Chiffre des Fremden

December 7, 2009
Leben und Werk von Thomas Mann belegen des Autors projüdische Einstellung. Sein literarisches Figurenkabinett durchlief einen Entwicklungsprozess: Gab es im Frühwerk Thomas Manns noch antisemitische Klischees, distanziert sich der Schriftsteller und Gegenspieler Hitlers in seinem Spätwerk von jeglicher Judenfeindlichkeit.
THOMAS UND KATIA MANN Die Novelle «Wälsungenblut» war inspiriert von dieser «Mischehe»

Von Katja Behling

Das Verhältnis des Schriftstellers Thomas Mann zu den Juden und zum Judentum war ein «recht einfaches», schenkt man des Autors eigenen Worten Glauben. Und zweifelsohne ein projüdisches. In «Die Lösung der Judenfrage», verfasst als Antwort auf eine so betitelte Rundfrage des Politikers Julius Moses, heisst es, er, Thomas Mann, habe «weder Recht noch Lust zu irgendwelchem Rassen-Chauvinismus» und sei ein «zweifelloser Philosemit». Im Übrigen bezeichnete Mann den Einfluss des Judentums speziell auf das deutsche Geistesleben als einen «unentbehrlichen europäischen Kultur-Stimulus». Dieser 1907 publizierte Aufsatz war Thomas Manns Antwort auf die Frage, wie Konflikte mit der jüdischen Minderheit zu lösen sein könnten. Der Autor plädierte – es waren Antwortoptionen vorgegeben worden – in diesem Sinne für Assimilation, Europäisierung der Juden, Kulturförderung sowie die Förderung von Taufen und Mischehen. Eine
solche deutsch-jüdische Angelegenheit war auch Thomas Manns eigene Heirat. Eine sehnsüchtige Notiz Thomas Manns aus dem Jahre 1904 lautete: «Dies fremdartige, gütige und doch egoistische, willenlos höfliche kleine Judenmädchen! Ich kann mir kaum noch vorstellen, dass sie je das Ja über die Lippen bringen wird.» Doch das
tat sie. Thomas Mann heiratete die aus wohlhabendem, angesehenem Münchner Professorenhaus stammende schöne Katia Pringsheim im Jahre 1905. Katia, Enkelin einer Frauenrechtlerin, studierte Mathematik und Physik, als sie Thomas Mann kennenlernte. Nach der Heirat wurde sie als «Frau Thomas Mann» dessen engste Vertraute. Die jüdische Abstammung des ungewöhnlichen Mädchens war in den Augen ihres Verlobten kein Hindernis, sondern geradezu eine Auszeichnung. Genau das, was Thomas Mann in die «Lösung der Judenfrage» forderte, hatten die bourgeoisen Bildungsbürger Pringsheim erfolgreich getan: sich akkulturiert.

Philosemitische Gesinnung

Gleichwohl verstummte lange der Vorwurf nicht, Thomas Manns philosemitische Haltung sei womöglich eine vorgebliche, der Öffentlichkeit nur vorgespielte oder aber das Ergebnis einer unbewussten psychologischen Abwehr, einer Verdrängung – so wie der Bürger Thomas Mann auch seine ihm unliebsame (latente) Homosexualität zu verdrängen gewusst habe. Wird der Grossschriftsteller also vom Antisemitismus zu Unrecht freigesprochen? Tatsächlich schlug der Autor bisweilen auch feindselig-aufsässige Töne an und bediente Klischees, wenn er etwa von den Juden als der «zweifellos entarteten und im Ghetto verelendetsten Rasse» schrieb. War auch er nicht frei von Vorurteilen und Ambivalenzen? Jedenfalls habe sogar Thomas Mann, «dieser exemplarisch ‹gute› Deutsche, das moralische Gegengewicht zu Hitler», antisemitischen Vorstellungen privat und öffentlich Raum gegeben, resümiert Thomas Klugkist in seinem Beitrag für den 2004 erschienenen Sammelband «Thomas Mann und das Judentum». «Andererseits setzte er sich schon seit Anfang des Jahrhunderts für die Anerkennung und Verdienste der diskriminierten jüdischen Minderheit ein – und verstärkte sein Engagement mit unzweifelhaft politischem Akzent, kaum dass der Nationalsozialismus seinen schliesslich vernichtenden Hass auf den Weg brachte.»

Die Einstellung Thomas Manns zum Judentum warf immer wieder Fragen auf. Zu seiner Einstellung gehört zunächst einmal sein Wertesystem sowie seine Erfahrung als politisch engagierter Mensch und Emigrant: Bürgerlichkeit war für Thomas Mann immer auch ein Synonym für Humanität. Dem «Ethos bürgerlicher Humanität» fühlte er sich auch und gerade in politischer Hinsicht verpflichtet. Ein politisch engagierter Mensch sei er indes nicht immer gewesen. Erst der «Hitlerismus» habe aus ihm, dem «ursprünglich unpolitischen Schriftsteller», so Thomas Mann später, einen «aus tiefster Seele Protestierenden gemacht». Schon bald nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933 häuften sich «klägliche Aktionen daheim, Ausbootungen, Absagen». Sein Land trieb ihn ins Exil. Thomas Mann musste sein Haus in München zurücklassen. Die Villa aufzugeben, war ein sehr schwerer Schritt – sie war einst Treffpunkt der intellektuellen Elite Deutschlands  gewesen, sein Arbeitsplatz als Schriftsteller und Elternhaus seiner Kinder. Der Abschied von seinem Land, seiner Sprache, seinen Lesern fiel ihm schwer. Die USA waren die Zuflucht. Seit 1938 lebten Thomas und Katia Mann in Kalifornien, unweit der Filmstadt Hollywood. Die Nähe zum Pazifik und zum «Movie-Gesindel» von Hollywood gefiel ihm, dem ewig zwischen Bürgertum und Künstlertum schwankenden Schriftsteller. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lehnte Thomas Mann die Möglichkeit ab, nach Deutschland zurückzukehren. Er zog es vor, sich von Amerika aus für den Aufbau eines geistig-moralisch erneuerten Staates einzusetzen.

Jüdisches Selbstbild

Doch das Verhältnis Thomas Manns zum Judentum umfasst weit mehr als Thomas Manns engagierte intellektuelle und politische Haltung. Es ist sein Leben selbst, dass des Autors Nähe zum Judentum und seine philosemitische Gesinnung belegt: Thomas Mann hat in eine jüdische Familie eingeheiratet, hat sein Werk bei Samuel Fischer – in einem jüdischen Verlag – publiziert, hat dem Rat jüdischer Lektoren vertraut – und jüdischen Förderern viel zu verdanken. Und er pflegte Korrespondenzen und Freundschaften mit jüdischen Intellektuellen, darunter Samuel Lublinski, Max Brod, Maximilian Harden, Hermann Broch, Franz Werfel, Arthur Schnitzler und Sigmund Freud sowie Bruno Walter und Theodor W. Adorno. Vor allem aber hat Thomas Mann, der Künstler, sich zutiefst mit den Juden identifiziert, und diese Identifikation fliesst unausbleiblich in die Gestaltung vieler seiner literarischen Figuren mit ein.

Literaten – Künstler überhaupt – sind nach Thomas Manns Verständnis Aussenseiter, die ihre Stellung und Legitimation in der Gesellschaft immer wieder in Frage stellen. Er selbst war ein innerlich Zerrissener, der sich im Korsett vorbildlicher Bürgerlichkeit zu stabilisieren vermochte; er war Grossbürger, Bohemien, Familienvater und Ehemann mit homosexuellen Phantasien. All das unterlegte sein Selbstbild, sein Gefühl, als künstlerischer Décadent und sensibler Stilist innerhalb der bis etwa 1914 vorherrschenden Kultur deutscher Gemütstiefe und «Weltferne» eine Aussenseiterrolle einzunehmen. Anhand eines Streifzuges durch das Werk von Thomas Mann, dessen fiktionale Schriften, Korrespondenzen und Essays, weist Heinrich Detering in seinem Buch «Frauen, Juden, Li teraten» nach, dass der Literat Thomas Mann seine künstlerische Identität in – zu seinen Zeiten – gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen verankert. Vor allem bei den Frauen und Juden sowie den
Homosexuellen. Frauen und Juden sei, so Thomas Mann, eines gemein: «Ekel vor dem, was man ist.» Thomas Mann erhob das «Jüdischsein» als ein Symbol für «anders sein» gewissermassen zur Basis einer – seiner – geistigen Lebensform und inneren Verfassung.  Die Juden waren für ihn eine Chiffre des Fremden – des Befremdenden, des Randständigen. Auch Mann selbst sah sich als eine «einsam ragende Figur». Als Künstler eine Randfigur zu sein, empfand Thomas Mann als Stigma wie auch als Prädikat: Indem der Selbsthass des Aussenseiters zum Zeichen heimlicher Erwählung umgedeutet wird, wird aus dem Gezeichneten der Ausgezeichnete. Thomas Mann war Künstler genug – und narzisstisch genug –, um sich dessen in all seiner Ambivalenz zu bedienen. Auch und gerade als Quelle seiner Kreativität.

Beziehungen zu Juden  

Zu Thomas Manns Briefpartnern, viele davon Juden, und zu den Menschen, deren persönliche Begegnung er suchte, gehörte Sigmund Freud. Thomas Mann interessierte sich früh, etwa ab 1915, und eingehend für die von Freud begründete Psychoanalyse, in der viele Zeitgenossen eine typisch «jüdische» Wissenschaft sahen. Für die erste Nummer der Zeitschrift «Die psychoanalytische Bewegung» hatte Thomas Mann ein Essay beigesteuert und urteilte, Freuds Psychoanalyse sei einer der «wichtigsten Bausteine zum Fundament der Zukunft». Und doch war Thomas Mann kein unkritischer Freud-Jünger, im Gegenteil. Die Kunst werde unmöglich, wenn sie durchschaut ist, fand der Schriftsteller, den die Kräfte des Irrationalen, das Freud zu durchschauen versuchte, faszinierten. Dass er, der Künstler, das «Kranke», das Neurotische, immer weniger als das Unerwünschte und Auszumerzende, sondern als ein «kostbares Stück Seele» und insofern auch als hilfreich für sein Schreiben begreifen konnte, führte ihn ein Stück von Freud weg und näher zu C. G. Jung. Letzterer, erst Kronprinz, dann Gegenspieler des Patriarchen Sigmund Freud, war sozusagen der Hippie unter den Psychoanalytikern. Jung dachte Freuds Ideen ins Blumige und Mythische weiter. Er liebte das Spiel mit Symbolen und tief verwurzelten kulturellen Bildern, die er «Archetypen» nannte. Dass Thomas Mann sich auch damit auseinandersetzte, belegt indirekt etwa Assistenzarzt Dr. Edin Rogowski, eine Nebenfigur aus seinem Roman «Der Zauberberg»: Dass des Doktors ins Komische ausschlagender wissenschaftlicher Geist sich bald in okkulten Experimenten ergeht, zeugt von Manns ambivalentem Verhältnis zur Freudschen Psychoanalyse.

Jüdische literarische Figuren

Thomas Mann oszillierte zwischen den beiden Polen politisches Engagement gegen den Hitlerismus und klischeehafte Äusserungen in Zusammenhang mit Juden und dem Judentum. Die Spannung zwischen diesen Polen reicht weit in des Autors Gedanken- und Gefühlswelt und literarische Kreativität. So legte Thomas Mann seinen jüdischen Figuren seine Überzeugungen in den Mund, liess in seinem 1909 erschienenen Roman «Königliche Hoheit» den jüdischen Arzt Dr. Sammet mit Formulierungen auftreten, die denen im zuvor erschienen Mann-Essay zur «Lösung der Judenfrage» entsprechen. Im Frühwerk bis 1914, insbesondere in seinen Essays, wiederholt Thomas Mann antisemitische Klischees – um sie als bekennender Philosemit zu bestreiten und ad absurdum zu führen. Sonderlinge, schwermütige und skurrile Figuren geistern durch Thomas Manns ganzes Werk. Darunter viele, und zwar nicht nur Juden, die schablonenhaft daherkommen: Stereotypisierung war ein von Mann viel benutztes literarisches Werkzeug. Mehrfach entwarf der Schriftsteller in Manuskript-Vorarbeiten jüdische Figuren, liess diese Romangestalten in der Endfassung aber nicht oder, was ihre Überzeichnung als Juden und jüdische Aussenseiter betrifft, nur abgeschwächt charakterisiert erscheinen. Und oft stellte er den Juden (und den Frauen) im Reigen seines fiktionalen Personals weitere «Aussenseiter» an die Seite: körperlich oder geistig Behinderte, sozial Deklassierte oder rassisch Ausgegrenzte.

Hingegen übernahm eine Figur in Thomas Manns 1905 entstandener Novelle «Wälsungenblut», die, in Fiktionalisierung der Begegnung mit seiner späteren Frau Katia Pringsheim und ihrer Familie, von einer sich anbahnenden «Mischehe» handelt, die jüdische Perspektive. Dies samt spöttischer Verachtung für den nicht jüdischen Brautwerber, «die trivialste Existenz, in die ich Einblick gewonnen habe», wie es im Text heisst. Die jüdische Verlobte des nicht jüdischen Herrn von Beckerath – für die Verlobte war die selbstbewusste Katia die Inspiration – schwang dagegen grosse Reden, «mundfertig und mit scharfer Zunge gesprochen, scheinbar im Angriff und doch vielleicht nur aus eingeborener Abwehr, verletzend und wahrscheinlich doch nur aus Freude am guten Wort». Nicht nur im «Wälsungenblut» bediente Thomas Mann sich konkreter Personen als Vorbild, auch im Spätwerk «Doktor Faustus». Als Modell für die Figur des Impresario, der dem Komponisten Leverkühn eine ganze Welt zu Füssen legen möchte, gilt etwa der 1935 nach Amerika emigrierte Film- und Theateragent Saul C. Colin, der sich lange um die Verfilmung eines Thomas-Mann-Romans bemüht hatte. Im 1947 erschienenen «Doktor Faustus» gelang es Thomas Mann, seine Worte dem jüdischen Musik-Impresario in den Mund zu legen und ihn – die erzählte Zeit ist das Jahr 1923 – für eine deutsch-jüdische Gemeinschaft werben zu lassen: Hat, wie Ruprecht Wimmer in seinem Sammelband-Essay «Doktor Faustus und die Juden» zur Diskussion stellt, Thomas Mann hier seinen persönlichen Hoffnungen auf einen Neuanfang nach dem Holocaust Ausdruck verleihen wollen?

Antisemitismus als Objekt der Satire

In «Der Zauberberg», in den Jahren 1913 bis 1924 zu Papier gebracht, ist der Antisemitismus sogar ein Objekt der literarischen Satire. Thomas Mann legt sich darin oftmals nicht einmal mehr fest, ob eine der vielen Figuren aus dem Zauberberg-Kabinett nun jüdisch ist oder nicht. Dies sei symptomatisch für Thomas Manns lebenslange Anstrengung, sich von heiklen Figuren seines Werks zu distanzieren, so Yahya Elsaghe im Frühjahr 2009 im «Monatsheft», dem renommierten US-Journal für deutsche Studien. Manns Figurenkabinett unterlag somit einem langjährigen Entwicklungsprozess – von bisweilen antisemitisch gezeichneten Figuren bis hin zu Distanzierung von jeglicher Judenfeindlichkeit. Historisch und biografisch konditioniert, ist der Bürger Thomas Mann, als politisch engagiertes moralisches Gegengewicht zu Hitler, über jeden Verdacht, antisemitisch zu sein, erhaben. Als Literat spielte er allerdings häufig mit Stereotypen und Überspitzungen, einschliesslich antijüdischer Klischees. Dies aber nicht aus Fahrlässigkeit oder Ignoranz, sondern mit Absicht: Er bediente sich der Typologien als künstlerisches Stilmittel, die in ihrer Übertreibung um so mehr den Blick auf das zu lenken vermögen, was er als Autor anprangert – unter anderem Judenfeindlichkeit. Dafür ist abermals Saul Fitelberg aus dem «Doktor Faustus» ein Beispiel. Fitelberg, der jüdische Impresario, der Adrian Leverkühn vermarkten will, verspricht dem einsamen Genie, ihm «die Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit» zu Füssen zu legen – und empfiehlt sich alsbald. Als dialektischer Rhetoriker und gerissener Verkäufer, als Rezipient und Kritiker bedient auch Saul eine Reihe jüdischer Klischees. Thomas Mann parierte entsprechende Vorwürfe, indem er sich auf die humoristische Darstellung der Figur berief. Seiner amerikanischen Gönnerin Agnes E. Meyer schrieb er im September 1948 bezugnehmend auf den Saul: «Merkwürdig! Die Besorgnis, die Sie wegen Fitelberg äussern, hat mir zuerst unser Klaus zu bedenken gegeben […]. Er meinte, die Figur könnte antisemitisch wirken.» Mann fügt an, dass Saul doch «über die Parallelität des deutschen und des jüdischen Schicksals viel Richtiges zu sagen» wisse. Zudem sei Fitelberg ja «nur ein jüdischer Typ» inmitten der vielen Figuren des Buches – einem «Aquarium voll phantastisch geformter Fische»: Die Ambivalenz, die sich in vermeintlich antijüdischen Charakterisierungen seiner Figuren ausdrückt, ist demzufolge kein Produkt definitiver Geisteshaltung Thomas Manns, sondern eine kalkulierte erzählerische Strategie des Autors.         ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.