Buch- oder effektive Verluste?

Yves Kugelmann, October 30, 2008
Die weltweite Finanzkrise trifft auch jüdische Institutionen in der Schweiz. Mitten in der Budgetphase für 2009 wird sich bei vielen von ihnen Ende Dezember entscheiden, wie etwa Kapitalerträge und Wertschriftendepots, sinkende Steuereinnahmen oder ein steigender Fürsorgebedarf bewertet werden müssen.
AUSWIRKUNGEN DER FINANZKRISE Bald werden konkrete Zahlen präsentiert werden müssen

Jüdische Institutionen, Stiftungen und Gemeinden der Schweiz sind stark vom Börsengang abhängig. Nicht nur die Kapitalerträge und Anlagen sind Schwankungen unterworfen, sondern auch Steuereinnahmen und Spenden sowie in Krisenzeiten Anforderungen an die Sozial- und Fürsorgeressorts. Unter diesem Gesichtspunkt werden wohl die Budgets fürs kommende Jahr neu bewertet und anstehende Projekte neu beurteilt werden müssen. Verantwortliche äussern sich zurückhaltend, über Zahlen sprechen sie nicht. Mitunter sind diese auch noch nicht absehbar.  

Kapitalverluste beim SIG

Gemäss Informationen von tachles hat der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) in den ersten Monaten 2008 Kapitalverluste hinnehmen müssen, über die das Centralcomité im November konkret informiert werden soll.
Darauf angesprochen, meint Finanzchef Daniel A. Rothschild gegenüber tachles, dass das Vermögen des SIG per Ende Jahr wohl abnehmen wird. «Die Kapitalverluste des SIG sind zwar wie überall beträchtlich, halten sich aber Dank vorsichtiger Verwaltung in Grenzen.» Zahlen möchte Rothschild vorerst nicht nennen. Der Gemeindebund lebt nicht nur von Mitgliedereinnahmen der Gemeinden, sondern auch von Kapitalerträgen. Diese machen jährlich rund ein Drittel des Betriebsbudgets von rund 1,5 Millionen Franken aus. Im SIG-Jahresbericht 2007 betrug das Kapital des Gemeindebunds Ende 2007 12 063 277 Franken.
Auf die Frage, ob durch die aktuelle Krise der Verkauf von Berges du Léman (tachles berichtete) tangiert sein wird, meint Rothschild: «Aus Sicht des SIG besteht zwischen dem Verkauf und der aktuellen Situation auf dem Finanzmarkt kein Zusammenhang. Wir hoffen sehr, den Verkauf per Ende 2008 realisieren zu können.» Das würde bedeuten, dass zwölf bis 14 Millionen Franken in die SIG-Kasse fliessen würden. Allerdings entfallen jährliche Miteinnahmen von rund 800 000 Franken. Kurzfristige Verkäufe von Wertpapieren und Anlagen musste der SIG nicht vornehmen, wie Rothschild sagt: «Der SIG ist momentan liquide genug, dass er keine Notverkäufe von Wertpapieren zu den aktuell schlechten Kursen tätigen muss.»  

Die ICZ ist vorsichtig

Auch die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) wappnet sich. Co-Präsident André Bollag, selbst Vermögensverwalter, meint gegenüber tachles: «Einige Bewertungen unserer Wertschriften müssen gegen Ende Jahr neu erfolgen. Wenn es zu massiven Abschreibungen kommen würde, müsste etwa die Bewertung von Legaten, die die ICZ im Laufe der Zeit erhalten hat und die in Wertschriften angelegt wurden, entsprechend vermindert werden. Das kann über die normale Jahresrechnung geschehen, ohne dass hierzu grosse Massnahmen getroffen werden müssen.» Vorerst befürchtet Bollag keinen einschneidenden Rückgang der Steuereinnahmen: «Der grösste Teil unserer Mitglieder beziehungsweise Steuerzahler steht im Angestelltenverhältnis. Deswegen tangiert die Finanzkrise vorerst einmal nur einen kleineren Teil unserer Mitglieder. Solche mit hohen Einkommen und grösserem Vermögen profitieren von der Degression der Steuerskala. Bei einem Rückgang der Einkommens- oder Vermögenswerte dieser Personengruppe gehen die Steuereinnahmen der ICZ nicht analog zurück und sollten sich im Rahmen halten.»
Für den Fall, dass durch die übrigen Mitglieder wegen Ertrags- und Vermögensausfall ein Rückgang der Gemeindesteuern zu verzeichnen wäre, hat die ICZ eine Steuerausgleichsreserve gebildet. «Dieser kann kurzfristig das Budget für das Jahr 2009 stabil halten», sagt Bollag und meint: «Sollten die Fürsorgeleistungen aber steigen, stehen wir mit unserer Sozialabteilung bereit, die Betroffenen mit Hilfestellung bei den Behörden zu unterstützen, andererseits werden wir für materielle Hilfe Spezialaktionen wie zum Beispiel zweckgebundene Spendenauf¬rufe durchführen müssen.» Bollag glaubt vorerst nicht an einen Abbau von Leistungen oder gar Personal in der ICZ: «Sollte dies wirklich nötig werden, würde die Planung langfristig verantwortungsvoll und sorgfältig angegangen werden.»

Die IGB ist vorerst stabil

Guy Rueff, Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel und auch selbst Vermögensverwalter, sagt zur Finanzkrise: «Die Steuereinnahmen werden sicher in den Jahren ab 2010 zurückgehen. Wir haben stets einen Rückstand von zwei Jahren in Sachen Steuern. Da ausserdem ab 2008 auch noch die Reduktion des Steuersatzes in Basel-Stadt um zehn Prozent wirksam wird, ist das eine zusätzliche Belastung.» Demgegenüber bemerkt Rueff, dass die IGB in den letzten Jahren einige neue Mitglieder durch die in Basel wachsende Pharmabranche erhalten hat und somit auch auf eine positive Entwicklung blicken kann.
Allenfalls müsse die IGB mit gewissen Vergabungen zurückhaltend sein, grundsätzlich macht er sich aber keine grossen Sorgen: «Die Gemeinde verfügt über genügend Reserven, um die nächsten zwei bis drei Jahre zu finanzieren. Sollte aber eine Weltwirtschaftskrise im Umfang von 1929 oder eine sehr starke Rezession erfolgen, müssten sicher gewisse Einsparungen schon in den nächsten Monaten überlegt werden.» Das IGB-Budget 2009 sieht bereits Einsparungen vor, und somit sollte das Ziel, gemäss Rueff, für ein nahezu ausgeglichenes Rechnungsergebnis weiterhin verfolgt werden können.

Beispiel Keren Hajessod

Neben dem Keren Kayemeth Leisrael (KKL) ist der Keren Hajessod (KH) die grösste jüdische Spendenorganisation in der Schweiz. Der KH Schweiz setzt das Geld vor allem für die Abwicklung grosser, mehrjähriger Projekte in Israel ein. Und dort schlägt vor allem die Devisensituation zu Buche. Unternehmer und KH-Präsident Sami Bollag wertet den schwachen Dollar als Teil der Finanzkrise und meint gegenüber tachles: «Wir haben das nun aktuelle Multigenerationenprojekt in Rehovot in Dollar abgeschlossen. Die Rechnungen sind aber in Schekel zu bezahlen.»  Dies bedeutet zusätzliche Kosten für den KH. Was das Spendenaufkommen anbelangt, ist Bollag unbesorgter: «Aufgrund unserer starken Fundraisingposition sind wir von der Finanzkrise voraussichtlich weniger betroffen. Die Grossspender sind solide und werden uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterhin unterstützen. Dies beruht auf dem KH-Grundsatz, nach dem von ihrem zehnprozentigen Spendenanteil den grösste Teil dem KH zukommt, da dieser von der Knesset mandatiert ist und die ganze minderbemittelte israelische Bevölkerung anspricht.» Auf jeden Fall, sagt Bollag, werden die Leitungsgremien die Entwicklung genau beobachten und rechtzeitig reagieren.   

Konkrete Zahlen

Insgesamt zeigt sich mit Blick auf die Bilanzen von grösseren Gemeinden und Institutionen eine weitgehend gesunde Vermögensstruktur. Weitgehend unagetaste Kapitalanlagen und Immobilien dienen als sichere Werte, die in den letzten Wochen nicht durch Panikverkäufe vermindert werden mussten. Dennoch fällt die Finanzkrise in eine Zeit, da Gemeinden mit Mitgliederrückgängen und zusätzlichen Kosten für Infrastruktur oder Sicherheit hantieren müssen und von einer Rezession durchaus unmittelbar betroffen sein könnten. Wenngleich in diesen Wochen noch viele Entwicklungen und effektive Verluste unklar sind, werden spätestens bei den bevorstehenden Budget- und Generalversammlungen etwa von Gemeinden konkrete Zahlen präsentiert werden müssen.