Brecht die Zelte ab!

Von Yoel Marcus, August 19, 2011

Es waren nicht nur die überhöhten Preise für Hüttenkäse oder die Wohnungsknappheit. Vielmehr kamen zahlreiche Ungerechtigkeiten zusammen. Es war der Aufschrei der israelischen Mittelklasse, welche zu viel auf seinem Buckel trägt, Armeedienst leistet und Steuern zahlt und im Gegenzug ein Einkommen erhält, das für ein angemessenes Leben nicht ausreicht. Die Zelte symbolisieren die besten Qualitäten unserer Jugendlichen, die auf eine ungewisse und hoffnungslose Zukunft hinmarschieren.

Die Jugendlichen protestieren ohne den Rückhalt einer Partei, ohne den Gewerkschaftsdachverband und ohne die Unterstützung von rechts oder links – eine neue Art von Demonstration, deren gemeinsamer Nenner der naive Wunsch nach einem Leben in Würde ist.
Eine präzedenzlose Demonstration.

Das macht den «Zeltprotest» so vielschichtig, mit so vielen Teilnehmenden. Familien, Kleinkinder eingeschlossen, gesellten sich völlig ohne Organisation hinzu. Die Proteste dehnten sich über das ganze Land aus. Es handelt sich gemäss meines Erinnerungsvermögens um die einzige authentische Demonstration in Israel, die nicht von politischen Körperschaften getragen wurde.

Die Anführer wurden von dem, was sie ausgelösten, selbst am meisten überrascht. Sie verbargen ihre Verwunderung darüber nicht, eine Kundgebung mit 300000 Teilnehmenden veranstaltet zu haben – die grösste nicht von der Regierung organisierte Kundgebung, die Israel je gesehen hat. Die Initianten waren derart perplex ob ihres Erfolgs, dass sie auf die Durchführung eines weiteren Massenprotestes am letzten Samstagabend verzichteten, aus Angst, es könnten weniger Menschen kommen.

Auch wenn die Anführer im Felde nicht genau wussten, wie sie vorzugehen hatten, erschreckten sie das politische Establishment rund um den Premierminister und seine engsten Stellvertreter im Kabinett.

Der Protest erreichte Dimensionen, die der Regierung klarmachten, dass es unmöglich sein würde, den «Zeltaufstand» dadurch zu beenden, dass man hier und dort ein paar Millionen zusagen und sie mit ein paar leeren Versprechungen garnieren würde. Binyamin Netan­yahu tat, wozu er schon immer seine Stärke bestand: Er bildete eine 18-köpfige Kommission.

Die «Zeltrebellen» vermitteln nicht den Eindruck, dass sie sich leicht an der Nase herumführen lassen. Sie werden nicht mit einem imaginären Sieg nach Hause gehen. Und so hat Manuel Trajtenbergs Kommission ihre Arbeit erst aufgenommen, nachdem sie von Netanyahu die Zusage erhalten hatte, dass er der Mittelklasse das Leben künftig tatsächlich erleichtern werde.

In seiner jetzigen Situation erinnert mich Netanyahu an den Witz von dem Juden, der an demZirkustrapez hinaufkletterte und zu springen versprach. Als er aber an der höchsten Stelle angelangt war und sah, wie die Menge ihn zu springen aufforderte, fragte er mit zitternder Stimme: «Was heisst denn springen? Wie komme ich von hier herunter?» Netanyahu versteht, dass seine Trickkiste leer ist und dass ihm, will er seine Kadenz beenden, nichts anderes übrigbleibt, als sich schon bald gezwungenermassen mit den sozialen und ökonomischen Prozessen zu befassen, die ihm diktiert werden.

Netanyahu hat den Punkt erreicht, an dem er rasch über die Prioritäten und Herausforderungen seiner Regierung zu befinden haben wird. Er muss gegen sich selber als Anführer des Rechtslagers rennen, mit einem Verteidigungshaushalt, den Ehud Barak ihm aufzwingen will, mit seiner unterwürfigen Allianz mit den Ultraorthodoxen, den Siedlern und den Siedlungen, und mit Aussenminister Avigdor Lieberman, der während der Demonstrationen einzig bemerkte, die protzigen Restaurants seien voll und alle würden Sushi essen. Effektiv ist nur eine Sache unklar: Welchen Landes Aussenminister ist Lieberman?

Der «Zeltprotest» beweist, dass es möglich ist, wichtige Ziele ohne Gewalt und Verlust an Menschenleben zu erreichen. Dieser Protest dient als Vorbild für Demonstrationen einer ganz anderen Art, falls im September die Uno-Vollversammlung die Palästinensische Behörde als Staat anerkennt. Es ist eine Botschaft an unsere Nachbarn in Gaza und an die Araber in Israel: In einer demokratischen Gesellschaft können Demonstrationen ohne Blutvergiessen verlaufen. Gewalt hingegen zieht Gewalt nach sich.

Die Zeit wird zeigen, was an dem Versprechen dran ist, das Kommandant Trajtenberg dem Premier abgerungen hat, das Los der Mittelklasse zu erleichtern. Wie dem auch sei: Der «Zeltprotest» hat seinen Zweck erfüllt, und die Demonstranten wären gut beraten, ihre Zelte auf der Höhe ihres Erfolges abzubrechen. Mit anderen Worten jetzt, bevor die Spannung abklingt und das Thema des sich anbahnenden Palästinenserstaats die hausgemachte Revolte überschattet.

Werft die Zelte aber nicht auf den Abfallhaufen, sondern bewahrt sie im Schrank auf. Vielleicht braucht ihr sie wieder. Wenn die Politiker euch betrügen, wenn sie ihr Wort nicht halten, werden Neuwahlen und die Abwahl Netanyahus von seinem Posten die nächsten Schritte sein. 

Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».