«Chronisches Problem mit den Juden»

von Valerie Wendenburg, September 22, 2010
Der schweizerisch-französische Regisseur Jean-Luc Godard wird von der US-Filmakademie mit dem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. «Gewagt und manchmal umstritten» seien seine Filme, so die Begründung. Gleiches trifft auch auf seine Äusserungen über Juden zu, zu denen Godard ein offensichtlich ambivalentes Verhältnis hat.
UMSTRITTENER REGISSEUR Jean-Luc Godard mit den Schauspielern Cécile Camp und Bruno Putzulu in Cannes im Jahr 2001

Er gilt als einer der führenden Vertreter der französischen Nouvelle Vague («Neuen Welle»), seine Filme gelten als richtungsweisend. Von Anfang an widersetzte sich Jean-Luc Godard, der als Sohn von Schweizer Eltern in Paris geboren und 1953 im waadtländischen Gland eingebürgert wurde, den Regeln des Hollywood-Kinos – indem er mit Kamerabewegungen und Positionen experimentierte. 1960 wurde er mit dem Film «Ausser Atem» bekannt. Das Werk, das nur mit der Handkamera gedreht wurde, verhalf auch Jean-Paul Belmondo als Hauptdarsteller zum Durchbruch.
Von sich reden macht Godard, der in Rolle in der Nähe von Genf lebt, auch immer wieder aufgrund seiner Äusserungen über Juden oder den Staat Israel.

Ein Antisemit?

Es begann im Jahr 1968, als er den Produzenten Pierre Braunberger, einen frühen Unterstützer der Nouvelle Vague, als «sale juif» («dreckigen Juden») bezeichnete – der Regisseur François Truffaut hat aus diesem Grund mit Godard gebrochen. Umstritten war zudem sein Dokumentarfilm «Hier und anderswo» aus dem Jahr 1976, in dem er das Leben einer französischen dem einer palästinensischen Familien gegenüberstellte. Godard wurde vorgeworfen, den Holocaust mit den Leiden des palästinensischen Volks gleichzusetzen, da er Golda Meir mit Hilfe von Bildern auf eine Ebene mit Adolf Hitler stellte.
Im vergangenen Jahr stellte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» erneut die Frage: «Ist Jean-Luc Godard Anitsemit?» und zitiert aus einem Brief Godards an den palästinensischen Lyriker Elias Sanbar aus dem Jahr 1977, in dem Godard sinngemäss behauptet haben soll, der Ursprung des aktuellen Kriegs im Nahen Osten läge in den Konzentrationslagern: «Darüber spricht Israel nie, dass es ein zweites furchtbaren Bild brauchte, ein Bild vom deutschen Wahnsinn, um das Recht auf eine Heimat zu erobern, eine Heimat in vollem Sinne, und dass das ein schweres Erbe ist.»
Stets setzte sich Godard für das palästinensische Volk ein, er betonte gegenüber dem Politiker Daniel Cohn-Bendit, Palästina sei mit dem Kino vergleichbar, da beide nach ihrer Unabhängigkeit suchen würden. Im Jahr 2008 boykottierte Godard das Tel Aviv International Student Film Festival in Solidarität mit arabischen Protestierenden. Differenzen hat Godard offenbar auch mit dem Regisseur Claude Lanzmann und dessen Arbeit. Lanzmann sagte im Dezember 2009 im Interview mit «Der Freitag»: «Godard hat offenbar ein riesengrosses Problem mit mir, und zwar, seit 1985 ‹Shoah› erschienen ist. (...) Nach allem, was ich über ihn weiss, kann ich ihn nur für einen Antisemiten halten.»

Überraschende Wendung?

Mit Erstaunen wurde im vergangenen Jahr indes bekannt, dass Godard mit dem Gedanken spielt, das 2006 erschienene Buch «The Lost: A Search for Six of Six Million» von Daniel Mendelsohn zu verfilmen. Der Gewinner des National Book Critics Circle Award und des National Jewish Book Award zeigte sich überrascht von der Ernsthaftigkeit, mit der Godard sich mit seinem Buch auseinandersetze und quittierte ihm in der Öffentlichkeit volles Vertrauen. Mendelsohn sagte, Godard habe das Buch in der Art eines Rabbiners bearbeitet, der den Talmud studiert. Jüdische Themen scheinen Godard nicht loszulassen, darauf weist auch Richard Brody in seiner Godard-Biografie «Every­thing is Cinema» (2008) hin, der in Godard allerdings nicht unbedingt ein Antisemiten sieht, sondern vielmehr einen Menschen, der ein «chronisches Problem mit den Juden» habe. Bernard-Henri Lévy nannte Godard in diesem Frühling in der Zeitschrift «La régle du jeu» einen Antisemiten, «der versucht, sich zu heilen».

Nur ein Stück Metall?

Die Verleihung der Ehren-Oscars wird am 13. November in Los Angeles stattfinden – ohne den 79-jährigen Godard, der sich bis heute nicht zu seiner Ehrung geäussert hat. Ausser ihm wird unter anderem auch der 94-jährige jüdische Schauspieler Eli Wallach («Die glorreichen Sieben») für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Die beiden werden sich wohl kaum in Los Angeles treffen, denn Jean-Luc Godard liess über seine Lebensgefährtin Anne-Marie Miéville ausrichten, er sei zu alt für derartige Veranstaltungen. Als ihm 2007 eine Auszeichnung für sein Lebenswerk bei den Europäischen Filmpreisen überreicht werden sollte, hat Godard ebenfalls darauf verzichtet, den Preis entgegenzunehmen. Damals liess Godard verlauten, er habe nicht den Eindruck, eine Karriere gehabt zu haben. Die aktuelle Absage an Hollywood fällt knapper aus. Miévielle stelle einem Journalisten der «Sunday Times» schlicht die Frage: «Würden Sie für ein Stück Metall so weit reisen?»