Braucht Israel ein Atomkraftwerk?

von Karl Grossman, April 22, 2010
Der vom israelischen Infrastrukturminister Uzi Landau unterbreitete Vorschlag, ein Atomkraftwerk zu errichten, ist für sein Land weder wirtschaftlich noch militärisch noch aus der Perspektive des Umweltschutzes sinnvoll. Es ist auch eine schlechte Idee, wenn es um die Gesundheit des israelischen Volkes geht.
ATOMENERGIE Auch militärisch gesehen wäre ein Atomkraftwerk für Israel schlecht

Die Kosten für ein Atomkraftwerk liegen zwischen 12 und 15 Milliarden Dollar. Weil Private nicht in derartige Projekte investieren, sind gewaltige staatliche Finanzen dazu nötig. In den USA schlug Präsident Obama kürzlich die Schaffung eines Fonds über 54,5 Milliarden Dollar zur Garantie von Anleihen für den Bau neuer staatlicher Atomkraftwerke vor. Gehen wir davon aus, dass das Gesamtbudget der israelischen Verteidigungskräfte bei rund 13,3 Milliarden Dollar liegt, so wird leicht ersichtlich, dass das Land sich den Bau eines solchen Kraftwerks schlicht nicht leisten kann.

«Atomenergie ist unökonomisch», sagt Amory Lovins, Physiker und Vorsitzender des Rocky Mountain Institute, einer Gruppe von Industrieexperten, die erneuerbare Energien fördern. «Atomenergie kostet etwa dreimal so viel wie Windenergie, die sehr im Kommen ist.» Solarenergie, bei der Israel eine führende Rolle einnimmt, wäre viel kosteneffizienter als Atomenergie. Rund 80 Prozent der israelischen Haushalte sind mit thermischen Sonnenkollektoren zum Heizen von Wasser ausgerüstet. Heute werden in Israel auch neue Technologien der Solarenergie an­gewendet. Vor einem Jahr hat die Start-up-Firma Zenithsolar eine Solarfarm in einem Kibbuz in Betrieb genommen, die 70 Prozent der eingefangenen Sonnenenergie in Elektrizität umwandelt. Die industrielle Norm liegt bei 10 bis 25 Prozent. Bei der Einweihung der Farm meinte Staatspräsident Shimon Peres,
Israel habe die Fähigkeiten, das führende Land bei der Förderung alternativer Energietechnologien zu werden. Israel sollte sich darauf konzentrieren und seine Ressourcen nicht in der Sackgasse der Atomkraft verschwenden.

Atomare Katastrophen

Auch militärisch gesehen wäre ein Atomkraftwerk für Israel schlecht: Das Land würde für seine Feinde zu einer leichten Zielscheibe werden. Ein Staat oder eine Israel feindlich gesinnte Terrororganisation müssten nicht extra eine Atombombe basteln, um atomare Zerstörung über Israel zu bringen. Alles, was es bräuchte, wären schwere Waffen oder Flugzeuge, die ins Atomwerk prallten, und schon wäre die atomare Katastrophe perfekt.

Das sind keine Geheimnisse. Atomkraftwerke sind nach den Worten von Paul Gunter «vorweg eingesetzte Waffen der Massenvernichtung». Gunter ist Reaktorspezialist bei der antinuklearen Aktionsgruppe Beyond Nuclear. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass al-Qaida sich mit dem Projekt befasst, ein amerikanisches Atomkraftwerk anzugreifen. Sobald Israel ein Atomkraftwerk bauen würde, bräuchte man im gefahrenerprobten Nahen Osten keine Atomwaffen mehr, um Israel in eine atomare Katastrophe zu stürzen.

Laut ausländischen Berichten besitzt Israel in Dimona bereits eine atomare Einrichtung, und aus Iran hört man immer wieder von Plänen, Dimona zu treffen. Verglichen mit einem modernen Atomkraftwerk aber, das in seinem Inneren mehr als das Tausendfache an Radioaktivität einer Atombombe enthält, ist Dimona klein.

Aus umwelttechnischer Sicht ist Atomenergie sinnlos. Die Atomindustrie versucht, Atomenergie mit dem Argument zu rechtfertigen, dass Atomkraftwerke keine Treibhausgase ausstossen. Wovon sie hingegen nicht sprechen, ist die Tatsache, dass die gesamte Produktionskette, die nötig ist, um Atomenergie zu nutzen – von der Anreicherung von Uran über die Treibstoffproduktion bis zur Atommüllentsorgung – sehr wohl bedeutende Mengen an Treibhausgas ausstösst.

Gefahr für die Öffentlichkeit

Woher würde Israel im Übrigen die Wassermengen nehmen, die nötig sind, um ein Atomkraftwerk abzukühlen? Minister Landau sprach von der nördlichen Negevwüste als Standort für die Anlage. Ein Atomkraftwerk braucht Hunderttausende Liter Wasser pro Minute als Kühlmittel, um die Atomreaktion unter Kotrolle zu halten. Diese Wassermengen sind im vorwiegend trockenen Israel kaum verfügbar. Was den Atommüll betrifft, so müsste Israel Wege finden, um ihn auf Millionen Jahre hinaus zu isolieren. Soll aus dem Land von Milch und Honig das Land des radioaktiven Abfalls werden?

Schliesslich ist ein Atomunfall nicht die einzige Bedrohung für die Öffentlichkeit. Atomkraftwerke haben radioaktive «Routineemissionen», was Menschen auch in mehreren Kilometern Entfernung beeinträchtigt. Das amerikanische Radiation and Public Health Project dokumentiert seit Jahren, wie diese Emissionen die Rate an Krebserkrankungen erhöhen. Und sollte es, Gott behüte, zu einem grossen Unfall kommen? Die Gefahren werden in dem kürzlich erschienenen Buch «Chernobyl: Consequences of the Catastrophe for People and the Environment» besprochen. Das Buch gelangt zum Schluss, dass der Unfall von Tschernobyl 1986 bisher 985 000 Krebsopfer hervorgebracht hat. Ein Unfall von solchen Ausmassen wie in Tschernobyl würde zerstörerisch sein für Israel und weite Teile des Landes auf Jahrtausende hinaus unbewohnbar machen.

Anstatt das Leben in Israel mit einem Atomkraftwerk unnötig zu bedrohen, sollte das Land eher ein Vorbild sein bei der Nutzung von sicheren, sauberen und erneuerbaren Energietechnologien.

Der Autor Karl Grossman ist Professor für Journalismus am SUNY College in Old Westbury, USA. Er ist der Autor des Buchs «Cover Up: What You Are not Supposed to Know About Nuclear Power», New York 1980..