Couragiertes Handeln mit harten Bandagen

von Alexander Alon, December 10, 2009
Eine Tagung zu Carl Albert Looslis gesellschaftspolitischem Engagement, die unter den Auspizien des Archivs für Zeitgeschichte stattfand, beleuchtete unter anderem die Zusammenarbeit des streitbaren Publizisten mit dem Schweizer Judentum.
DER SCHWEIZER PUBLIZIST C. A. LOOSLI «Ein Streiter für Wahrheit und Recht»

Am 17. Juni 1927 begeisterte sich ein gewisser «J. Messinger» im «Israelitischen Wochenblatt» für den Publizisten C. A. Loosli: «Ein echter Demokrat, ein Streiter für Wahrheit und Recht, ein Schweizer Emile Zola hat den Mut gefunden, ein ‹J’accuse› in die Welt hinauszuschmettern, dass alle Falschmünzer erblassen und ihre bleiernen und abgegriffenen Münzen wie Schnee in der Sonne zusammenschmelzen.» Anlass war die Publikation von Looslis Streitschrift mit dem ironisch zu lesenden Titel «Die schlimmen Juden!». Doch nicht alle Rezensenten reagierten so euphorisch. Der für seinen polemischen Stil bekannte Loosli, der sich als Publizist und Lobbyist mit verschiedensten sozialpoli­tischen Anliegen, unter anderem der ­Reformation von Anstaltswesen und Strafvollzug, auseinandergesetzt hatte, spaltete mit dieser Schrift nicht zuletzt die schweizerische jüdische Bevölkerung. Gleichzeitig markierte die Aktivität Looslis eine Kehrtwende im Umgang des schweizerischen Judentums mit Behörden und Zivilgesellschaft.

Ansprechpartner der Schweizer Juden

In seiner Affinität für sozial Ausgegrenzte hatte Loosli, der als Verdingbub und zeitweise Bevormundeter bereits in seiner Jugend an den Rand der schweizerischen Gesellschaft gedrängt worden war, nach dem Dreyfus-Prozess den Kontakt zu jüdischen Gelehrten gesucht. Einer von ihnen war, wie Daniel Gerson, Historiker am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel, ausführt, der bereits genannte Berner Kantor und spätere Rabbiner Josef Messinger. Vor dem Hintergrund behördlicher antisemitischer Hetze, die mit der Einführung des J-Stempels auf Einbürgerungsgesuche seit dem Ersten Weltkrieg eingesetzt hatte, habe Messinger Loosli zu einer Schrift motiviert, in welcher der Antisemitismus erklärt und demontiert werden sollte.

Mit Unterstützung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) erschien 1927 «Die schlimmen Juden!». Der SIG, der zwar 1904 gegründet worden war, um sich für die Rechte der jüdischen Bevölkerung einzusetzen, scheint damals in einer Art Vakuum operiert zu haben: In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens habe der Gemeindebund, so Gerson, kaum politische und religiöse Ansprechpartner gehabt, die an einem Dialog mit der schweizerisch-jüdischen Gemeinschaft interessiert gewesen wären. Gleichzeitig sei die Notwendigkeit einer Verbindung mit Vertretern der Zivilgesellschaft nicht immer gesehen worden. Viele jüdische Schweizer hätten mehr auf direkte Fühlungnahme mit den Behörden vertraut, anstatt mit den nicht jüdischen Nachbarn zu kooperieren. So war es auch umstritten, ob das Projekt eines Nichtjuden wie Loosli, dessen Verleger den SIG um Unterstützung des Buchprojekts angefragt hatte, überhaupt gefördert werden sollte.

Trotzdem wurde «Die schlimmen Juden!» vom SIG unterstützt. Im Gespräch mit tachles sagt Gerson, dass der SIG dem engagierten Polemiker Loosli, der während des Schreibens von Messinger «gecoacht» wurde, weitgehend Carte blanche gegeben hatte. Die Schrift polarisierte. Looslis These besagte, dass die sogenannte Judenfrage eine «Nichtjudenfrage» sei, das heisst, «dass die antisemitischen Diskurse immer auf die problematischen Seiten der Mehrheitsgesellschaft verweisen», führt Gerson aus. Für Loosli sei Antisemitismus zwangsläufig mit antidemokratischen Bewegungen zusammengegangen. Dem Presseecho nach zu urteilen, spaltete die Streitschrift, welche das Wechselspiel von judenfeindlichen Massnahmen und jüdischen Reaktionen analysiert, aber nicht zuletzt die jüdische Bevölkerung: Moniert wurde unter anderem das Argument, die Lösung der «Judenfrage» liege im «Aufgehen der Juden in ihren Wirtsvölkern».

Prekäre Rolle im Berner Prozess

Gerson sieht diesen Kontakt Looslis zum SIG als Präzedenzfall an und charakterisiert Loosli als «Pionier eines öffentlichen, intellektuellen Dialogs zwischen jüdischer und nicht jüdischer Gesellschaft in der Schweiz».

Das uneingeschränkte Vertrauen in Loosli seitens der jüdischen Organisation wich aber mit Hitlers Machtergreifung einer weitaus vorsichtigeren Haltung. In seinem Referat legte Michael Hagemeister, Historiker an der Universität Basel, Looslis Rolle während des sogenannten Berner Prozesses dar: Eine frontistische Versammlung, an der die berüchtigten «Protokolle der Weisen von Zion» vertrieben wurden, nahmen der SIG und die ­Israelitische Kultusgemeinde Bern zum Anlass für einen Strafprozess, anlässlich dessen die «Protokolle» von einem neutralen Gericht als Fälschung gebrandmarkt werden sollten. Dadurch erhoffte man sich, dem Antisemitismus auch in Nazideutschland einen entschiedenen Schlag zu versetzen. Hagemeister führte aus, wie die jüdische Seite in diesem Prozess mit harten Bandagen kämpfte: So wurde C. A. Loosli, der als überparteilicher, objektiver Gutachter ernannt worden war, insgeheim von den jüdischen Klägern kontaktiert.

Diese einigten sich, als sie Loosli als Gesinnungsgenossen erkannt hatten, mit ihm auf eine gemeinsame Strategie. Der Prozess endete denn mit einem Sieg der jüdischen Kläger am 14. Mai 1935. Jedoch: Anstatt einer von Loosli geplanten Publikation über den Prozess unterstützte der SIG die Veröffentlichung eines Buchs des jüdischen Autors Iwan Heilbut und der jüdischen Kläger Georges Brunschvig und Emil Raas. Looslis eigenes Buchprojekt scheiterte daran, dass die jüdischen Kläger eine Reihe von Gerichtsdokumenten für sich behielten. Auch wenn Looslis Rolle in dem Verfahren mit den Worten von Hagemeister als «tragisch» bezeichnet werden kann, bleibt Looslis Wirken dennoch ein Lehrstück für den Umgang einer notleidenden Minderheit mit Zivilgesellschaft und Behörden. 


Carl Albert Loosli: Judenhetze. Werke Band 6. Judentum und Antisemitismus. Rotpunktverlag, Zürich 2008.