Brennpunkte der Globalisierung
Die Globalisierung mag nationale Regierungen beschäftigen. Aber die Experten bei der angesehenen aussenpolitischen US-Zeitschrift «Foreign Policy» sind davon überzeugt, dass die wirtschaftlichen und kulturellen Fakten der internationalen Vernetzung tagtäglich in den etablierten und den aufstrebenden Metropolen aller Erdteile geschaffen werden. Moderne Verkehrs- und Kommunikationsmittel erlauben immer intensivere, persönliche und institutionelle Verknüpfungen zwischen diesen «Weltstädten», die gleichzeitig die Erschliessung regionaler Ressourcen für globale Märkte vorantreiben, wie das nationale Wirtschaftswachstum. Urbanisierung und Globalisierung sind heute nicht mehr voneinander zu trennen.
«Foreign Policy» (FP) definiert Weltstädte als Standorte der umsatzstärksten Börsen, der besten Universitäten und mächtiger internationaler Organisationen, die überdies ebenso heterogene wie gut ausgebildete Populationen beheimaten. Gleichzeitig stehen jedoch speziell die jüngeren Weltstädte ausserhalb Europas und Nordamerikas vor enormen strukturellen und ökologischen Problemen, die ihrem Wachstum zunehmend im Wege stehen. Aus all diesen Faktoren hat FP in Zusammenarbeit mit der Consulting-Firma A. T. Kearney und dem Chicago Council on Global Affairs den «Global Cities Index» destilliert. Der Index beruht auf einer Fülle von Daten und wurde unter anderem von Joel Kotkin inspiriert, dessen Überlegungen zur Zukunft der Stadt zu Beginn dieser Ausgabe stehen.
Humankapital und Kultur
Der «Global Cities Index» beruht auf 24 Messwerten in fünf Dimensionen. Deren erste ist die wirtschaftliche Aktivität. Darunter fallen die Stärke der Kapitalmärkte, die Zahl der lokalen Grossunternehmen aus dem Listing der Fortune Global 500 sowie das Volumen der durch die jeweiligen Städte passierenden Warenströme. Die zweite Dimension misst das Humankapital: Wie attraktiv ist eine Stadt für Immigranten und Bürger unterschiedlicher Herkunft? Sind die Bewohner gut ausgebildet? Die dritte Dimension bewertet die Verbreitung und den Austausch von Informationen und deren Kommunikation innerhalb einer Metropole und mit dem Rest der Welt. Hier fallen die Präsenz von Nachrichtenagenturen ebenso ins Gewicht wie die Qualität der lokalen Medien und die Zahl der Breitband-Anschlüsse. Die vierte und die fünfte Dimension des Indexes sind eher ungewöhnlich für ein derartiges Ranking: Hier fragt die FP nach den kulturellen Erlebnissen, die eine Metropole Einheimischen und Besuchern bietet. Diese reichen von Sportereignissen bis zur Theaterszene. Die letzte Dimension untersucht die politische Bedeutung der Weltstädte: Wie stark ist der Einfluss der dortigen Botschaften, Think-Tanks, internationaler Organisationen? Beherbergt eine Stadt Messen und Kongresse?
New York an der Spitze
Der Index umfasst 60 Städte. Neben der reichen, etablierten Metropole London stehen Newcomer wie Chongqing, Dhaka und Lagos, deren Situation besser Auskunft über die nächsten Etappen der Globalisierung und die damit einhergehenden Probleme geben. Zum Gewinner kürten die Experten New York, gefolgt von London, Paris und Tokio. Für New York sprachen dessen Finanzmärkte, die am Hudson angesiedelten Weltkonzerne sowie die heterogene, kreative und leistungsfähige Bevölkerung. Kulturell fiel New York jedoch hinter Paris und den deutlichen Spitzenreiter London zurück, während die französische Hauptstadt überraschenderweise auf dem Gebiet der Information und Kommunikation führt. Tokio verdankt den vierten Platz seiner wirtschaftlichen Potenz, während Washington auf Platz elf immer noch die bedeutendste politische Stadt der Erde ist, gefolgt von New York, Brüssel und Paris. Die Spitzenreiter sollten sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Von ihrer Wirtschaftskraft beflügelt, liegen Hongkong und Singapur bereits auf dem fünften und siebten Platz, während das Humankapital Chicago zu Platz acht verhilft. Und trotz der autoritären Strukturen ihrer Heimatstaaten rangieren Peking (Nr. 12), Moskau (19), Shanghai (20) und Dubai (27) auf respektablen Positionen. Allerdings zeigt das Beispiel New York, dass sich eine echte Weltstadt durch exzellente Qualitäten in vielen Kategorien auszeichnet. Mittelfristig stellt sich jedoch die Frage, ob und wie der «Big Apple» die Finanzkrise überstehen wird, die vom Süden Manhattans aus eine Schneise durch die Weltwirtschaft schlägt.
Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.