Calvin und die Juden
TACHLES: Die einen kritisieren Calvin als Religionsterroristen und andere versuchen, ihn im Jubiläumsjahr weichzuzeichnen. Wer war der Reformator wirklich?
Achim Detmers: Calvin war auf keinen Fall ein Terrorist. Aber er war schon jemand, der für unsere heutige Zeit nicht sofort verständlich ist. Jemand, der versuchte, ein Gemeinwesen in Genf zu ordnen, das dringend der Ordnung bedurfte, weil doppelt so viele Flüchtlinge wie Einwohner nach Genf gekommen waren. Und dazu bedurfte es besonderer Massnahmen, um die Kommune zusammenzuhalten.
In diesem Jahr wird sehr viel geschrieben und gesagt über Calvin. Sie arbeiten als Koordinator der Projektstelle Calvinjahr 2009. Was möchten Sie von Calvin vermitteln?
Mich fasziniert an Calvin, dass er so präzise denkt und schreibt. Und ich möchte, dass rüber kommt, wie unglaublich spannend Calvin auch heute noch ist. Für Fragen der Wirtschaftskrise, für Fragen der Ethik, für Fragen des Glaubens.
Fragen der Wirtschaftsethik sind hochaktuell angesichts der Finanzkrise ...
Max Weber hat vor 100 Jahren einen Zusammenhang zwischen Calvinismus und Kapitalismus aufgestellt. Seine Behauptung war, dass Calvin ein Wegbereiter des modernen Kapitalismus sei und damit auch der Probleme, die wir mit dem modernen Kapitalismus heute haben. Wenn man jedoch genauer hinschaut, ist das Gegenteil der Fall. Calvin ist ein Kritiker dieser Exzesse. Zwar ermöglichte er eine Öffnung für Kleinkredite, um die vielen französischen Flüchtlinge in Genf zu unterstützen, aber er war dagegen, dass das Kreditwesen zu einem eigenen Geschäft gemacht wurde. Von armen Leuten sollte man überhaupt keine Zinsen nehmen, und der Reiche musste sich seiner Verantwortung vor Gott bewusst sein, bewusst, dass er etwas geschenkt bekommen hat und dass Gott ihn prüft, wie er mit seinem Reichtum umgeht.
Max Webers These wurde unterdessen widerlegt.
Ich denke, das was Max Weber beobachtet hat, funktionierte über die Bildung. Die hugenottischen Flüchtlinge waren sehr gut gebildete Menschen: Und Bildung, Sprachkenntnisse, Kontakte sind natürlich auch ganz wichtige Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirtschaften.
Im Mittelalter hat die Kirche Zinsnehmen verboten und die Juden mussten die Zinsgeschäfte machen, weil sie kein anderes Handwerk betreiben durften. Als Calvin in Genf das Zinsverbot aufhob, dafür aber den Zinssatz auf 5 Prozent (und später auf 6,6 Prozent) festlegte, was hatte das für einen Effekt auf das Verhältnis zum Judentum?
Ich habe bei fast allen Reformatoren untersucht, was sie über den Wucher und die Juden sagen. Und praktisch überall finden wir die klassischen Vorurteile gegenüber den wuchernden Juden. Nur bei Calvin kommen diese Stereotype nicht vor. Und das finde ich sehr beachtlich. Calvin äussert sich in vielen Texten über die Frage des Zinsnehmens und er macht es sehr neutral. Geradezu wie ein moderner Ökonom. Er erläutert, ob es stattlich ist, dass jemand von geliehenem Geld Zinsen nehmen kann, und ich denke, Calvin hat damit die Frage des sogenannten Judenwuchers auch ein wenig von den Vorurteilen befreit, mit denen dieser sonst behaftet war.
Calvin wurde im 16. Jahrhundert in einer Kritik als «Fürsprecher der Juden» oder «Calvinus judaizans» betitelt. Was muss man darunter verstehen?
Diese Bezeichnungen kommen aus der konfessionellen Polemik, und zwar im Wesentlichen von lutherischer Seite, die feststellte, dass es bei Calvins Auslegung des Alten Testaments eine grosse Öffnung für jüdische Fragen gab und dass Calvin nicht bereit war, jede Passage des Alten Testaments christlogisch auszulegen. Zudem kannte er die rabbinischen Kommentare. Von Raschi zum Beispiel war er begeistert. Und das wurde von lutherischer Seite als Judaisieren empfunden.
Calvin hat nicht Theologie, sondern Jura studiert. Könnte die Rechtsbasis seinen Zugang zum Judentum geöffnet haben?
Wir haben von Calvin nicht nur einen Kommentar zum 1. Buch Mose, sondern auch zu den Rechtsvorschriften im 2. bis 5. Buch Mose. Kein anderer Reformator hat es geschafft, diese Bücher so auszulegen wie Calvin. Und er hat sich insbesondere um die Gesetzestexte sehr intensiv bemüht. Hier merkt man, dass für ihn die Rechtsfragen der Thora wegweisend waren, auch für eine christliche Grundlegung der Gesellschaft.
Also tatsächlich eine christliche Theologie, die ohne Antijudaismus auskam?
Ich würde sagen, dass sich in seiner Theologie eine grosse Hochschätzung für das Alte Testament zeigt. In seinen persönlichen Äusserungen über das zeitgenössische Judentum, das Calvin allerdings kaum gekannt hat, wirkt dennoch die Vorurteilsgeschichte des 16. Jahrhunderts nach. Calvin kann sich vor allem in seinen späteren Jahren sehr abfällig über das Judentum äussern.
Calvin hat in seiner Bundestheologie den alten und den neuen Bund als Einheit gesehen. War er in diesem Punkt ein Wegbereiter für einen jüdisch-christlichen Dialog?
Die Bedeutung des Bundesgedankens war für ihn wichtig. Und zwar weil die Reformierten versuchten, die Kindertaufe gegenüber den täuferischen Gruppen zu begründen. Dabei argumentierte Calvin mit der Parallelität von Kinderbeschneidung im alten Bund und Kindertaufe im neuen Bund.
Dann hat Calvin diese Einheitstheologie eigentlich gegen die Täufer, nicht positiv auf die Juden hin formuliert?
Ja, genau. Und leider steckte auch eine gewisse Intoleranz dahinter, weil er sagt, es gäbe nur einen Bund, und den hätten die Christen. Die Juden müssten sich nach dieser Vorstellung erst zu Christus bekehren, um in diesen einen Bund hineinzukommen. So sagt es Calvin ganz präzise. Insofern bot die Bundestheologie eine gewisse Öffnung, hatte aber auch diese ganz entscheidende Schwachstelle.
Allerdings. Gerade Fragen der Judenmission sind ja leider wieder aktuell geworden. Wenn man hört, was in der katholischen Kirche erneut gedacht wird, kann man sich schon fragen, ob es nicht gefährlich ist, wenn solches theologische Gedankengut auch bei Calvin wieder ausgegraben wird.
Ja. Doch der Protestantismus funktioniert anders der Katholizismus. Dort kann es schon mal passieren, dass so etwas wieder ausgegraben wird, während die reformierte Kirche mit weiteren Bekenntnissen, die immer wieder einen Fortschritt in der Schriftauslegung bringen, gewisse Dinge hinter sich lässt. Judenmission und Judenverfolgung gehören dazu, und ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass es hier in der reformierten Tradition jemals ein Zurück geben könnte.
Trotzdem. Zu einem eindeutigen Urteil kommen wir nicht bei Calvin. Er war sicher nicht so antijüdisch wie Martin Luther, aber einen wirklich positiven Ansatz in Bezug auf das Judentum finden wir auch bei ihm nicht.
Um Calvin einzuschätzen, dürfen wir nicht den Fehler begehen, von heute aus auf ihn zu schauen, sondern wir müssen Calvin aus seiner Zeit begreifen. Im Blick auf eine heutige Relevanz würde ich sagen, dass das christlich-jüdische Gespräch sehr stark von der reformierten Tradition ausgegangen ist, von den Niederlanden und auch von der Schweiz. Aufgrund der reformierten Betonung der absoluten Souveränität Gottes, der Hochschätzung der Psalmen und der Bilderlosigkeit in den Gottesdiensten gibt es eine «natürliche Nähe» zum Judentum, die eine theologische Grundlage bietet, um ein jüdisch-christliches Gespräch zu führen. Und ich denke, da ist Calvin noch immer bedeutsam.