«Brücken zu anders Denkenden bauen»
Das Thema Jugendarbeit ist für die jüdischen Gemeinden wegweisend für die eigene Zukunft. Doch nicht immer ist es leicht, die Jugendlichen zu erreichen: «Die Jugend sieht sich derart vielen Angeboten ausgesetzt, dass sie übersättigt ist», stellt Lorin Nezer fest, der seit einem Jahr Jugendleiter der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) ist. Dies trifft auch auf die dortige jüdische Jugend zu. Rund 60 Jugendliche bis 18 Jahre sind in den beiden Jugendbünden Bne Akiwa und Emuna aktiv. Diese Zahl sieht auf den ersten Blick nicht so schlecht aus, doch entspricht sie nicht dem Durchschnitt der aktiven Jugendlichen. Das angesprochene Problem der Sättigung ist vor allem bei Emuna erkennbar. An einem Samstagnachmittag gibt es zahlreiche Alternativen zum Jugendbund, ähnlich sieht die Realität auch unter der Woche aus. «Neben der anspruchsvollen Schule gibt es Sportvereine, Musik und andere Beschäftigungen, und da steht das Jugendzentrum meist nur auf Platz vier», meint Nezer.
Kontakt zu Gleichgesinnten
Weitaus besser sehen die Zahlen in der grössten Schweizer Stadt aus. In Zürich verteilen sich rund 270 Jugendliche auf Bne Akiwa, Hagoschrim und Hashomer Hatzair. Von ihnen sind 60 in der der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) zugehörigen Organisation Hagoschrim und je 100 beim religiösen Bne Akiwa und beim zionstisch-sozialistischen Hashomer. «Vor allem beim Hagoschrim haben wir in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, nachdem er fast zugrunde gegangen war», äussert sich Monique Lande, Vorstandsvorsteherin für Jugend der ICZ, zum Thema. Sie sieht jedoch ein grosses Problem bei den recht jungen Madrichim (Leitern), denn nach der Schule oder Lehre verlassen die Madrichim meistens ihren Jugendbund. Dies bedeutet, dass der Jugendbund kaum Leiter hat, die über 20 Jahre alt sind und ihre Arbeit kontinuierich weiterführen. Und auch das Engagement scheint unterschiedlich zu sein. So gebe es Madrichim, die viel Zeit investierten, aber eben auch jene, die nur das Nötigste für ihren Jugendbund tun, so die Ansicht einzelner Madrichim aus Zürich. Evelyne Morali, die Zuständige für Jugend in der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), beschreibt die Wünsche der heutigen Jugend wie folgt: «Die Jugendlichen möchten vor allem, dass es ihnen gut geht, und sie wünschen sich daher auch Kontakte und Beziehungen zu Gleichgesinnten.»
Neue Jugendliche im Blick
In Basel ist das grosse Ziel des Jugendzentrums, neue Jugendliche in die jüdische Jugend zu integrieren. Beim Bne Akiwa ist die Teilnehmerzahl praktisch ausgeschöpft, aber für die weniger religiöse Emuna besteht noch Potenzial. Denn erst zwei Drittel der Jugendlichen der IGB besuchen einen Jugendbund. Der Jugendleiter versucht das Jahr daher mit gesellschaftlichen Höhepunkten zu füllen, zudem soll das Jugendzentrum ausgebaut werden, das neu ein Internetcafé als Treffpunkt erhält. «Das Ziel ist, dass die Jugendlichen immer öfter im Jugendzentrum sind und dort Aktivitäten, die sonst in nicht jüdischer Umgebung stattfinden, mit ihren Freunden durchführen können», sagt Lorin Nezer. Zudem plant er für den Sommer nächsten Jahres eine Amerikareise. Dieses Projekt stösst aber auch auf Kritik. Die Reise soll 18- bis 25-Jährige anziehen. Dies sei aber ein Alter, in dem die Jugendlichen bereits integriert seien und kaum zusätzliche Interessierte erreicht werden könnten, monieren die Kritiker. Die Jugendlichen selbst formulieren ihre Wünsche klar: «Es sollte mehr mit anderen Jugendbünden und -zentren zusammengearbeitet werden», meint Daniel Wernli von Emuna. Man versuche auch mit jüdischen Organisationen wie Migwan oder Ofek zusammenzuarbeiten, denn auch dort verkehren Kinder und Jugendliche und somit potenzielle Mitglieder. Wernli meint, dass in Basel derzeit ein gutes Team von Madrichim am Start sei. Ein neueres Projekt von Bne Akiwa und Emuna ist ein gemeinsamer Anlass an Schabbat, der einmal im Monat durchgeführt wird und trotz religiöser Differenzen der Jugendbünde offenbar relativ gut funktioniert. Bne Akiwa und Emuna liegen organisatorisch relativ nahe beieinander.
Gemeinsame Anlässe
Bei der ICZ läuft die Sache anders. Da der religiösere Jugendbund Bne Akiwa und der zionistisch orientierte Hashomer Hatzair autonom geleitet werden, liegt der Blick der ICZ vor allem auf Hagoschrim. Ziel ist es hier, die ganze Familien zu erreichen, deren Kinder eventuell dorthin gehen könnten. Zudem werben die Verantwortlichen innerhalb der Gemeinde und in der Primarschule Noam für den Jugendbund. «Am besten wirkt jedoch die Mund-zu-Mund Propaganda. Auch viele Ehemalige Hagoschrim-Mitglieder schicken ihre Kinder wieder in den Jugendbund», sagt Philip Bessermann, Hagoschrim-Jugendleiter. «Es hat sich etwas getan in den vergangenen zwei Jahren», meint Denis Weinberg von Hagoschrim und fügt hinzu, dass «viele neue Chanichim hinzugestossen sind und auch für neuen Elan sorgen».
Beim Hagoschrim wird versucht, mit traditionelleren Programmen wie Schlitteln und Filmabenden neue Kinder an Bord zu ziehen. Auch gemeinsame Programme mit Bne Akiwa und Hashomer werden veranstaltet.
Innerhalb des SIG versucht Evelyne Morali eher Kleingemeinden anzusprechen und wirbt mit gezielten Programmen. Momentan ist ein grosses Wintermachane in Bivio geplant, das mit Emuna und Hagoschrim gemeinsam durchgeführt wird. «Der SIG versucht mit seinen Anlässen vor allem dort, wo die Gemeinden keine Jugendarbeit betreiben, Türen zu öffnen. Für manche Jugendliche bedeutet die Teilnahme eine Gelegenheit, Anschluss an jüdische Kreisen zu bekommen», erläutert Morali. Wichtig sei auch die Überwindung des sogenannten Röschtigrabens. So soll auch das traditionelle Pfingstwochenende in Genf und Lausanne dazu beitragen, jüdische Jugendliche aus der ganzen Schweiz zusammenzubringen. Allerdings wurden diese von Jugendlichen aus den Jugendbünden der grossen Gemeinden aus der Deutschschweiz, vor allem im vergangenen Jahr, relativ schlecht besucht. Dennoch ist Morali optimistisch und denkt, dass «Brücken bei Sprachschwierigkeiten, Distanz und für Andersdenkende gebaut werden können, auch wenn es viel Energie und Zeit braucht». Die Devise der Jugendlichen ist klar: Es macht mehr Spass, den Schabbat, das Lager oder die Programme im Jugendzentrum mit mehr Jugendlichen zu verbringen – auch deshalb steht die Integration neuer Jugendlicher das ganz oben.