Brückenbauer zwischen zwei Zeitaltern
Der Tod des marokkanischen Königs Hassan II., der nach 38 Jahren auf dem Thron seines Landes gestorben ist, dürfte das Ende eines ganzen Herrscherstils im Nahen Osten bedeuten. Als Hassan 1961 an die Macht gelangte, war die Zeit für einen Monarchen in der Region keine besonders günstige. Radikaler panarabischer Nationalismus schien um sich zu greifen; Könige und traditionelle Systeme wurden als reaktionär und Marionetten des Westens verschrien. In den ersten Jahren seines Regimes überlebte Hassan mehrere Revolutionsversuche sowie Militärputsche in den Jahren 1971 und 1972.
Wie König Hussein von Jordanien überlebte Hassan aber nicht nur die Bedrohungen gegen seinen Thron, sondern auch die ganze Ideologie, die sein Recht zu herrschen infrage stellen wollte. Zu den wichtigsten politischen Aktiva Hassans - auch hier eine Parallele zu Hussein - zählte die Anerkennung als Abkömmling des Propheten Mohammed. Und wie sein jordanischer Kollege verwirklichte auch Hassan die ersten Schritte in Richtung auf die Demokratie.
Marokko ist wohl reich an Phosphaten, besitzt aber kein Erdöl. Das Land musste sich mit einer Massenwanderung seiner Bevölkerung in die Städte auseinandersetzen, mit grundlegendem wirtschaftlichem Wandel und mit stets wachsenden Erwartungen der Bürger. Ungeachtet seiner Probleme aber kann Marokko auf Gebieten wie Wirtschaftsentwicklung und Menschenrechte mindestens so grosse Erfolge verzeichnen wie andere arabische Staaten, die im Gegensatz zu Marokko viel stärkeren Lärm um ihre Errungenschaften veranstalteten. Der König wurde von seinen fast 30 Millionen Untertanen verehrt. Hassan war ein populärer Monarch, der Brücken zwischen zwei Zeitaltern baute und traditionelle Anschauungen mit modernen Methoden verband. Er hatte an der Universität von Bordeaux Rechtswissenschaft studiert und in der französischen Marine eine militärische Ausbildung genossen. Die europäische Kultur hat ihn zweifelsohne geprägt, doch konnte dies nie sein Verständnis für die Art und Weise trüben, wie zu Hause Politik gemacht wird.
Hassan, der - eine weitere Parallele zu Hussein - an mutige Initiativen glaubte, war ein brillanter politischer Regisseur, der sehr oft Islamisten und linken Oppositionellen Ämter verlieh und ihnen zuliebe Kompromisse einging. So war der heutige Premierminister Abdul Rahman Yuseffi lange Zeit ein sozialistischer Oppositioneller. Radikale islamistische Parteien sind verboten, und Marokko blieb von der Instabilität und dem Blutvergiessen verschont, das etwa das benachbarte Algerien seit Jahrzehnten heimsucht. Auf aussenpolitischer Ebene ergriff Hassan II. die Kontrolle über die Spanische Sahara, unterdrückte den dortigen Aufstand und schloss Frieden mit Algerien. Er unterhielt auch enge Kontakte zu den USA und nahm am Nato-Programm für Kooperation im Mittelmeerraum teil. Zudem bekundete der verstorbene König ein starkes Interesse an der Jerusalem-Frage und koordinierte die islamischen Staaten in dieser Angelegenheit.
Nicht zu vergessen Hassans aktive Rolle in den regionalen Friedensbemühungen (vgl. Artikel auf S. 6). An islamischen und arabischen Gipfeltreffen war er um Mässigung bemüht; er lud Israelis und andere Juden marokkanischen Ursprungs ein, ihre ehemalige Heimat zu besuchen. Hassans 36jähriger Sohn, ein Junggeselle, hat als König Mohammed VI. das Szepter übernommen. Er ist ein weiterer Vertreter der Nachfolgegeneration in der arabischen Führungsschicht. Als er den Tod seines Vaters verkündete, nannte er Hassan II. «einen grossen Führer und einen der grössten Männer dieser Welt». Auch wenn in diesen Worten der Respekt des Sohnes vor dem verstorbenen Vater mitspielen mag, ist die Umschreibung nicht übertrieben.
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