benachteiligt sind, wie es den Tatsachen entspricht. «Big Sister» stiess dennoch auf den Widerstand jüdischer Matronen jeglichen Alters, die des Englischen mächtig und sich ihrer stattlichen Formen bewusst sind. Sie brachten als androgynen Gegenvorschlag für Frau und Mann «Vom Scheitel bis zu den Zitzes» ins Spiel, drangen jedoch nicht durch.

«Big Balagan»

«Big Balagan» schien als Titel zwar prophetisch, wurde aber genau deswegen verworfen. Der Jüngste des Macher-Teams, gestählt in Computerspielen, schlug «Mossad» vor, die sinngemässe Übersetzung von «Big Brother is watching you». Angesichts des letzten Mossad-Flops in der Schweiz verwarfen jedoch die anderen Macher die Hände samt Titelvorschlag. Da die Zeit drängte, heisst das Versuchsprogramm nunmehr einfach «Big...», und die Macher versprachen, so rasch wie möglich drei passende hebräische Worte zu präsentieren, die aus dem Verlegenheitstitel ein Akronym machen würden. Die dafür eingesetzte Arbeitsgruppe streitet immer noch. Das richtige «Big Brother» unterliegt strikten Regeln. Die erste und wichtigste: Alle Kandidierenden werden einem eingehenden psychologischen Test unterzogen. Geprüft werden ihre seelische Stabilität, die emotionale Intelligenz und die Gruppenfähigkeit. Nachdem alle 1800 jüdischen Bewerberinnen und Bewerber für «Big...» in sämtlichen Punkten ausser in der Position «Durchsetzungsvermögen» durchgefallen waren, musste das erste Gebot ersatzlos gestrichen werden. Sonst wären niemals fünf Männer und fünf Frauen zu finden gewesen, die einigermassen fähig und bereit waren, bis zum Beginn der hohen Feiertage ohne Kontakt zur Aussenwelt unter den Augen von 26 Kameras vor sich hin zu leben.

Schabbat, Kaschrut und andere «Kashes»

Kaum waren an Moze Schabbat die zehn Bewohner in ihren zwei Schlafräumen mit Kajütenbetten untergebracht, brach der Streit schon los. Nein, nicht um das Privileg, wer die untersten Pritschen belegen darf. Hier zeigten sich die Veteranen jüdischer Jugendferienlager verzichtbereit, vor allem die Ehemaligen des Haschomer Hazair, die im Gegenzug einen zweimal täglichen Mifkad (Fahnenappell) erzwangen. Er sollte bei jedem Wetter im Garten stattfinden, der von einer übermannshohen Mauer abgeschirmt ist. Die Produktion zog die Erlaubnis sofort zurück, als der Jüngste unter ihnen davor warnte, einer der Teilnehmer könnte wider Erwarten athletisch genug sein, den Fahnenmast zu erklimmen, um der Aussenwelt Flaggenzeichen zu senden. Mifkad gibt es nun im Wohnraum. Nicht im Geviert, sondern im Kreis, wie seinerzeit in St. Gallen. Die Fahne hängt an einer Schabbeslampe, eine Leihgabe aus Privatbesitz.
Der seriöse Streit entzündete sich an anderen Themen. Das erste war vergleichsweise noch relativ leicht zu lösen. Es ging darum, dass drei Männer und zwei Frauen kategorisch verlangten, die für die Eingeschlossenen unsichtbaren Kameraleute dürften am Schabbat nicht drehen. Besonders aktiv zeigte sich dabei A., der für sich in Anspruch nahm, alles über Filme zu wissen. Nach stundenlangen, erst halachischen, dann technischen Diskussionen fand U., der es immer allen Leuten recht machen will, eine salomonische Lösung: Die Produzenten mussten programmierbare Schabbes-Kameras installieren. Gleichzeitig forderte die selbe Fraktion, die von den anderen zwei Männern und drei Frauen alsbald «Likud-Block» genannt wurde, eine Schabbes-Uhr für die Lichtschalter. Für Kochherd und Heizung sei keine nötig, meldete die Produktionsleitung über die einseitige Gegensprechanlage, weil für diese Geräte selbstgehacktes Holz verheizt werden müsse. Daraufhin zwang der Likud-Block die Produktion, die Zahl der Kameras auf 18 zu reduzieren, weil diese Zahl für Juden bedeutsam ist.
Der zweite Knackpunkt führte beinahe zu Handgreiflichkeiten, denn mittlerweile war es zwei Uhr früh am zweiten Tag, dem Sonntag, geworden. Es ging um die vorgeschriebene gemeinschaftliche Bestellung von Lebensmitteln nach einem fixen Budget. «Ich esse nichts mit dem Hechscher aus Basel, Ihr habt ja noch nicht einmal einen richtigen Rabbiner!» sagte J., dem die konziliante Haltung des zurücktretenden Basler Rabbis in Sachen Scheidung ohnehin ein Dorn im Auge ist. G., der Basler, zog nach, lehnte alle Zürcher Rabbiner global ab und verlangte zudem, dass die fleischigen Lebensmittel ausschliesslich in Basel bestellt werden dürften. Weil nie so ganz klar ist, welche Koscher-Metzgerei in Basel überhaupt funktioniert, wurde dieser Wunsch in erstaunlicher Einmütigkeit abgelehnt. Also kam nur noch die letzte einschlägige Metzgerei Zürichs in Frage. N. hatte allerdings als Organisatorin eines Wizo-Picknicks schlechte Erfahrungen gemacht, weil die Lieferung von 500 Bratwürsten vergessen gegangen war.
Dennoch wäre mit «Kol Tuv» alles kol tuv geworden, hätte nicht M. ausgerechnet, dass allein die Fleischbestellung das Budget atomisieren würde. So wurden tiefgefrorene Geflügelteile bei einem Anbieter jenseits der Grenze bestellt, ganz nahe beim Golfplatz der jüdischen Gemeinden Zürichs.
«Dieses Brot steht nicht auf der Koscherliste!», warnte U. «Auf meiner schon!», konterte F. und schwenkte triumphierend mehrere bunte Blätter. Ähnlich stand es um Teigwaren, Cornflakes und gebrannte Mandeln. Die Gruppe merkte, dass beinahe jede der fünf Frauen und zumindest zwei der fünf Männer den Persilschein der eigenen Gemeinde für Koscher-Food dabei hatte, aber jede/r einen anderen. Die Gruppe forderte von der Produktionsleitung ein Bet Din, das bei Redaktionsschluss der JR noch immer tagte, um einen nahrungsmittelmässigen Kompromiss zu finden. Bis zum Ratschluss der Weisen ernährt sich die Gruppe vom bestellten Fleisch, so lange es bei sparsamster Verarbeitung reicht, auch wenn in der Nudelsuppe die Nudeln fehlen. Sollte das Religionsgericht noch nicht einig sein, wenn die Fleischtöpfe leer sind, wollen die zehn Leidensgefährten schon mal für Jom Kippur üben und fasten. Die paar Vegetarier befinden sich von Anfang an im Jom-Kippur-Trainingslager.Schon am dritten Tag schlugen der Nahrungsmangel, die Entbehrung von Computern, Fernsehgeräten und Zeitungen sowie vor allem der Entzug von Telefon, Natel und E-Mail den Sequestrierten dermassen aufs Gemüt, dass sich je nach Temperament die Mangelerscheinungen in Depressionen oder Tobsuchtsanfällen entluden. Sogar V., mit ihrem sonnigem Gemüt und erprobten Organisationstalent, scheiterte beim Versuch, durch ein Dialogseminar einen gemeinsamen Weg zu finden. Auch ein Schiur von U. wurde unter telegenem Protestgeheul abgelehnt. Am schlimmsten schien es M. getroffen zu haben. «Ich muss verschiedene Zeitungen anrufen und ihnen ein Interview anbieten!», klagte er. Niemand zeigte Mitleid. «Du hast schon genügend Interviews selber verfasst und angeboten», grollte P., der ein Lied davon zu singen gewusst hätte.

«Znijut» und Feuerzange

W. erging sich in eloquenten Beschuldigungen des SIG, der seiner Meinung nach eine härtere Linie gegenüber dem Fernsehen vertreten müsste. Ganz speziell gegenüber dem amerikanisch-jüdischen Fernseh-Kongress. Er wurde von den anderen Insassen mit vereinten Kräften gelyncht. «Mach doch selber den SIG-Präsidenten!», schrien sie W. nieder. «Das bin ich doch eigentlich...», tönte es undeutlich unter dem Haufen Leiber hervor. Hier schritt der Produktionsleiter ein. «Erotische Szenen sind erst ab der dritten Woche gestattet!», rief er in das Getümmel. Schlagartig hörte das Gerammel wegen des SIG auf. «Nicht einmal mit der Feuerzange!» verkündete A. trotzig und strich ihren Rock glatt.
V. erinnerte an die Traktandenliste und schlug vor, nicht den Zuschauern die Wahl zu lassen, wer laut Regeln jeweils nach zwei Wochen die Isolationshaft verlassen durfte. Sie meinte, die Gruppe solle gemeinsam diese Glücklichen auswählen. Die Ehemaligen des Haschomer Hazair plädierten für zionistische Solidarität – geht einer, gehen alle. Diese Kibbuz-Mentalität wurde als überholt abgelehnt. V. brachte daraufhin den Antrag ein, wonach der oder die letzte Halbgefangene die versprochene Prämie von 150 000 Franken der Wohlfahrt spenden muss: einem zu gründenden Fonds für Frauen, die sich die Scheidung von ihren Männern erkaufen müssen; die grösste Summe (wegen der zu erwartenden Jahrzehnte ihrer Dauer) einem ebenfalls zu gründenden Fonds für eine Kommission zur Erarbeitung einer einheitlichen Koscherliste sowie dem Brautausstattungsfonds des Ostjüdischen Frauenvereins, den es allerdings nicht mehr gibt.

Die Hermeneutik des Containerlebens

Wie üblich erhielt V. ihren Willen und ging zur Tagesordnung über: Als erstes sollten sich fluchtwillige Insassen melden. Es wurde geheime schriftliche Anmeldung beschlossen. Darunter fand sich die anonyme Denunziation in einer Handschrift, wie sie nur in Zürich-Wollishofen vorkommt, D. sei mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet. Hochnotpeinlich befragt, gestand D. diesen Makel und wurde fristlos in die Aussenwelt entlassen. Obwohl er noch eine Weile an die hermetisch verschlossene Türe des Wohncontainers hämmerte, was die Aufmerksamkeit der herumlungernden Reporter erregte, war er definitiv out. Da waren es nach kürzester Zeit nur noch neun. M. wollte die bisherigen Entwicklungen den Medien mitteilen. Da dies gegen die Regeln verstossen hätte, wurde sein Ansinnen abgelehnt. Als Alternative schlug er einen Anruf beim Gesamtbundesrat oder doch wenigstens bei der Bischofskonferenz vor - vergeblich. A. äusserte Zweifel an der Art der Kamera-Führung. «Für diese Sendung erhalte ich nie einen Oscar», las er von einem vorbereiteten Manuskript ab. Nach der ersten von zehn Seiten griff Ch. ein, der unbedingt das Skript ändern wollte. Die beiden wurden sofort ausgeschlossen.
Da waren es nur noch sieben. Über diese Tatsache sowie die restlichen Beschlüsse sollte so rasch wie möglich mit der Produktionsleitung gesprochen werden, und zwar während den angekündigten Einzelgesprächen in eigens dafür konstruierten Kabinen. Doch es verstrichen zwei Tage, und die Leitung meldete sich nicht. Die geschrumpfte Gruppe wurde nervös, vor allem jene Mitglieder, die gewohnt waren, nur das zu tun, was ihnen gesagt wurde. «Wenn das meine Mutter wüsste», murmelte N. immer wieder.

Die Dusche, auf die alle gewartet haben

Endgültig war es nun A. zuwider, vor versammelter Nation zu duschen. Sie klebte einen ihrer letzten Kaugummis auf die Kameralinse. Worauf U. von da an in der Dusche Tefillin legte. Zwei Frauen konsultierten ihre Koscherlisten und begannen dann den Teppichboden zu rasieren, um aus den Fusseln eine Suppe zu kochen. Das war allerdings nicht möglich, weil die beiden übrig gebliebenen Männer sich weigerten, das regennasse Holz zu spalten. «Auch als Sklaven beim Pharao wurden wir nicht zu so niedrigen Arbeiten gezwungen», behauptete U. Empört erklärten die beiden Damen ihren freiwilligen Rückzug und eilten nach Hause, um endlich wieder einmal eine richtige Suppe zu kochen. Da waren es nur noch fünf. Und noch immer hatte sich die Produktionsleitung nicht gemeldet. In einer Vollversammlung wurde spekuliert, der Chef von «Tele 25» bereite sich wohl auf den New Yorker Marathon vor, statt sich um seinen Sender zu kümmern. Ein erschöpfter Assistent teilte endlich über die einseitige Gegensprechanlage mit, die Fernsehanstalt werde nonstopp von jüdischen Müttern mit Anrufen bombardiert. Die Mammes verfluchten den TV-Chef, den sie alle persönlich zu kennen vorgaben, weil er ihnen nicht gestatten wollte, mit ihren Lieben zu telefonieren. Das sei ihnen noch nie zugemutet worden, kolportierte der Assistent ihre Argumente, weder im Schul-Skilager noch im Hago-Machane oder am SIG-Jugendtreffen und schon gar nicht während den Jewish Culture Tours. Der Hinweis auf die Regeln nützte nichts. «Für jiddische Mammes gelten keine Regeln!», sagten sie, als hätten sie es miteinander abgemacht.

Der Sieger

Wie aus sicherer Quelle verlautet, könnte dem Experiment «Big...» schon morgen Freitag die vorzeitige Annullierung drohen, «aus technischen Gründen» wie jeweils bei der El-Al. Jüdische Mütter aus der ganzen Schweiz wollen vor dem Wohncontainer eine Demo durchziehen. Sollten die am stärksten betroffenen fünf Mütter ihre Verwandten nicht zu Gesicht bekommen, oder sollten ihnen die Schabbes-Kuchen, die alle mitbringen, nicht ausgehändigt werden, drohen sie mit einer Frontalattacke auf den Container noch vor Beginn des Schabbat. Der Sicherheitsdienst der ICZ, bei dem Mütter aus Zürich und Umgebung über zahlreiche Söhne und Enkel gebieten, hat seine Mithilfe zusagen müssen.
Nur M. will auf keinen Fall den Wohncontainer verlassen, teilt die Produktionsleitung zur Beruhigung mit. Ihm gefalle es, dauernd im Fernsehen zu sein, auch wenn er die gewohnten Beglückwünschungen seiner Fans vermisse. Der Rest der Nation darf ab morgen abschalten.