Bleibende Werte für uns und die ganze Welt
Von Lizzie Doron
Masal tow, du bist 60 Jahre alt. Du bist unter schwierigen Umständen in Tagen des Tohuwabohu zur Welt gekommen, trotzdem aber als Versprechen für eine bessere Zukunft.
Im Vertrag zwischen dem Volk und seinem Land liest man unter anderem:
In Erez Israel erhob sich das jüdische Volk, hier wurde seine geistige,
religiöse und politische Gestalt geformt, und hier lebt das Volk ein Leben
der staatlichen Unabhängigkeit …
In Erez Israel bildete sich das Volk. In diesem Land wurde ich meinen Eltern Yaacov und Helena geboren, Holocaust-Überlebende, die unfreiwillig hierher kamen. Erez Israel bot ihnen ein Heim, einen Platz, Zuflucht. In ihrem Innersten aber blieben bei meinen Eltern die Sehnsüchte nach dem früheren Leben.
Dieses Land war ihnen fremd – die Sprache, die Gerüche, die Farben, das Licht und die europäische Kälte blieben verwurzelt in ihren Körpern. So ist das, wenn du eine Heimat hast, und so ist es, wenn sie dir genommen wird.
In ihrem früheren Leben war Erez Israel für sie Hoffnung, Vision, vielleicht Traum, sie waren in erster Linie Juden verschiedener Nationalitäten, aus Polen, Deutschland, Rumänien und dergleichen mehr.
Ich aber kam hier in Israel zur Welt. Ich wurde zu den Gerüchen der Orangen geboren, zu den Tagen der heissen Winde Chamsin und Scharaw, ich wurde in ein entstehendes Land geboren, und es war mir bestimmt, mich der zionistischen Strömung anzuschliessen, die einen neuen Juden schuf und den Sabar, den in Israel Geborenen, entstehen liess.
Und der israelische Sabar verfügt, wie gesagt, über Charakter und Vision. Er hat seine eigene Sprache (das sich erneuernde biblische Iwrit), er hat eine Lebensweise (er bearbeitet die Erde, baut Strassen, legt Sümpfe trocken) und zudem hat er Lebensformen wie den Kibbuz, den Jischuw in den Randgebieten, den Moschaw, und er hat eine Armee und Soldaten, kurz die Zehn Gebote des neuen Juden in dem sich erneuernden Land. Und der israelische Traum nahm Formen an, man konnte in den Weiten des Landes die Ortschaften sehen, die Obstgärten, die Baumwollfelder, das Strassennetz, die Schulen. Man konnte die Belebung der Kultur verfolgen, der Literatur, des Theaters. Hier entstand effektiv ein Volk mit Kultur, Sprache und Gebräuchen. Wir sahen sogar anders aus als unsere Eltern in ihren Khaki-Kleidern, mit den Sandalen und dem Tembel-Hut.
Alle wollten sein wie Trumpeldor
Und wie der Staat wurde auch ich volljährig, verliebte mich in das Land und seinen Traum und entschied mich für es. Die Diaspora wurde für mich zur Quelle der Scham; das zu Hause gesprochene Jiddisch, das Benehmen, die Bräuche und natürlich alle äusseren Zeichen. Die «galutische» Kleidung wie Anzüge und Beret, Chanel-Röcke oder der Streimel, der Bart und die Schläfenlocken – all das waren im neuen Israel Symbole der Diaspora. Der israelische Traum verzauberte uns und hielt uns gefangen. Alle wollten wir Helden sein wie Trumpeldor.
Und der Sechstagekrieg, der im Juni 1967 ausbrach, wurde für uns zu einem Zeichen und Indiz dafür, dass der neue Weg gerechtfertigt und richtig war. In diesem Krieg hörten wird nur von Siegern, wir erhielten von den Erbauern des Landes und seinen Erhaltern die Versicherung, dass hier ein sicheres Heim für die Juden errichtet worden sei, und es gab sogar solche, die in diesem Ereignis die Rückkehr Gottes zu seinem Volk sahen. Vielleicht hatte er Freude an unseren Taten, und in unserer Mitte wurde die Hoffnung auf die Erlösung immer wacher.
Und wie viele andere, die von der Freude mitgerissen wurden, hielt auch mich der Zauber des Sabar gefangen. Ich verliess das «galutische» Haus meiner Eltern und zog aus, um im Kibbuz zu leben.
In jenen Jahren stiessen noch und noch Juden aus der Diaspora zum erfolgreichen zionistischen Werk hinzu. Freiwillige aus allen Ecken der Welt kamen, um sich mit eigenen Augen vom Phänomen Israel überzeugen zu können, und auch die Welt anerkannte unseren Erfolg. Bei unserer Volljährigkeit fühlten wir, dass wir die Nöte der Juden nicht nur im Lande selber, sondern auf der ganzen Welt überwunden hatten. Wir waren erfüllt von der Omnipotenz des allwissenden und zu allem fähigen Heranwachsenden.
Und so ging das erste Drittel im Leben des Staates mit einem Gefühl des Schaffens und des Erfolgs vorüber. Dann kam das zweite Drittel.
Und es kam die Zeit, die Früchte des Schaffens und der Verwirklichung zu geniessen, den Traum zu konsolidieren und zu festigen. Aber dann, ausgerechnet dann, auf dem Gipfel des Hochmuts und der Arroganz, holte uns die Wirklichkeit ein.
Der Krieg von 1973, der Jom-Kippur-Krieg, ist für mich und mein persönliches Empfinden das zentrale Ereignis, das die Grenzen unserer Kraft und des Traumes aufdeckte. Wir sind nicht alleine hier im Nahen Osten und nicht auf ewig immun. In diesem Krieg war ich in der Armee und hatte meine eigenen Toten, und von diesem Augenblick an begann bei mir der Prozess des Suchens nach einem zusätzlichen oder vielleicht neuen Weg, um das jüdische Haus in Israel zu stärken.
Die Vision und den Traum hinterfragenEinige meiner Freunde bekundeten Mühe, die Begrenztheit unserer Kraft anzuerkennen und schlossen sich dem Siedlungswerk in den Gebieten an, um dort ihren Traum fortzusetzen, dieses Mal sogar mit dem Segen Gottes. Auch ihn rekrutierten sie für ihren Weg. Andere begannen, an Kompromisse zu denken und die Vision und den Traum zu hinterfragen. Unter uns zeigten sich die ersten Spaltungen, und meine Eltern erschienen mir nicht mehr als schwache, bleiche Diaspora-Geschöpfe, ihre Gefühle des Verlustes begannen auch in mir zu wirken, vielleicht, weil es keine perfekte Welt gibt und keine endlose Macht, vielleicht auch, weil meine im Krieg getöteten Freunde meine Gefühle für Tod und Verlust öffneten.
Ich sah meine Eltern und die anderen Überlebenden in einem anderen Licht, in dem schmerzenden und peinigenden Licht, im Licht des fragenden Juden, des zweifelnden, und das galt auch für die Tage des Heldentums.
In jenen Jahren kamen weiter unaufhörlich Einwanderer ins Land, ein Teil wegen der Not in ihren Ländern, ein Teil aus Liebe zu Erez Israel, und im Land wurde die Kluft immer tiefer – zwischen Grossstädten und Orten in den Randgebieten, zwischen Einwanderergemeinschaften und Alteingesessenen. Der Kibbuz wurde schwächer, die Texturen der Zusammengehörigkeit und seiner Berechtigung aus der Anfangszeit erlitten Erschütterungen. Reiche, Arme, Gebildete, Dumme.
Für einen Moment dachte ich, dass sich hier vielleicht etwas normalisiert und wir nicht mehr alle zusammen sind. Jetzt sucht der Staat nach einem Weg, um so zu sein wie alle Staaten.Politiker und Parteien verändern Erscheinung und Inhalte, Religiöse gegen Säkulare, Rechts gegen Links. Ich schloss mich dem Friedensblock an, das Heldentum der Kindheit verblasste, ich bin Mutter von Kindern, habe Angst vor Kriegen und Helden, Fragen nach dem sicheren Ort für Juden tauchen immer heftiger auf, und mit ihnen die Frage, wer überhaupt Jude ist, und ob es eine jüdische Demokratie gibt. Sind wir ein Staat einer Nation oder ein binationaler Staat? Und mitten in die Fragen der Identität und der inneren Debatte über die Gestalt und das Image des Staates webt sich der schmerzvolle und ermüdende Prozess, in dem wir für den Staat Israel eine von Kriegen befreite Lösung suchen.
Die ruhige und sichere Zuflucht auf dem Boden Erez Israels ist immer noch nicht Wirklichkeit geworden.
Unsere Seelen brennen in Schmerz
Im zweiten Drittel seines Lebens wälzt sich Israel in einer unruhigen Realität, welche unaufhörlich am zionistischen Traum und seiner Verwirklichung frisst, viele Fragen tauchen auf und werden vertieft, und das Land explodiert durch terroristisches Wirken und von innen her, und dann wird Regierungschef Rabin von einem Juden ermordet. Und mit einem Mal zerplatzt der Traum, und in all ihrer Schärfe taucht die Frage auf: Was geschieht uns hier? Wo irrten wir? Was haben wir getan? In all ihrer Gewalt wird hier die Kluft zwischen der religiösen und der säkularen Weltanschauung sichtbar, zwischen dem Staat für die Juden und dem Staat für all seine Bürger, und dem Status des Rückkehrergesetzes. Das Gefühl der elementaren Sicherheit wird erschüttert, ein Teil meiner Freunde verlässt das Land, andere suchen den früheren Reisepass ihrer Eltern.
Die Erde und unsere Seelen brennen in Schmerz und Enttäuschung. Meine Kindheit, meine Träume und meine Hoffnungen erscheinen weiter entfernt denn je.
Und im jetzigen Drittel, demjenigen dieser Tage, das mich und den Staat in die sechziger Jahre bringt, wird es vielleicht möglich sein, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen dem Traum und den Bruchstücken seiner Erfolge und Enttäuschungen. Und der ganzen Welt die neuen Weisen Israels zu präsentieren, in Wissenschaft und Hightech, im Theater, in der Literatur und im Kino, voller Stolz die Vielfalt der Sprache zu präsentieren und das Wunder des Überlebens, ist doch das Überleben unseres Volkes nicht selbstverständlich, doch kann ich nicht umhin, die Enttäuschungen zu erwähnen.Der Krieg um unser Leben ist nicht beendet, seine Dauer hat unsere Gefühle abgestumpft, das Mitleid und das Können, den anderen zu sehen, noch immer leben wir in unserer Existenzangst, vielleicht zu Recht, doch das Leben in Israel ermüdet, und es gibt hier keine Routine, der erste und der zweite Libanonkrieg, die iranischen Drohungen, die Frage der sicheren Grenzen, wir sind immer noch mit Fragen der Existenz beschäftigt, einige von uns geben den Kampf auf, sei es aus Resignation, aus Müdigkeit oder aus Enttäuschung, andere setzen den Feldzug fort.
Die heute gespaltene und verwundete Gesellschaft sucht erneut einen Weg, um
aufzubauen und sich zu festigen, sucht nach einem Traum, der ihnen Kraft verleiht
weiterzumachen, vielleicht ist das der Weg des Judentums, vielleicht werden
sich uns immer äussere und innere Feinde entgegenstellen, die uns ein dynamisches,
gepeinigtes Volk bleiben lassen, das manchmal scheitert und manchmal Erfolg
hat, das sich aber stets auf einer Reise des Suchens und Herumstöberns
befindet, und das nicht zur Ruhe gelangt. Und vielleicht ist die Reise die Essenz
von allem. Wo uns die Reise in den nächsten 20 Jahren hinführt, das
wird die Zukunft zeigen.
Und trotz allem muss man diesen Platz schützen, zum Wohle dieses Volkes,
für seine Zukunft und seine Sicherheit und für unser «Zusammen»,
das der Ursprung unserer Kraft war, seitdem wir die Bundestafeln auf uns genommen
haben.
Und mit dem Ort schufen wir bleibende Werte für uns und die ganze Welt.
Also dann, Masal tow, Heimat, trotz allem und wegen allem. In Liebe, deine Lizzie Doron.