Bühne frei für einen 3000 Jahre alten Konflikt

von Nicole Dreyfus, April 23, 2009
Antwerpens Opernintendant Aviel Cahn lässt für «Samson et Dalila» einen Israeli zusammen mit einem Palästinenser Regie führen. Damit löst er sich von monumentaler Bühnenromantik und setzt auf Tagesaktualität.
GEWAGTE OPER IN ANTWERPEN THORSTEN KERL ALS SAMSON MIT DEM CHOR

Die Inszenierung Camille Saint-Saëns’ Oper «Samson et Dalila» an der Flämischen Oper in Antwerpen gibt weit vor ihrer Premiere am 28. April über die belgischen Landesgrenzen hinaus zu reden. Das palästinensisch-israelische Regieteam mit dem jungen Amir Nizar-Zuabi und dem erfahrenen Omri Nitzan setzt die komplexen Beziehungen zwischen Unterdrückten und Unterdrückern ins Zentrum seiner Inszenierung. Die Ausgangsthese der Regisseure ist simpel: Das Rad der Geschichte hat ironischerweise die Rollen ihrer Akteure vertauscht, die gewalttätigen Beziehungen derselben sind jedoch die gleichen geblieben. Aviel Cahn, der seit letztem Jahr das Opernhaus in Antwerpen leitet, ist nicht davor zurückgeschreckt, einen biblischen Mythos sozialkritisch auf die Bühne zu bringen, der aktueller gar nicht sein könnte. «Es geht mir nicht darum, zu zeigen, wer im Nahostkonflikt die Guten und wer die Bösen sind. Ich will die Oper in einen gesellschaftspolitischen Diskurs, der das Publikum zum Nachdenken anregt, einbetten», sagt er.

Ein Zeichen der Hoffnung

Die Geschichte von Samson und seiner Liebe zu Dalila ist eine der bekanntesten Geschichten aus dem Alten Testament. Aufstieg und Untergang des übermenschlich starken Samson zeigen modellhaft das Scheitern von Versöhnung zweier verfeindeter Kulturen und Religionen. Der Israeli Omri Nitzan und der Palästinenser Amir Nizar Zuabi, für welche die Spannungen im Mittleren Osten tägliche Realität sind, interpretieren die Jahrtausendealte biblische Erzählung auf ihre Weise. Die Produktion steht unter der Schirmherrschaft der Europäischen Kommissarin für Aussenbeziehungen Benita Ferrero-Waldner. Durch das Engagement eines israelischen und eines palästinensischen Regisseurs will die Flämische Oper ein Zeichen der Hoffnung setzen. Sie möchte zeigen, dass die Koexistenz zweier verfeindeter Kulturen möglich ist. Die zwei Regisseure für die Produktion zu gewinnen war allerdings kein leichtes Unterfangen: «Nitzan war von Anfang an von der Idee begeistert und sagte rasch zu, während Zuabi dem Projekt gegenüber erst kritisch eingestellt war», erzählt Cahn. Zuabi habe gefürchtet, in Ramallah und Jerusalem als Verräter oder Kollaborateur zu gelten. Schliesslich habe er zugesagt, aber die Standpunkte der beiden Regisseure waren bei Weitem nicht immer deckungsgleich. «Oft waren die Proben eine Gratwanderung, weil wir für das Schlachtfeld auf der Bühne einen Konsens finden und die Konflikte beim Namen nennen mussten.» Schliesslich mochten sich die beiden aber und fanden die Diskussionen befruchtend.

Schon fast ein Opernfestival

Aviel Cahn ist dafür bekannt, dass er Opern inszeniert, die von gesellschaftlicher Relevanz sind und Kontexte schaffen. Bereits sein Eröffnungsprogramm an der Flämischen Oper stand im Zeichen einer historischen Thematik mit aktuellem Bezug. Mit «Mazeppa», einer Oper vom Pjotr Tschaikowski, ging Cahn dem Unabhängigkeitsdiskurs der Ukraine auf den Grund und stellte ein Rahmenprogramm, bei dem unter anderem der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch teilnahm, zusammen.
Cahn, Doktor der Jurisprudenz und früherer Direktor des Zürcher Kammerorchesters, hat sich auch für «Samson et Dalila» viel vorgenommen. Der 34-Jährige wünscht sich, dass das Gespräch weit über den Opernbesuch hinausgeht. Er hat Leute wie Tom Segev und Meir Shalev, die über Samson als Mythos und die heutige Realität diskutieren, sowie den palästinensischen Philosophen Sari Nusseibeh von der Al-Quds-Universität in Jerusalem eingeladen. Daneben umrahmen Musik, Filmvorführungen sowie eine Podiumsdiskussion die Produktion. Die musikalische Leitung der Oper liegt in den Händen von Tomáš Netopil, der bereits mit renommierten Orchestern zusammengearbeitet hat.

Der erste Selbstmordattentäter

«Samson et Dalila» ist eine zwischen 1868 und 1877 entstandene Oper in drei Akten des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns und geht auf ein Libretto von Ferdinand Lemaire zurück. Die Handlung, basierend auf dem biblischen Buch der Richter und zwischen 1100 und 1000 v. Chr. anzusetzen, ist rasch erzählt: Samson, ein Geweihter Gottes, war mit übernatürlicher Kraft gesegnet, die er der Legende nach bei Verlust seiner Haartracht verlor. Mit seiner Kraft vollbrachte er zahlreiche Heldentaten. Schliesslich wurde er in Gaza von der Philisterin Dalila, in die er sich verliebt hatte, verraten. Sie umgarnte ihn, um ihm das Geheimnis seiner Kraft zu entlocken und schnitt ihm, als er schlief, sein Haar ab. So übergab sie ihn schliesslich den feindlichen Philistern. Samson liess man die Augen ausstechen; er wurde zur Sklavenarbeit gezwungen. Später wurde Samson zur öffentlichen Belustigung aus dem Gefängnis geholt und Dalila erinnerte ihn höhnisch an seinen Fall – dabei ertönt, ins Parodistische verzerrt, Dalilas «Mon cœur s’ouvre à ta voix» aus dem zweiten Akt, während der Chor der Philister die anschliessenden Verhöhnungen des Oberpriesters mit «Ah! Ah! Ah! Ah!» («Hahaha!») kommentiert. Samson flehte noch einmal zu Gott, bis ihm dieser seine einstige Stärke zurückgab. Nachdem er seine Kraft wiedergewonnen hatte, riss er die Säulen des Tempels unter dem Wehgeschrei der Versammelten nieder.  

Opernbesuch erst ab 16 Jahren

Cahn ist nicht der Einzige, der den alttestamentarischen und häufig pompös auf-gemachten Opernstoff in einen zeitgenössischen Kontext umsetzt. Gaza als Schauplatz der Handlung schreit für viele Regisseure danach, den Nahostkonflikt realitätsnah auf die Bühne zu bringen. Die Kölner Oper inszeniert «Samson et Dalila» fast gleichzeitig wie die Flämische Oper und hat keine Skrupel, Gewaltszenen, wie sie das Publikum aus täglichen Fernsehberichten kennt, unverklärt darzustellen. In einer Erklärung der Kölner Oper heisst es: «Das Stück von Camille Saint-Saëns zeigt zwei Völker im Krieg. Die Inszenierung von Regisseur Tilman Knabe siedelt das Geschehen im heutigen Gazagebiet an, sie trägt diesem Umstand angemessen und notwendig Rechnung.» Sie beinhalte partiell Gewaltdarstellungen, die das Empfinden mancher Zuschauer möglicherweise verletzen könnten, und man empfehle den Besuch dieser Produktion mit Premiere am 2. Mai erst für Zuschauer ab 16 Jahren.

Internationales Aufsehen

Dass Cahn gerade in Antwerpen «Samson et Dalila» inszeniert, ist kein Zufall. «Antwerpen ist einerseits das letzte europäische Bnei Brak und hat andererseits eine grosse muslimische Gemeinde.» Man ignoriere sich hier zwar brav, aber dennoch bestehe ein friedliches Nebeneinander. Dar¬über, dass er mit seiner Produktion aber nicht nur auf lobende Worte stösst, ist sich Cahn bewusst. Von der israelischen Zeitung «Haaretz» habe er erstaunlicherweise «böse» E-Mails erhalten und auch die belgische jüdische Gemeinde habe Angst, «wir würden mit der Inszenierung antiisraelische Propaganda betreiben», so Cahn. Dennoch freue er sich auf das grosse Opernereignis. Grund dazu hat Cahn allemal: Die Premiere wird live am belgischen Fernsehen übertragen und kann sich mit
hohem Besuch feiern lassen. So wird gar die «New York Times» darüber berichten, dass am 28. April neben flämischen Politikern der israelische Botschafter Belgiens, der
Intendant der Oper in Tel Aviv sowie Bundesrat Pascal Couchepin anwesend sind.