Boykott oder Aufklärung?
«Israel betrachtet es als seine Aufgabe, an der Spitze der Nationen zu stehen und vor der schwerwiegenden Erscheinung einer westeuropäischen Regierung zu warnen, die neo-nazistische Elemente enthält.» Nach dieser Erklärung, die das israelische Kabinett im Anschluss an seine sonntägliche Sitzung zu den politischen Entwicklungen in Österreich veröffentlichte, und nachdem Israel als erstes Land der Welt seinen Botschafter aus Wien abberufen hatte, folgten die zu erwartenden Jerusalemer Reaktionen, die praktisch alle ins gleiche Horn stiessen und sich höchstens noch in der Wortwahl und bei der Suche nach einer noch schärferen Formulierung unterschieden. Shevach Weiss, ex-Knessetabgeordneter und heute Vorsitzender der Märtyrer-Gedenkstätte Yad Vaschem, bezeichnet die von Israel eingeleiteten Schritte als «korrekt und legitim». Wenn es um eine rassistisch motivierte Erscheinung gehe, die von Haltungen begleitet werde, welche vor knapp zwei Generationen eine schreckliche Tragödie über die Welt und das jüdische Volk gebracht hätten, könne man, so Weiss, nicht mehr von der Einmischung in die internen Angelegenheiten eines anderen Staates reden. Etwas differenzierter urteilt das von Michael Melchior, dem Minister für die israelische Gesellschaft und jüdische Gemeinden, geleitete Forum zur Koordinierung des Kampfes gegen den Antisemitismus. Zwar befürwortet das Forum eine Koordination der freien Welt in den Massnahmen gegen Österreich, doch ist das Gremium gegen einen totalen Boykott. Vielmehr sollen Programme zur «Stärkung der demokratischen Kräfte in Österreich» entwickelt werden. Auch will man die Zusammenarbeit mit Oppositionsparteien, Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen, Jugendverbänden und ausserparlamentarischen Gruppen fördern. Das Forum will österreichische Jugendliche nach Israel einladen und ihnen Bildungsprogramme offerieren, inkl. Besuche in Yad Vaschem und Treffen mit Holocaust-Überlebenden. Daneben beabsichtigt das Forum, jüdischen Gemeinden in aller Welt detaillierte Informationen über die Vorgänge in Österreich zugänglich zu machen und Material über den Antisemitismus in Österreich, den Aufstieg der FPÖ sowie eine Zitatensammlung von prominenten Mitgliedern dieser Partei zusammenzustellen. Am schärfsten reagierte die Exekutive der Zionistischen Weltorganisation (ZWO). Nach einer Dringlichkeitssitzung in Jerusalem erliess sie einen Aufruf an alle Juden und jüdische Organisationen in Israel und der Welt, Österreich nicht zu besuchen und jegliche Kontakte mit der neuen Wiener Regierung zu meiden. Chaim Chesler, der Schatzmeister der Jewish Agency, wird ein Team leiten, das die Entwicklungen in Österreich zu verfolgen hat und über Aktivitäten berichten wird, die in Koordination mit europäischen Regierungen und der jüdischen Gemeinde in Wien beschlossen werden. Chesler rief alle in Österreich lebenden rund 8000 Juden auf, nach Israel auszuwandern. Ferner hat die Jewish Agency zwecks Koordinierung der weltweiten Bemühungen gegen die österreichische Regierung eine Web Site auf dem Internet eingerichtet. Erwähnen wir noch, dass die von Israel lancierte Kampagne gegen Österreich auch den Sport nicht unberührt lässt. So entsprach ein Jerusalemer Junioren-Fechtteam dem Wunsch von Bürgermeister Ehud Olmert und sagte die Teilnahme an einem Weltcup-Wettbewerb in Wien ab. Demgegenüber beschlossen fünf israelische Eiskunstläufer, ihre Zelte an der in Wien stattfindenden Europameisterschaften nicht abzubrechen und weiter an den Wettkämpfen teilzunehmen.
*****
Von Wien nach Bratislawa
Wien / JTA. - Aus Protest gegen den Einschluss von Jörg Haiders FPÖ in die neue österreichische Regierungskoalition haben rund 200 orthodoxe Rabbiner Europas ihr für den kommenden März nach Wien anberaumtes Treffen nach Bratislawa verlegt. Aba Dunner, Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz, meinte, es sei derzeit «unangebracht» für die Rabbiner, in Wien zu konferieren. Der rabbinische Entscheid fiel zeitlich zusammen mit der Erklärung, in welcher der Europäisch-Jüdische Kongress (EJC) den Beschluss der EU lobte, Österreich diplomatisch zu isolieren. Der EJCrief die Bevölkerung Europas zu einem touristischen Boykott Österreichs auf. Zahlreiche rabbinische Persönlichkeiten begrüssten den Beschluss, die Konferenz vom März nicht in Wien abzuhalten. So meinte der französische Oberrabbiner Sitruk, man könne sich nicht wohlfühlen in einem Lande, in dem eine «xenophobe Partei einen Teil der Regierung bildet». Der Moskauer Oberrabbiner Goldschmidt doppelte nach: «Wir müssen sicherstellen, dass alle begreifen, dass solche Parteien im modernen Europa keinen Platz haben». Auch Österreichs Oberrabbiner Eisenberg wandte sich gegen die Beteiligung der Immigranten-feindlichen FPÖ an der Regierung: «Dieser neue Trend erweckt Erinnerungen an eine unbequeme österreichische Vergangenheit». Die Konferenz wird nun, wie gesagt, im slowakischen Bratislawa abgehalten, doch werden die Rabbiner an einem Abend ins nahegelegene Wien fahren, um an einem von der dortigen jüdischen Gemeinde offerierten Empfang teilzunehmen. Einen von der Wiener Stadtverwaltung geplanten Empfang dagegen will man boykottieren.