Chuzpe oder Schweigen

Von Fabio Luks, October 15, 2010
Im Geografischen Institut der Universität Bern trafen sich Wissenschaftler diverser Fachrichtungen, um sich über das Thema «Judentum und Emotionen» auszutauschen.

Gefühle lassen sich bekanntlich schlecht messen und sind deshalb eine umstrittene Grundlage für wissenschaftliche Untersuchungen. Trotzdem gibt es gewisse messbare Indikatoren wie Schwitzen, vermehrtes Augenzwinkern oder erhöhten Puls, welche Rückschlüsse auf Gefühle zulassen. Die eintägige Konferenz in der Universität Bern Anfang Oktober, welche ein Gemeinschaftsprojekt des Instituts für Musikwissenschaft und des Instituts für Judaistik war, trug den Titel «Judaism and Emotions». Es wurden rund ein Dutzend Wissenschaftler aus diversen Fachrichtungen und Ländern eingeladen, die sich mit Judentum und Emotionen beschäftigen und ihre Forschungsprojekte vorstellten.

Religion ist emotional

Sarah Ross von der Universität Bern, die seit einem Jahr an ihrer Habilitation zum Thema «Emotionen in rabbinischen Texten, jüdischer Liturgie und Musik» arbeitet, an der auch Gabriel Levy von der Universität Aarhus, ebenfalls Referent, beteiligt ist, führte in die Problematik des Themas ein. Ross hielt fest, dass Religion äusserst emotional sei. Emotionen entstünden entweder durch einen chemischen Prozess von innen oder durch Umwelteinflüsse, Politik oder Kultur von aussen. Nach Sarah Ross sind Emotionen eine Form von Wissen, das sich in Texten, Performances (Musik, Tanz, Riten) und Erfahrungen (zum Beispiel Emotionen während religiöser Praktiken) zeigt. Letztgenannte Dreiteilung gliederte auch den Ablauf des Tagesprogramms.
Den Emotionen innerhalb ihrer Forschungsbereiche auf die Schliche zu kommen, fiel nicht allen Referenten leicht. Das gab zum Beispiel Patrick Wyss­mann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bibelwissenschaften Bern, zu verstehen, der sich mit Bildern von Münzen aus der Antike beschäftigt, über deren emotionale Implikationen sich aus heutiger Sicht wenig bis nichts sagen lässt. Besonders hervorzuheben unter der Vielzahl spannender Referenten ist der Musikwissenschaftler Eliyahu Schleifer von der School of Sacred Music Jerusalem, welcher seine Klangbeispiele gleich selber mit Gesang und Klavier vortrug. Ein Bindeglied zwischen den Emotionen und der Musik sei die sogenannte emotionale Skala, die einen Anderthalb-Tonschritt in der Mitte der Leiter und zwei symmetrischen Hälften aufweist und in zahlreichen synagogalen Melodien vorkommt. Ein weiteres Glied ist der Chasan, der, nach Eliyahu Schleifer, zwischen Gott und der Gemeinde stehe und beiden gefallen müsse. Dazu gab Schleifer eine schöne Anekdote von einem osteuropäischen Chasan zum Besten, der ihm einst verriet, dass er während des Gottesdienstes stets einen Taschenspiegel bei sich trage. So könne damit unbemerkt die Frauen auf der Empore beobachten und feststellen, ob sein Gesang die gewünschte emotionale Wirkung habe.

Emotion als Bestandteil der Forschung

In der Schlussdiskussion resümierte René Bloch, Leiter des Instituts für Judaistik Bern, den vielseitigen Tag und gab zu verstehen, dass man nur zwei Möglichkeiten habe, wenn man sich mit den Emotionen früherer Generationen, deren Textzeugnissen, Gegenständen und Musik auseinandersetze: Chuzpe oder Schweigen, wobei ein Wissenschaftler klar für Chuzpe plädieren müsse. Erwähnt wurde zudem eine mögliche Buchpublikation zum Thema sowie die Einführung des Themas der Emotionen als Bestandteil der Jüdischen Studien. Dem engagierten Organisationsteam wäre dies sicher zu wünschen.