Brillante Momentaufnahmen

December 23, 2008
In Berlin wurde diesen Herbst mit verschiedenen Retrospektiven an drei herausragende jüdische Fotografen und Fotografinnen erinnert.
FOTOGRAFIE VON RUTH JACOBI «Spaziergang», New York 1928

Bis in den Oktober hinein zeigte die Galerie C/0 Berlin in der Oranienburger Strasse unter dem Titel «Weltanschauung» eine vortreffliche wie beeindruckende Retrospektive der Fotografien Leonard Freeds (1929–2006). Als Sohn russischer Juden in Brooklyn geboren, arbeitete Freed seit den fünfziger Jahren als freier Fotograf. 1958 erschien sein erster Fotoband «Joden van Amsterdam». Ebenso unvergessen bleibt seine 1965 veröffentlichte, von Textbeiträgen von Robert Neumann, Alphons Silbermann, Ludwig Marcuse und Hermann Kesten begleitete Fotoreportage «Deutsche Juden heute». Hierin sieht man den KZ-Überlebenden Hugo Spiegel, Vater des verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Paul Spiegel (1937–2006), als dekorierten Schützenkönig des münsterländischen Warendorf ebenso wie den keinesfalls anheimelnden Arbeitsraum der koscheren Schlachterei in Frankfurt. Irritierende Fotos aus der scheinbaren «Nachkriegsnormalität», getreu dem Motto Freeds: «Je mehrdeutiger eine Fotografie, umso besser ist sie. Andererseits wäre sie Propaganda.»
Seit 1954 mit Magnum assoziiert, seit 1972 Mitglied dieser renommierten Bildagentur, veröffentlichte Freed engagierte Fotoreportagen über Schwarze in Amerika (1964/65), den Sechs-Tage-Krieg in Israel (1967), über die Arbeit der New Yorker Polizei (1980). Seine Fotos erschienen in grossen Magazinen wie «Life», «Sunday Times Magazine», «Paris Match», «Die Zeit», «Der Spiegel», «Stern», «Geo», «Libération» oder dem «New York Times Magazine». Wer keine Chance hatte, die einzige deutsche Station dieser umfassenden Retrospektive eines Fotoschaffenden anzusehen, dem sei mit Nachdruck der 310 Seiten starke, englischsprachige Katalog «Leonard Freed: Worldview» (Steidl-Verlag, 2007) empfohlen. Ein grossformatiger, prächtig gestalteter Band, der in brillanten Schwarz-Weiss-Aufnahmen das 50 Jahre umspannende Werk des Fotografen aufblättert.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Wer die in der Berlinischen Galerie präsentierte Ausstellung «Die Riess: Fotografisches Atelier und Salon in Berlin 1918–1932» versäumt haben sollte, muss sich nicht grämen. Für diese tatsächliche Neuentdeckung empfiehlt sich das gleichnamige, deutsch-englische Katalogwerk (Ernst-Wasmuth-Verlag 2008). Selbst einschlägige Fotografenlexika führten Frieda Riess (1890–1957) bislang gar nicht, mit falschem Vornamen oder ohne Lebensdaten auf. Was die beiden Herausgeberinnen, Marion Beckers und Elisabeth Moortgat vom Verborgenen Museum in Berlin, recherchiert und zusammengetragen haben, kann nicht hoch genug gelobt werden. Nach ihren Publikationen zu Lotte Jacobi und Yva (letztere war Else Neuländer) rücken sie mit ihrer detaillierten Dokumentation eine weitere jüdische Fotografin ins Licht der Öffentlichkeit. Allein die 300 im Archiv von Ullstein Bild in Berlin gefundenen Presseabzüge rechtfertigen Ausstellung wie Katalog. Der nachdenkliche Betrachter gerät angesichts der Porträtgalerie ins Staunen, denn wer hier abgelichtet wurde, besass Rang und Namen: Emil Jannings, Claire Goll, Gerhart Hauptmann, Georg Kaiser, Leni und Ernst Lubitsch, Rudolf Leonhard, Heinrich und Klaus Mann, Tilla Du¬rieux, Max Hermann-Neisse, Lil Dagover, André Gide, Ruth Landshoff, Asta Nielsen, Marc Chagall, Max Schmeling und – Benito Mussolini, auch er. Dass angesichts dieser hervorragend Porträtierten der Literatur- und Filmkritiker Kurt Pinthus feststellte, dass «das Œuvre der Riess ein Museum unserer Zeitgenossen» sei, kann nicht verwundern. Pinthus schrieb dies 1925 in einer ausführlichen Kritik einer viel beachteten Einzelausstellung, die die Berliner Galerie Alfred Flechtheim «der Riess» widmete.
1932 folgte sie ihrem Geliebten, dem französischen Botschafter Pierre de Margerie, und übersiedelte nach Paris. Die Okkupation Frankreichs und die drohende Deportation überlebte sie dank Protektion und eines Pseudonyms, das ihre jüdische Herkunft verschleierte. Dass sie nach 1945 in fast vollständige Vergessenheit geriet, wirft ein bezeichnendes Licht auf die von anderen, «arischen» Kollegen eingenommenen Stellen und Institutionen. Es war eben nicht nur ein Prozess des Vergessens, es war in mehrfacher Hinsicht ein Prozess des Verdrängens. Es ist das Verdienst von Marion Beckers und Elisabeth Moortgat, den Vorhang des Schweigens durchtrennt zu haben.

Fotografieren hiess teilnehmen

Eine weitere Neuentdeckung ist zu vermelden. Beim Namen Jacobi denken die meisten Fotointeressierten sofort an Lotte, doch nicht an ihre jüngere Schwester Ruth (1899–1995). Doch gerade ihr, die zu lange, viel zu lange im Schatten ihrer selbstbewussteren Schwester stand, gilt die neue Sonderausstellung «Ruth Jacobi: Fotografien» im Jüdischen Museum Berlin. Seit zwei Jahren befinden sich 400 Fotoabzüge und zahlreiche Negative aus ihrem Nachlass im Archiv des Jüdischen Museums, eine Auswahl von 70 Fotografien werden nunmehr in der Ausstellung gezeigt. Um diverse Familienfotos ergänzt, werden sie in dem vom Ausstellungskurator Aubrey Pomerance herausgegebenen Begleitbuch gleichen Titels (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 2008) präsentiert. Wollte man nach Prominenz schielen, so liessen sich Albert Einstein, Viktor de Kowa, der Schriftsteller Leonard Frank und der Maler Max Pechstein nennen. Doch neben deren Porträts treten diverse Reportage- und Reisefotografien, Pflanzen- und Landschaftsaufnahmen, Stillleben und Experimentalfotografien. Von besonderer Eindringlichkeit ist Ruth Jacobis Fotoserie von New Yorks Lower East Side, die schon 1928 entstand. Eines ihrer Fotos, das einen armen, jüdischen Strassenhändler zeigt, erschien schon 1930 auf dem Schutzumschlag von Michael Golds Buch «Jews Without Money», das 1931, gestaltet von John Heartfield, auch auf Deutsch erschien.
Mit der Machtübernahme 1933 begann die Zerstörung des seit drei Generationen tätigen fotografischen Familienbetriebs. Wer erfahren möchte, mit welcher Brutalität und Kaltschnäuzigkeit die ermächtigten Nationalsozialisten gegen Fotografen jüdischer Herkunft vorgingen, der lese aufmerksam die Memoiren Ruth Jacobis. Im Mai 1935 emigrierte sie gemeinsam mit ihrem zweiten Mann nach New York. In ihren im Katalogbuch erstmals veröffentlichten Erinnerungen schreibt sie: «Wir waren froh und alles war schön, wir hatten das Glück, der Hölle Hitlers entkommen zu sein.» Ausstellung und Katalog verschaffen Ruth Jacobi eine längst fällige Beachtung und Anerkennung und entreissen sie dem Vergessen.
«Fotografieren hiess teilnehmen» lautete der Titel, den die Fotohistorikerin Ute Eskildsen ihrem Standardwerk über Fotografinnen der Weimarer Republik gab. Und teilnehmen wollte die 1910 in Stuttgart geborene Gerta Pohorylle, Tochter einer aus Ostgalizien stammenden jüdischen Familie. Auch für Gerta Pohorylle gab es nach 1933 in Deutschland keine Lebensperspektive mehr. In Paris lernte sie den ebenfalls aus Deutschland geflohenen André Friedmann kennen. Hier gründeten sie gemeinsam eine Bildagentur, gaben sie sich klangvollere Namen, aus Pohoyrlle wurde Taro, aus Friedmann Capa. 1936 gingen beide nach Spanien, um als Fotoreporter vom Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Lange Jahre war die im Juli 1937 durch einen tragischen Unfall getötete Gerta Taro vergessen, allerhöchstens als Freundin und zeitweilige Kollegin des berühmten Kriegsfotografen Robert Capa ein Begriff.
Es ist den langjährigen Recherchen und Bemühungen der Exilforscherin Irme Schaber geschuldet, dass nach ihrer schon 1994 erschienen Biografie zu Gerta Taro nunmehr in Zusammenarbeit mit dem Capa-Biografen Richard Whelan eine international beachtete, englischsprachige Monografie zu Gerta Taro (Steidl-Verlag, 2007) vorliegt. Auch dieses Buch begleitet eine Ausstellung. Sie zeigt Taros und Capas Fotografien aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die nach der ersten Präsentation im International Center of Photography in New York nunmehr in der Londoner Kunstgalerie Barbican zu sehen sind. Doch auch in Deutschland tat sich etwas: Dank des Engagements von Irme Schaber trägt seit dem 24. Oktober ein Platz in ihrem Geburtsort Stuttgart den Namen Gerta Taros. Besser spät als nie.