Chancen stehen auf dem Spiel
Der wirkliche Wert der Teilnahme an Konferenzen, wie die von der Uno in Doha, Katar, organisierte Tagung über die «Allianz der Zivilisationen» liegt in den informellen Treffen hinter den Kulissen. Das sind Gelegenheiten, Menschen zu sehen, mit denen man sonst nie ein Wort wechseln könnte. Die echte Herausforderung liegt dabei darin, sich so weit zu öffnen, dass Vorurteile und Befangenheiten gegenüber Nationen, Ideologien und anderen Gruppen sich durch die empirische Erfahrung anfechten lassen.
An der genannten Konferenz stand Israel viel weniger im Fokus offizieller Diskussionen, als ich erwartet hatte. Dennoch spielt unser kleines Land eine bedeutende Rolle im Nahen Osten. Schliesslich stand im Hintergrund dieser Konferenz die von Samuel Huntington aufgestellte, viel debattierte These, wonach das internationale System vom «Kampf der Kulturen» («clash of civilizations») vom neuen Organisationsprinzip gelenkt wird – in erster Linie natürlich von dem Zusammenprall zwischen dem Westen und dem Islam.
Das Treffen mit Arabern in Doha hat mich gewiss nicht glauben lassen, dass der «arabische Frühling» den Nahen Osten zu einem neuen Skandinavien wandelt. Die meisten Araber sind noch lange nicht so weit, eine liberale Demokratie zu unterstützen, doch haben mich diese Treffen in meinem Eindruck bestärkt, der Nahe Osten sei eine Welt im Fluss und in der Transformation. Die arabische Haltung gegenüber Israel ist alles andere als klar definiert.
Die persönlichen Gespräche brachten ein komplexes Israel-Bild zutage. Zumindest in den gebildeteren Schichten der arabischen Gesellschaft ist die Realität weniger schwarz-weiss, als man aufgrund der Medienberichte – vor allem den israelischen – vermuten würde. Die arabische Welt mag Israel nicht lieben, aber dennoch ist weniger Hass vorhanden, als allgemein angenommen wird. Die oft gehörte Botschaft lautet: «Der israelisch-palästinensische Konflikt ist von enormer symbolischer Bedeutung. Macht etwas diesbezüglich, und ihr werdet Wege finden, euch allmählich in den Nahen Osten zu integrieren. Helft uns, den radikalen Islam zu unterwandern, indem der Konflikt, der zum Symbol für die Arroganz des Westens und die Nicht-beachtung der arabischen Kultur geworden ist, aus dem zentralen Fokus entfernt wird. Wir wollen uns mit unseren eigenen Problemen befassen und wollen diesen Konflikt vom Tisch haben.»
Davon, Israel von der Landkarte zu wischen, war in Doha nichts zu hören. Für die überwiegende Mehrheit der arabischen Elite ist Israel zu einer Tatsache des Lebens geworden, mit der sie sich zunehmend abfinden. Die meisten dieser Araber sehen im radikalen Islam eine Bedrohung, deren sie sich gerne entledigen wollen. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist eines der Hindernisse auf dem Pfad zu diesem Ziel.
Wieder in Israel realisiere ich mit Bedauern, dass die regierende Koalition diese Chance vertun wird. Das offizielle Israel ist ein Spiegelbild von dem, was es über die islamische Welt sagt: Am besten man hält sich an die Positionen von Zeev Jabotinsky, die der Gründer des revisionistischen Zionismus vor fast 100 Jahren formuliert hat. Araber verstehen nur die Macht. Im besten Falle denken sie in Begriffen, die wir dem radikalen Islam zuzuschreiben pflegen: Es handelt sich um einen religiösen Kampf, der bis zum letzten Blutstropfen auszufechten ist.
Dummerweise hat die Mehrheit der israelischen Rechte von Jabotinskys im wesentlichen liberalen Ansichten jene Teile amputiert, die sich mit dem befassen, was Israel sein sollte. Vergessen wir nicht, dass Jabotinsky ausdrücklich gesagt hat, er würde einen arabischen Premierminister für Israel nicht ausschliessen. Ein Gedanke, den die meisten Likudniks heute als undenkbar erachten.
Der Likud hat sich die Sprache zugelegt, die für ihn sonst die Sprache der Araber ist: eine Sprache, in der es keine Feinabstimmungen gibt, keine Perspektiven eines historischen Prozesses, der die im Welt im Allgemeinen und den Nahen Osten im Speziellen verändert. Eine Sprache, in der Religionen und Zivilisationen festgefügte Strukturen sind, in denen mystische Figuren wie Abraham, Isaak und Ismael realer sind als die heute effektiv im Nahen Osten lebenden Menschenwesen. Noch ganz unter dem Eindruck meiner persönlichen Treffen in Katar, lese ich in Israel die folgende Schlagzeile: «Israels Bildungsminister: Palästinenserstaat in der Westbank – ein gefährlicher Schritt.» Vergessen wir nicht: Bildungsminister Gideon Saar gehört zu den aufgeklärteren Mitgliedern der regierenden Likud-Partei. Saar machte seine Bemerkung anlässlich eines Besuchs der Siedlung neben der antiken Stadt Shilo. Saar sagte: «Juden werden immer in Shilo leben. Wir sollten den Arabern nicht die Illusion aufbinden, dass es eines Tages hier keine Juden mehr geben wird. Eine solche Illusion würde den Pfad zum Frieden mit Hindernissen pflastern.»
In den letzten zwei Jahren hat Israels rechter Flügel sich endlich geoutet. Binyamin Netanyahus vielbeachtete Bar-Ilan-Rede von 2009 war ein Trick, um den internationalen Druck in Schach zu halten. Die regierende Koalition glaubt nicht an die Zweistaatenlösung. Eine Minderheit der Likud-Mitglieder wie Knessetsprecher Reuven Rivlin und führende Figuren wie Moshe Arens glauben an einen echt demokratischen Staat westlich des Jordanflusses, in dem die Palästinenser politische Rechte geniessen werden. Die Mehrheit der Koalition will einen jüdischen Staat westlich des Jordans, und einige Figuren des rechten Flügels sagen klar, dass die Palästinenser keine politischen Rechte haben werden. Andere drücken sich vager aus, machen es meistens aber klar, dass dieser Staat im Wesentlichen jüdisch sein wird, ungeachtet der demografischen Entwicklung. Netanyahu, Lieberman, Saar, der Knessetabgeordnete Ofir Akunis («McCarthy hat recht mit jedem Wort, das er sagte») und andere leben in einem statischen Universum, das durch ethnische und religiöse Strukturen definiert wird. Für sie ist die jüdische Macht die leitende Richtlinie ihrer Wertvorstellungen. Sie kennen keine andere strategische Vision für Israels Platz in der Welt, ausser dass die islamische Welt eine schwarze Masse von Fanatikern sei, die zur Akzeptanz der Erkenntnis gezwungen werden muss, dass Israel tun und lassen könne, was es wolle.
Die in Israel regierende Koalition spricht eine in der biblischen Vergangenheit erstarrte Sprache, in der Israel ein Volk ist, das «abgesondert wohnt» und «sich unter den Völkern nicht rechnen lässt» (4. B. M. 23:9). Nun, der Likud und seine Alliierten sind drauf und dran, diesen Satz in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verwandeln.
Ich kam aus Doha nicht mit der Überzeugung zurück, Wölfe und Schafe, also Araber und Juden, würden in absehbarer Zeit in Harmonie nebeneinander leben. Hingegen kam ich sehr wohl mit dem Eindruck zurück, dass eine niveauvolle israelische Aussenpolitik der arabischen Welt gegenüber, die eine Machtübernahme des radikalen Islam weitgehend ablehnt, und eine flexible Haltung den Palästinensern gegenüber Israel effektiv eine gute Chance auf einen positiven Platz im Nahen Osten einräumen würde. Netanyahu, Lieberman und Konsorten sind dabei, die Chance mit ihrer einzigartigen Kombination von Kurzsichtigkeit, Mangel an verfeinerter Aussenpolitik und reinem, ungezügeltem Fanatismus zu zerstören.
Carlo Strenger nahm an der zweitägigen Uno-Konferenz über Allianzen von Zivilisationen in Doha teil.