Brisante Themen werden ausgespart

von Mirjam Buschor, August 27, 2009
Der Rat der Religionen, im Mai 2006 von Vertretern der drei abrahamitischen Religionsgemeinschaften gegründet, hat mit Ausnahme weniger Communiqués bisher nicht viel von sich hören lassen. Weshalb der Rat bis anhin umstrittene Themen gemieden hat, ist unklar. Fragt man die Räte, so heisst es, die Mitglieder seien immer noch mit Vertrauensbildung beschäftigt.
FEIERLICHE GRÜNDUNGSZEREMONIE Der Rat der Religionen wurde im Jahr 2006 ins Leben gerufen

Mit grossen Worten und begleitet von erheblicher Aufmerksamkeit der Medien haben sich die Vertreter der drei abrahamitischen Religionsgemeinschaften gemeinsam an einen «runden Tisch» gesetzt. Nach anfänglichen Turbulenzen, ausgelöst durch die nicht vertretene weibliche Seite in diesem Gremium (vgl. tachles 05/07), ist es um den Rat leise geworden.
Der Rat hat zwar einige Communiqués veröffentlicht, diese sind jedoch an einer Hand abzuzählen und lassen Umstrittenes zumeist aus. So verkündete der Rat im zweiten Communiqué zum Thema «Religiöse Symbole in der Öffentlichkeit», religiöse Symbole seien Teil der Religionsfreiheit und sollen respektiert und geachtet werden. Dabei fällt auf, dass wirklich heisse Themen wie das umstrittene Kopftuch oder das Kippa-Verbot bei Lehrpersonen oder Coop-Angestellten kommentarlos ignoriert wurden. Einzig bei der Volksini-
tiative gegen den Bau von Minaretten hat sich der Rat überwunden, ein brisantes Thema anzuschneiden, und stellt sich deutlich gegen das Verbot. Der Sekretär des Schweizerischen Rats der Religionen, Markus Sahli, stellt dazu sogar eine Pressekonferenz in naher Zukunft in Aussicht. «Dieser Dialog, der zu Vertrauen und zu gegenseitigem Einstehen führt, wie das bei der Minarett-Initiative der Fall ist, macht diesen Rat einmalig», so Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen. Das sind schöne Worte. Allerdings wirdzu diversen Themen, welche die jüdische Gemeinschaft aufrührten, nicht Stellung genommen wurde. Zum Beispiel, als Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 die alte Form der Karfreitagsfürbitte wieder einführte, in der dafür gebetet wird, dass die Juden Jesus anerkennen mögen – ein Kernstück des christlichen Antijudaismus. Auch zu den Holocaustverleugnungen der Pius-Bruderschaft wurde geschwiegen.  

Kaum Aussenwirkung

Der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds Herbert Winter meint: «Der Rat nimmt nur sehr selten öffentlich Stellung zu Fragen, selbst wenn er sie in seinen Sitzungen behandelt hat.» So war zum Beispiel die Karfreitagsfürbitte schon mal ein Thema im Rat, es wurde jedoch keine öffentliche Stellungnahme abgegeben. Dies bestätigt auch Farhad Af-shar. Auf die Frage, wieso nach der Diskussion über die Karfreitagsfürbitte keine Stellungnahme erfolgte, verwies er auf das Einstimmigkeitsprinzip, welches den Rat davon abgehalten habe, die Diskussion über die Karfreitagsfürbitte mit einem öffentlichen Statement abzuschliessen. Sich gegen eine Religion zu wenden sei wenig sinnvoll, so Farhad Afshar. Es wäre sowieso am besten, wenn jede Religionsgemeinschaft sich selber kritisch beleuchten würde. Man habe die Vertretung der katholischen Kirche lediglich ermutigt, selber Stellung zu nehmen. Scheinbar ist das «gegenseitige Einstehen» hier an seine Grenze gestossen. Dies ist umso erstaunlicher, als dem Rat doch eigentlich der Grundsatz der gegenseitigen Toleranz und die Achtung der Verschiedenheit zugrunde liegt und die Wiedereinführung der ursprünglichen Karfreitagsfürbitte genau diese Anliegen missachtet.
Die fragwürdige Annäherung des Papstes an die Mitglieder der Pius-Bruderschaft, die antisemitische sowie frauen- und homosexualitätsverachtende Verlautbarungen macht, wurde im Rat nicht diskutiert. Es ist schwer nachvollziehbar, weshalb der Rat es nicht für notwendig erachtete, dieses in allen Medien heftig debattierte Thema zu diskutieren. Vielleicht kann sich der Rat nicht einigen oder hat schlicht und einfach zu viel versprochen. Es ist fraglich, wie er den religiösen Frieden fördern will, wenn die Diskussion zwar für die beteiligten Personen interessant und prägend ist, aber verschwindend wenig davon nach aussen dringt. Fragt man die Beteiligten, sind sie alle einer Meinung. Sie alle nennen den Umstand, dass Communiqués der Zustimmung aller Mitglieder des Rates bedürfen, und das Argument der Vertrauensbildung als Gründe dafür, dass es bis anhin eher selten zu öffentlichen Verlautbarungen kam. Erste Priorität habe das Vertrauen, das zuerst zwischen den Vertretern entstehen müsse, und dies würde leider einige Zeit in Anspruch nehmen. Dass der Rat nicht einmal nach drei Jahren «Kennenlernen» das Thema Holocaust-Verleugnung traktandiert, lässt darauf schliessen, dass dieser Rat tatsächlich eine lange Aufwärmphase braucht. Vielleicht ist diese Harzigkeit auch vielmehr der Grund dafür, weshalb der Rat weltweit einzigartig ist – und eben nicht die Tatsache, dass die Schweizer so unglaublich fortschrittlich sind.

Nur eine symbolische Bedeutung?

Michel Bollag, Co-Leiter des Zürcher Lehrhauses für Christentum, Judentum und Islam, erklärt, es gebe verschiedene Ebenen des interreligiösen Dialogs: den Dialog zwischen den religiösen Institutionen und denjenigen zwischen Individuen. Beim Ersteren sei es schwieriger, gemeinsame Lösungen zu finden und nach aussen zu tragen. Die Vertreter müssten ganzen Gemeinden gerecht werden, und die Aufgaben des Rats seinen schwierig festzustellen. Sollte der Rat tätig werden, wenn es sich nur um einen bilateralen Konflikt handelt? Wann gefährdet ein Problem den religiösen Frieden in der Schweiz? – Dies seien Ermessensfragen. Was dazu gehöre und was nicht, sei oft schwer zu eruieren, so Bollag. Er bestätigt, dass der Rat anfänglich vielleicht zu viel versprochen hat, und er fügt an, der Rat habe tatsächlich einen beschränkten Spielraum. Insbesondere theologische Probleme könnten in dieser Zusammensetzung nicht gelöst werden. Bollag betont aber: «Der Rat gibt auf der institutionellen Ebene aber ein wichtiges gesellschaftliches Signal.» Man müsse ihm jedoch Zeit geben.
Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, meint: «So ein Rat braucht Mut für Neues. Von diesen Herren, die jeweils eine ganze Institution vertreten, kann nicht erwartet werden, dass sie die echte Offenheit und Unabhängigkeit haben, Probleme neu und selbstkritisch zu betrachten. Auch wenn sie persönlich den Willen hätten, die Institutionen setzen zu viele Grenzen. Es gibt so viel, über das gesprochen werden sollte; aber dafür braucht es ein Gespräch, in dem es möglich ist, das Eigene zu hinterfragen und nicht nur Höflichkeiten auszutauschen», fügt sie an. Der Rat habe in dieser Konstellation lediglich symbolische Bedeutung. Dabei handle es sich um eine weitere «Beruhigungsversammlung»; Vorurteile, Tabus, Barrikaden würden damit nicht wirklich angetastet. Sie wünsche sich etwas Neues, Innovatives, auch Weiblicheres, das Veränderung und Fortschritt anstrebt, dabei aber auch die eigene Veränderung riskiert. Für ein echtes gegenseitiges Anerkennen brauche es kritische und selbstkritische Auseinandersetzung. Solch ein Rat würde ein Echo haben, dies wäre wirklich neu und einzigartig in Europa, so Keller-Messahli.

Mut und Stärke erforderlich

Auch was nach der erreichten Vertrauensbildung erwartet werden kann, ist noch vage. Es ist insbesondere unklar, ob die Einflussnahme auf die einzelnen Gemeinden im Vordergrund stehen oder in erster Linie eine Wirkung in der Öffentlichkeit erzielt werden soll. Werden die Dialoge auf politischer oder eher auf kultureller Ebene stattfinden? Markus Sahli, der Sekretär des Rats, versichert, dass der Rat in Zukunft mehr von sich hören lassen wolle. Es darf nicht vergessen werden, dass der Rat trotz allem noch jung ist – aber auch nicht, dass in dieser Sache viel Stärke und Mut zum Einsatz kommen müssen. Gerade weil der Rat noch nicht viele Nachbarn hat, an welchen er sich orientieren kann. Bleibt zu hoffen, dass dieser Mut existiert und künftig mehr von dem Rat zu vernehmen ist.